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Dschibuti Stadt - auch knapp 40 Jahre nach der Unabhängigkeit des Landes sind die Zeichen des Kolonialismus noch deutlich zu erkennen. Foto: Charles Fred/Flickr (CC BY-SA 3.0) Dschibuti Stadt - auch knapp 40 Jahre nach der Unabhängigkeit des Landes sind die Zeichen des Kolonialismus noch deutlich zu erkennen. Foto: Charles Fred/Flickr (CC BY-SA 3.0)

Im Anschluss an die Unabhängigkeit Dschibutis, gelegen am Horn von Afrika, wurde seit 1977 eine umfassende Arabisierungspolitik betrieben. Dessen Bedingungen und Auswirkungen beschreibt Djama Omar Idleh, ein hochrangiger dschibutischer Diplomat und Forscher, für uns in einem Gastbeitrag.

Die Republik Dschibuti ist eine frankophone Insel inmitten eines arabo-anglophonen Ozeans. An der Spitze des Horns von Afrika gelegen ist das Land rund 23 200 Quadratkilometern groß (das in etwa dem Bundesland Hessen entspricht) und beheimatet etwa 900 000 Einwohner. Dschibutis sprachliche Isolation stellte in der Kolonialzeit noch kein Problem dar; jedoch änderte sich dies mit der Unabhängigkeit 1977 schlagartig. Denn diese Situation war nicht mehr mit den Ambitionen der jungen Republik zu vereinbaren, die sich vom kolonialen Joch zu befreien und in den arabischen Raum zu integrieren suchte.

So trat Dschibuti am 4. September 1977 offiziell der Arabischen Liga bei und wurde nach Sudan und Somalia der dritte afro-arabische Mitgliedstaat der panarabischen Organisation. Dabei sind die geografische Nähe und die damit verbundenen historischen, religiösen und kulturellen Beziehungen die wichtigsten Gründe für die Mitgliedschaft. Darüber hinaus sollte verdeutlicht werden, dass die Zugehörigkeit zum arabischen Block für die junge Nation nun eine starke diplomatische und finanzielle Unterstützung bedeutet. Doch auch die Liga selbst profitierte von der Mitgliedschaft Dschibutis und dessen exponierter Lage am Horn von Afrika.

Seit jeher pflegen die Menschen in Ostafrika enge Kontakte mit den arabischen Nachbarn – so auch die Bevölkerung Dschibutis. Geografie spielte dabei eine entscheidende Rolle in der Verflechtung der ursprünglichen Beziehungen. Es entstanden enge Verbindungen, die mit dem Aufkommen und der Verbreitung des Islams noch verstärkt wurden. Als Konsequenz dieser historischen Beziehungen wird Dschibuti der afro-arabischen Welt zugerechnet. Dies erklärt im Umkehrschluss, wieso die Regierung seit der Unabhängigkeit auf allen Ebenen Politik mit dem arabischen Block betrieb. Denn dabei ging es vor allem um die Rehabilitation und Stärkung der nationalen Identität, die während eines Jahrhunderts Kolonialisierung mit Füßen getreten wurde.

Die Politik der Arabisierung

Die Arabisierung in Dschibuti fand durch das nationale Bildungssystem statt. Nach einer schwierigen Phase zwischen 1977 und 1982 förderte die Regierung des jungen Staates die arabische Sprache als Unterrichtsfach ab der fünften Grundschulklasse. Allerdings waren Personalmangel, das Nichtvorhandensein eines geeigneten Unterrichtsplans für Arabisch, aber auch Mangel an Schulbüchern und pädagogischer Methodik bedeutende Hindernisse, auf die die junge dschibutische Regierung bei ihrem Plan traf.

Angesichts dieser Situation wurde alsbald an die Großzügigkeit der ALESCO (Arab League Educational, Scientific and Cultural Organization) und anderer arabischer Staaten appelliert. Tunesien etwa schickte daraufhin Arabischlehrer, die ab dem Schuljahr 1978 ihr Amt antraten. Auch ließen einige „verbrüderte“ Länder, allen voran Irak, Saudi-Arabien und Jemen, großzügig Schulen (madrasas) in Dschibuti gründen und vergaben Stipendien an Schüler, die ihre Studien in Dschibuti aufnehmen wollten. So schritt die erste Phase der Arabisierung Dschibutis trotz der anfänglichen Schwierigkeiten voran.

Mit der Machtübernahme Ismail Omar Guellehs im Jahre 1999 wurde eine zweite Arabisierungsetappe im Land eingeleitet. Dabei ging es abermals darum, Arabisch neben Französisch als offizielle Sprache weiter zu etablieren, etwa indem es nun bereits ab der ersten Grundschulklasse unterrichtet wurde. Hierdurch sollte eine bilinguale Generation an Dschiboutis entstehen. So wurden Französisch und Arabisch als die beiden offiziellen Landessprachen auch in der Verfassung verankert.

Heute ist der Erfolg der Arabisierung in Dschibuti im täglichen Leben sichtbar. Arabisch ist nicht nur im Bildungssystem, sondern auch in den Medien (Radio, Fernsehen, Presse) präsent. Die Tageszeitung Al-Qarn zum Beispiel erscheint komplett auf Arabisch. Auch werden öffentliche Orte und Ministerien auf Arabisch und Französisch ausgeschildert, Handelsangaben für nationale Geschäftsleute auf Arabisch verteilt und die Handelskammer von Dschibuti veranstaltet regelmäßig arabische Märkte. Die arabische Sprache nimmt zudem in allen Bereichen der Bildungsinstitutionen einen immer wichtigeren Platz ein. Diese Entwicklung sowie die wachsende Zahl der Dschibutier mit arabischen Universitätsabschlüssen belegen die Ergebnisse der Arabisierungspolitik von Dschibuti.

Formen der Zusammenarbeit

Direkt nach der Unabhängigkeitsproklamation etablierten die arabischen Länder schnell diplomatische Beziehungen mit Dschibuti – allen voran Saudi-Arabien, Ägypten, Jemen, Libyen, Somalia und Sudan. Gleichzeitig baute Dschibuti seinerseits diplomatische Vertretungen in vielen arabischen Ländern auf, so etwa Katar, Kuwait, den Vereinigten Arabischen Emiraten, Sudan und Marokko. Diese Initiative ging auf den neuen Präsident der Republik zurück, der die geopolitische Integration Dschibutis in sein arabisches Umfeld zur strategischen Priorität seiner Außenpolitik machte. Das gegenseitige Interesse zwischen Dschibuti und seinen arabischen Nachbarstaaten belegen jedoch nicht einzig die vielfachen diplomatischen Beziehungen. Die kontinuierlichen Besuche von Politikern und Geschäftsleuten aus dem Golf sind ein weiteres Zeichen für den Erfolg des neuen Ansatzes der Behörden Dschibutis, die besonderen Wert auf wirtschaftliche Diplomatie legen.

Nach der Unabhängigkeit erhielt die junge Republik konstante und konsequente finanzielle Unterstützung von Seiten der arabischen Golfstaaten. Vor allem Saudi-Arabien tat sich hier durch seine Großzügigkeit hervor. Dank des öffentlichen und privaten Kapitals der arabischen Länder sind viele dschibutische Projekte daher heute abgeschlossen oder befinden sich in der Abschlussphase.

Im Gegensatz zum wachsenden Interesse arabischer Investoren und Finanzinstitute mangelt es westlichen – vor allem französischen – Unternehmen an Vertrauen in das Potenzial der dschibutischen Wirtschaft. So profitiert der öffentliche wie auch der Privatsektor langfristig nur von arabischen Investitionen. Dies gilt für die Konstruktion des modernen Hafens von Doralch vor zehn Jahren genauso wie für die Infrastrukturentwicklung des alten Hafens in der Hauptstadt, einem Großprojekt, das Anfang der 2000er in Partnerschaft mit DP World, einem Hafenbetreiber aus den Vereinigten Arabischen Emiraten, ermöglicht wurde. Diese Häfen mit hohen internationalen Standards gelten als die modernsten der Region. Das trifft auch für den Bau des zukünftigen Universitätskomplexes von Dschibuti zu, der mit Unterstützung des Arabischen Fonds für wirtschaftliche und soziale Entwicklung (FADES) umgesetzt wird.

Zusammenfassung

Zusätzlich zur Sprache stellen der Islam und allgemein die arabisch-muslimische Kultur essentielle Teile der dschibutischen Identität dar. Obwohl sich Dschibuti auf dem afrikanischen Kontinent befindet, hat sich die Bevölkerung des Landes eher als arabisch statt als afrikanisch verstanden – ein Umstand, der sich auch in ihrer Außenwahrnehmung in Afrika widerspiegelt. Historisch wird angenommen, dass die Vorfahren der Dschibuter das Rote Meer von der Arabischen Halbinsel aus überquerten, um sich am Horn von Afrika niederzulassen und sich dann mit der dortigen Bevölkerung vermischten. Die kulturellen, diplomatischen und wirtschaftlichen Beziehungen mit der arabischen Welt sollten vor dem Hintergrund dieser historischen und identitären Faktoren interpretiert werden.

 

Djama Omar Idleh diente als Botschafter in Frankreich und verfügt über umfangreiche Erfahrungen im Nahen Osten. Derzeit arbeitet er am Forschungs- und Studienzentrum (IEPES) in Dschibuti. Djama Omar Idleh kann unter folgender E-Mail Adresse erreicht werden: Omar_djama@yahoo.fr.

Der Artikel ist geprägt durch die diplomatischen Erkenntnisse des Autors. Kontroverse Meinungen und Diskussionsbeiträge zu Dschibuti, einem Land, zu dem wir ansonsten leider wenig Zugang haben, sowie dem Selbstverständnis seiner Bevölkerung laden wir herzlich ein. 

Die französische Originalfassung dieses Artikels erschien zuerst im Horn of Africa Bulletin. Für Alsharq hat Franziska Kabelitz ins Deutsche übersetzt.

 

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