Von | | Deutschland, Iran, Kultur, Rezension.

Fragmentarische Erzählweise, die Lücken lässt: Ashkan Afsharian und Kaveh Ghaemi in "Bodytext". Foto: Maxim Gorki Theater/Ute Langkafel

Graffiti ist auch und gerade im Nahen Osten eine wichtige Form des Protests und Zeichen für den Versuch, die öffentliche Debatte mitzubestimmen. Doch sie sind auch gefährlich – denn wer bestimmt schon, was Symbole und Slogans bedeuten? Die Choreografin Modjgan Hashemian hat am Maxim Gorki Theater ein Stück zu dieser Frage inszeniert. Von Daniel Walter.

Ein mechanisch klingendes Schütteln, dann das organische Zischen. Das unverkennbare Geräusch von Spraydosen. Die drei Personen besprühen Wände. Hektische Bewegungen. Sie fühlen sich beobachtet, schauen sich immer wieder um. Ist Gefahr im Verzug? „Azadi“ und „Freedom“, also Freiheit, schreiben sie auf Farsi und Englisch an die Wand. Den ZuschauerInnen im voll besetzten Studio Я des Maxim Gorki Theaters bleibt zu Beginn dieses Premierenabends kaum Zeit zum Atmen, so intensiv ist der Einstieg in das Tanzstück „Bodytext“ von Modjgan Hashemian.

Welche Rolle können Graffiti und Handschrift als Form politischen Protestes spielen? Auf der Suche nach einer Antwort auf diese Frage leuchtet die Berliner Choreografin die Zwischenräume von Sprache (nicht nur der persischen) und Existenz, von Zeichen und deren radikaler Unmittelbarkeit, aus. Bereits in früheren Stücken wie „Move in Patterns“ (2009) und „Don’t Move“ (2011) arbeitete Hashemian zu den Artikulationsmöglichkeiten und Freiräumen der Menschen in ihrem Heimatland Iran. Es ist ein Thema, das infolge der Massenproteste in der arabischen Welt im Jahr 2011 vermehrt ins Blickfeld der westlichen Öffentlichkeit gelangt war, man denke hier nur an Publikationen wie Don Stone Karls „Walls of Freedom“ (2014) zur Street Art der ägyptischen Revolution. Auch ein Auslöser des Kriegs in Syrien war die gewaltvolle Reaktion Bashar al-Assads auf die Wandslogans einiger Jugendlicher in der Stadt Daraa.

Unmittelbare, öffentliche Meinungsäußerung

Welche Rolle kann Graffiti als Protestform im öffentlichen Raum spielen? Ashkan Afsharian in "Bodytext". Foto: Maxim Gorki Theater/Ute Langkafell

Welche Rolle kann Graffiti als Protestform im öffentlichen Raum spielen? Ashkan Afsharian in „Bodytext“. Foto: Maxim Gorki Theater/Ute Langkafell

Gerade im Kontext autoritärer Herrschaft und restriktiver Zensur stellen Graffiti im Sinne politischer Slogans eine Form der unmittelbaren, öffentlichen Meinungsäußerung dar. Der Politikwissenschaftler Lyman G. Chaffee formulierte dies 1993 so: „Street art, in essence, connotes a decentralized, democratic form in which there is universal access, and the real control over messages comes from the social producers.

Auch in Iran waren und sind solche Protestformen enorm wichtig. So schrieben Hamid Dabashi und Peter Chelkowski (1999) in ihrem Standardwerk zur politischen Ikonographie der iranischen Revolution 1978/79: „In the first stage of the revolution, the propaganda war was being fought on the surface of the walls“. Welche anderen Ebenen und Kämpfe aus diesem Einsatz der Zeichen erwachsen können, das wurde in diesem Stück auf eindrucksvolle Weise deutlich.

Ganze Worte sind in „Bodytext“, abgesehen von den Graffiti, nicht zu vernehmen. Nur Buchstaben und Zahlen, entweder gesprochen oder durch mit den Körpern verschmelzende Lichtprojektionen in den Raum geworfen. Das Fragmentarische dieser Erzähl- und Performanceweise lässt genau jene Lücken, jenen Raum zwischen den Zeilen offen, den verschiedenen Wirkungsweisen der Zeichen näher zu kommen.

Die Ambivalenz der Zeichen

Wo weniger Aktion auf der Bühne zu sehen ist, schaffen es die drei iranischen TänzerInnen Ashkan Afsharian, Kaveh Ghaemi und Elaheh Moonessi auch so, die Eindringlichkeit zu transportieren. Foto: Maxim Gorki Theater/Ute Langkafel

Es passt daher, dass die Frequenz über weite Teile des Stücks hoch bleibt. Wo weniger Aktion auf der Bühne zu sehen ist, schaffen es die drei iranischen TänzerInnen Ashkan Afsharian, Kaveh Ghaemi und Elaheh Moonessi auch so, die Eindringlichkeit zu transportieren. Folglich wird an vielen Stellen auch die Ambivalenz der Zeichen deutlich. Sie transportieren nicht ausschließlich Emanzipation und Artikulation in Form politischer Slogans. Wechselt der Kontext, wechselt die Person, so werden die Zeichen zu Trägern von Gewalt und Unterdrückung, die den Körper zermürben.

Geht es hier rein um Bezug zum heutigen Iran, mag sich der Zuschauer fragen, oder auch um historische Aufarbeitung? Vermutlich beides. Denn, so Elizabeth Rauh (2013) von der University of Michigan in ihrer Studie zu den bildsprachlichen Gemeinsamkeiten der Proteste 1979 und 2009 im Iran: „Revolutions tend to reenact paradigmatic events of the past while establishing new histories.“.

 

„Bodytext“ von Modjgan Hashemian, lief vom 01.bis zum 03. Dezember 2016 im Maxim Gorki Theater.

Der Blog Alsharq ist ein Projekt von Ehrenamtlichen. Wenn Du unabhängigen Journalismus zum Nahen Osten nachhaltig fördern willst, werde Fördermitglied von Alsharq e.V.

mitglied_werden
Print Friendly, PDF & Email

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

*