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Kämpfer der kurdischen Miliz YPG in Syrien. Phto: CC BY 2.0 Kämpfer der kurdischen Miliz YPG in Syrien. Phto: CC BY 2.0

Außerhalb des Fokus der internationalen Berichterstattung wächst im Norden Syriens die Gefahr eines ethnischen Konflikts zwischen Arabern und Kurden. Angefacht wird dieser durch die unverantwortliche Einflussnahme ausländischer Akteure in die lokalen Konfliktkonstelltionen. Von Haid Haid

Den zunehmenden Spannungen zwischen arabischen und kurdischen Bevölkerungsteilen in Syrien – ausgelöst durch die Einflussnahme ausländischer Akteure auf die lokalen Konfliktdynamiken – wurde bisher nur wenig Aufmerksamkeit geschenkt. Auch die jüngste Gewalteskalation zwischen ehemals verbündeten kurdischen und arabischen Gruppen im Regierungsbezirk Aleppo erhielt kaum Beachtung; vielmehr dominiert die Berichterstattung über die Aktivitäten der Terrormiliz Daesh die Agenda internationaler Medien.

Dabei handelt es sich hierbei nicht bloß um einen weiteren bewaffneten Kampf, sondern möglicherweise um einen ethnischen Konflikt, der nicht allein auf bewaffnete Gruppen beschränkt bleiben könnte. Denn die Gefahr einer Ethnisierung des Konflikts könnte zukünftig die jeweiligen ethnischen Gemeinschaften als Ganze betreffen. Die ausländischen Akteuren – vor allem die Vereinigten Staaten, Türkei und Russland – verstärken dieses Spannungsverhältnis, indem sie ihre eigenen Interessen verfolgen und dabei die Konsequenzen ihrer Interventionen auf die lokalen Konfliktkonstellationen ignorieren.

Ausweitung des kurdischen Territoriums im Norden Syriens

Einzelheiten zu den Zusammenstößen nahe der syrischen Stadt Azaz sind nach wie vor unklar, denn die Konfliktparteien geben widersprüchliche Angaben hierzu. Klar ist jedoch, dass die erbitterten Kämpfe zunächst zwischen Jaysh al-Thuwwar, alliiert mit den Demokratischen Kräften Syriens (engl. Syrian Democratic Forces, SDF), und Ahrar al-Sham stattfanden und der Streitgegenstand eine Hauptversorgungsroute bei Aleppo war. Dadurch, dass sich mehrere verbündete Milizen den Kampfhandlungen für die jeweilige Partei anschlossen, intensivierten sich die Gefechte und griffen auf mehrere an der Route gelegene Dörfer über. Abgesehen von der strategischen Bedeutung der umkämpften Versorgungsroute, scheint der Zeitpunkt der Auseinandersetzung einen wichtigen Hinweis auf die lokalen Konfliktdynamiken zu geben.

Der Streit begann zwei Wochen nachdem die SDF am 17. November 2015 die Etablierung lokaler Kampfverbände in der mehrheitlich von Kurden bewohnten Afrin-Region verkündet hatte. Die Region befindet sich unweit der Stadt Azaz und ist isoliert von den östlich liegenden kurdischen Kantonen, die im Januar 2014 ihre Autonomie erklärten.

Bei der SDF handelt es sich um eine kurdisch-geführte Allianz mit arabischen und assyrischen Einheiten, die von der US-geleiteten Koalition logistisch und durch Luftschläge unterstützt wird. Allerdings wird von mancher Seite befürchtet, dass die SDF die Unterstützung der USA ausnutzt, um das kurdische Territorium auch auf von Arabern dominierte Gebiete auszudehnen. Dementsprechend begründeten Ahrar al-Sham (Anm.d.R.: eine islamistisch-salafistische Rebellenmiliz) und ihre Verbündeten die jüngsten Kämpfe mit der Notwendigkeit, die Kurden und ihre Alliierten davon abzuhalten, den rund 140 km breiten Landstreifen zwischen Afrin und dem Kanton Kobane nördlich der türkischen Grenze zu erobern und so eine Verbindung zwischen den beiden Regionen zu schaffen.

Die Einflussnahme externer Akteure

Die USA unterstützen die SDF weiterhin, trotz deutlicher Kritik am Vorgehen der kurdischen Miliz YPG – eines Mitglieds der SDF – in den mehrheitlich von Arabern bewohnten Siedlungsgebieten. Im Jahr 2015 kam es mehrmals zu bedenklichen Zwischenfällen, etwa während der Juni-Offensive auf Tal Abyad und im November bei einem Angriff auf Al-Hawl. Die Vorwürfe gegen die YPG wiegen schwer und reichen von Enteignungen unter Zwang über Folter, Internierung und Mord bis hin zu Zwangsumsiedlung. Die Nichtregierungsorganisation Amnesty International deckte einige Fälle von gezielter Zerstörung von Wohnhäusern sowie zwanghafter Umsiedlung auf, die als Kriegsverbrechen der YPG zugerechnet werden. Die Enthüllungen haben die Spannungen zwischen Arabern und Kurden verstärkt und ebenso das Misstrauen innerhalb der SDF.

Darüberhinaus bewerten Türkische Medien die russische Unterstützung für die SDF im Kampf gegen Ahrar al-Sham und deren Verbündete als Vergeltung für den Abschuss einer Suchoi Su-24 der russischen Luftwaffe am 24. November 2015 durch das türkische Militär.

Derlei Anschuldigungen haben das Misstrauen zwischen kurdischen Milizionären und anderen bewaffneten Gruppen in Azaz gesteigert. Insbesondere islamistische Gruppierungen, wie Ahrar al-Sham, werden von den Kurden aufgrund ihrer Verbundenheit mit der Türkei als existenzielle Bedrohung wahrgenommen.

Für die türkische Regierung wäre eine angrenzende, autonome Kurdenregion an seinen Grenzlinien zu Nordsyrien ein bedrohliches Szenario – insbesondere wenn diese Region durch die syrisch-kurdische Partei der Demokratischen Union (PYD) politisch-administrativ kontrolliert würde, da diese mutmaßlich mit der Arbeiterpartei Kurdistan (PKK) verbündet ist.

Obwohl die Kämpfe in Azaz nach dem Waffenstillstandsabkommen vorerst zum Erliegen kamen, ist es unwahrscheinlich, dass sie für immer beiseite gelegt wurden, da die Ursachen für die Spannungen und das Misstrauen zwischen der SDF und anderen Gruppierungen bei weitem nicht behoben sind.

Diese Dynamiken zeigen, dass regionale und internationale Akteure ihre Strategien vorsichtig überprüfen sollten, um die Folgen ihrer Interventionen auf die lokalen Konfliktstrukturen einschätzen zu können und keine Folgekonflikte zu provozieren. Die Verstöße beider Gruppen müssen benannt werden. Eine aufrichtige Allianz zwischen den Gruppen auf Basis gemeinsamer Werte und gleicher Rechte ist Voraussetzung für die syrischen Gemeinschaften, um die Grundlage für ein gemeinsames Syrien zu schaffen, dass auch Araber und Kurden einschließt.

 

Dieser Beitrag erschien auch auf NOW.

Aus dem Englischen von René Neumann

 

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