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Zirkusschülerin aus dem Al Jalazon Refugee Camp, Photo: The Palestinian Circus School. Zirkusschülerin aus dem Al Jalazon Refugee Camp, Photo: The Palestinian Circus School.

Als Zirkusartist wollte Mohammed Faisal Abu Sakha Lebensfreunde in die besetzten palästinensischen Gebiete bringen und der Perspektivlosigkeit und Frustration mit klassischer und zeitgenössischer Zirkuskunst die Stirn bieten. Im Dezember wurde der Mann mit dem ansteckenden Lachen von israelischen Sicherheitskräften ohne Anklage verhaftet. Ein persönlicher Kommentar von Sama Younes

,,Ist Zirkus wirklich das, was Palästina braucht?’’ Diese Frage haben Shadi Zmorrod und Jessika Devlieghere oft gehört, seit sie im August 2006 in Ramallah ihren ersten Zirkusworkshop für zehn junge Palästinenserinnen und Palästinenser veranstaltet haben.

Davon überzeugt, mit der sozialen und pädagogischen Dimension des Zirkus’ den psychologischen Auswirkungen der militärischen Besatzung in den palästinensischen Gebieten entgegenwirken zu können, gründeten Zmorrod und Devlieghere im Sommer 2006 die Palestinian Circus School (arab.: مدرسة سيرك فلسطين). Nach und nach traten immer mehr Kinder und Jugendliche bei. Heute sind es über 300 aus Birzeit, Ramallah, Jenin und den Refugee Camps Al Far’a und Al Jalazon.

Sie alle sind in einem Umfeld aufgewachsen, das von Enteignung und Ungerechtigkeit geprägt ist. Ständig sind sie Gefühlen von Verlust, Erniedrigung und Frustration ausgesetzt. Im Zirkus finden sie einen sicheren Ort, an dem sie sich frei entfalten und ihren Emotionen Ausdruck verleihen können.

Neben verschiedenen Zirkusdisziplinen wie Akrobatik, Seiltanz, Einrad, Trapez und Jonglieren, lernen die Schüler der Zirkusschule Vertrauen und Respekt zueinander aufzubauen, ihr Selbstbewusstsein zu stärken und ihre negativen Gefühle in Kreativität umzuwandeln.

Um sowohl lokal als auch international auf die vielen Herausforderungen der militärischen Besatzung in den palästinensischen Gebieten aufmerksam zu machen, hat die Zirkusschule seit ihrer Gründung im Sommer 2006 sechs Aufführungen produziert. Darin werden verschiedene Aspekte des gesellschaftlichen Lebens der Palästinenser unter Besatzung durch Zirkus- und Schauspielelemente aufgearbeitet: Ausgrenzung, Krieg, Einschränkung der Bewegungsfreiheit durch die zahlreichen Checkpoints, Arbeitslosigkeit und Wassermangel, Unterdrückung und Erniedrigung durch das israelische Militär.

Zwei Schüler der Palestinian Circus School bei der jährlich stattfindenden Zirkusparade in Birzeit. Photo: Johanna-Maria Fritz.

Zwei Schüler der Palestinian Circus School bei der jährlich stattfindenden Zirkusparade in Birzeit. Photo: Johanna-Maria Fritz.

 

,,Es ist schön zu wissen, dass wir etwas sein können. Wir sind nicht nur die Palästinenser, die im Fernsehen weinen.’’

Der 24-jährige Mohammed Faisal Abu Sakha trat Anfang 2008 als einer der ersten Schüler der palästinensischen Zirkusschule bei. Seit 2011 ist er als Trainer fester Bestandteil des Teams. Als solcher trainiert er über 300 Schüler im Alter zwischen sechs und 20 Jahren. Für Abu Sakha ist der Zirkus eine Möglichkeit etwas zu verändern. Seine persönliche Möglichkeit, sowohl gegen die Perspektivlosigkeit anzukämpfen und einen konstruktiven Dialog in der eigenen Gesellschaft zu fördern, als auch von Außen gehört zu werden und auf die Besatzungsituation und ihre Auswirkungen aufmerksam zu machen.

,,Es ist schön zu wissen, dass wir etwas sein können. Wir sind nicht nur die Palästinenser, die im Fernsehen weinen’’, meint er in einem von der Zirkusschule aufgenommen Video.

Er ist der Clown des Zirkus-Teams, sein Lachen steckt an. Er glaubt an die Stärke und Lebensfreude, die in jungen Palästinenserinnen und Palästinensern steckt. Und weil er möchte, dass alle die Möglichkeit haben, am Zirkus teilzunehmen, trainiert er seit September 2014 zusätzlich zwei Stunden pro Woche zehn Kinder aus dem Star Mountain Rehabilitation Center, ein Förderzentrum für Kinder und Jugendliche mit Behinderungen.

Social Circus

Abu Sakha spezialisierte sich im Bereich der pädagogischen Zirkusarbeit und tauchte dadurch tiefer in die Welt des social circus ein. So unterrichtet er seit September letzten Jahres zehn weitere Kinder mit Behinderung aus dem Al Nahda Center..

Im Dezember 2013 begegnete ihm bei einem Auftritt in Jericho der neunjährige Mohammed Al Barghouti, der an Zerebralparese leidet – einer frühkindlichen Hirnschädigung, die zur Schwächung des Nervensystems und der Muskulatur führt und somit starke Bewegungsstörungen hervorruft. Abu Sakha beschloss, sich dem Jungen im Rahmen eines intensiven Einzeltrainings zu widmen, welches Mohammed auf vielen Ebenen weitergebracht hat. So konnte er gemeinsam mit Abu Sakha seine ersten Schritte tun, erlangte mehr Gleichgewicht und stärkere Muskeln. Seit Beginn seines Trainings hat Mohammed keine einzige Aufführung der Zirkusschule verpasst.

„Manchmal können wir unsere schlechte Situation nutzen, um etwas Schönes zu kreieren“, erklärt er im oben erwähnten Video.

#FREEABUSAKHA

Aktivisten der #FreeAbuSakha Kampagne in Heidelberg. Photo: Alessio Mamo.

Aktivisten der #FreeAbuSakha Kampagne in Heidelberg. Photo: Alessio Mamo.

 

Mit seiner Arbeit fördert er friedliche Ausdrucksformen des Widerstands. Und dafür wurde er verhaftet. Am 14. Dezember 2015 war Mohammed Abu Sakha auf dem Weg von seinem Elternhaus in Jenin zu seiner Arbeit in der Zirkusschule. Am Kontrollpunkt Zaatara in der Nähe von Nablus wurde er gebeten, aus dem Sammeltaxi zu steigen und anschließend ohne Begründung von israelischen Soldaten festgenommen und in eine Hafteinrichtung in den besetzten palästinensischen Gebieten gebracht. Ende Dezember wurde er von den israelischen Militärbehörden zu sechs Monaten Verwaltungshaft  verurteilt, wodurch er ohne Anklageerhebung unbefristet in Gewahrsam gehalten werden kann. Was ihm vorgeworfen wird, weiß er selbst nicht.

Das israelische Militär behält gegen Verwaltungshäftlinge vorliegende „Beweismittel” aus Sicherheitsgründen ein. Das bedeutet mit anderen Worten, dass Gefangenen das Recht verweigert wird, sich selbst zu verteidigen. Die Verwaltungshaftanordnung kann immer wieder verlängert werden. So verbringen viele Palästinenser Jahre ohne Verfahren hinter Gittern.

Im Juni sollte Abu Sakha an einem Experten-Workshop zum Thema „Zirkus für Menschen mit geistigen Behinderungen“ in Berlin teilnehmen. Stattdessen befindet er sich im Gefängnis Megiddo im Norden Israels und ist der Gefahr der Folter sowie grausamer und entwürdigender Behandlung ausgesetzt. Mehr als zwei Monate sitzt er nun schon hinter Gittern und konnte noch nicht einmal mit seiner Familie telefonieren.

Um für Abu Sakhas Freiheit zu kämpfen, hat der Zirkus eine Kampagne gestartet. Über 12.000 Menschen aus der ganzen Welt haben eine Avaaz-Petition unterschrieben, die seine Freilassung fordert. Sie glauben daran, dass öffentlicher Druck ihr wirksamstes Mittel ist. Vor allem wollen sie ihre tiefe Solidarität mit Abu Sakha und allen palästinensischen Verwaltungshaft-Gefangenen zeigen. Menschen aus der ganzen Welt solidarisieren sich: Demonstrationen in Madrid, eine Zirkusaufführung in Toulouse, Flyer in Italien, Belgien und Großbritannien.

#FREEABUSAKHA from Hannah Prytherch on Vimeo.

Das Unrecht der Verwaltungshaft

Abu Sakha ist nicht der Einzige. Viele Palästinenser, die wie er ohne Anklage und Verfahren in israelischen Gefängnissen gefangen gehalten werden, versuchen mit Hungerstreiks auf die ungerechte Behandlung aufmerksam zu machen. So auch der Journalist Mohammed Al-Qiq, der Ende November 2015 in den Hungerstreik getreten ist.

UN-Generalsekretär Ban Ki Moon rief wiederholt dazu auf, die Gefangenen entweder in fairen Gerichtsverfahren anzuklagen oder freizulassen. Auch die EU fordert die uneingeschränkte Achtung der internationalen Menschenrechtsverpflichtungen gegenüber allen Gefangenen und hat sich mehrfach gegen die Praxis der willkürlichen Administrativhaft ausgesprochen.

Aktuell befinden sich über 600 Palästinenser in Verwaltungshaft in den Gefängnissen der selbsternannten einzigen Demokratie des Nahen Ostens. Abu Sakha ist nur einer von ihnen. Der Eine, den ich zufälligerweise persönlich kenne. Aber was ist mit den anderen 600? Wer schreibt über sie? Wer unterschreibt Petitionen für sie? Vielleicht müssen es erst 6.000 Gefangene werden, damit dem mehr Beachtung geschenkt wird. Bis dahin bleibt mir nur der Versuch, die Stille meiner Ohnmacht mit diesen Worten zu übertönen.

 

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