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"Ali und seine Freunde wurden schon in Jordanien diskriminiert, mit Müll beworfen und bespuckt. In Ägypten ergeht es Menschen mit dunkler Hautfarbe meist noch schlechter." Straßenszene in Kairo. Bild: abossone/Flickr (CC-BY-NC 2.0) "Ali und seine Freunde wurden schon in Jordanien diskriminiert, mit Müll beworfen und bespuckt. In Ägypten ergeht es Menschen mit dunkler Hautfarbe meist noch schlechter." Straßenszene in Kairo. Bild: abossone/Flickr (CC-BY-NC 2.0)

Zu Beginn des Jahres berichteten wir über Ali, einen sudanesischen Flüchtling in Jordanien. Gemeinsam mit 800 anderen Menschen wurde er abgeschoben, weil er gegen seine Behandlung protestiert hatte. Inzwischen lebt Ali in Ägypten – Florian Barth erzählt zum Jahresende, wie die Geschichte weiterging.

Dies ist der dritte Teil von Alis Geschichte. Hier geht es zu „Sudanesische Flüchtlinge in Jordanien. Abschiebung der vergessenen Menschen“, Teil 1 und Teil 2.

Acht Monate nach seiner Abschiebung aus Jordanien in den Sudan schreibt Ali mir eine Nachricht mit einem Messengerdienst. Es ist die erste, seit ihn jordanische Sicherheitsbeamte in ein Flugzeug Richtung Darfour setzten.

Ali, 15. August 2016:
Hallo, mein Freund. Ich habe nach einem neuen Termin beim UNHCR (UN-Flüchtlingshilfswerk, Red.) gefragt für das Resettlement-Programm. Sie haben mir einen Termin im November 2017 gegeben.

Florian, 16. August 2016:
Ali du lebst. Ich freue mich von dir zu hören! Wo bist du? Im Sudan?

Ali, 16. August 2016:
Ich bin jetzt in Kairo. Hier ist es schlimmer als in Jordanien, auch mit den Ägyptern. Sie behandeln uns schlechter als die Jordanier.

Darfur – Amman – Darfur – Kairo

Im Juni 2014 war Ali in ein Flugzeug nach Amman gestiegen, mit einem Visum für eine medizinische Behandlung. Dieses hatten Schlepper organisiert, die Ali und seine Freunde gegen Bezahlung in ein Land bringen sollten, in dem sie sich als Flüchtlinge registrieren können und somit unter internationalem Recht stehen. Nachdem Sudanesen in Jordanien als Flüchtlinge anerkannt sind, stehen ihnen theoretisch mehrere Möglichkeiten offen: eine freiwillige Rückführung in das Heimatland, eine lokale Integration oder eine Umsiedlung in ein Drittland. Doch vor die Entscheidung einer freiwilligen Rückführung wurde Ali nicht gestellt, nachdem er für seine Rechte demonstrierte; stattdessen schoben ihn die jordanischen Behörden gewaltsam in sein Heimatland ab.

Nach der Landung in Dafur heuerten er und seine sechs Freunde erneut einen Schlepper an. Sie verkauften ihre Handys und arbeiteten ein paar Tage lang auf Baustellen. Dann fuhren sie quer durch die Wüste bis zur ägyptischen Grenze. Die Schlepper schmierten die Grenzsoldaten und Ali war wenige Wochen nach der Abschiebung wieder ein anerkannter Flüchtling.

Doch alles blieb beim Alten – außer, dass aus Amman Kairo wurde. Er hatte keine Rechte und keine Chance auf ein sicheres Leben.

Florian, 22. August, 2016
Hallo,Ali, hast du eine Arbeit in Kairo gefunden?

Ali , 22. August, 2016
Ja, ich habe an einer Tankstelle gearbeitet und habe ein bisschen geputzt, aber dann hat mich mein Chef zusammengeschlagen. Meine Freunde und ich bleiben nur noch zu Hause und bekommen unsere Lebensmittel von einer Hilfsorganisation.

Ali und seine Freunde wurden schon in Jordanien diskriminiert, mit Müll beworfen und bespuckt. In Ägypten ergeht es Menschen mit dunkler Hautfarbe meist noch schlechter.

Ali berichtet davon, dass er ein weiteres Mal zusammengeschlagen wurde. Er war mit drei Freunden in einem Taxi unterwegs. Der Fahrer baute einen Unfall, die in der Nähe stationierten Polizisten schlugen die Sudanesen zusammen. Für die Polizisten war klar: Ali und die drei dunkelhäutigen Freunde waren schuld an dem Unfall.

Geduldet, aber ohne Rechte

Rassismus, Drangsalierung und Missbrauch kennzeichnen den Alltag hunderttausender afrikanischer Flüchtlinge in Ägypten. Die ägyptische Polizei bleibt im besten Fall inaktiv. Opfer müssen oft den Täter finden und dazu bringen, auf der Polizeiwache zu erscheinen, berichtet Ali.

Für Flüchtlinge ist das Risiko groß, dass die Polizisten die vom UN-Flüchtlingswerk ausgestellten Ausweiskarten nicht anerkennen. Die Sudanesen müssen oft die Erfahrung machen, dass sie ignoriert werden, weil sie schwarz sind.

Die ägyptische Regierung duldet zwar Flüchtlinge im Land, es gibt aber keinerlei Unterstützung für sie – weder finanziell, noch steht ihnen der Zugang zu Schulen, Krankenhäusern oder legaler Arbeit offen. Registriert und als Flüchtling anerkannt werden Sudanesen, Eritreer, Iraker, Somalier und Äthiopier vom UNHCR. Damit stehen sie eigentlich unter dem Schutz der UN-Flüchtlingskonvention. Seit der Revolution in Ägypten ist die Unsicherheit unter sudanesischen Flüchtlingen noch größer geworden. Hilfsorganisationen berichten, dass die Zahl der Übergriffe im Jahr 2016 und die Willkür der Sicherheitsbehörden weiter zugenommen haben.

Durch diese miserablen Bedingungen sehen Flüchtlinge wie Ali als letzten Ausweg nur die Flucht nach Europa.

Ali , 15. November 2016:
Hallo, ich will nach Europa. Ich habe hier keine Zukunft. Mit dem Boot nach Italien. Aber es ist gefährlich.

Florian, 16. November 2016:
Ja, das ist keine gute Idee. Außerdem ist es sehr teuer.

Ali, 16. November 2016:
Ja, man braucht 3000 Dollar für die gesamte Flucht. Einer meiner Freunde hat seine Niere verkauft und 3000 Dollar dafür erhalten. In der letzten Woche ist er im Mittelmeer ertrunken.

Seit langem gilt Kairo als einer der größten Organ-Basare der Welt. Durch den Bürgerkrieg in Syrien und das erneute Aufflammen des Sudankonflikts im Jahr 2011 kamen noch mehr Flüchtlinge nach Ägypten. Libyen ist zu unsicher geworden, so wird Ägypten zum Hotspot der Schlepper und Organhändler.

Überwiegend wird von Sudanesen berichtet, die ihre Niere oder einen Teil ihrer Leber verkaufen, um die Überfahrt nach Italien zu bezahlen.

In den letzten Monaten wurden immer häufiger Leichen von Flüchtlingen aus dem Mittelmeer geborgen, die Operationsnähte am Bauch aufweisen.

Ali, 16. November 2016:
Ich werde auf meinen Termin beim UNHCR 2017 warten. Vielleicht schaffe ich es ja mit beiden Nieren nach Europa.

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