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Protestcamp sudanesischer Flüchtlinge vor dem UNHCR-Hauptgebäude in Amman. Photo: Florian Barth Protestcamp sudanesischer Flüchtlinge vor dem UNHCR-Hauptgebäude in Amman. Photo: Florian Barth

Sudanesen sind in Jordanien Opfer von Diskriminierung seitens der Gesellschaft und der staatlichen Behörden. Aus Protest haben 800 sudanesische Flüchtlinge einen Monat lang vor dem Hauptgebäude des UN-Flüchtlingshilfswerks UNHCR in Amman kampiert – und wurden daraufhin in ihr Heimatland abgeschoben. Damit verstößt Jordanien gegen die Genfer Flüchtlingskonvention. Teil 2 einer Geschichte über Rassismus von Florian Barth.

Hier geht es zu Teil 1

Als ich das nächste Mal von Ali höre, hat er seine Wohnung verlassen, um vor dem Hauptgebäude des UN-Flüchtlingshilfswerks UNHCR zu demonstrieren. Tag und Nacht. Friedlich. Schon 2014 hatten sudanesische Flüchtlinge in Jordanien gegen gewalttätige und diskriminierende Behörden protestiert. Diesmal richtet sich der Protest nicht gegen die Behörden, sondern gegen den UNHCR.

Vier Wochen lang kampieren ungefähr 800 Menschen auf dem fußballfeldgroßen Parkplatz in Zelten – ohne Matratzen, Decken oder fließendes Wasser. Ihre Forderungen sind klar: Ansiedlung in einem Drittland oder bessere Unterbringung in Jordanien. Sie protestieren für ihre Rechte, wie das Recht auf Bildung und den Schutz vor Gewalt und Diskriminierung.

„Das Leben hier ist sehr schwierig. Jordanien ist teuer und wir bekommen nicht genug Unterstützung vom UNHCR“, erklärt Sara ihre Motive dafür, dass sie sich mit ihren Kindern am Protestcamp beteiligt. Jeden Tag halten sie und die anderen Demonstranten ihre Schilder in die Luft, wenn die Mitarbeiter des UNHCR zur Arbeit kommen. Doch die Mitarbeiter können den Flüchtlingen nicht helfen und fordern sie auf, den Protest abzubrechen.

Ali beschreibt die Situation als zynisch und absurd: „Wir campen vor dem Hauptgebäude des UNHCR in Amman und das einzige, das passiert, ist, dass eine Verantwortliche aus dem Gebäude kommt und uns mitteilt, dass wir gehen sollen. Wohin? Das erklären sie uns nicht!“

Die Flüchtlinge, die vor dem Hauptgebäude des UNHCR kampieren, haben ihre Wohnungen verlassen und ihre Mietverträge aufgelöst. Für viele macht es keinen Unterschied, ob sie auf steinigem Boden zelten oder sich zu zehnt ein Zimmer teilen.

Auch während ihres Protests sind die Sudanesen der alltäglichen Diskriminierung ausgesetzt: Sicherheitsbeamte riegeln den zum Protestcamp umfunktionierten Parkplatz ab. Die Nutzung der Sanitäreinrichtungen des UNHCR ist ihnen verboten, die Toiletten sind mit Ketten verschlossen. Hilfsorganisationen mit Decken und Essen wird der Zutritt verboten. Die Demonstranten müssen mehrere Kilometer laufen, um Sach- und Essensspenden abzuholen – oder alternativ in Mülltonnen nach Essbarem zu suchen.

Sara, mein Freund Ali und all die anderen wollen dennoch durchhalten, bis sie angehört werden. Es ist ihre einzige Hoffnung.

Dann werden sie abtransportiert

Es ist vier Uhr morgens, als die jordanische Polizei das Protestcamp räumt, die Menschen in Busse verfrachtet und sie zum Flughafen fährt. Die Regierung begründet die Verhaftung der Sudanesen damit, dass viele der Flüchtlinge mit einem falschen Vorwand nach Jordanien eingereist seien, indem sie eine medizinische Behandlung als Grund angaben.

Ein Bild, das der sudanesische Flüchtling Ali nach der Verhaftung auf dem Weg zum Flughafen an den Autor schickte.

 

Als die Sudanesen nach ihrer Verhaftung den Flughafen erreichen, wird ihnen mitgeteilt, dass sie in den Sudan abgeschoben werden sollen. Während sie auf das Flugzeug warten, das sie in das Bürgerkriegsland zurückbringen soll, beschreibt Ali die Situation am Telefon: „Weißt du, was uns im Sudan angetan wird? Sie werden uns töten oder verhaften. Wir sind bereit überall hinzugehen, aber nicht in den Sudan.“

Die erste Abschiebung missglückt. Die jordanischen Behörden teilen mit, dass es logistische Probleme gegeben habe. Für einen Moment schöpfen die 800 Menschen wieder Hoffnung, dass der UNHCR die Abschiebung doch verhindert hat.

Nachdem die Flüchtlinge 24 Stunden am Flughafen festgehalten wurden, bringt man sie in ein nahegelegenes Lagerhaus und sperrt sie in einen abgeschlossenen Raum. Dann eskaliert die Situation. Die Sudanesen fordern ihre Freilassung und es kommt zu Ausschreitungen. Die jordanischen Sicherheitskräfte reagieren mit Tränengas. Laut Aussage der Flüchtlinge kommt ein Sudanese ums Leben.

Während die Flüchtlinge zusammengepfercht in dem Lagerhaus ausharren, versuchen mehrere Hilfsorganisationen, zu dem Gebäude zu gelangen, werden jedoch von jordanischen Sicherheitskräften daran gehindert. Einige Flüchtlinge, denen die Flucht aus dem Lagerhaus gelingt, berichten hinterher, dass die jordanische Polizei die Stromversorgung zu dem Lagerhaus abgeschnitten hatte und mit Schlagstöcken auf die Menschen einprügelte.

Auf Videos, welche einige Flüchtlinge aus dem Lagerhaus über die sozialen Netzwerke verbreiten, ist zu hören, wie sie „Genf! Genf!“ rufen, um die Behörden an die Genfer Flüchtlingskonventionen zu erinnern.

Verstoß gegen Genfer Flüchtlingskonventionen

Die Vereinten Nationen kritisieren das Vorgehen der jordanischen Regierung scharf: Sie weisen darauf hin, dass die Abschiebung in den Sudan internationales Recht verletze, da 58 Prozent der 3500 Sudanesen als Flüchtlinge und der Rest als Asylsuchende registriert seien

Dennoch: Wenige Stunden später sitzen die ersten Sudanesen mit Handschellen gefesselt in einem Flugzeug in Richtung Khartoum, zurück in den Sudan, in ein vom Bürgerkrieg zerrüttetes Land. Ausgerechnet Jordanien, das sich dafür rühmt, hunderttausende syrische Flüchtlinge aufgenommen zu haben, verstößt damit gegen die Genfer Flüchtlingskonventionen.

Kurz vor seiner Abschiebung sagt Ali am Telefon zu mir: „Wir forderten eine Umsiedlung in ein anderes Land; dass dies eine Utopie war, wissen wir, aber man hätte unsere Forderungen anhören und uns mit Respekt behandeln können.“

Während das erste Flugzeug in Khartum landet, warnt die sudanesische Botschaft ihre Bürger in Amman davor, auf die Straße zu gehen; andernfalls werde die jordanische Polizei ihnen ihre Pässe abnehmen und sie ebenfalls abschieben. Die zurückgebliebenen Sudanesen hoffen, dass dies nur ein Abschreckungsmanöver ist. Doch für bessere Lebensumstände wollen sie in Zukunft nicht mehr demonstrieren.

 

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