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Samir Kuntar nach seiner Freilassung bei einem Besuch im iranischen Shiraz (2009). Foto: Mardetanha / Wikicommons (CC-BY-SA-2.5) Samir Kuntar nach seiner Freilassung bei einem Besuch im iranischen Shiraz (2009). Foto: Mardetanha / Wikicommons (CC-BY-SA-2.5)

Am 19. Dezember 2015 starb Samir Quntar bei einem israelischen Luftangriff im Damaszener Vorort Jaramana. Quntar war eine Symbolfigur – je nach Blickwinkel für den Kampf gegen Israel oder für brutalen palästinensischen Terrorismus. Sein Verhältnis zur Hisbollah und seine Rolle im syrischen Bürgerkrieg waren aber weniger eindeutig als es auf den ersten Blick erscheint. Von Tobias Lang

Samir Quntars Mythos beginnt in den 1970er Jahren während des libanesischen Bürgerkrieges. Eher untypisch für einen Drusen und wohl auch gegen Widerstände in seiner Umgebung schloss er sich als Teenager der Palästinensischen Befreiungsfront (PLF) an und nicht der Progressiven Sozialistischen Partei des legendären Drusenführers Kamal Jumblatt. 1979 war er Teil einer Kommandoaktion im nordisraelischen Nahariya und nahm einen Vater mit seiner vierjährigen Tochter als Geisel. Quntar tötete beide, das Mädchen durch einen Schlag mit dem Gewehrkolben.

Der Doyen der Gefangenen

Ein israelisches Gericht verurteilte Quntar zu mehrmalig lebenslang­­er Haft. 2008 kam er im Austausch gegen die Leichen zweier israelischer Soldaten mit den vermutlich letzten libanesischen Gefangenen in Israel zurück in den Libanon,  In Israel war der Widerstand gegen Quntars Freilassung seit jeher groß. Dass er dann gegen zwei Särge ausgetauscht wurde, empfanden weite Teile der israelischen Öffentlichkeit als Demütigung. Davor waren mehrere Versuche, Quntars Freilassung durch einen Gefangenenaustausch zu erwirken, fehlgeschlagen. Bereits 1985 hatte die PLF aus diesem Grund das Kreuzfahrtschiff Achille Lauro entführt. Dieses Ereignis wird vor allem wegen der Ermordung des behinderten jüdischen Passagiers Leon Klinghoffer und auch wegen der kontroversen, nach ihm benannten Oper bis heute medial diskutiert. Die Entführung der zwei israelischen Soldaten, die zum 33-Tage-Krieg 2006 geführt hat, sollte ebenfalls in diesem Kontext betrachtet werden.

Die Hisbollah stilisierte Quntar zum überkonfessionellen Symbol für den Widerstand gegen Israel. Aufgrund seiner langen Haft bezeichnete sie ihn in ihrer Propaganda auch auch als „Doyen der libanesischen Gefangenen“. In Israel wurde er hingegen wegen der Tat und den erfolglosen Versuchen, ihn freizupressen – zuerst von palästinensischer Seite und später von der Hisbollah – zum Prototypen des brutalen palästinensischen Terroristen. Der drusisch-libanesische Hintergrund Quntars geriet so fast in Vergessenheit.

Rückkehr in den Libanon

Bei seiner Rückkehr in den Libanon wurde Quntar als Nationalheld empfangen. Die höchsten Repräsentanten des Staates begrüßten gemeinsam mit Hisbollah-Generalsekretär Hassan Nasrallah den in einer Hisbollah-Uniform gekleideten Quntar in einer im Fernsehen übertragenen Zeremonie. Sogar „seine“ Drusen, die sich fast drei Jahrzehnte lang kaum um sein Schicksal gekümmert hatten, bereiteten ihm ein Willkommensfest in seinem Heimatdorf Abay im Libanongebirge. Im drusischen Kontext trat er in der Folge aber nicht in Erscheinung – zumindest nicht im Libanon.

Quntar heiratete nach seiner Rückkehr zum zweiten Mal (von der palästinensischen Aktivistin, die er im israelischen Gefängnis geheiratet hatte, war er unterdessen geschieden) und die Wahl seiner Braut warf einige Fragen auf. Quntars neue Frau war Zainab Barjawi, eine Fernsehmoderatorin aus prominenter schiitischer Familie.  Vermutlich hatte die Hisbollah Barjawi  als Quntars Frau ausgesucht. Es zirkulierte damals bereits das Gerücht, Quntar sei zum Schiitentum konvertiert. Hätte die Familie seiner Frau sonst der Heirat zugestimmt? Beweise für seine Konversion gab es keine, aber die Verwendung von religiös-schiitisch gefärbter Rhetorik und Symbolik durch Quntar weist darauf hin.

In der Folge wurde es auf der libanesischen Bühne recht still um Quntar, nur bei Fernsehdiskussionen oder bei Reisen in arabische Länder und den Iran trat er ab und zu in Erscheinung.

Das Comeback in Syrien

Ab 2013/2014 tauchte Quntars Name öfter in Zusammenhang mit dem Bürgerkrieg in Syrien auf. Israelische wie libanesische Medien brachten ihn in Zusammenhang mit Aktivitäten der Hisbollah an der Waffenstillstandslinie zwischen Syrien und dem israelisch besetzten Golan. Das Assad-Regime stand damals militärisch stark unter Druck und hatte, bis auf eine drusische Enklave um das Dorf Hadar, die ganze Waffenstillstandslinie mit Israel,  an die Rebellen verloren. Vor diesem Hintergrund weitete die Hisbollah ihre Aktivitäten auf die Golan-Hermon-Region aus. Die Hisbollah wollte nicht nur die Rebellen für das Assad-Regime bekämpfen, sondern hatte auch das Ziel, eine neue Front gegen Israel aufzubauen. Die Errichtung einer solchen Golanfront gegen Israel hatte Hassan Nasrallah auch explizit angekündigt (in diesem Video ab 41:00).

Im Laufe des Jahres 2014 tauchte Quntar an verschiedenen Orten in Syrien auf, meist in einem drusischen Kontext. So besuchte er das von Rebellen eingeschlossene, an der Pufferzone mit Israel gelegene drusische Dorf Hadar, versuchte die religiösen Repräsentanten der Drusen in der Provinz Suwaida im Sinne des Regimes zu beeinflussen oder traf den bei Regimeunterstützern populären drusischen General Issam Zahar ad-Din in der durch ISIS eingeschlossenen Garnison von Dair ez-Zor. Während er im Libanon Schiit zu sein schien, kokettierte er in Syrien mit seiner drusischen Herkunft, wenn auch vielleicht nur, weil er so seinen Auftraggebern nützlicher war.

Quntars Aufgabe in Syrien bestand neben Propaganda besonders in der Rekrutierung von lokalen Kräften, meistens Drusen, für Aktionen gegen Israel an der neuen Golanfront. Quntar hatte die drusischen Dörfer in der Golan-Hermon Region bereits 2008 besucht, war demnach dort auch persönlich kein Unbekannter. Viele Drusen in der Region haben Verwandte auf der israelisch besetzten Seite des Golan, die in Aktionen gegen die israelische Besatzung involviert waren. Manche Drusen aus den besetzten Dörfern gingen sogar aus politischen Gründen nach Syrien. Besonders aus diesem Milieu scheint Quntar rekrutiert zu haben. Welche der anonymen Angriffe auf israelische Ziele ab Ende 2013 an der Waffenstillstandslinie auf das Konto von Quntars Gruppe gehen, lässt sich nicht mit Sicherheit bestimmen.

Obwohl sich der militärische Erfolg dieser Angriffe in Grenzen hielt, nahm man in Israel die neue Gruppe äußerst ernst. Quntars Stellvertreter starb bereits im Frühjahr 2014 durch eine Explosion, die nicht mit Sicherheit Israel zugeschrieben werden kann. Bei einem höchst wahrscheinlich israelischen Drohnenangriff wurden dann Anfang 2015 die Führung der Hisbollah an der Golanfront und ein General der iranischen Revolutionsgarden getötet. Israelische Medien nannten auch Quntar als eines der Opfer – so wurde schnell klar, dass auch er in das Visier Israels geraten war. Ein weiterer vermutlich israelischer Drohnenangriff nahe dem Dorf Hadar tötete mehrere regimetreue Milizionäre, Quntar war aber trotz gegenteiliger Meldungen wieder nicht unter den Toten. Er selbst war sich der Gefahr offenbar bewusst und zeigte sich 2015 kaum noch in der Öffentlichkeit.

Zum posthumen Hisbollah-Kommandanten?

Wie aber war Quntars Verhältnis zur Hisbollah tatsächlich? Unbestritten ist die Tatsache, dass er seit seiner Freilassung aus der israelischen Haft 2008 ein enges Verhältnis zur schiitischen Organisation gepflegt hat. Ob er wirklich ein Mitglied war und sogar eine leitende Funktion bekleidet hat, ist äußerst fraglich. Seine Mitgliedschaft wurde zu Lebzeiten nie offiziell bestätigt. Auf Nachfrage erklärte ein Mitglied des Politbüros dem Autor dieses Artikels letztes Jahr, dass Quntar kein offizielles Mitglied sei.

Natürlich ist es möglich, dass Quntar ein geheimes Mitglied war, aber würde die Hisbollah, die eine vor allem schiitisch geprägte Organisation ist, einen möglicherweise eben Konvertierten aufnehmen?  Noch unwahrscheinlicher ist, dass die Hisbollah Quntar, der nach 29 Jahren Haft über keine nennenswerte militärische Führungserfahrung verfügte, zu einem der Kommandanten der Golanfront ernannt hatte, wie es verschiedene Medien – zum Beispiel die New York Times – nahelegen.

Plausibler erscheint die Version, die von den israelischen Analysten Avi Issacharoff und Ron Ben-Yishai vertreten wird. Demzufolge baute Quntar tatsächlich im Auftrag der Hisbollah  lokale Widerstandsgruppen auf, fiel aber ob seines mangelhaften Erfolges zusehends in Ungnade. Da die iranischen Revolutionsgarden aber zusehends direkt das Kommando über die Golanfront übernahmen, suchte Quntar, so Issacharoff und Ben-Yishai, die direkte Zusammenarbeit mit den Iranern. In der Folge war er als „Freelancer“ (Ben-Yishai) tätig und versteckte sich unter der lokalen drusischen Bevölkerung. Im drusisch geprägten Jaramana wurde er schließlich auch getötet und mit ihm die meisten Bewohner eines mehrstöckigen Wohnhauses.

In der Dahiye, den südlichen Vororten von Beirut unter Hisbollah-Kontrolle, bekam Quntar das Begräbnis eines Hisbollah-Märtyrers: Er wurde neben anderen in Syrien getöteten Kämpfern nach schiitischer Tradition beerdigt. Zumindest im Tod waren seine Hisbollah-Mitgliedschaft und die Konversion zum Schiitentum perfekt, eine kleine Delegation von drusischen Würdenträgern kam lediglich für einen Kondolenzbesuch vorbei. Dennoch war Quntar mit großer Wahrscheinlichkeit nie ein führendes Hisbollah-Mitglied und hatte zu Lebzeiten keine große militärische Bedeutung. Der Symbolfigur Quntar ist die Aufnahme in die Riege der Hisbollah-Kommandanten wohl erst im Tod gelungen.

 

Tobias Lang ist Politikwissenschaftler und Autor von „Die Drusen in Libanon und Israel“ (Klaus Schwarz Verlag, Berlin: 2013). Er betreibt den Blog MENA Minorities über religiöse Minderheiten in der Region. Twitter: @tob_la

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