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Mashrou' Leila beim Baalbek Festival. Foto: Promo Mashrou' Leila beim Baalbek Festival. Foto: Promo

Mashrou’ Leila ist die derzeit wohl bekannteste arabischsprachige Band. Jetzt treten sie zum ersten Mal in Deutschland auf. Alsharq hat sie zum Interview getroffen.

In das Hinterzimmer der Konzertagentur in einem ruhigen Berliner Altbau sind Sänger Hamed Sinno, Geiger Haig Papazian, Gitarrist Firas Abou Fakhar und Schlagzeuger Carl Gerges gekommen, der Fünfte im Bunde muss sich noch von der langen Reise erholen. Es ist ein Gespräch zwischen Soundcheck und Fototerminen und trotzdem sind die Musiker voll konzentriert. Die Klarheit und Prägnanz der Diskussion findet sich auch in den Tracks ihres neuen Albums wieder: „Ibn El Leil“, Sohn der Nacht, ist deutlich elektronischer geprägt als alle ihre Werke zuvor. 

Alsharq: Ihr gebt zum ersten Mal Konzerte in Berlin – warum erst jetzt?

Hamed Sinno: Bisher hatte einfach das Timing nicht gepasst. Aber wir sind nicht zum ersten Mal hier. Berlin ist klasse. Wenn wir Libanesen ins Ausland reisen, haben wir immer im Hinterkopf: „Ist das ein Ort, an dem ich leben könnte?“ Die wenigsten wollen langfristig im Libanon bleiben, Gründe zum Gehen gibt es genug. Berlin haben wahrscheinlich die meisten schon in Betracht gezogen.

Firas Abou Fakher: Berlin hat einen guten Spirit und eine reiche Geschichte. Das
schätzen Leute aus Beirut.

Vor wenigen Wochen war ein Auftritt in Amman geplant – den die Regierung dann kurzfristig verbot. Schließlich wurde das Verbot wieder aufgehoben. Was war da los?

Firas: Die Show im Amphitheater von Amman war seit Monaten geplant, wir sind dort schon mehrfach aufgetreten. Wenige Tage vor der Show kam ein Brief vom jordanischen Tourismusministerium: Man könne uns keine Lizenz für den Auftritt geben, weil unsere Musik die Besonderheit des Ortes störe.

Hamed: Wir haben uns erkundigt, ob wir an einem anderen Ort in Amman spielen dürften, aber uns wurde deutlich gemacht, dass wir überhaupt keine Erlaubnis bekommen könnten. Man sagte uns, unsere Musik sei unvereinbar mit jordanischen Werten und der öffentlichen Moral.

Carl Gerges: Dazu erschienen in jordanischen Zeitungen Artikel, in denen wir als Teufelsanbeter bezeichnet wurden…

Hamed: Ein Priester, ein Parlamentarier und der Gouverneur von Amman ließen sich mit den Aussagen zitieren man solle unseren Auftritt verhindern, weil wir sexuelle und Religionsfreiheit befürworten und zur Revolution aufrufen.

Firas: Dass so etwas gerade in Jordanien geschehen ist, wo der Staat stets das friedliche Miteinander von Menschen und Religionen betont und sehr aktiv den Extremismus und den Islamischen Staat bekämpft, wo sich die Königin für Frauenrechte stark macht, das wurde zu einem kleinen Skandal. Die Leute in Jordanien – und nicht nur unsere Fans – sagten laut und deutlich: Wir wollen nicht in einem Land leben, das so etwas macht.

Hamed: Dass die Show letztlich zugelassen wurde liegt vor allem daran, dass die jordanische Bevölkerung und internationale Medien ordentlich Druck auf die Regierung ausgeübt haben. Und trotzdem: Wie konnte es soweit kommen? Wir schreiben das Jahr 2016! Wir waren fassungslos, dass sich da jemand hinstellen kann und sagen, wir seien verwerflich, weil wir politische und sexuelle Freiheiten unterstützen?

Haig Papazian: Das ist doch nichts Neues in der arabischen Welt. Menschen als Satanisten zu diffamieren, um sie aus dem Verkehr zu ziehen, hat hier Tradition. Eine Zeitlang haben sie das mit Menschen gemacht, die Tattoos haben.

Firas: Jemanden als Teufelsanbeter zu verdammen ist einfach. Es ist das perfekte Mittel …

Carl: … um die Bevölkerung von unangenehmen Wahrheiten abzulenken.

Hamed: Zurzeit nimmt religiöser Konservatismus im Nahen Osten wie verrückt zu, nicht nur unter Muslimen, auch unter Christen. Das macht es einfach, jemanden als Teufelsanbeter zu verdammen. Die Alternative wäre eine echte politische Auseinandersetzung, aber dafür braucht es Argumente. Religion ist eben die stärkere Ideologie als Politik.

Firas: Eins ist aber ist noch wichtig: Auch innerhalb der jordanischen Regierung waren nicht alle dafür, unseren Auftritt zu verbieten. Da gab es wohl drei Einzelpersonen, die ihre Meinung durchsetzen setzen wollten. Immerhin hat letztendlich der gleiche Typ, der erst das Verbot unterschrieben hatte, zwei Tage später die Auftrittsgenehmigung unterschrieben. Das Verbot aber hat uns ins Epizentrum einer wichtigen Diskussion gerückt. Und es war uns wichtig, die Zensur gegen unsere Kunst öffentlich zu machen, damit das auch öffentlich diskutiert wird.

Kul mamnou’ marghoub, alles Verbotene wird begehrt, sagt ein arabisches Sprichwort. Hat euch das Auftrittsverbot dann doch genutzt?

Hamed: Es hat uns Aufmerksamkeit beschert. Aber niemand, der unsere Musik vorher nicht gemocht hat, wird uns deshalb jetzt mögen. Und die Hetze gegen uns war teils extrem. Da haben Fanatiker Sachen geschrieben wie: Wenn du zu dem Konzert gehst, verbrennen wir dich bei lebendigem Leib.

In euren Texten geht es vor allem um Liebe, Sex und Gefühl. Trotzdem gelten eure Stücke als politisch. Wie geht das zusammen?

Hamed: Sex ist hochpolitisch. Man schaue nur in den Libanon: Wenn Leute hier ins Gefängnis wandern, weil sie homosexuell sind, dann werden sie nicht für ihre queere Identität angeklagt, sondern für den sexuellen Akt. Sex zu haben bringt dich in Konflikt mit dem Gesetz, und das macht den Sex politisch. Politik bestimmt, was der Einzelne tun und lassen kann, allein oder mit anderen.

Firas: Das gilt in der Arabischen Welt ganz besonders. Jeden Tag machen wir die Erfahrung, dass unser Privatleben, unser politisches Leben, unser Religiöses Leben eng miteinander verwoben sind. Das ist auch der Grund für viele Probleme, die die Region schon lange beschäftigen.

Journalisten des US-amerikanischen Fernsehsenders CNN schrieben, Mashrou’ Leila sei der Soundtrack zum ‚Arabischen Frühling’. Stimmt das?

Hamed: Nein. Wir sind nicht mehr oder weniger politisch als jeder andere Pop-Act. Die Leute neigen dazu, Bands nur dann als politisch zu bezeichnen, wenn sie Dissenz äußern. Dabei ist eine Band, die keine Kritik äußert, doch genau so politisch! Sie ist eben eher einverstanden mit dem, was um sie herum passiert. Probleme nicht anzusprechen ist auch eine politische Haltung.

Firas: Aber du musst zugeben, dass wir uns besonders deutlich äußern. Wir sind mehr als bloß das Gegenteil von Schweigen. Aber unsere Musik deshalb als den Soundtrack des ‚Arabischen Frühlings’ zu bezeichnen ist etwas anderes.

Hamed: Definitiv! Außerdem ist der Begriff ‚Arabischer Frühling’ eine Erfindung westlicher Medien, die damit eine Reihe sehr komplizierter und höchst unterschiedlicher Ereignisse in verschiedenen Ländern verbinden und die Situation im Nahen Osten mit einem sehr einfachen Narrativ zusammenfassen wollten. Sie zeichneten das Bild des jugendlichen arabischen Mannes, der sich gegen die Regierung auflehnt. Dabei war die Realität natürlich deutlich komplexer. Selbst innerhalb einzelner Länder gab es eine Vielzahl politischer Stimmen, die sich alle zur selben Zeit Bahn brachen. In diesem Sinne gab es wohl so etwas wie ein Ereignis, aber eben keine plötzliche Ideologiewende.

Firas: Ironischerweise kommen wir noch dazu aus einem Land, in dem diese Veränderungen so gar nicht stattfanden.

Hamed: Uns fünf Männer aus der oberen Mittelschicht als Sprachrohr einer ganzen Generation zu bezeichnen, über alle Grenzen von Klasse und Gender hinweg, grenzt an Rassismus. Mindestens aber ist es eine grobe Vereinfachung.

"Fünf Männer aus der oberen Mittelschicht" - die libanesische Band Mashrou' Leila. Foto: Promo

„Fünf Männer aus der oberen Mittelschicht“ – die libanesische Band Mashrou‘ Leila. Foto: Promo

 

 

 

 

 

Haig: Trotzdem stimmt es, dass viele junge Menschen von Tunesien bis Syrien unsere Musik gehört haben. Genau wie die Musik anderer junger Künstler. Für die Medien ist „Soundtrack des Arabischen Frühlings“ eben ein sexy Titel. Noch dazu für eine Band mit einem homosexuellen Leadsänger. Jedenfalls hat uns dieser Titel …

Firas: … viele Fragen beschert. Und Interviews!

Wie haben die Ereignisse in der Region euch berührt?

Carl: Die Band bekommt das zu spüren, weil es uns in den meisten Ländern der Arabischen Welt sehr schwer gemacht wird, aufzutreten. Für uns als Künstler ist es sehr frustrierend, dass wir nicht vor dem größtmöglichen Publikum spielen können.

Hamed: Aber sonst haben uns die Ereignisse nicht direkt betroffen. Im Libanon fanden die großen Proteste nicht erst 2011 statt, sondern schon 2005. Danach folgten mehrere Jahre, in denen Politiker links und rechts der offiziellen Mitte einer nach dem anderen umgebracht wurden. Das hat die Menschen für eine Weile entmutigt, erst in jüngster Zeit sind sie wieder auf die Straßen gegangen. Zum Beispiel letzten Sommer: Da richteten sich die Proteste gegen den Müll in den Straßen, den niemand abholt. Dabei ging es natürlich um mehr: Der Müll ist nur ein Symbol dafür, wie korrupt das ganze System ist. Gleichzeitig sind die Forderungen verstummt, gleich das ganze System zu stürzen. Es hat sich eine gewisse Reife durchgesetzt. Da ist diese Angst vor der Leere, die sich auftut, wenn ganze Regime in sich zusammenfallen.

Firas: Im Alltag sprechen wir viel mehr über einzelne Akkorde oder Auftritte. Über unsere Musik.

Alle Infos zur Band, ihrer Musik und den Toudaten finden sich auf ihrer Webseite und auf Facebook.

Das Gespräch führten Lea Frehse und Bodo Straub. 

Für das Mashrou’ Leila-Konzert am Donnerstag, 5. Mai im Yaam in Berlin gibt es noch Karten. Zur Bestellung einfach hier klicken.

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