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Die südlichen Vororte Beiruts wurden während des Krieges stark bombardiert (Foto: privat (C))

Welche persönlichen Erinnerungen haben die Menschen im Norden Israels an den Krieg vor zehn Jahren? Wie wirkt sich der Krieg auf die heutige israelische Tagespolitik aus? Fürchten die Israelis eine erneute Konfrontation? Alsharq sprach mit fünf jüdischen und arabischen Israelis aus Haifa und Galiläa über das Erlebte und ihre Hoffnungen für die Zukunft.

Hier geht es zum ersten und zweiten Teil unserer Mini-Serie zum zehnten Jahrestag des Libanon-Kriegs.

Eine lähmende Sommerhitze liegt über der Stadt. Wer kann, verbringt die Tage in Haifa im klimatisierten Büro oder flüchtetet an einen der zahlreichen Strände. Kaum etwas erinnert an den Krieg vor 10 Jahren. Wir sprechen mit Nitzan, Sicilia, Yasser, Elnatan und Inon über 2006 und ihre Wünsche für eine Zukunft.

„Jeden Tag flossen bittere Tränen.“

Nitzan lebt und arbeitet in Haifa. Sie studierte am renommierten Technion Arichtektur und verbrachte ein Erasmusjahr in München. Während des Libanonkrieges leistete sie ihren Wehrdienst und war bei einer Einheit im Süden des Landes stationiert. „Es war schrecklich“, erinnert sich die heute 29-Jährige. „Jeden Tag erhielten wir neue Nachrichten von getöteten Soldaten. Das waren unsere Freunde. Jeden Tag flossen bittere Tränen. Wir verbrachten den Dienst damit, uns gegenseitig Trost zu spenden.“

Nitzans damaliger Freund diente bei einer Marineeinheit. Als ein Schiff getroffen wurde, versuchte sie vergeblich, ihn zu erreichen. „24 lange Stunden habe ich auf Antwort gewartet“, erzählt sie. “Ich wusste nicht, ob er noch lebte.“ Als dann endlich der erlösende Anruf kam, konnte sie sich nicht freuen. „Ich wusste: Wenn er überlebt hat, dann hat ein anderer bei diesem Angriff sein Leben verloren.“ Jeden Tag hoffte sie, dass es endlich vorbei sei.

Elnatan kommt aus Kiriat Atta. Die Trabandenstadt liegt zwischen Haifa und Akko. Heute studiert er Politikwissenschaften an der Universität Haifa. 2006 ging er noch zur Schule und lebte bei seinen Eltern. „Wir sassen den ganzen Tag wie gebannt vor dem Fernseher”, erinnert er sich. Er habe sich machtlos gefühlt, ohnmächtig und voller Angst. „Mir war damals klar: Mein Leben und das meiner Familie ist in Gefahr – aber ich kann einfach nichts tun. Nur abwarten und hoffen.“ Eine Rakete schlug knapp 2 Kilometer entfernt in das Haus eines Schulkameraden ein. Verletzt wurde niemand. Die Bewohner konnten sich rechtzeitig in die Schutzräume retten.

Inon ist Jurist. Er ist in Haifa geboren und aufgewachsen. Seine Familie lebt hier. „Ich hatte meinen Armeedienst abgeleistet und kam gerade von einer langen Reise durch die USA zurück”, erinnert er sich an den Sommer 2006. Am ersten Tag des Krieges fuhr er mit dem Bus von Downtown Haifa hoch zum Karmelberg, wo er sich an der Universität für sein Studium einschreiben wollte. „Plötzlich hörten wir eine laute Explosion. Der Bus fuhr einfach weiter. Doch die Straßen und das Universitätsgelände waren menschenleer.”

Erst aus dem Radio erfuhr er, dass die Explosion durch einen Raketeneinschlag ganz in der Nähe der Zugstation verursacht worden war. Ach Menschen kamen dabei ums Leben. „Bis heute nennen wir die den Ort „Station 8“, um so an die Opfer zu erinnern“, sagt Inon. „Nach dieser ersten Explosion gab es keinen Alltag mehr. Kein Ort war sicher.“ Die meiste Zeit verbrachte Inon zu Hause vor dem Fernseher oder in einem Schutzraum. Die Tage schienen endlos lang. Manchmal versuchte er, sich mit Gartenarbeit abzulenken. Doch immer wieder gab es den „roten Alarm“ und er musste zurück in den Schutzraum.

„Viele Leute sprachen plötzlich über „die Araber“.“

Auch Sicila aus Haifa erinnert sich gut an diesen ersten Raketeneinschlag in Haifa. Sie war damals noch ein Teenager. „Ich arbeitete damals in der Nähe des Hafens. Wir hörten einen lauten Knall. Die Telefone funktionierten nicht mehr. Dann sahen wir die Bilder im Fernsehen. Viele Leute sprachen plötzlich über „die Araber“. Ich fühlte mich so unwohl.” Zum ersten Mal in ihrem Leben habe sie große Angst verspürt. „Ich dachte aber auch: In den besetzten Gebieten ist das, was wir im Moment erleben, Alltag.“

Yaser stammt aus dem arabischen Dorf Jdeideh Makr östlich von Akko. 2006 studierte er in Tel Aviv. Im Sommer wollte er sich zu Hause bei seinen Eltern auf die Prüfungen vorbereiten und gemeinsam mit seinen Freunden die Fußballweltmeisterschaft ansehen. „Fast jedes Spiel wurde durch Raketenalarm unterbrochen“, erinnert sich der heute 32-Jährige. „Ich konnte mich auf nichts konzentrieren und bin durch fast alle Prüfungen gefallen.” Viele Menschen in seinem Dorf fühlten sich an den Golfkrieg erinnert. Damals hätten sie die Raketen von den Dächern der Häuser aus beobachtet und gejubelt, wenn diese Richtung Haifa flogen. Doch in diesem Krieg sei ihnen die Gefahr viel bewusster geworden. Auch in Jdeide Makr schlugen auf einmal Raketen ein.

„Wir brauchen eine friedliche Lösung.“

Noch heute fürchten alle eine erneute Eskalation. Und trotzdem denkt niemand darüber nach, Haifa oder Galiläa zu verlassen. Die Bedrohungslage sei auch in der israelischen Tagespolitik zu spüren, meint Elnatan. „Die israelischen Politiker wissen, dass sie sich so einen langen Krieg nicht mehr leisten können.“ Entsprechend seien sie bereit, auf jede noch so kleine Provokation mit äußerster Härte zu reagieren. Aus Elnatans Sicht ist das auch nötig, um den Angreifer so schnell wie möglich auszuschalten.

Trotz seiner Angst vor einer erneuten Eskalation, lehnt auch Nitzan einen neuerlichen Krieg ab. “Es muss einen anderen Weg geben. Wir brauchen eine friedliche Lösung. Wir alle sehnen uns doch einfach nur nach Frieden und Ruhe.“

Sicilia und Yasser sind überzeugt, dass der Libanonkrieg Israels Wahrnehmung der Hisbollah verändert hat. “Ich glaube, dieser Krieg hat gezeigt, welche Kraft die Hisbollah besitzt“, meint Yasser. Israelischen Politikern sei klar geworden, dass sie es nicht mit einer unorganisierten Guerilla Gruppe, sondern mit einer durchaus bedrohlichen Organisation zu tun haben.

„Je länger der Staat Israel trotz aller Bedrohungen besteht, desto wahrscheinlicher wird es, dass sie uns anerkennen.“

Dies bestätigt auch Inon. Seiner Meinung nach ist es nur eine Frage der Zeit, bis ein weiterer Angriff erfolgt – sei es durch Raketen, durch Kämpfer, die über Tunnel nach Israel gelangen oder durch Truppen, die die Grenze überqueren. Es sei ein Teufelskreis, sagt Inon. „Dass es jetzt ruhig ist, bedeutet nicht, dass keine Bedrohung besteht. Die Bedrohung ist immer da.“

Aus seiner Sicht handelt es sich bei derlei Gewalteskalationen jedoch nicht um einen „wirklichen“ Krieg, im Sinne eines Kampfes zwischen zwei Armeen. „2006 hat unsere Luftwaffe Ziele im Libanon bombardiert, um für Ruhe in Galiläa zu sorgen“, meint Inon. Der Hisbollah sei es bei ihren Raketenangriffen auch nicht darum gegangen, Land zu erobern, sondern vielmehr ihre eigene Macht auch innerhalb des Zedernstaates zu beweisen.

Den einzigen Ausweg aus dieser kontiniuierlichen Bedrohung sieht Inon in einer Anerkennung des Staates Israel durch die libanesischen Machthaber. Dabei sei es egal, wer die Verhandlungsführer seien: „Wenn die Hisbollah die stärkste Kraft im Libanon ist, dann muss unsere Regierung mit ihr verhandeln“, meint Inon. Im Moment geht er aber davon aus, dass die Hisbollah eher eine schwache Position inne hat und das Land zu sehr mit dem Krieg in Syrien beschäftigt ist. Diese Ruhe wiederum gibt ihm Hoffnung auf einen stabilen Frieden: „Je länger der Staat Israel trotz aller Bedrohungen besteht, desto wahrscheinlicher wird es, dass sie uns anerkennen. Und dann kann es einen richtigen Frieden in der Region geben. Das ist die Hoffnung, die ich für unsere Zukunft habe.”

 

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