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Gäste bei der Eröffnung des Palästina Museums am 18. Mai 2016. Foto: Katharina Konarek. Gäste bei der Eröffnung des Palästina Museums am 18. Mai 2016. Foto: Katharina Konarek.

Am 18. Mai wurde in Birzeit das Palestinian Museum eröffnet. Die Veranstaltung war pompös – doch das Museum ist leer, was die politische Prägnanz von Erinnerung und kollektiver Identität offenbart. Katharina Konarek war bei der Eröffnung zu Gast.

Es ist viel los am Checkpoint in Qalandiya, dem zentralen Übergang von Jerusalem in die Westbank: Autoschlangen soweit das Auge reicht. Vierspurig stehen sie entlang der hohen, grauen Mauer. Lastwagen hupen, drängen sich auf den viel zu engen Straßen, wirbeln Staub auf und blockieren die Gegenfahrbahn. Erst nach einer Stunde sind die knapp 50 Meter Checkpoint zwischen Israel und den besetzen palästinensischen Gebieten überwunden. Auch auf der anderen Seite ist Geduld gefragt. Ein Teil der Hauptstraße, die von Qalandiya nach Ramallah führt, ist gesperrt. Zwei kleine Schuljungen in abgelaufenen Sandalen klopfen aufgeregt an die Autoscheiben: „Nach Ramallah? Da müsst ihr umdrehen! Ihr müsst dort herum fahren, hier geht es nicht weiter,“ rufen sie. Mit ausgestreckten Händen fordern sie den verdienten Lohn für diese Auskunft.

Wir sind auf dem Weg nach Birzeit, der kleinen Universitätsstadt nördlich von Ramallah. Nach rund 17 Jahren Planung soll hier heute nun endlich das erste palästinensische Museum eröffnet werden. Ganz feierlich – zusammen mit Präsident Mahmoud Abbas, einer pompösen Tanzaufführung, klassischer Musik und einer großen Lichtershow.

Wir fahren an Arafats Grab vorbei. Die Straßen werden breiter, die Häuser grösser. Der Empfang unserer israelischen Mobiltelefone schwindet. Kurz hinter Ramallah tauchen die ersten Wegweiser auf. Große braun-weiß Schilder, unübersehbar, frisch in Beton eingelassen: Hier geht es zum Palestinian Museum. Wir fahren durch Birzeit einen sanften Hügel hinauf und dann ist es soweit: Wie ein Raumschiff aus einer anderen Zeit erhebt sich vor uns ein gewaltiger Betonbau. Modern, geometrisch, skulptural mit viel Glas und Eisenstreben.

Es ist ein Museum der Superlative, „ein wahrgewordener Traum“, wie die jordanische Taawon Stiftung ihr Vorzeigeprojekt vollmundig bewirbt. Das vom irischen Architektenbüro Heneghan Peng ausgeführte Bauprojekt soll von weitem an eine horizontale Felsspalte erinnern. Es umfasst 2.500 Quadratmeter Fläche umgeben von einem fast ebenso großen Museumsgarten. Entworfen von der jordanischen Landschaftsarchitektin Lara Zreikat beherbergt dieser in Terrassen angelegte Garten ein Amphitheater, eine atemberaubende Aussichtsplattform und über 70 verschiedene einheimische Pflanzenarten. Rund 30 Millionen Euro hat der Bau bisher verschlungen. In einer zweiten Bauphase sollen sowohl der Garten als auch das Gebäude um das doppelte vergrößert werden. Platz – in den palästinensischen Gebieten für gewöhnlich Mangelware – ist genug: Die Universität Birzeit stellt dem Projekt großzügig fast 40.000 Quadratmeter ihres Geländes zur Verfügung. Finanziert wird das ganze von der Taawon Stiftung. Ansässig in Amman sammelt diese als eine der größten Stiftung der Auslandspalästinenser weltweit Spenden für Kultur- und Bildungsprojekte in Gaza und dem Westjordanland. Die Unterstützer leben zumeist in den USA oder den Golfstaaten.

Die Museumsbaustelle im Jahr 2014. Foto: Jan-Holger Hennies.

Die Museumsbaustelle im Jahr 2014. Foto: Jan-Holger Hennies.

Ein leeres Monument

Es dauert, bis wir zwischen all den Luxuskarossen der Spender einen Parkplatz finden und uns zu Fuß auf den Weg ins Museum machen. „Wir eröffnen heute ein palästinensisches Monument“, sagt Mahmoud Abbas. „Es wird die Erinnerung an das palästinensische Volk wahren und seine Gesichte erzählen.“

Doch: Zu sehen gibt es nichts. Das Museum ist leer. Die Wände strahlen in jungfräulichem weiß. Vorausgegangen ist dem ein Streit: Die Mäzene wollten ein Nakba-Museum, das um die „Katastrophe“ der Palästinenser 1948 kreist. Sie waren mit dem Konzept des Kurators, einen Raum für junge moderne palästinensische Kunst zu schaffen, nicht einverstanden. Im Dezember 2015 wurde der Jerusalemer Kurator daraufhin kurzfristig entlassen. Die erste Ausstellung: „Palestinian Journeys – An Interactive Timeline from 1850 to the Modern“ wird deshalb erst im Oktober 2016 zu sehen sein. Bis dahin bleibt das Museum leer. Einzig das Museums-Logo – eine kastig, schwarz-weiße Sprechblase entworfen von der Libanesin Nadine Shaheen, sticht ins Auge. Es symbolisiert die Idee des Museums: Besucher gemeinsam ins Gespräch zu bringen und zu verbinden.

Bevor sich bei den Eröffnungsgästen Ernüchterung über die fehlenden Exponate breit macht, führen die vielen jungen Helfer schnell in den Museumsgarten. Dort spielt ein perfekt klingendes Streichquartett bei untergehender Sonne. Getarnt als exquisites Fingerfood werden dazu auf der Aussichtsterrasse Falafelbällchen, Kebabklöße und Mini-Shawarmarollen gereicht. Die Helfer drängen: man solle seinen Platz im Amphitheater einnehmen, die Zeremonie beginne pünktlich. Es werden kleine Kärtchen verteilt. Jeder hat einen fest zugewiesenen Sitzplatz. Der Wind pfeift kalt, während alle die Nationalhymne singen. Ein Mann mit Anzug und Fliege rezitiert den palästinensischen Nationaldichter Mahmoud Darwish, Dankesreden werden gehalten. Die moderne Tanzvorführung begeistert das verwöhnte Publikum. Arrangiert von Amir Nizar Zuabi aus Nazareth und Amer Hlehl aus Haifa versuchen die rund 20 jungen arabischen Tänzerinnen und Tänzer mit Schatten- und Lichtspielen die Leere zu füllen und dem Museum Leben einzuhauchen. Für einen Moment vergessen wir Raum und Zeit und heben mit dem Raumschiff ab in eine andere Dimension. Die Landung ist unsanft. Die Sitznachbarn rutschen unruhig auf ihren Stühlen hin und her. Sie stehen auf, tauschen Plätze, rufen sich gegenseitig laut Grüße zu.

Performance am Eröffnungsabend. Foto: Katharina Konarek.

Performance am Eröffnungsabend. Foto: Katharina Konarek.

Ein Museum der Vergangenheit für die Zukunft?

Am Ende der Feier werden goldene Schlüsselanhänger und umweltfreundliche Jutetaschen verteilt. Neben ausführlichen Informationen findet sich darin auch ein Spendenformular. „Unterstützen Sie Taawon!“ heißt es. „Spenden Sie für das Museum!“

Auf dem Rückweg nehmen wir die nördliche Route. Wir fahren durch kleine Bergdörfer. In der Dunkelheit geht es nur langsam voran. Die Straßen sind schlecht. Es gibt keine Beleuchtung. Hinter jeder Kurve lauert ein Schlagloch. Straßenschilder? Fehlanzeige. Schnell verlieren wir die Orientierung und finden uns bald auf einem Dorfplatz wider, umgeben von einer Gruppe junger Männer. Wir werden beäugt, kleine Kinderhände versorgen uns mit getrockneten Melonenkernen. „Was macht ihr hier? Wo wollt ihr hin?“ „Zurück, nach Hause, nach Haifa!“. Wir sehen das Erstaunen und die Sehnsucht in ihren Augen. Sie deuten uns den Weg, nicht ohne uns vorher eine Mahlzeit und einen Schlafplatz anzubieten. Wir lehnen dankend ab, schlagen uns weiter durch die Nacht bis schließlich die Lichter der israelischen Siedlung Ariel vor uns auftauchen. Nach Haifa sind es noch 80 Kilometer.

Über Geschmack und Kunst lässt vortrefflich streiten. Palästina hat nun ein Museum. Ein Traum wird wahr. Doch wie viel Realität steckt in dem Projekt? Welchen Weg wird das Museum gehen? Wer wird es besuchen und wen wird es verbinden? Ein Museum geplant am Reißbrett für die Elite? Oder ein Ort des gemeinsamen Erinnerns und der Zukunft, der einer jungen Generation ihre Wurzeln zeigt? Ab Oktober wird sich das Museum diesen Fragen stellen und sich daran messen lassen müssen.

 

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