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Das Bild des palästinensischen Kindes mit dem Drachen entstand im August 2014 während der israelischen Militäroperation Protective Edge im Gaza Streifen. Photo: Basel Yazouri. Das Bild des palästinensischen Kindes mit dem Drachen entstand im August 2014, während der israelischen Militäroperation Protective Edge im Gaza Streifen. Photo: Basel Yazouri.

Widerstand kennt viele Formen. Es sind nicht nur die Verfasser_innen von Pamphleten, die Organisator_innen und Teilnehmer_innen an Demonstrationen oder die Kämpfer_innen einer Guerilla-Bewegung, die Widerstand leisten. Es sind die alltäglichen Akte, die an einer Besatzung nagen. Von Basel Al Yazouri

Die am häufigsten auftretende Form von Widerstand gegenüber Unterdrückung zeigt sich nicht in einer kühnen oder gar tollkühnen Politik der offenen Herausforderung, sondern in dem, was der Politikwissenschaftler und Anthropologe James C. Scott als infrapolitics bezeichnet. Gemeint ist damit all das, was außerhalb des sichtbaren Spektrums von politischem Aktivismus praktiziert wird.

Scott zufolge hat die Geschichte immer wieder gezeigt, dass repressive Staaten Interessensorganisationen unterprivilegierter Individuen verhindern und offenen Widerstand unterdrücken konnten. Solch eine Politik sei gefährlich für das Fortbestehen subalterner Gruppen, meint Scott. Dennoch bedeute dies keinesfalls, dass Widerstandsformen gänzlich zum Verschwinden gebracht werden.

Scott hat ein ganzes Buch über die „Waffen der Schwachen“ geschrieben („Weapons of the Weak“), wobei er sich auf die Widerstandsformen von Bauern weltweit bezieht. Er beschreibt Widerstand dort als etwas, das weniger einem offenen kollektiven Aufstand ähnelt, sondern vielmehr einer unbegrenzten Aneinanderreihung von Akten der Zeitschinderei, Verheimlichung, Desertion, falschen Unterwürfigkeit, vorgeblichen Ignoranz, Verleumdung, Brandstiftung, Sabotage und so weiter. Scott meint, dass solche alltäglichen Akte des Widerstands an ungerechten Politiken „nagen“ und auf lange Sicht oft die signifikantesten und effektivsten Formen des Widerstands darstellen. Anstatt sich in der Verherrlichung ikonischer Revolutionsführer zu verlieren, müsse man die Aufmerksamkeit mehr auf den konstanten, mühsamen Konflikt über Arbeit, Essen, Autonomie oder Rituale lenken – auf die Formen des alltäglichen Widerstands.

Sumud bedeutet Standhaftigkeit

Scotts Arbeit basiert zwar vor allem auf seinen Forschungen in Südostasien, doch sind seine Thesen geeignet für unser Verständnis des palästinensischen Widerstands. Erinnern wir uns, dass sumud, das unerschütterliche Beharren auf dem eigenen Land, die häufigste Form des palästinensischen Widerstands ist.

„Unter dem Einfluss der ersten Intifada und der verbreiteten Anwendung von Techniken des gewaltlosen Widerstands, erhielt sumud eine aktivere und anspruchsvollere Bedeutung, wie etwa die aktive Nicht-Kooperation mit den Besatzern. […]; die Bauern, deren Olivenbäume von israelischen Soldaten oder Siedlern ausgerissen wurden und die ihre Bäume immer wieder neu pflanzen; die Familie, die ihr Haus nach jeder Zerstörung immer wieder aufbaut; die Gemeinde, die von Siedlungen umzingelt ist und dennoch ausharrt. […] Oder die Palästinenser, die in Israel leben, die für Gleichheit kämpfen und dennoch den Bezug zu ihrem Land behalten, die die zerstörten Wohngebiete der Beduinen in der Negev wieder aufbauen. […] Sumud bedeutet hier: Standhaftigkeit.“[1]

Wie fast alle Befreiungs-Bewegungen vor ihnen, so haben sich auch die Palästinenser bewaffneten Handlungen oder gar terroristischen Angriffen zugewandt. Dennoch ist der palästinensische Widerstand seit jeher eher von der Pflugscharte bestimmt als von der Waffe des Guerilla-Kämpfers. Es ist der Widerstand der Dorfbewohner von Beit Sahour, die 18 Kühe importieren, um ihren eigenen Milchbedarf zu decken und so die Waren aus Israel zu umgehen – nur damit Israel die Kühe hinterher als Sicherheitsgefahr deklariert und ihre Schlachtung anordnet. Es ist der Widerstand der Palästinenser, die sich weigern, Steuergelder an ihre Besatzer zu zahlen und somit ihre eigene Unterdrückung zu subventionieren – nur damit Israel sich selbst „entschädigt“ und stattdessen palästinensisches Eigentum konfisziert. Es ist sumud, die exemplarische Form des Widerstands, die von Palästinensern aufrecht gehalten wird. Es ist der Stoff, aus dem Geschichten sind.

Bar Palestine und Gazas Parkour-Szene

Photo: Basel Yazouri.

Photo: Basel Yazouri

Neulich mussten wir genau daran denken, als wir über Bar Palestine lasen, eine neu gegründete Gruppierung junger Männer, die inmitten des Kriegsschauplatzes in Gaza ihr Körpertraining absolvieren. Die Idee der Straßen-Workouts stammt vom 23-jährigen Bakr al-Maadmeh. Er und seine Freunde treffen sich jeden zweiten Abend für zwei Stunden zum öffentlichen Bodybuilding. Die beeindruckend gut gebauten jungen Männer haben Gazas zerstörte Gebäude und das verbeulte Stadtbild in eine Arena der öffentlichen Gesundheit und Stärke verwandelt. Anstatt sich selbst dem Verfall preis zu geben und sich den wiederholten Angriffen der israelischen Armee zu beugen, haben sie Orte geschaffen, die Palästina im wahrsten Sinne des Wortes aufmotzen.

Bevor Bar Palestine gegründet wurde, waren einige der Mitglieder der Gruppe Teil von Gazas inzwischen berühmt gewordener Parkour-Szene. Manche von ihnen nehmen noch immer daran teil. Mit ihren akrobatischen Sprüngen haben die Parkour-Läufer ihre von betäubender Traurigkeit bestimmte Umgebung mit jugendlicher Energie und Freude gefüllt. Dass diese jungen Palästinenser nicht aufhören, ein besseres Leben anzustreben, ist ein machtvolles Zeugnis für Gazas Widerstand.

Suleiman Taleb, ein ehemaliger Parkour-Läufer und jetziges Mitglied von Bar Palestine, meint: „Trotz der Blockade, trotz der Kriege und all dem was wir durchgemacht haben, können wir in Gaza leben wie jeder andere Mensch auch.“

Und Abdullah Enshasy, Gründungsmitglied von Gaza’s Parkour-Team, erklärt: „Es gibt eine große Verbindung zwischen Parkour und Barrieren. Und im Gazastreifen sind wir umrundet von Barrieren. Es gibt die Blockade, überall sind Mauern. (…) Parkour gibt uns ein Gefühl von Freiheit und erlaubt es uns, diese Bedingungen zu ertragen, ohne in eine tiefe Depression zu fallen.“

Der Gaza Surf Club

Gaza Surf Club

Photo: Gaza Surf Club

Und dann gibt es noch das Surfen. Trotz der vielen Hindernisse, die der Etablierung einer eigenen Surf-Kultur im Weg stehen, hat dieser Sport in den letzten Jahren im Gazastreifen eine steile Karriere hingelegt. Es ist schwer, an ordentliche Surfbretter zu kommen und die israelischen Reisebeschränkungen machen es für Surfer aus Gaza so gut wie unmöglich, Events im Ausland zu besuchen und somit ein Teil der internationalen Surf-Community zu werden und ihre Fähigkeiten auszuprobieren und auszuweiten.

Dennoch, wie Matt Olsen im Magazin Surfer beschreibt: „Gazas Surfer sind entschlossen, jeden Tag zu surfen und ihre bunte Truppe in eine wirkliche Surf-Community zu wandeln.“ Olsen, der 2008 den Gaza Surf Club mit begründete, beschreibt außerdem, dass es für Gazas Surfer auch von lokaler Seite immense Schwierigkeiten gibt: „Lokale, gut vernetzte ‚wohltätige Organisationen‘ sehen Dollar-Zeichen in diesem medienfreundlichen Sport und versuchen, die exklusive Kontrolle über die Surf-Ausrüstung zu bekommen in der Hoffnung bestimmen zu können, wann und wo Leute surfen dürfen. Andere lokale Organisationen wiederum haben Surf-Ausrüstung konfisziert, die Surfer belästigt oder gar mit Verhaftungen bedroht. Ausländische Organisationen, die mit Gazas Surfern zusammenarbeiten, werden als Spione defamiert.“

Allen Schwierigkeiten zum Trotz gedeiht der 2008 gegründete Gaza Surf Club vor allem auch dank der Unterstützung der US-amerikanischen NGOs Explore Corps und Surfing4Peace, die Ausrüstung spenden und sogar einen den lokalen Kleidungsstandards angemessenen Surfanzug für Frauen entwarfen.

Dennoch bemerkt Olsen: „Es hat den Anschein, als seien Gazas Surfer auf dem richtigen Weg. Doch um eine nachhaltige Surf-Community in Gaza zu etablieren bedarf es mehr als Bretter und Kleidung. Was die Surfer brauchen, ist der Zugang zu Informationen, zu anderen Surfern, zum Reisen.“

Angesichts der weiter andauernden, von Israel und Ägypten auferlegten Blockade auf Gaza, bleiben die Aussichten hierauf gering – doch Gazas Surfer bleiben unverdrossen. Die jungen Männer und Frauen sind optimistisch und es gibt sogar einige lokale Surf-Stars, wie Mahmoud „Moody“ El Reyashi, Yousef Abo Ghanem und Ibrahim Arafat.

Das Surfboard in der Hand auf die Wellen an Gazas Stränden zulaufen – es ist eine Fluchtmöglichkeit vor den Schwierigkeiten des Lebens in Gaza. Doch diese Schwierigkeiten sind in jeder Richtung nicht weit: Nur wenige Meilen vor der Küste patrouillieren israelische Schiffe und hindern Boote daran, sich mehr als nur ein paar Meilen hinaus auf die See zu wagen. Wenn man den Himmel lang genug beobachtet, sieht man eine der israelischen Drohnen fliegen.

Photo: Basel Yazouri.

Photo: Basel Yazouri

To Exist is to Resist

Für Israel wäre es der ultimative Sieg, wenn die Palästinenser in Verzweiflung und Demoralisierung versinken würden. 2002 sagte der damalige Generalstabschef der Israelischen Verteidigungskräfte, Moshe Yaalon: „Die Palästinenser müssen dazu gebracht werden, dass sie selbst im tiefsten Winkel ihres Bewusstseins spüren, dass sie ein besiegtes Volk sind.“

Doch genau das ist es, was diejenigen, die sumud verfolgen, nicht spüren.

Der palästinensische Widerstand wird sichtbar auf den stolzen Gesichtern der Parkourläufer, der Straßenathleten, der Surfer. Es wäre falsch, ihren Freizeitbeschäftigungen allein eine explizit politische Motivation zugrunde zu legen. Doch: Jede Form der palästinensischen Ausdauer im Leben, insbesondere wenn sie mit Hoffnung verbunden ist, ist eine trotzige und standhafte Ablehnung gegen das Diktat, nach dem sich die Palästinenser ihren Besatzern unterwerfen sollen.

Mit der Zeit werden diejenigen Palästinenser, die standhaft bleiben, eine neue Generation großziehen, welche noch ein wenig mehr an Israels oppressiven Strukturen „nagen“ wird – und dies wird letztlich mehr bewirken als jede explizit politische Aktion.

Die Geschichte mag vielleicht diesen oder jenen „Heroen des Widerstands“ feiern, doch der palästinensische Weg zur Freiheit ist gepflastert mit unzählbaren kleinen Akten des tagtäglichen Widerstands – und dazu gehört auch der der Parkourläufer, Surfer und Bodybuilder aus Gaza, die sich weigern aufzugeben und ihre Köpfe zu neigen.

Wie das Sprichwort sagt: To Exist is to Resist.

 

[1] To Exist Is To Resist: Sumud, Heroism, and the Everyday, Alexandra Rijke & Toine van Teeffelen, Jerusalem Quarterly.

 

Aus dem Englischen von René Neumann und Laura Overmeyer. 

Dieser Beitrag erschien auf dem Blog Palestine Square des Institute for Palestine Studies.

 

Über den Autor:

Der 19 jährige Basel Yazouri wuchs in Gaza Stadt und Rafah auf. Als Jugendlicher entdeckte er seine Leidenschaft für das Fotografieren und begann, das alltägliche Leben der Menschen um ihn herum festzuhalten.

„In Gaza gibt es so viele talentierte Menschen“, sagt er im Interview mit Maya Benton von TabletMag. „Aber niemand möchte zeigen, wie der Typ, der Parkour läuft, sein Leben lebt. Sie wollen nur die Zerstörung darstellen. Ich aber möchte zeigen, was ich über meine Heimat denke.“

Aufgrund seiner fotografischen Darstellungen palästinensischer Jugendkultur im Gaza-Streifen (insbesondere der Parkour-Szene), wurde er 2013 in das palästinensisch-israelischen Künstlerkollektiv Active Stills aufgenommen. Für seine Dokumentation der Situation in Gaza während der israelischen Militäroperation „Protective Edge“ im Sommer 2014, wurde er 2015 mit dem prestigeträchtigen Magnum Foundation Human Rights Fellowship der Fotoagentur Magnum ausgezeichnet und ist damit der bisher jüngste Träger dieser Auszeichnung. Begründet wurde die Entscheidung damit, dass Basels Bilder sich durch ihre Menschlichkeit und Komplexität auszeichnen: Statt nur das Leiden und die Zerstörung darzustellen, konzentrieren er sich auf das Leben der Menschen und wie sie ihren Alltag in all der Zerstörung fortführen.

 

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