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Solidarität mit Muslimen: Eine Demonstration in Minneapolis gegen den neuen US-Präsidenten Donald Trump. Junge Menschen im und aus dem Nahen Osten sind schockiert. Foto: Flickr/Fibonacci Blue (CC BY 2.0) Solidarität mit Muslimen: Eine Demonstration in Minneapolis gegen den neuen US-Präsidenten Donald Trump. Auch junge Menschen im und aus dem Nahen Osten sind schockiert. Foto: Flickr/Fibonacci Blue (CC BY 2.0)

Was denken eigentlich junge Menschen im und aus dem Nahen Osten über die Wahl von Donald Trump zum Präsidenten der USA? Sie sind jedenfalls deutlich kritischer als die Medien und Politiker aus ihren Ländern. Laura Overmeyer, Christoph Dinkelaker und Bodo Straub haben sich umgehört.

Im Nahen Osten reagierten Politiker und Medien eher optimistisch auf das Wahlergebnis in den USA. Aber wie sehen das junge Menschen in und aus der Region? Wir haben uns mal umgehört.

 

Ali Raziani, Autor und Buchhändler, Iran:

„Es ist an der Zeit, dass all die Kritiker der Weltpolitik ihre Meinung über die eigenen Vorhersagen ändern. Die Welt ist viel zu kompliziert geworden, um die Geschehnisse vorhersagen zu können.“

Shahriar, 26, Anglistik- und Literaturstudent aus Iran:

„An verschiedenen Orten der Welt haben die Menschen in der letzten Zeit seltsame Entscheidungen getroffen. Großbritannien hat beschlossen, die EU zu verlassen, und nun wird Trump – zum allseitigen Erstaunen – Präsident der Vereinigten Staaten. Diese Wahl hat großen Einfluss auf die Situation im Nahen Osten, insbesondere in Iran. Die Republikaner vertreten eine radikalere Linie gegenüber unserem Land als die Demokraten. Trump meinte, dass das Abkommen mit Iran der schlimmste Vertrag sei, den die USA jemals geschlossen hätten. Und er wird ihn so schnell wie möglich brechen wollen. Wenn er neue Sanktionen erlässt, dann können wir mit einem Niedergang unserer Wirtschaft rechnen. Mehr Arbeitslosigkeit, mehr Spannungen, mehr Konflikte. Trump erinnert irgendwie an Ahmadinejad: Auch der war ein Showman und die Menschen haben es ihm abgekauft und geglaubt, er sei eine gute Wahl. Clinton wäre die bessere Wahl gewesen, ihre Politik hätte Iran eine bessere Perspektive geboten und eine Rolle in der Weltwirtschaft. Wahrscheinlich wird die Regierung die potentielle Gefahr eines feindlich gesinnten Amerikas wieder nutzen, um die iranische Bevölkerung an sich zu binden. Die rechte Seite wird erstarken – und das werden wir bei den nächsten Präsidentschaftswahlen in Iran merken.“

Caroline, Mitte 20, aus Ägypten:

„Mir persönlich macht die allgemeine rechte Welle Angst. Menschen, die eine solche Person wählen, fürchten wohl, dass sie sonst vom politischen Spiel und vom wirtschaftlichen Wohlstand ausgeschlossen werden. Es sieht so aus, als wäre das ein Signal für das Scheitern der Mainstreammedien und der Politik; beide schaffen es nicht, die Menschen zu repräsentieren. Aber es nervt mich extrem, dass viele arabische, besonders männliche Bekannte und Freunde von mir Trump ‚geil‘ finden. Er ist ein Idiot und ein Mann und das finden sie gut. Das stärkt leider die frauenfeindlichen, patriarchalen Muster bei uns.“

Lahsen, Anfang 30, aus Marokko:

„Das Wahlergebnis kam unerwartet. Ich war überzeugt, dass Clinton gewinnt, gerade wenn man Trumps Äußerungen gehört hat. Außerdem ist Trump ein Geschäftsmann und hat keine Erfahrung in der Politik im Gegensatz zu Clinton. Zweifellos wird sich die Weltpolitik ändern und auch die Innenpolitik der Vereinigten Staaten. Trump ist gegen Muslime und Migranten; das könnte zu Konflikten und Rassismus führen, denn Migranten waren und sind die US-Amerikaner alle. Ich fühle mich an die Hitlerzeit erinnert. Nur die Zeit wird uns zeigen, was sich ändert – gerade im Verhältnis zwischen Europa und den USA. Ich bin gespannt, ob Trump zu einer vernünftigen Politik bereit ist, auch wenn ihm Diplomatie und Weisheit fehlen…“

Sahar, 32, Libanon:

„Ich glaube, die Demokraten hätten Sanders statt Clinton nominieren sollen. Das hätte einen riesigen Unterschied im Wahlergebnis gemacht. Mit Trump als Präsident glaube ich, dass die USA an Einfluss in der internationalen Arena verlieren werden – Europa sollte die Gelegenheit ergreifen und eine stärkere Wirtschaft aufbauen. Wir im Nahen Osten müssen abwarten, wie sich die Dinge entwickeln, vor allem, seit der Westen Boden an die russische Allianz verliert.“

Rahman Hosseini, Iran:

„Es ist ein historischer Moment in der zeitgenössischen Politik. Etwas, das unsere Generation selten sieht: Die Rückkehr von Uncle Sam!“

Hiba, 25, Libanon:

„Ich habe die Wahlen vor allem über die sozialen Medien verfolgt und über ein paar Freunde, die dort leben. Für das Programm der beiden Kandidaten und ihre Hintergründe habe ich mich aber schon interessiert. Das Ergebnis hat mich überhaupt nicht schockiert oder sonst bewegt – warum? Einfach, weil die US-Politik im Nahen Osten schon immer dieselbe ist; egal, wen sie wählen, die behandeln uns alle gleich. Betrifft diese Nachricht also den Libanon, die Libanesen oder mich persönlich? Ich glaube nicht.“

Mohamed, Mitte 20, Ägypter, lebt in den USA:

„Ich habe nur eine Sorge: dass Trump Obamas ohnehin schon mittelmäßige Bemühungen, den Klimawandel aufzuhalten, rückgängig macht. Alles andere, was Trump angekündigt hat, ist umkehrbar. Dass all die Leute, die ihn gewählt haben, sich wie Außenseiter im eigenen Land fühlten, war bekannt. Die Tatsache, dass sie sich so fühlen, ist das Versagen der Progressiven, die es nicht geschafft haben, die anderen mitzunehmen. Als progressiver Ägypter kommt mir dieser Fehler bekannt vor. Wir können die Trump-Präsidentschaft überwinden, wenn die Progressiven ihre Fehler aufarbeiten und versuchen, mehr Menschen zu erreichen – aber wir werden uns nicht davon erholen können, wenn vier Jahre das Klima unseres Planeten irreparabel zerstören.“

Kamal, Mitte 20, Ägypter, lebt in den USA:

„Ich kann es nur persönlich nehmen. Ich fühle mich nicht bedroht von Trumps Ankündigungen und habe auch keine Angst, dass das Auswirkungen auf uns Migranten oder mich persönlich hat; das ist gerade nicht wichtig. Aber dass Werte wie Anstand, Respekt, Inklusion und Gleichheit in diesem Land, das ich mein Zuhause nenne, offenbar nicht wichtig sind, ist frustrierend. Ich hatte unglaubliches Glück, hierherziehen zu können, während Obama Präsident war; er war für mich ein inspirierendes Vorbild, er setzte sich für die weniger Privilegierten ein und gab den Unterrepräsentierten eine Stimme. Und die vielen US-Amerikaner, die mich akzeptiert haben und mich willkommen hießen, haben diese Werte ebenfalls vertreten. Mich tröstet ein bisschen, dass die Mehrheit gegen den Hass gestimmt hat, und ich glaube wirklich daran, dass dieser vielfältigen Nation etwas Gutes innewohnt.“

Ehsan, Iran:

„Vor ein paar Jahren waren noch wir schockiert über den Erfolg populistischer Versprechungen – jetzt hat es die Gemeinschaft in der Ersten Welt auch erwischt… Man sieht: Es gibt keine Erste und Zweite Welt, nur Parallelen.“

 

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