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Das provisorische Zeltlager des "No Border Social Center" am Strand von Lesbos. Foto: No Border Kichen Lesvos / https://www.facebook.com/NBKLesvos/?fref=ts. Das provisorische Zeltlager des "No Border Social Center" am Strand von Lesbos. Foto: No Border Kitchen Lesvos (https://www.facebook.com/NBKLesvos/?fref=ts).

Lesbos ist für viele fliehende Menschen zum Symbol für die Abschottungspolitik der EU geworden. Seit die „Balkanroute“ geschlossen und das EU-Türkei-Abkommen in Kraft ist, wird es für die Flüchtenden immer schwieriger, die griechische Insel in Richtung Europa zu verlassen. Teils harren sie monatelang unter widrigen Umständen aus. Valeria Hänsel berichtet.

Ahsan[1] sitzt mit ernster Miene auf einer Bank am Strand. Unter einem Sonnensegel macht er eine Pause und trinkt einen Tee, bevor er wieder sechs Kilometer in das Flüchtlingslager Moria zurücklaufen muss. Der vierzigjährige Pakistaner kommt von einem Arztbesuch in der nächstgelegenen Stadt Mytilene und trägt eine Tüte voller Schlafmittel und Psychopharmaka bei sich.

Vor uns liegt das Meer und die türkische Küste ist in Sichtweite. Ein idyllisches Bild, wäre da nicht das Kriegsschiff der Grenzschutzorganisation Frontex, das gerade an der Küste patrouilliert. Auch die griechische Küstenwache ist unterwegs, nur die türkische Flotte und das von der deutschen Bundeswehr bemannte NATO-Schiff, das Tag und Nacht die griechisch-türkische Seegrenze abfährt, sind von hier aus nicht zu sehen.

Ahsan ist wie so viele andere in einem labilen Schlauchboot über das Meer nach Lesbos gekommen. Dabei hat er Glück gehabt, denn das Boot ist nicht gekentert und wurde erst von der Küstenwache entdeckt, als es sich weit genug in griechischen Gewässern befand, sodass es nicht zurückgedrängt werden konnte. Seit drei Monaten wartet er nun im Flüchtlingslager Moria darauf, dass sein Asylantrag bearbeitet wird. Wie lange es noch dauert und was danach passieren wird, kann niemand sagen. Inzwischen muss er nicht mehr im abgeriegelten inneren Sicherheitstrakt des Camps leben und darf es wenigstens tagsüber verlassen. Doch seine Chancen auf Asyl stehen aufgrund seiner pakistanischen Herkunft sehr schlecht.

Der geplatzte Traum einer interkulturellen Begegnungsstätte

Hinter uns liegt eine Fabrik und kurz davor ein altes Gebäude, das jahrelang leer gestanden hatte, bis eine Gruppe von ungefähr zwanzig No Border Aktivist_innen es im Juli 2016 in wochenlanger Arbeit in ein buntes und einladendes Social Center verwandelte. Die Aktivist_innen kommen aus verschiedenen Ländern Europas und Amerikas. Einige von ihnen haben selbst Fluchterfahrungen gemacht. Sie alle teilen die Vision einer Welt ohne Grenzen, in der sich jeder Mensch unabhängig von Herkunft, Hautfarbe und Geschlecht frei bewegen darf. Auch ich engagierte mich im Social Center, obwohl ich als Mitglied des „Zentrums für Konfliktforschung Marburg“ ursprünglich für eine Forschung zum Thema „Illegalisierung von Geflüchteten“ angereist war.

Das No Border Social Center war ein Ort der Begegnung und des Austauschs, eine der vielen Initiativen, umMenschen auf der „Balkanroute“ zu unterstützen. Gleichermaßen von Geflüchteten und Aktivist_innen getragen, sollte hier eine offene Begegnungsstätte geschaffen werden; ein Ort in dem sich Menschen verschiedener Kulturen auf Augenhöhe begegnen, Geflüchtete grundlegende Lebensmittel erhalten und Abwechslung in ihre lange Wartezeit auf der Insel bringen können.

Das Center war ausgestattet mit einem Café, einem abgegrenzten Bereich für Frauen, Räumen für Sprachunterricht und Spielräumen für Kinder. Im Spielbereich hingen die selbstgemalten Bilder der Kinder, mit Alltagsszenen aus ihren Heimatorten. Einige der Bilder zeigten auch  Zelte und Stacheldrahtzäune aus Flüchtlingslagern oder überfüllte Schlauchboote auf der Überfahrt.

 Alle Namen sind geändert.

 

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