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Bild der "FreeMahienour"-Kampagne auf Facebook (https://www.facebook.com/freemahienour/). Bild der "FreeMahienour"-Kampagne auf Facebook (https://www.facebook.com/freemahienour/).

In einem offenen Brief wendet sich die inhaftierte ägyptische Menschenrechtsanwältin und politische Aktivistin Mahienour El-Massry der Frage zu, was aus „ihrer Revolution“, der Revolution der Ägypterinnen und Ägypter, geworden ist. 

Am 31. Mai 2015 wurde die ägyptische Menschenrechtsanwältin und politische Aktivistin Mahienour El-Massry zu einer Freiheitsstrafe von 15 Monaten verurteilt. In der Anklage hieß es, sie habe im März 2013 eine Polizeistation angegriffen. Bei dem fraglichen Vorfall hatte es sich um einen Sitzstreik gehandelt, den El-Massry gemeinsam mit einer Gruppe – anschließend ebenfalls verurteilter – Anwälte vor der al-Raml Polizeistation in Alexandria durchgeführt hatte. Sie hatten die Misshandlung eines ihrer Kollegen durch Polizeihand angeprangert.

Nur wenige Monate vor dem Urteil, im September 2014, war El-Massry aus dem Gefängnis entlassen worden, wo sie eine mehrmonatige Freiheitsstrafe aufgrund des Verstoßes gegen das umstrittene Protestgesetz im Dezember 2013 abgesessen hatte. Diese Proteste fanden im Zusammenhang mit der Neuverhandlung des Todesfalls von Khaled Saeed statt, der im Juni 2010 zu Tode gefoltert und so zu einem tragischen Symbol von Ägyptens Aufständen 2011 geworden war. Diese wie auch die neuerliche Haftstrafe wurden von internationalen Menschenrechtsorganisationen scharf kritisiert.

Während ihrer ersten Inhaftierung wurde El-Massry im Juni 2014 mit dem Ludovic Trarieux International Human Rights Prize ausgezeichnet, der jährlich an eine Anwältin oder einen Anwalt vergeben wird, welche_r sich im besonderen Maße für die Verteidigung der Menschenrechte einsetzt.

Die 1986 geborene El-Massry hat sich schon vor der Protestbewegung 2011 für Menschenrechte und soziale Gerechtigkeit, aber auch in anderen Bereichen, wie Umwelt- und Denkmalschutz, eingesetzt. In ihrer Heimatstadt Alexandria gilt sie als eine der einflussreichsten politischen Aktivist_innen, bekannt und geschätzt für ihre mitreißende und inspirierende Art – und nicht zuletzt ihre auf vielen Demonstrationen erprobte laute Stimme.

Diesen Brief schrieb sie aus dem Gefängnis zum fünften Jahrestag der ägyptischen Revolution.

Bild der "FreeMahienour"-Kampagne auf Facebook (https://www.facebook.com/freemahienour/).

 

Ich kann kaum glauben, dass fünf Jahre vergangen sind, seit Ägyptens Straßen voll waren von lautstarken Forderungen wie „das Volk will den Sturz des Regimes“ und die Rufe nach „Brot, Freiheit, sozialer Gerechtigkeit, menschlicher Würde“. Vielleicht liegt es daran, dass selbst meine Zelle mit Träumen von Freiheit und Hoffnung erfüllt ist.

Manche finden, dass die Revolution nach all den Jahren besiegt worden ist. Andere sind der Meinung, dass es nicht besser hätte laufen können. Das Regime wiederum sieht sich selbst als Sieger. Doch ist das wahr? Wurden wir besiegt, ist die Revolution vorbei? Waren wir nie etwas anderes als Opfer? Hat der Autoritarismus – mittels Tyrannei und Gewalt oder Süßholzgeraspel – wirklich solch starke Wurzeln getrieben?

Wir glorifizieren nicht, wir weinen nicht – wir kämpfen

Vielleicht liegt es daran, dass ich zu denjenigen gehöre, die an den Traum glauben, die überzeugt sind, dass wir nicht nur im Inneren Autoritarismus und Tyrannei gegenüberstehen; wir stehen auch einem inhumanen internationalen System gegenüber, für das ein Menschenleben verglichen mit dem Profit aus Erdöl nichts wert ist… Auf jeden Fall bin ich überzeugt davon, dass wir uns noch immer auf dem Weg hin zu einer von uns errichteten humanen und gerechten Gesellschaft befinden. Wir haben manchmal Fehler begangenen, wurden manchmal besiegt, waren manchmal arrogant oder auch hoffnungslos – aber wir sind noch immer im Boxring. Glorifizierung ist die Stimme der Dummen, das Weinen über die Ruinen ist die Stimme der Feigen und Verzweifelten.

Jede und jeder von uns hat Lektionen gelernt.

Die erste dieser Lektionen ist, dass es keine Rettung des Einzelnen gibt, und dass Verzweiflung und Fluchtversuche nach außen oder innen uns nicht helfen, unsere Situation zu verbessern. Indem wir nur uns selbst sehen und nur nach Freiheit für diejenigen rufen, die wir kennen und nicht auch für all die anderen Menschen (Ägyptens Gefängnisse sind nicht nur voll von politischen Gefangenen, sondern auch von tausenden unschuldigen Bürgerinnen und Bürgern, die Opfer des wirtschaftlichen und politischen Systems geworden sind), wenn wir zulassen, dass das Regime uns von den Straßen und unseren Zielen trennt, dann haben sie die letzte Runde gewonnen.

Zweitens: Wir wurden überwältigt, weil wir wegschauten, als andere überwältigt wurden. Revolution ist von Natur aus menschlich. Wir dürfen keinerlei Ungerechtigkeit akzeptieren, selbst wenn sie diejenigen betrifft, die unserer Meinung entgegenstehen oder von denjenigen kommt, die versuchten, uns auszulöschen. Wenn wir Ungerechtigkeit gegenüber einer Person zulassen, so wird sie uns alle erreichen.

Unser Überlebensinstinkt muss uns vereinigen

Drittens: Die Ehre des Versuchs befriedigt uns nicht. Wir sollten nicht weiter im Kreis laufen. Wir müssen die Ziele der Revolution in Bewegungen und Initiativen formulieren und anfangen, uns selbst zu organisieren. Wenn das Interesse der Konterrevolution die anderen vereinigt, so sollte unser Überlebensinstinkt uns vereinigen, uns alle, die wir an die Freiheit glauben und die gegen jegliche Form des Autoritarismus und der Rückständigkeit stehen.

Viertens: Ein verängstigtes Regime verhaftet Tausende und bricht Wahlen ab, wie beispielsweise die zum Studentenwerk. Es zittert beim Gedanken eines Jahrestags trotz der Ungerechtigkeit eines ganzen Jahres. Es setzt diejenigen, die das Leben fordern, mit denjenigen gleich, die den Tod fordern. Unterdrückung war nie von Bedeutung. Sie vertiefte das Gefühl der Ungerechtigkeit, welches wiederum den Wiederstand stärkte. Die Menschen, die sich am 18. und 19. Januar 1977 rührten, jedoch den Kopf der Regierung nicht anrührten, haben ihre Lektion gelernt: 2011 haben sie sich erneut erhoben und es dabei auf eben diesen Kopf abgesehen – bisher dieses Ziel jedoch noch nicht erreicht.

Fünftens: Revolution geht weiter, ebenso wie das Leben und unsere Träume weitergehen. Sie verharrt nicht aufgrund einer Person und früher oder später – in unserem Leben oder in dem derjenigen, die nach uns kommen – wird unsere Revolution vollendet werden. Denn die Menschen verdienen etwas besseres und Hässlichkeit, egal wie sehr sie sich verschleiert, wird irgendwann ihr wahres Gesicht zeigen.

Shimaa… Sende unsere Grüße an unsere Engel, die Märtyrer_innen. Erzähle ihnen, dass wir noch immer voller Hoffnung sind und dass ihre Gefängnisse und ihre Ungerechtigkeit nichts vermocht haben, außer unsere Festigkeit, unseren Traum und unsere Revolution zu vergrößern.

 

Diesen Brief veröffentlichte die Facebookseite der „FreeMahienour“-Kampagne zum fünften Jahrestag der ägyptischen Revolution am 25. Januar 2016. Angesichts des näher rückenden Jahrestags ihrer neuerlichen Verurteilung teilt Alsharq El-Massrys Brief aus dem Gefängnis.

 

Englische Übersetzung und Einleitung von Laura Overmeyer

 

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