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"Ich trage Makeup ... und verdiene Respekt", steht auf diesem Schild der #stop_stereotyping-Kampagne in Ägypten. Foto: FB "Ich trage Makeup ... und verdiene Respekt", steht auf diesem Schild der #stop_stereotyping-Kampagne in Ägypten. Foto: FB

Fotos auf Facebook von fünf Frauen mit Schildern und dem Hashtag #stop_stereotyping lösten in Ägypten eine Welle von Kritik, Gegenkampagnen, Witzen und Diskussionen aus. Denn die Aktion hat an einem Konflikt gerührt, der viel tiefer reicht. Tatsächlich steht nicht weniger als das Ägypten von morgen zur Debatte. Hend Taher mit Reaktionen aus Kairo.

In Kairo wie auch überall sonst in Ägypten tragen die meisten Frauen ein Kopftuch. Frauen ohne Kopftuch werden dagegen kritisch beäugt und oft von Männern weniger respektvoll behandelt. Lang gehegten sozialen Konventionen entsprechend, sollen Frauen möglichst unauffällig aussehen und sich „anständig“ benehmen. Diese Konventionen sind für viele Menschen gleichbedeutend mit den Sitten- und Moralvorstellungen des Islam. Eine Frau, die kein Kopftuch trägt, wird daher bisweilen beschuldigt, eine Sünde zu begehen.

Gegen Verurteilungen dieser Art haben im September fünf junge Frauen rebelliert. Jede von ihnen hat ein Foto von sich in den sozialen Medien veröffentlicht. Fünf Frauen, die Slogans in die Kamera halten: „Ich trage kein Kopftuch und ich bete“ – „Ich habe männliche Freunde, doch unanständig bin ich nicht“ – „Ich lache laut, aber ich bin nicht ungezogen“ – „Ich trage Make-up – und verdiene Respekt“ – „Ich bin eine Frau, aber ich bin nicht schwach”.

 

"Ich habe männliche Freunde, doch unanständig bin ich nicht" - Teilnehmerin der #Stop_Stereotyping-Kampagne.

„Ich habe männliche Freunde, doch unanständig bin ich nicht“ – Teilnehmerin der #Stop_Stereotyping-Kampagne. Foto: Facebook

 

"Ich lache laut - ich bin nicht ungezogen." Teilnehmerin der #stop_stereotyping-Kampagne. Foto: Facebook

„Ich lache laut – ich bin nicht ungezogen.“ Teilnehmerin der #stop_stereotyping-Kampagne. Foto: Facebook

Mehr ist auf den Plakaten nicht zu lesen und auch von den Verfasserinnen ist kaum etwas bekannt. Allerdings haben viele Menschen, darunter auch islamische Gehlehrte, die Fotos auf ihren Facebook-Seiten geteilt und kommentiert. So ist eine breite Debatte entstanden, bei der viel Kritik, aber auch Zustimmung geäußert wird. Für die einen widerspricht die Kampagne der islamischen Religion. Andere unterstützen sie, weil sie der Meinung sind, dass es gerade darum geht, die religiösen Anforderungen zu hinterfragen. Und einige Menschen finden die Idee der Kampagne zwar gut, kritisieren jedoch deren Umsetzung und bezweifeln ihre Wirkung auf die Gesellschaft.

 „Gott ist mit uns“

Mariam El-Najjar aus Kairo ist 19 Jahre alt und macht eine Ausbildung im Bereich Tourismus- und Hotelmanagement. Die „Frauenaktion“, wie sie die Kampagne bezeichnet, mag sie nicht. Sie wundert sich, warum die Frauen solch „liberale Ideen“ propagieren, die „unserem Glauben“ widersprechen. „Wir sind doch Muslime und sollen dem Islam folgen“, meint sie und fügt hinzu, dass „die persönliche Freiheit im Rahmen der Sitten und der Moral liegen muss, ohne die Grenzen des Islam anzufechten”.

Deshalb sei es schlicht falsch, was „diese Frauen“ machten – egal ob es sich um Make-up, Freundschaft mit Männern oder lautes Lachen in der Öffentlichkeit handele. „Das Kopftuch ist verpflichtend, genauso das Gebet“, mahnt Mariam mit Verweis auf den Koran.

"Ich trage kein Kopftuch und ich bete" - Teilnehmerin der #Stop_Stereotyping-Kampagne.

„Ich trage kein Kopftuch und ich bete“ – Teilnehmerin der #Stop_Stereotyping-Kampagne. Foto: Facebook

 

Sie sieht in der Aktion daher auch einen Widerspruch: Einerseits erkannten die Frauen die Bedeutung der Religion an, indem sie für sich beanspruchten „anständig“ zu handeln – eine religiös geprägte Anforderung. Andererseits sei es nicht möglich, die Religion zu schätzen und sich dann nicht auch daran zu halten. Religion sei schließlich nicht nur Moral, sondern eine Verpflichtung zu beten, Gott zu verehren und das Kopftuch zu tragen.

Mariam empfindet es als unehrlich und heuchlerisch, dass religiöse Menschen andererseits oft als verwirrt oder rückständig bezeichnet werden. Auch sie möchte selbstbestimmt für sich entscheiden und ihre Religion ausüben, ohne dafür kritisiert zu werden. Mit 16 habe sie begonnen, das Khimar genannte lange Kopftuch zu tragen, wofür sie in ihrer Schule stark kritisiert wurde. Doch davon habe sie sich allerdings nicht einschränken lassen – „denn Gott ist mit uns”. Heute werde sie für ihr Kopftuch nicht mehr so oft kritisiert. Mehr und mehr Menschen zeigten sogar Interesse daran. „Also“, resümiert Mariam, „es gibt eine Verbesserung – Gott sei Dank.”

Auf ihrer Facebook-Seite teilte Mariam denn auch die Bilder einer Gegenkampagne zu der #stop_stereotyping Initiative. Darin stehen Slogans wie „Ich bin nicht neben der Rolle: Ich habe keine männlichen Freunde“ – „Ich trage kein Make-up: Ich bin natürlich und schön“ – „Ich lache nicht laut: Ich bin anständig” oder „Ich trage einen Niqab, aber radikal bin ich nicht“. Auf keinem der Bilder sind allerdings Frauen zu sehen, sie zeigen immer nur einzig den Slogan.

 

"Ich trage kein Make-Up. Ich bin natürlich und schön" - ein Beispiel der Gegenkampagne zu #stop_stereotyping. Foto: FB

„Ich trage kein Make-Up. Ich bin natürlich und schön“ – ein Beispiel der Gegenkampagne zu #stop_stereotyping. Foto: FB

 

„Jeder Mensch soll frei und ehrlich sein“

Anders als Mariam findet Menna Khamis Barakat, eine 24-jährige Psychotherapeutin aus Kairo, die Kampagne eine sehr gute Idee. Es sei wichtig, sich gegen Stereotype und rigide Erwartungen einzusetzen, meint sie. „Die Leute denken, sie sind Gott und beanspruchen für sich das Recht, das Leben anderer Menschen zu beurteilen.” Menna habe nicht nur Freundinnen, sondern auch Freunde. Das mache sie aber natürlich nicht zu einer unanständigen Frau. Auch trügen manche ihre Freundinnen, im Gegensatz zu ihr selbst, kein Kopftuch. Menna findet: „Das Tuch, das ich um meinen Kopf binde, gibt mir kein Recht, moralische Vorurteile gegenüber anderen zu haben.”

Sie verstehe nicht, was das Lachen einer Frau mit Moral zu tun habe. Und warum solle es so schlimm sein, mit einem Mann befreundet zu sein? Die meisten Männer, die die Kampagne kritisierten, hielten sich ohnehin selbst nicht an die in der ägyptischen Gesellschaft herrschenden Anforderungen von Anstand und Sitte, zum Beispiel tränken sie Alkohol. Gleichzeitig erwarteten diese Männer jedoch von den Frauen, sich an eben jene Regeln zu halten. Das sei wie in Saudi-Arabien, wo Frauen sich anscheinend nur verschleierten, weil sie das Gesetz dazu verpflichtet, nicht aus eigener religiöser Überzeugung. Menna meint, „jeder Mensch soll frei und ehrlich sein – solange er den anderen damit nicht schadet.”

Man dürfe nicht verhandeln, was schon immer gegolten hat

Ahmad Shehata ist 28 und unterrichtet Deutsch in Kairo. Er sagt, die fünf Frauen hätten es zwar gut gemeint, bei ihrer Aktion jedoch einen Fehler gemacht: „Sie versuchen, die Gesellschaft mit ihren Ideen zu überzeugen.“ Aber das funktioniere nicht, meint Ahmad, denn inzwischen seien ohnehin alle überzeugt, dass eine Frau ohne Kopftuch nicht religiös sei und keine Moral habe. Überhaupt verstehe er nicht, warum diese Frauen sich gegen die gesellschaftlichen Erwartungen an ihr Verhalten wehrten – schließlich habe diese Erwartung schon immer so existiert und dürfe deshalb nicht verhandelt werden.

Doch trotz aller Vorbehalte erkennt Ahmad die Notwendigkeit von Veränderungen an. Seiner Meinung nach müsse diese allerdings auf andere Weise angestoßen werden: Wer die Gesellschaft ändern wolle, solle zunächst die Rechte der Menschen unterstützen, die sie selbst nicht beanspruchen können. Auch die Frauen sollten daher „diejenigen ansprechen, die frei leben möchten, sich jedoch selbst nicht trauen, das öffentlich einzufordern.“ Denn die Gesellschaft würde freie, das heißt selbständig denkende und handelnde Menschen erst dann akzeptieren und nicht weiter verurteilen, wenn jene mehr würden und keine Ausnahme mehr darstellten, sondern die Normalität.

„Niemand darf bestimmen, was das richtige Verhalten ist“

Dies sind nur drei Ansichten zur Schilder-Kampagne – im Internet ging die Debatte um die gesellschaftliche Sitten und Erwartungen hoch her. Menna sind die Hintergründen zu dieser aufgeheizten und polarisierenden Auseinandersetzung klar: „Viele Menschen legen großen Wert auf ihr Ansehen, das nach alten, traditionellen Normen der Gesellschaft bemessen wird.” Dabei sei der Anschein oft wichtiger als die tatsächliche Religiosität oder das wirkliche moralische Verhalten. Die Leute beobachteten einander, kritisierten und beurteilten das Verhalten ihrer Mitmenschen.

Menna lehnt das entschieden ab. „Ich muss aber nicht genau wie die anderen Menschen denken. Ich darf Atheistin sein. Oder eine andere Religion haben. Man darf die Anderen nicht aus der eigenen Sicht verurteilen”.

Mariam fragt sich dagegen, wie irgendwer es überhaupt normal finden könne, sich Gott und seinen Geboten zu widersetzen. Eigentlich sei doch klar, was im islamischen Sinne „haram“ (verboten) und was „halal“ (erlaubt) sei. Wenn Gott etwas befiehlt, müsse man selbstverständlich folgen. Es gehe dabei schließlich um das eigene Leben im Jenseits. „Ist das Paradies so wertlos, dass man es gegen eine Hose, Make-up oder Männer tauscht?“, fragt Mariam.

Die Revolution hat eine geistige Veränderung bewirkt

Ahmed glaubt, dass die Debatte Teil eines intellektuellen Konflikts innerhalb der ägyptischen Gesellschaft ist – eines Konflikts, der erst jetzt richtig auszubrechen beginnt. Zuvor habe eine Person, die irgendwie anders war, in der Gesellschaft allein gestanden. Jetzt kämpften „die alten gegen die neuen Gedanken“ und „die neuen Ideen haben Krallen.” Das sei nicht zuletzt eine Folge der Revolution von 2011, die eine geistige Veränderung bewirkt habe.

Diese Veränderung habe jedoch schon früher angefangen. Lange Zeit hat es nur das vom Staat kontrollierte Fernsehen gegeben, doch im Zuge der digitalen Fortschritte und dem Einsatz der sozialen Medien sei zunehmend an gesellschaftlichen Tabus gekratzt worden. „Die Leute haben jetzt viel leichter Zugang zu neuen Ideen, egal ob sie aus dem In- oder Ausland kommen. Sie sehen, dass andere Gesellschaften auf allen Ebenen erfolgreich sind, sowohl wirtschaftlich als auch gesellschaftlich. Das wirkt oft als Ansporn, weil sie diesen Erfolg auch erreichen wollen”, sagt Ahmad, der selbst als Student für kurze Zeit in Deutschland gelebt hat.

Trotz der neuen Einflüsse, habe ein Großteil der Gesellschaft – auch junge Menschen – an den überlieferten Traditionen fest gehalten. Ahmad glaubt, dass eine Veränderung kommen wird, fürchtet jedoch eine Übergangsphase, die durch Konflikte zwischen den teils widersprüchlichen Ideen und Ideologien geprägt ist und das Zusammenleben erschwert. Er glaubt, dass die ägyptische Gesellschaft erst zu Stabilität findet, nachdem diese Konflikte beigelegt sind. Dann könnten Menschenreche und eine richtige Demokratie etabliert werden und „wir werden alle mit unseren unterschiedlichen Ideen zusammen leben können.”

Menna teilt die Meinung, dass die Revolution einen großen Einfluss auf die Ansichten oder das tatsächliche Verhalten der Ägypter und Ägypterinnen gehabt habe. Manche Leute hätten ihr Aussehen geändert oder sogar begonnen, öffentlich eine andere politische Meinung oder sexuelle Orientierung zu vertreten. Allerdings sei die Gesellschaft gespalten in ihrer Haltung zu diesen Veränderungen – was darüber hinaus bereits vorhandene soziale Gräben vertiefe, denn Akzeptanz gegenüber den Veränderungen fände sich vor allem in der Mittel- und Oberschicht. Menna fürchtet diese gesellschaftlichen Spaltungen: „Ein Teil wird westlich orientiert sein, auf der anderen Seite werden Organisationen wie der IS Einfluss finden. Und dann wird es noch einen Teil dazwischen geben.”

Was wird die Kampagne #stop_stereotyping bringen?

Die Grundlage für gesellschaftliche Veränderungen sei Freiheit, sagt Menna, sowohl soziale und politische, aber auch persönliche Freiheit. Doch wenn sie versuche, ihre Prioritäten zu ordnen, dann liege das Recht auf persönliche Freiheit ganz hinten. Es gebe erst größere und überlebensnotwendigere Probleme zu lösen.

Vielen Ägyptern und Ägypterinnen sei gar nicht klar, worum es sich bei diesen Freiheiten handle. „Wir haben eine geistige Leere und keinerlei Aufklärung, weder politisch noch medizinisch oder sonst wie.” Daher entwickle sich Ägypten als Gesellschaft und Land nicht weiter. „Wir haben Drogenprobleme, überall werden Frauen sexuell belästigt und die wirtschaftliche Lage ist schlecht. Man kann mit einer Person, die im Elendsviertel lebt und sich um das tägliche Essen sorgt, nicht über persönliche Freiheiten und Rechte reden”, sagt sie und denkt dabei an ihre Arbeit im Krankenhaus, wo sie jeden Tag Patienten trifft, die sich ihre Behandlungskosten nicht leisten können. Vor diesem Hintergrund glaubt Menna, dass die Kampagne #stop_stereotyping nichts bringen wird.

Auch Mariam sieht keinen Raum für Veränderung. Für sie ist die Kampagne höchstens eine Modeerscheinung, die niemand wirklich ernst nimmt. Die vielen Kommentare seien eine kurzweilige Beschäftigung, doch die Menschen würden sich nicht ändern.

"Ich bin eine Frau. Ich bin nicht schwach." Teilnehmerin der #stop_stereotyping-Kampagne. Foto: FB

„Ich bin eine Frau. Ich bin nicht schwach.“ Teilnehmerin der #stop_stereotyping-Kampagne. Foto: FB

 

Es gibt da einen Slogan der #stop_stereotyping Kampagne, der vergleichsweise ignoriert wurde. Er lautet: „Ich bin eine Frau, aber ich bin nicht schwach”. Dieser Spruch hat auf Facebook kaum Reaktionen hervorgerufen, oft wurden die anderen Fotos auch ohne diesen Slogan geteilt.

Für Mariam ist klar: „Natürlich sind wir nicht schwach. Alle Leute sind sich da einig.“ Weil der Slogan allerdings „die Religion nicht direkt betrifft und deshalb die Gesellschaft nicht schockiert”, würden ihn so viele Menschen ignorieren, sagt Ahmad. Die Psychotherapeutin Menna dagegen ist unsicher, warum die Leute so reagieren. Sie überlegt kurz und sagt: „Es gibt viele Männer, die Frauen für schwach halten. Es kommt ihnen nutzlos vor, daran etwas zu ändern und vielleicht wäre sogar ihre Ehre gefährdet, weil sie sich als Männer stärker fühlen müssen.“

 

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