Von | | Ägypten, Alsharq-Veranstaltung.

Am 26. Oktober haben wir in Berlin über die aktuellen Entwicklungen in Ägypten diskutiert. Foto: Tobias Pietsch Am 26. Oktober haben wir in Berlin über die aktuellen Entwicklungen in Ägypten diskutiert. Foto: Tobias Pietsch

„Ägypten und wir?“ war das Thema unserer aktuellsten politischen Bildungsveranstaltung. Ein leerer Stuhl zeigte dabei ganz konkret, wie heikel es ist, sich mit Ägypten zu beschäftigen – aber deutllich wurde auch, dass wir uns von der Angst nicht entmutigen lassen dürfen.

„Angst,“ sagte eine Teilnehmerin der Alsharq-Veranstaltung „Ägypten und wir?“ vergangene Woche, „ist immer ein schlechter Berater.“ Bei zu viel Angst sei das Ziel autoritärer Regime erreicht, denn dann würde sich niemand mehr trauen, Kritik zu äußern oder überhaupt etwas zu unternehmen. Doch Angst, das haben wir während der Vorbereitungen für die Veranstaltung selbst zu spüren bekommen, reicht mittlerweile auch über die Grenzen Ägyptens hinaus. Damit „umzugehen“, diese Angst anzuerkennen, sich davon aber auch nicht entmutigen zu lassen, ist Herausforderung und Verantwortung zugleich. Denn im Kern geht es dabei um zwei offene Fragen: Warum müssen wir handeln – und was können wir tun?

Für die Veranstaltung wollten wir, wie auch unsere politische Bildungsarbeit allgemein, Stimmen aus Deutschland und dem Nahen Osten, in diesem Fall Ägypten, zusammenbringen. Dafür haben wir neben dem Bildungswerk Berlin der Heinrich-Böll-Stiftung auch mit einer ägyptischen Kollegin kooperiert. Unser Plan war, auf die anhaltende Auseinandersetzung um Selbstbestimmung und Teilhabe einzugehen, und das insbesondere mit Blick auf junge Menschen in Ägypten zu veranschaulichen. Über viele Wochen hatten wir uns dabei gefragt, ob unsere Pläne angesichts der zunehmenden Repression, die von der ägyptischen Regierung ausgeht, nicht zu sensibel sind. Bis ein paar Tage vor dem Veranstaltungstermin waren wir dennoch einigermaßen zuversichtlich.

Ein dubioser Aufruf zur Revolution verunsichert zusätzlich

Wirklich überraschend kam die Entscheidung unserer ägyptischen Kollegin trotzdem nicht, als sie uns mitteilte, nicht mehr öffentlich an der Veranstaltung teilnehmen zu können. Ihre Sorgen, sich und eventuell auch ihre Familie und Freunde mit der Teilnahme in Gefahr zu bringen, haben wir gut nachvollziehen können. Dafür gab und gibt es mittlerweile leider zu viele Belege. Aktuell kommt hinzu, dass gerade ein dubioser Aufruf zu einer „neuen Revolution“ durch die sozialen Netzwerke geht. Vielen Aktivist*innen werten diesen Aufruf allerdings als Versuch der Regierung, all jene, die ihm nachkommen, zu verfolgen – egal ob diese Menschen in Ägypten selbst oder in Deutschland sind.

Die Veranstaltung konnten und wollten wir zu diesem Zeitpunkt aber nicht mehr absagen. Stattdessen hatten wir uns entschieden, den leeren Stuhl unserer Kollegin zum Anlass zu nehmen, uns und die Teilnehmer*innen zu fragen, was es damit auf sich hat, für wen dieser Stuhl vorgesehen war und wer ihn eventuell füllen kann. So begann der Abend mit einem kurzen Überblick zur aktuellen Situation in Ägypten und unterschiedlichen Formen von Aktivismus. Anschließend hatten wir mit einem ägyptischen Fotojournalisten geskypt, der mittlerweile im politischen Exil in Indonesien lebt. Auch hatten wir Parallelen zu anderen Fällen gesucht, in denen Aktivist*innen unter enormen Druck arbeiten. Dabei ging es vor allem um Syrien und beispielsweise die Arbeit von Adopt a Revolution. So wurde deutlich, wie weit die Konsequenzen der Umbrüche in Ägypten mittlerweile reichen – und was das für die Bedingungen praktischer Solidarität bedeutet.

Es geht darum, sich einzusetzen

Von der Veranstaltung und insbesondere der offenen Diskussion haben wir viel gelernt, wofür wir uns nochmal herzlich bedanken möchten. Wir haben uns sehr darüber gefreut, wie viele kenntnisreiche und interessierte Menschen, darunter auch Ägypter*innen selbst, teilgenommen haben. Das ermutigt uns in unserer Arbeit, zivilgesellschaftlichen Austausch mit Ägypten zu befördern, weil dieser sonst zu kurz kommt, wie auch viele Teilnehmer*innen bestätigt haben. Auch haben wir festgestellt, dass es nicht mehr ausreicht, die Situation in Ägypten zu dokumentieren, weil sie mittlerweile hinlänglich bekannt ist. Umso wichtiger ist es stattdessen, konkret auf die Möglichkeiten und Schwierigkeiten politischer Arbeit einzugehen, insbesondere solcher Arbeit, die un-politisch wirkt. Das sehen wir als wichtige Ergänzung zu dem öffentlichen Druck auf die jüngsten „Sicherheitsabkommen“, Investitions– und Waffendeals zwischen Deutschland und Ägypten an.

So ist es vielleicht sogar zweitranging, ob es nun ein Privileg oder schlicht eine Tatsache ist, dass „wir“ nicht alle gleich von der Repression in Ägypten betroffen sind. Entscheidend ist, dass all jene, die dazu die Gelegenheit haben, sich einsetzen und aktiv werden für die Menschen, die das nicht mehr können.

 

Die nächste Alsharq-BildungsveranstaltungIran nach den Nuklearsanktionen: Zwischen Öffnung und Verteidigung des Status Quo“ findet am Montag, 14. November in Kooperation mit dem Bildungswerk Berlin der Heinrich-Böll-Stiftung statt.

 

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