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Die Organisatorinnen und die Jury: Chouftouhonna ist das erste Festival seiner Art in Tunesien. Foto: Chouf. Die Organisatorinnen und die Jury: Chouftouhonna ist das erste Festival seiner Art in Tunesien. Foto: Chouf.

Vom 13. bis 15. Mai fand in Tunis das internationale feministische Kunstfestival Chouftouhonna statt. Chouftouhonna bedeutet im tunesischen Dialekt „ihr habt sie gesehen“. Und genau darum ging es: um Sichtbarkeit! Von Leonie Nückell

Die Endung –honna in chouftouhonna ist weiblich, also: Ihr habt die Frauen gesehen. Und wir haben sie gesehen, die 116 Teilnehmerinnen aus 32 Ländern, die Filme, Photographien und Skulpturen präsentieren, über ihre Projekte und ihren Aktionismus erzählen, zum gemeinsamen gestalten einladen. An zwei runden Tischen teilen Aktivistinnen aus dem Jemen, aus Tunesien und aus Schweden ihre persönlichen Geschichten mit dem Publikum. Es wird über Vernetzung debattiert.

„Für uns bedeutet Chouftouhonna: Kommt, seht sie euch an! Seht die Frauen, seht ihre Kunst und ebenfalls: seht ihren Aktivismus, seht ihren Feminismus!“, so Bochra Triki, eine der Organisatorinnen des Festivals. „Die beiden runden Tische sind dazu da, sich zu vernetzen. Wir wollen sowohl für tunesische Feministinnen untereinander als auch für Feministinnen auf internationaler Ebene eine Möglichkeit schaffen, sich zu treffen und auszutauschen.“

Interaktion findet auch in den verschiedenen Workshops statt: Aicha Snoussi aus Tunis verschönert mit ihrem Graffiti-Workshop dauerhaft die Treppen vor dem Eingang des Kulturzentrums, jede Besucherin und jeder Besucher kann daran mitgestalten. Ariane Sirota aus Frankreich baut mit einer Gruppe von Interessierten einen Frauenkörper aus Zeitungspapier: Die Worte der Nachrichten bestimmen seine Form, definieren seine Gestalt. Im Anschluss daran fordert Ariane die Besucherinnen dazu auf, bunte Zettel zu beschreiben und sie auf den bis dahin fremdbestimmten Körper zu kleben; er wird nun zurückerobert und durch die Frauen selbst definiert.

Die Selbstbestimmung des Körpers ist Gegenstand vieler Beiträge auf dem internationalen Festival. Gewalt gegen Frauen wird ebenso thematisiert wie weibliche, Trans- und Homosexualität. Die Besucher_innen aus aller Welt tauschen sich aus und stellen fest, dass dies Themen sind, die sie alle betreffen und in all ihren Herkunftsländern eine Rolle spielen.

Der Kampf gegen die Repräsentation und für die Eigendefinition

Das Kriterium zur Teilnahme am Festival ist einfach: alle Menschen, die sich als Frauen definieren, können im Rahmen der konkreten Realisierbarkeit ihren Beitrag zeigen. Chouftouhonna bietet ein Forum für weibliche Stimmen. Männliche Besucher sind herzlich willkommen, Präsentationen bleiben jedoch Frauen vorbehalten.

Warum ist schnell erklärt: Der öffentliche Raum ist auch heute im 21. Jahrhundert männlich dominiert. Männlich gelesene Menschen haben täglich ein breites Publikum, dem sie sich selbst und vor allem ihre Ansichten über die Frau darbieten können. Die weibliche Stimme dagegen bleibt im öffentlichen Raum marginalisiert, Feministinnen aus der ganzen Welt werden dies bestätigen.

Und auch in der Kunstszene gibt es viele Bereiche, in denen Frauen unterrepräsentiert sind. Die tunesische Rapperin Medusa kann ein Lied davon singen. Sie ist eine der ersten Frauen in der noch kleinen tunesischen Rapper_innenszene. In ihrer Musik beschäftigt sie sich mit der politischen und gesellschaftlichen Situation in Tunesien, prangert Korruption und Vetternwirtschaft an sowie die marginalisierte Position der Frau in der Gesellschaft.

Chouftouhonna will Frauen wie ihr ein Forum bieten: Die künstlerische Selbstinszenierung als Ausdruck von Empowerment. „Das Festival fordert das Publikum zur Aufmerksamkeit auf: chouf! [arabisch für Sieh! – Anm. d. Autorin] Das Festival arbeitet für die Sichtbarkeit von Künstlerinnen“, erklärt Yosra Esseghir. Sie ist verantwortlich für Soukouhonna, ein dem Festival angeschlossener Kunsthandwerksmarkt, auf dem produzierende Frauen aus Tunesien ihre Waren anbieten [souk: arabisch für Markt – Anm. d. Autorin].

Um die Selbstbestimmung der Frau steht es weltweit nicht besonders gut. Gesellschaftliche Konventionen, religiöse und traditionelle Vorstellungen und Schönheitsideale bestimmen weitgehend, wie eine Frau sich zu verhalten und zu kleiden hat, wie laut oder wie leise sie sprechen soll, welche Art von Witzen sie machen darf, ob sie heiraten soll oder nicht, ob sie darüber bestimmen darf, Mutter zu werden oder nicht. Und wenn sich die Frau dagegen wehrt, wenn sie es wagt die Stimme zu erheben, wird ihr als Antwort meist ein Zerrbild vorgehalten, das sie als männerhassende Feministin, mackerige Kampflesbe oder Haudrauf-Emanze darstellt, die wie eine Dampfwalze den gesellschaftlichen Vorgarten überrollt und dessen sorgsam zurechtgestutzte Ordnung platt walzt. In Tunesien wird sie als „verwestlicht“ verschrien.

Tunesische Feminismen

Chouftouhonna meint Selbstbestimmung. Diese Forderung hat Tradition in Tunesien. In den 1920er Jahren begannen Frauen eine Debatte um die Verschleierung. Es folgte eine Zwischenepisode männlich definierter Emanzipation der Frau: 1930 veröffentlichte der Gelehrte Tahar Haddad sein Werk „Unsere Frau in Gesetz und Gesellschaft“, in welchem er Bildung und Teilnahme im öffentlichen Raum für Frauen forderte. Er begründete dies damit, dass eine Gesellschaft es sich nicht leisten könne, auf das Potential einer seiner Hälften zu verzichten. Frauen sollten vielmehr aktiv die Gesellschaft mitgestalten. Aufgrund seiner Ansichten wurde Haddad gesellschaftlich isoliert, er verstarb 1935.

Nach der Unabhängigkeit 1956 setzte der erste tunesische Präsident Habib Bourguiba jedoch Haddads Programm um: Er schuf ein Personenstandsgesetz (Code du Statut Personnel – CSP), welches Tunesien bis heute in der internationalen Wahrnehmung als das „fortschrittlichste“ der arabischen Länder in Bezug auf Frauenrechte definiert. Demnach genießt die Frau das aktive und passive Wahlrecht, hat das Recht ohne die Zustimmung ihres Mannes zu arbeiten, wählt eigenständig ihren Ehepartner aus und kann sich von ihm scheiden lassen. Auch die nach islamischem Recht mehrheitlich gestattete Polygynie wurde abgeschafft. Seit 1961 gibt es staatliche Familienplanungsbüros und den uneingeschränkten Zugang zu Verhütungsmitteln. Die „Pille danach“ ist rezeptfrei in der Apotheke erhältlich und 1973 wurde die Abtreibung legalisiert (im Vergleich dazu ist in der Bundesrepublik die Abtreibung seit 1976 straffrei, legalisiert wurde sie jedoch bis heute nicht).

All dies schuf zwar günstigere Bedingungen für Frauen, die Definition ihrer Rechte und Bedürfnisse blieb jedoch fremdbestimmt. Dies unterstrich auch Bourguiba selbst mit seiner Definition der Aufgaben der Frau: „[A]n erster Stelle [stehen] ihre familiären Verpflichtungen als Ehefrau, Mutter und Hausfrau […], ihre Rolle im öffentlichen Leben kann ggf. als sekundär behandelt werden.“[1]

In den 1980er Jahren schließlich brach sich das Aufbegehren autonomer Frauen Bahn: Informelle Gruppen aktiver Frauen schossen in der linken Szene der Hauptstadt Tunis wie Pilze aus dem Boden, die zweisprachig in arabisch und französisch erscheinende Zeitschrift NISSA wurde gegründet. Die Frauen wollten für sich selbst sprechen.

Sie prangerten Bourguibas Staatsfeminismus als Mittel zum Zweck der Modernisierung an: Die Situation der Frau habe sich im Namen der Entwicklung des Landes zwar verbessert, das Patriarchat und die traditionellen Rollenbilder seien jedoch niemals hinterfragt worden und bestünden fort. Die traditionelle Rolle der Frau sei nicht durch die Rolle der Bürgerin ersetzt, sondern lediglich durch sie ergänzt worden. Die Aktivistinnen folgerten, dass die Verantwortlichkeiten der Frau für Haushalt und Kinder nicht neu verhandelt worden waren und ihr Zugang zur Öffentlichkeit und ihre Möglichkeit zur gesellschaftlichen Mitgestaltung immer noch begrenzt seien.

Die Debatten der Frauen drehten sich um die Untersuchung der Rolle der Frau in Bezug auf traditionelle Muster sowie die kapitalistische und patriarchale Ausbeutung des Frauenkörpers durch Reproduktion, Arbeit und Fremddefinition als Quelle sexueller Befriedigung. Die Selbstbezeichnung als Feministinnen war zunächst als kollektive Identifikation gewollt und wurde verteidigt, setzte sich aber nicht in allen Gruppen durch. Die Bewegung hatte mit erheblicher Ablehnung und teilweise gar Angriffen durch starke gesellschaftliche Kräfte zu kämpfen, die sie unter anderem als „verwestlicht“ diskreditierten. So nahm die Bewegung in ihrer Radikalität und Aktivität beständig ab, die informellen Gruppen lösten sich auf und die Stimmen schienen mit dem Ende der 1980er Jahre verhallt zu sein.

Nach dem arabischen Frühling 2011 erstarkten islamistische Stimmen, vor allem repräsentiert durch die Nahda-Partei. In diesem Rahmen flammten 2012 Diskussionen auf, wie die Rolle der Frau in der neuen Verfassung festgelegt werden sollte. Im CSP sollten Frau und Mann nicht mehr gleichberechtigt nebeneinander stehen, sondern als sich ergänzend verstanden werden. Die Association Tunisienne des Femmes Démocrates, eine Tochter der autonomen Frauenbewegung der 1980er Jahre, witterte darin den Versuch, bereits festgeschriebene Frauenrechte zurück zu nehmen. Sie mobilisierte daher innerhalb eines breiten Bündnisses erfolgreich für die Erhaltung der Formlierung der Gleichstellung von Mann und Frau. Die veränderte gesellschaftliche Situation erforderte nun wieder ganz konkret feministischen Aktivismus.

„Seit 2011 kann überhaupt erst wieder an Feminismus gedacht werden.“

Erst seit der Revolution 2011 werden politische Themen wieder in der Öffentlichkeit diskutiert. „Vorher haben die Leute in den Cafés nur über Fußball geredet. Fußball, Fußball, Fußball. Jeder war ein Experte. Seit 2011 reden die Leute über Politik. Über Politik, die Gesellschaft und auch über Privates. Es wird offener diskutiert. Und mit der Politik kommen auch Themen auf wie Sexualität“, erzählt Yosra. In diesem Klima des politischen Interesses und des Aktionismus hat sie mit weiteren Frauen 2014 das feministische Autorinnenkollektiv Chaml gegründet. Die Frauen schreiben auf ihrem Blog über Politik, Feminismus, Familie, Sexualität und Konzepte jenseits der Heteronormativität. Sie benennen das Private als politisch und damit als strukturell. Die Erfahrungen und Probleme der einzelnen Autorin werden als strukturelles Problem des gesamtgesellschaftlichen Systems begriffen. Mit diesen Texten will Chaml gängige Bilder über die Frau in der tunesischen Gesellschaft dekonstruieren.

Auch die 2013 gegründete Organisation Chouf, aus deren Schoß Chouftouhonna entstand, setzt sich für die körperlichen, sexuellen und individuellen Rechte der Frau ein, für Diversität und Selbstbestimmung.

So hat der Feminismus in Tunesien seit 2011 neue Stimmen bekommen. Yosra fühlt sich mit der Bewegung der 1980er Jahre verbunden. Damals seien Themen in einem unkonventionellen Diskurs angegangen worden, den sie für angebracht hält, um Tabus zu brechen. Für Chaml stellt sie sich eine Art Stufenplan vor: Zunächst die Selbstfindung der Frauen und die Benennung von gesellschaftlichen Problemen in einem geschützten Rahmen wie dem Kollektiv. Dann das zunehmende Eintreten in die Öffentlichkeit durch Lesungen, Veröffentlichungen und Teilnahme an Debatten. Dies wiederum führe dann zum ultimativen Ziel; dass Frauen selbst ihre Bedürfnisse, ihre Aufgaben und ihr Sein  bestimmen.

 

[1] Bourguiba am 13.08.1976, zitiert nach Anne Françoise Weber (2001), Staatsfeminismus und autonome Frauenbewegung in Tunesien, Hamburg: Deutsches Orient-Institut, S. 30.

 

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