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"Home from Home-Exile" - Illustration von Moshtari Hilal (www.moshtari.tumblr.com) "Home from Home-Exile" - Illustration von Moshtari Hilal (www.moshtari.tumblr.com)

Viel ist zu hören und zu lesen über geflüchtete Menschen: in den Headlines, in Parteiprogrammen, im Bus und auf Demos. Wer waren sie vor ihrer Ankunft in Deutschland? Und wer sind sie jetzt? Mit welcher Stimme erzählen sie selbst ihre persönliche Geschichte? Saskia Benter hat mit Geflüchteten gesprochen, statt über sie und vor allem eins: zugehört. Eine Portraitserie

Ich beginne mit Hossin.

„Ich will nicht mehr Tagespolitik sein“, beschwert er sich, als ich ihn frage, ob ich ein Portrait über ihn schreiben darf. Am selben Tag ist seine Heimatstadt Palmyra in allen Zeitungen abgebildet. „Und wenn ich etwas vollkommen unpolitisches schreibe?“ Er überlegt kurz und sagt: „In Ordnung. Erzähl etwas, das mich zum Lachen bringt. Kannst du das? Und versuche, nicht ein einziges Mal das Wort Flüchtling zu verwenden.“ Ich setze an, aber er unterbricht mich: „Nein, auch nicht die ‚korrekte‘ Version, Mensch mit Fluchterfahrung. Einfach nur Hossin.“

An einem anderen Tag laufen wir über einen großen Flohmarkt. Junge Menschen verkaufen ziemlich alt und dreckig aussehendes Zeug. „Was soll das kosten?“, fragt Hossin. In der Hand hält er einen abgenutzten roten Fahrradhelm. „Bla bla bla“, (ein hoher Preis) entgegnet ihm die Verkäuferin. „So teuer?“, wundert er sich. „Bla bla bla“ (ist halt authentisch, DDR, retro und so), antwortet sie. Hossin sieht sie verständnislos an.

Dann setzt er den Helm auf und schnallt ihn unter dem Kinn zu. Zufrieden stützt er die Hände in die Hüften und wendet sich mir zu. „Sieht gut aus?“ „Voll gut.“ „Super“, freut er sich. „Ein Ausländerhelm gegen die Steine von Pegida.“ Die Verkäuferin hustet auf. „Können wir nicht doch noch mal über den Preis verhandeln? Ich brauch den wirklich.“ Er nimmt den Helm mit und lässt ihn auch auf, während wir weiter über den Markt schlendern. Immer wenn ich ihn ansehe, muss ich losprusten.

Entwaffnender Humor

Am Anfang, als Hossin kaum Deutsch und ich kein Wort Arabisch sprach, waren unsere Gespräche höflich und langweilig. Endlich ist die Sprachbarriere nicht mehr groß genug, um seinen Humor zurückzuhalten. Und das lässt wiederum Verletzungen aufleuchten, über die er vielleicht nur lachend reden kann – oder sonst gar nicht.

Es hat lange gedauert, bis ich nicht mehr beklommen verstummte, wenn Israelis einen Holocaust Witz erzählten – was diese im Übrigen nicht weniger lustig fanden. Tatsächlich war es immer der einfachste Weg, mich auch mal zum Schweigen zu bringen.

Gerade im akademischen und intellektuellen Diskurs findet jeder eine Plattitüde, eine tradierte Haltung, einen rhetorischen Schutzraum. Humor ist schneller, er löst einen Affekt aus, bevor man die Worte beisammen hat. Und schon steht man ziemlich dumm und ziemlich nackt da.

Hossin begegnet dem überheblichen und zunehmend entmenschlichenden Diskurs, der über seinen Kopf hinweg geführt wird, mit großer Ironie. Von der Betroffenheit oder dem Mitgefühl von Nichtgeflüchteten fühlt er sich eingeengt und stigmatisiert.

Er interpretiert seine Situation bewusst anders: Eigentlich, so meint er, sei er seit 2 Jahren quasi ununterbrochen auf Reisen. Um diese Haltung zu untermauern, schloss er sich dem internationalen Netzwerk Teachsurfing an, deren Mitglieder an den Orten, welche sie besuchen, mit Locals in Kontakt treten und diese in Dingen unterrichten, in denen sie gut sind und die sie in ihrer Heimat erlernt haben. Hossin sieht sich als reisenden Lehrer, einen durch die Reise erfahrenen Lehrer. Eine zugegebenermaßen etwas romantische Vorstellung von Flucht und dem, was sie aus dem Menschen macht. Aber wenn ich an Hossin denke, ist etwas Wahres daran.

Parodie oder Wirklichkeit?

Um mein Versprechen zu halten, nur über amüsante Dinge zu berichten, führe ich Buch über die Erzählungen von Hossin, mit denen er mich und vor allem sich selbst zum Lachen bringt. „Fahrradhelm gegen Steine von Pegida“ passt eben noch auf die letzte Seite. Davor steht ein Kommentar von Hossin zu der in der deutschen Sprache so beliebten Wassermetaphorik. Das Wort Flüchtlingsstrom spielte ich ihm zur Erklärung mit ausladenden Wellenbewegungen nach. Er nickte nachdenklich: „Deswegen wollen wir Flüchtlinge auch nicht mehr ins Schwimmbad. Wir haben die Nase voll davon, nass zu werden.“

Das Buch ist vollgeschrieben. Die Witze schauen nicht weg, sondern ganz genau hin. Für mich sind sie ein direkter Zugang – in diesem Fall zu Freunden, die sich in Deutschland um eine Aufenthaltsgenehmigung abmühen und mittlerweile so gut Deutsch sprechen und verstehen, dass ihnen leider die Zeitungstitel und üblichen Nachrichtenbeiträge nicht mehr entgehen.

„Ich kann dieses Wort nicht mehr hören“, seufzt Hossin. „Welches? Flüchtling oder Lageso?“, frage ich ihn und er hält sich mit grimmigem Blick die Ohren zu.

Ich blättere auf die erste Seite meines Notizheftes zurück. Einer der ersten Einträge ist eine Anekdote über den Fluchtweg durch Europa im Winter. Er floh gemeinsam mit vier Freunden, die er von Kind auf kannte. Einer von ihnen war schon immer dick gewesen und blieb es, trotz der harten Bedingungen und dem wenigen Essen auf der Balkanroute. Als Kinder hatten sie ihn immer damit aufgezogen. Aber in den Wintermonaten dieses Jahres feierten sie das beharrliche Dicksein ihres Freundes. Sein Körper speicherte so viel Wärme, dass sie sich ständig darum stritten neben ihm gehen oder schlafen zu dürfen. Einmal legte eine Frau ihr Kind kurz in seine fülligen Arme.

Diese Erzählungen veranlassen mich darüber nachzudenken, worüber ich mich lustig mache, weil es mich verletzt hat oder vielleicht noch immer verletzt.

Es lohnt sich genauer zu beobachten, wer zurzeit in Deutschland wen parodiert. Wer sich selbst auf den Arm nimmt. Und wer kein schlecht gemeinter Witz geblieben ist. Trump, Le Pen und Petry sind überzogene Charaktere – Karikaturen mit realem und zunehmend politischem Machteinfluss. Die Originale sind kaum noch von der Parodie zu unterscheiden. Die Arbeit wird den Satirikern erschwert, fast schon abgenommen. Und das Lachen bleibt mir im Hals stecken.

 

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