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"Angriff auf ein Wehrdorf" heißt dieser Teppich, der in der Ausstellung zu sehen ist. Gut zu erkennen unter anderem die Kampfhubschrauber. Foto: Daniel Walter "Angriff auf ein Wehrdorf" heißt dieser Teppich, der in der Ausstellung zu sehen ist. Gut zu erkennen unter anderem die Kampfhubschrauber. Foto: Daniel Walter

Kampfhubschrauber, US-Flaggen, Friedenstauben: Seit Anfang der 1980er Jahre die Sowjetunion einmarschierte, haben Kriegsmuster Einzug in die afghanische Teppichkunst gefunden. Derzeit sind einige Exemplare in Berlin zu sehen. Sie erzählen von mehr als dreißig Jahren Krieg, Gewalt und Flucht. Von Daniel Walter.

Auf den ersten Blick erscheint das Muster geläufig. Ein zentrales Medaillon, von dem aus symmetrische Ornamente und Muster in alle vier Ecken des Teppichs ausgehen und miteinander korrespondieren. Die Variationen und regionalen Unterschiede der „Orientteppiche“ oder „Perserteppiche“, wie sie im Deutschen häufig noch verkürzter bezeichnet werden, sind mannigfaltig. Einer weitverbreiteten traditionellen Lesart nach sollen sie den Garten als die der Fruchtbarkeit und Ordnung des Paradieses nachempfundene Ruhequelle in die häusliche Sphäre transportieren.

Zeugnisse von Tradition und Moderne

Ordnung und Ruhe? Rund zwei Dutzend afghanische „Kriegsteppiche“ sind derzeit in der Berliner Galerie „Ministerium für Illustration“ von Henning Wagenbreth zu sehen. Bei genauerem Hinsehen sind die Details ihrer Knüpfungen erkennbar: Abstrahierte Hubschrauber, schemenhafte Kampfflugzeuge und die Silhouetten von Maschinengewehren. Diese Teppiche fügen sich ganz und gar nicht in die stille Symbolik ein. Vielmehr sind sie Zeugen von traumatischen Kriegserlebnissen, von Gewalt, Flucht und Verfolgung. Sie entstammen der Sammlung von Filmemacher Till Passow und wurden unter Mitarbeit von Jürgen Wasim Frembgen, Hauptkonservator und Leiter der Abteilung Islamischer Orient am Museum Fünf Kontinente in München, für diese seltene Schau zusammengestellt.

Innerhalb der bis zum 2. Jahrhundert zurückgehenden Tradition der Teppichkunst im Gebiet des heutigen Afghanistans bilden die „Kriegsteppiche“ eine distinkte Stilrichtung. Erstmals in Erscheinung traten sie Anfang der 1980er Jahre, nachdem die Sowjetunion in das Land einmarschiert war und es somit in einen inzwischen über drei Dekaden andauernden Kriegszustand versetzte. Jürgen Frembgen, einer der wenigen Spezialisten auf diesem Gebiet, schreibt im 2015 entstandenen Begleitkatalog zur Ausstellung, dass die Teppiche sich von der Region um Herat ausgehend über weitere Teile Westafghanistans ausbreiteten und hauptsächlich von halbnomadischen Volksgruppen wie Belutschen, Taymani, Turkmenen und Usbeken geknüpft wurden. In ihnen spiegeln sich markante Knüpftraditionen aus der Zeit der iranischen Dynastie der Qajaren (ca. 1788-1925), regionale Merkmale in Farbpalette und Bildsprache sowie moderne und zeitgeschichtliche Motive wider.

Dem Sammler Passow, von Beruf Dokumentarfilmer, sind die „Kriegsteppiche“ erstmals 2002 während Dreharbeiten im pakistanischen Karachi aufgefallen, als ein Exemplar ihm als Schlafunterlage in einem Gasthaushalt diente. Aus der Faszination heraus erwuchs sowohl eine Privatsammlung als auch seit einigen Jahren unter Mitarbeit von Jürgen Frembgen die einzige Museumssammlung afghanischer Kriegsteppiche in Deutschland, zu sehen in der Münchner Pinakothek der Moderne.

Anhand der in Berlin ausgestellten Exemplare lässt sich nachvollziehen, wie sich der Herstellungsort und die Bildsprache der „Kriegsteppiche“ mit der Zeit stark verändert haben und somit als Zeugnis der jüngeren afghanischen Geschichte gelten können.

Die Anfänge: Subtile Symbolik

Die großen, feingeknüpften Muster der 1980er und 1990 Jahre lassen die Kriegsmotive subtil in Erscheinung treten. Bei dem Exemplar „Stadtansicht von Herat“ (Bild 1) geschieht das unter anderem durch die aus Hubschaubern und Jagdbombern bestehenden Bordüren. Dominant sind die Hügel der Stadt, bedeutende Bauten wie das Mausoleum des Sufi-Heiligen Khwaja Abdullah Ansari  (Vgl. Katalog) und das Großstadtleben Herats generell.

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Bild 1: Ein Teppich mit Jagdbombern und Kampfhubschraubern. Foto: Daniel Walter.

 

Diese frühen Kriegsteppiche wurden größtenteils von Frauen geknüpft und dienten vornehmlich der Nutzung in Privathäusern, wurden aber auch politisch genutzt, um den Widerstandes gegen die sowjetischen Besatzer zu heroisieren. Sie vereinen somit häufig den Stolz auf die eigene Herkunft – etwa durch die Darstellung  afghanischer Landkarten oder Heiligenschreine – mit der Verarbeitung traumatischer Erlebnisse und der Anwesenheit der Kriegsgewalt. In dieser Hinsicht verdeutlichen sie die „Ikonophilie“ (Frembgen) des mystisch geprägten Islam und anderer Genres volkstümlicher Kunst und gehen somit einer verbreiteten westlichen Auffassung der „Bilderlosigkeit“ in islamischen Kontexten entgegen.

Heutzutage eher Souvenirs?

Ganz anders hingegen präsentieren sich die neueren, seit circa 2002 entstandenen Teppiche, zum Beispiel die Darstellung amerikanischer Kampfjets und der afghanischen Landkarte (Bild 2). Die an Naive Kunst oder Comics erinnernde Bildsprache und das handliche Format deuten mehr auf die moderne Ökonomie der Kriegsteppiche hin, als auf eine gewachsene regionale Tradition. Die Verknüpfung der amerikanischen und afghanischen Flaggen mit einer Friedenstaube, die Propagierung des amerikanischen und britischen Kriegseinsatzes (im Rahmen der seit 2001 durchgeführten NATO-Mission) sowie die englischen Schriftzüge lassen eindeutig erkennen, dass dieser Teppich als touristisches Produkt entworfen wurde.

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Bild 2: Englische Schriftzüge deuten darauf hin, dass dieser Teppich für Touristen hergestellt wurde. Foto: Daniel Walter

 

So ist es kein Zufall, dass Passow seinem ersten „Kriegsteppich“ in Karachi begegnete und nicht etwa in Afghanistan. In der Tat wird ein bedeutender Teil der Teppiche heutzutage von afghanischen Geflüchteten in den Camps und Städten Pakistans hergestellt und dient somit vielen Familien als Lebensunterhalt, häufig durch den Einsatz von Kinderarbeit. Sie richten sich in erster Linie an Touristen, Mitarbeiter internationaler Organisationen sowie Militärs.

Der Stil der 1980er und 1990er Jahre wird heutzutage nur noch selten aufgegriffen und „Kriegsteppiche“ aus dieser Zeit sind dementsprechend schwer zu erlangen. Die Werke der Sammlung Passow sind jedoch nicht nur deshalb ein interessantes Stück afghanischer Zeitgeschichte. Zwar können sie uns leider, auch aufgrund kaum vorhandener anthropologischer Studien, wenig über die menschlichen Aspekte der einzelnen Entstehungsgeschichten erzählen. Dies kann auch diese Galerieschau nicht leisten. Nichtsdestotrotz transportieren sie ein eindrucksvolles Stück afghanischer Zeitgeschichte und Bildsprache.

Die afghanischen „Kriegsteppiche“ aus der Sammlung Till Passow sind noch bis zum 14. Januar 2017 im „Ministerium für Illustration“ in Berlin zu sehen. Der Katalog „Geknüpftes Gedächtnis: Krieg in afghanischer Teppichkunst“ (128 Seiten) kostet 39 Euro.  

 
 
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