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Der Ala-Too-Platz in der kirgisischen Hauptstadt Bishkek mit der Manas-Statue war Schauplatz der diesjährigen Unabhängigkeitsfeier. Enthüllt wurde die Statue vor fünf Jahren, anlässlich des 20. Staatsjubiläums - doch sie verweist auf etwas viel Älteres: eine Art mystische Waffenbruderschaft zwischen dem Heute und dem Gestern. Foto: Flickr/Dan Lundberg (cc-by-sa-2.0) Der Ala-Too-Platz in der kirgisischen Hauptstadt Bishkek mit der Manas-Statue war Schauplatz der diesjährigen Unabhängigkeitsfeier. Enthüllt wurde die Statue vor fünf Jahren, anlässlich des 20. Staatsjubiläums - doch sie verweist auf etwas viel Älteres: eine Art mystische Waffenbruderschaft zwischen dem Heute und dem Gestern. Foto: Flickr/Dan Lundberg (cc-by-sa-2.0)

Die zentralasiatischen Staaten zelebrieren derzeit den 25. Jahrestag ihrer Unabhängigkeit, und setzen sich national und regional in Szene. Doch geht es nach den staatstragenden Eliten der fünf Republiken, ist die nationale Geschichte nicht 25 Jahre, sondern viele Jahrhunderte alt. Davon versprechen sie sich politisches Kapital – doch die Strategie ist riskant. Von Ludwig Pelzl.

 

Schon der Historiker Reinhard Koselleck schrieb von der „Beschleunigung“ der Geschichte in der neuzeitlichen Welt, ein Bild, das dem Beobachter aktueller politischer Geschehnisse vertraut erscheint. In einer solchen Beschleunigungsphase, als im Zuge der entfesselten Selbstabwicklung des Ostblocks im Spätsommer und Herbst 1991 dem sterbenden sowjetischen Mutterleib kurz nacheinander fünf Staaten entschlüpften, entstand das Zentralasien, das wir heute kennen. Dieser historischen Konstellation ist es geschuldet, dass in allen fünf Ländern nun binnen weniger Monate, teils sogar Tage, die wichtigsten Staatsakte seit Jahren anstanden. Der dem Leser wahrscheinlich geläufigere Gedanke an die Feier zum 9. Mai in Moskau genügt, um zu verdeutlichen, welche Kultur der öffentlichen Politinszenierung die Sowjetunion ihren Nachfolgern mit auf den Weg gab, was also zu erwarten war und ist.

Den Anfang machte am 31. August Kirgistan, dicht gefolgt von Usbekistan am 1. September, überschattet in diesem Jahr – und vielleicht gerade deshalb besonders interessant – vom Ableben Präsident Karimovs. Tadschikistan feierte am 9. September. Vor kurzem (27.10.) gab sich Turkmenistan die Ehre, während in Kasachstan (16.12.) Präsidialbehörden noch mit Planungen beschäftigt sind. Auch wenn die Feierlichkeiten dort noch ausstehen, braucht es wenig Fantasie (und ein höchstens fünf Jahre zurückreichendes Erinnerungsvermögen), um sich zwischen Volksfestmusik, Panzerkettenrasseln und salbungsvoller Rhetorik der Nomenklatura die Choreographie des Feiertages auszumalen. Im Zentrum der Feierlichkeiten steht – mal unausgesprochen, mal explizit – die Leistungsbilanz bei der politischen Grundaufgabe aller fünf Staaten in den letzten 25 Jahren: dem Statebuilding.

Der kurze und der lange Blick zurück

In vielen Bereichen, wie Verteidigung oder Landwirtschaft, ist die Erlangung der Unabhängigkeit historischer Bezugs- und Ausgangspunkt für alle erzielten Erfolge. In den staatlichen Nachrichten heißt es dann meist, wie viel Baumwolle man in den letzten 25 Jahren produzieren, wie viele neue Soldaten man rekrutieren konnte oder wie viele Schulen der Präsident eingeweiht hat. Der Fortschritt in der Geschichtspolitik zeichnet sich allerdings dadurch aus, dass das Staatsgründungsdatum hier gerade nur als eine jüngere der vielen nationalen Schicksalsstunden auftaucht. Erwartungsgemäß stand an den Jubiläumsfeiertagen der überschaubare Zeitraum im Vordergrund. Wenn es für die Elite allerdings gerade nichts zu feiern gibt, und das ist der zentralasiatische Normalzustand, ist die longue durée Trumpf. So feierte man dieser Tage den Geburtstag vor einer Kulisse von Denkmälern, die gerade herausstreichen sollten, dass man eigentlich deutlich älter als 25 ist.

Im kirgisischen Bischkek defilierte die Militärparade am zentralen Ala-Too-Platz zu Füßen der Kriegerstatue des Manas, eines mythischen Volkshelden aus dem Mittelalter, was wohl auf eine Art Waffenbrüderschaft zwischen dem Heute und Gestern anspielen sollte. Kirgistans Präsident Almasbek Atambaev begann seine Festtagsrede mit einem kurzen historischen Abriss und forderte seine Landsleute auf, weder die harten Prüfungen, die die Kirgisen bestanden hätten, noch die kulturellen Errungenschaften der langen Geschichte zu vergessen. Die Kirgisen seien eines der ältesten Völker der Welt. In der tadschikischen Hauptstadt wurden die Honoratiorentribünen vom „Koloss von Duschanbe“ überragt, einem Monumentalstandbild des Emirs Ismail Somoni, welcher über 1.000 Jahre nach seinem Tod zum Landesvater avant la lettre avanciert ist (und sowohl der Landeswährung als auch dem höchsten Berg seinen Namen leiht). Präsident Emomali Rahmon wies in seiner Ansprache auf das Wiederaufleben 5.000 Jahre alter Sitten nach der Unabhängigkeit hin. An der Festtagsparade nahmen neben  Werktätigen verschiedenster Berufsgruppen in ihrer Arbeitskleidung (ganz nach sowjetischer Tradition) auch Schauspieler in historischen Kostümen teil.

So sind die Nationalfeiertage ein Spagat zwischen der Unabhängigkeit vor 25 Jahren, dem seitdem Erreichten und der, so die Vorstellung, uralten Historie der Völker und deren Kulturen. Die letzten Jahrzehnte sind nur die Spitze des Eisbergs nationaler Geschichte, deren Ursprünge Jahrhunderte, wenn nicht Jahrtausende, in die Vergangenheit zurückdatiert werden. Der erste Blick darf nicht täuschen: Es geht hierbei nicht nur um die Umbenennung von Straßen oder den Bau des einen oder anderen Denkmals. Hinter der oft worthülsenlastigen Propagandafassade und kruden Geschichtsklitterung verbirgt sich ein Politikfeld, das erhebliche – und an anderer Stelle wohl dringender benötigte – Ressourcen verschiedenster Art bindet und in der politischen Kommunikation dauerpräsent ist. Die nationalen Führungsschichten verwenden viel Aufwand und politisches Kapital darauf, Geschichte nach den Kriterien postkolonialer Selbstverherrlichung umzuschreiben. Dahinter steht nicht nur ein aus der Sowjetzeit stammendes Verständnis um den Wert politischen Ideen bei der Menschenführung: Als Pfeiler der Staatsideologie spielt die Geschichtspolitik eine besondere Rolle bei der Strukturierung der Beziehungen zwischen Gesellschaft und autoritärem Staat, die in den strukturschwachen Zeiten nach der plötzlichen Unabhängigkeit oft prekär waren. Ihr Anwendungsfeld erstreckt sich vom Schulunterricht zur Außenpolitik.

Stabilität durch Geschichte

So sollen Staatsideologie und Geschichtspolitik sozialen und politischen Druck von den Regierungen ableiten oder schon vorab verringern. Messen lassen wird sich dies in Zukunft wohl besonders an zwei Stellen: Erstens, inwieweit bad governance mithilfe historischer Legitimitätsargumente übertüncht und so die Hausmacht der staatstragenden Eliten unabhängig von deren politischen Leistungen sichergestellt werden kann. Bezeichnend für die Verquickung vergangener und gegenwärtiger Macht: Der kürzlich verstorbene usbekische Staatspräsident Islom Karimov wurde in seiner Heimatstadt Samarkand auf dem mittelalterlichen Shohizinda-Friedhof begraben. Er ruht dort im Kreise historischer Herrscher in jahrhundertealten Mausoleen. Zweitens wird zu beobachten sein, wie sehr die Muslime Zentralasiens sich durch Vorstellungen von nationaler Geschichte und ethnischer Zusammengehörigkeit von den Lockrufen des radikalen politischen Islams abschirmen lassen. Zwar steht Zentralasien nicht im Mittelpunkt des Kampfes gegen den Islamismus, der Trend der Region zum Hinterland des Dschihadismus ist dennoch beunruhigend. Zwei der drei mutmaßlichen Attentäter auf den Istanbuler Flughafen im Juni stammten beispielsweise aus Usbekistan und Kirgistan. Obschon den zentralasiatischen Staaten die Mittel (und oft auch der politische Wille) fehlen, um etwas gegen sozioökonomischen Radikalisierungsbedingungen zu unternehmen, lässt sich so die Strategie der relativ ineffektiven Repression um ein ideologisches Gegenangebot erweitern.

Der Grad, bis zu dem die Geschichtspolitik nur von oben gesteuert wird, variiert allerdings durchaus. In den Staaten mit zumindest begrenztem Pluralismus tun sich nationale zivilgesellschaftliche Akteure als wichtige Stichwortgeber und Pingpong-Partner hervor. Am profiliertesten sind sicher staatliche Universitäten und Akademien der Wissenschaften, die mit ihren Publikationen die Ausgestaltung nationaler Geschichtsschreibung begleiten. Beispielsweise in Tadschikistan, wo archäologische Ausgrabungen nicht selten ergeben, dass Städten ein sensationelles Alter attestiert werden kann – ganz auf Linie mit der offiziellen Geschichtsschreibung, die die Tadschiken als erstes einheimisches Volk Zentralasiens zu präsentieren versucht. Ältere Siedlungsrechte sind in der ganzen Region ein wichtiges politisches Faustpfand gegen die Nachbarstaaten. Dabei geht es darum, prähistorische Kulturen und Stämme Jahrtausende nach deren Verschwinden zu adoptieren, um dann aus den eben entdeckten Ahnen politisches Kapital zu schlagen.

So dient Geschichtswissenschaft bisweilen zur Fortführung der Politik mit anderen Mitteln. Parallel zu politischen Spannungen führen Historiker regelrechte Stellvertreterkriege, um der Politik mit ihrer Forschung wissenschaftliche Schützenhilfe zu leisten. Ein gutes Beispiel ist der sogenannte historiographic war zwischen usbekischen und tadschikischen Wissenschaftlern vor einigen Jahren. In Tadschikistan war man auf die Idee gekommen, ein „Jahr der arischen Zivilisation“ zu feiern, um sich im Glanze der Errungenschaften vergangener Hochkulturen sonnen zu können. Da beide Länder aufgrund schwelender Grenzkonflikte ein notorisch schlechtes Verhältnis zueinander haben, sah man in Usbekistan darin einen Versuch Tadschikistans, sich mittels der eigenen Geschichte über Usbekistan zu erheben. Es folgte ein monatelanger Historikerstreit, bei dem beide Seiten im Grunde versuchten, den Nachbarn zu diskreditieren und die eigene höhere Abstammung mithilfe oft geklitterter Wissenschaft plausibel zu machen. Die Ausfälle auf beiden Seiten brachten das gegenseitige Misstrauen vielleicht ehrlicher zum Ausdruck als die verklausulierte Sprache der diplomatischen Depeschen zwischen den Regierungen.

Die Last der Geschichte

Die Nationalgeschichte im Dienste der Politik birgt aber auch Risiken: So gut sie hurrapatriotische Unterstützung der Öffentlichkeit für die eigene Politik liefert – einmal in Stellung gebracht, schränken große nationale Erzählungen den Handlungsspielraum der Regierenden ein. Die starren Imperative der Geschichtspolitik können so im Widerspruch zu erforderlichem Pragmatismus der handelnden Politik stehen. Nicht nur aus der Vorgeschichte des ersten Weltkrieges ist zu lernen, dass eine solche Selbstfesselung eine Regierung beispielsweise in einer außenpolitischen Krise vor die Wahl stellen kann, entweder die Eskalation voranzutreiben oder aber mit erheblicher innerer Kritik rechnen zu müssen. Das kann je nach Zustand des Regimes gefährliche Drahtseilakte befördern und legt den paradox anmutenden Schluss nahe, dass die nationale Geschichtspolitik, die generell die innenpolitische Stabilität sichern soll, in Krisensituationen Instabilität den Weg bereiten kann.

Solange sich kein Wandel in der politischen Verfasstheit der nationalen Gemeinschaft andeutet, wird die gegenwärtige Geschichtspolitik sich fortschreiben. So wie diese Politik die ganz langen Entwicklungslinien ins Auge fasst, so ist ihr formender Einfluss auf die Gesellschaften nur in langen Perioden zu erkennen. 25 Jahre sind wohl sicher kein zu langer Zeitraum, um erste Schlüsse zu ziehen. Die Spuren der Geschichtspolitik des letzten Vierteljahrhunderts haben sich in die Gesellschaften eingegraben und werden die Politik in der Region über die kommenden Jahrzehnte begleiten. Von dieser Zukunft war auf den Feierlichkeiten übrigens recht wenig die Rede. Aber mit solch einer Vergangenheit, wer soll da schon über die Zukunft sinnieren?

 

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