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Gruppenbild mit Bombe: US amerikanische Soldaten im Tangi Valley in der Wardak Provinz in Afghanistan, Juni 2010. Foto: De'Yonte Mosley, U.S. Army. Gruppenbild mit Bombe: US amerikanische Soldaten im Tangi Valley in der Wardak Provinz in Afghanistan, Juni 2010. Foto: De'Yonte Mosley, U.S. Army.

Am vergangenen Donnerstag setzten die USA ihre größte nicht-nukleare Bombe, die MOAB, in Afghanistan ein. Die Folgen für die Region sind noch unklar und manche Stimmen bezweifeln die Notwendigkeit des Einsatzes. Ein kritischer Überblick zusammengestellt von Moshtari Hilal.

Am Donnerstag, dem 13. April, um ungefähr 19 Uhr Ortszeit trifft Afghanistan die größte nicht-nukleare Bombe der US-Amerikanischen Luftwaffe. Die mediale Berichterstattung dreht sich fast ausschließlich um die massive Explosionskraft, die tödliche Effektivität, den enormen Zerstörungsradius, die 11 Tonnen TNT und den Namen. MOAB steht für massive ordinance air blast, von Militärs wird sie jedoch auch liebevoll „mother of all bombs“ genannt.

Ziel der Operation ist die Provinz Nangarhar im Osten Afghanistan, eine Grenzregion zu Pakistan und eine vermeintliche Hochburg des Daesh-Ablegers IS-Khorasan. Viele der Daesh Kämpfer sind ehemalige pakistanische Taliban-Kämpfer. Sie werden vermutlich von ihren Mutter-Organisationen im Irak und in Syrien finanziert, operieren jedoch autonom.

Pentagon-Sprecher Adam Stump bestätigt noch am selben Tag, dass die Bombe auf einen Höhlenkomplex abgeworfen wurde, in dem man Daesh-Kämpfer vermutete. Die Operation soll seit Monaten vom Pentagon geplant worden sein, aber es ist unklar, ob die Mission bereits unter der Obama Administration in Planung war. Allerdings muss die Bombe noch zu seiner Regierungszeit nach Afghanistan transportiert worden sein

US-General John W. Nicholson teilt in einer schriftlichen Stellungnahme mit, der Angriff habe darauf abgezielt, den Einsatz afghanischer Bodentruppen und US-Militärs zu reduzieren und gleichzeitig die Vernichtung von Daesh-Kämpfern und ihren Anlagen zu erhöhen.

Bis zu 600 bis 800 Kämpfer sollen am Zielort unkonventionelle Sprengvorrichtungen, unterirdische Bunker und Tunnel genutzt haben. Donald Trump bezeichnete die Mission als „another very, very successful mission“. Auf die Frage, ob er den Angriff persönlich autorisiert habe, erwiderte er:  „We have the greatest military in the world and they have done their job as usual. So we have given them total authorization and that’s what they’re doing“. Die afghanische Regierung war im Vorfeld informiert worden und zuständig für die Evakuierung der zivilen Bevölkerung.

Die Folgen  und die Wirkung von MOAB sind noch unklar

MOAB wurde vor 14 Jahren entwickelt und in Florida getestet, kurz vor dem Irak-Krieg 2003. Beabsichtigt war, Saddam Hussein die enorme Kraft zu demonstrieren und so eine indirekte Warnung zu schicken. Tatsächlich eingesetzt wurde die Bombe jedoch zum ersten Mal am Donnerstag in Afghanistan. Der mittlerweile pensionierte Militär Rick Francona verriet CNN, dass sich die Explosion einer solchen Bombe für die Menschen in der Nähe wie die einer Nuklearwaffe anfühlt. Der Guardian zitiert Augenzeugen aus der umliegenden Region Nangarhars, welche berichten, dass der Druck viel stärker gewesen sei als bei bereits zuvor erlebten Drohnenangriffen. Dieses Mal habe es sich angefühlt, als sei der Himmel im Begriff gewesen, auf sie einzustürzen. Eine weitere Augenzeugin, die sich 1.5 Meilen entfernt aufgehalten hatte, beschreibt, wie die Druckwelle Fenster und Türen sprengte und sogar Risse an Hauswänden verursachte. Die schwarze Rauchwolke und das Feuer waren in vielen der umliegenden Gebieten als direkte Folge der Druckwelle zu beobachten gewesen.

Neusten Berichten zufolge, hat die Bombe die Verstecke von Daesh, ihre unterirdischen Tunnel und Waffenlager zerstört. Es seien mittlerweile insgesamt 94 tote Militante identifiziert worden, unter ihnen vier hochrangige Daesh Anführer. Auch am nächsten Morgen stand die Region unter Beschuss von Kampfjets. Der afghanische Inlandskorrespondenten Ali M. Latifi berichtet aus Jalalabad, in der Nähe von Nangarhar, dass die Presse bis auf 6 Meilen von der Explosionsstelle ferngehalten würde, sodass bisher nur die offiziellen Zahlen des US-Militärs zur Verfügung ständen.

 

Laut der afghanischen Regierung sollen viele der ansässigen Familien, die von der Landwirtschaft vor Ort leben, innerhalb der letzten Wochen evakuiert worden sein. Andere Quellen berichten jedoch, dass sich einige geweigert hätten, ihr Hab und Gut den Daesh Kämpfern zu überlassen. Mehrere Dorfbewohner berichten von mindestens einem Lehrer und seinem Sohn, die getötet worden seien. Das US-Militär spricht von keinen zivilen Opfern. Viele der unterirdischen Verstecke führen unter Wohnhäusern entlang, wodurch die Anwohner als zivile Schutzschilder vor Drohnenangriffe missbraucht werden. Der Bombeneinsatz hat also nicht nur Daesh-Verstecke zerstört, sondern sehr wahrscheinlich auch die Existenz der Bauern. Inwiefern die Zerstörung der Natur den Ackerbau betrifft, ist noch unklar.

Der ehemalige Präsident Hamid Karzai twitterte, dass er den US-Einsatz vehement ablehne. Dies sei kein Krieg gegen den Terror mehr, sondern, in wörtlicher Übersetzung, ein inhumaner und brutaler Missbrauch des Landes als Testboden einer neuen und gefährlichen Waffe. Es liege nun an den Afghanen, die USA aufzuhalten. Dies sind überraschend deutliche Worte von einem Mann, der zuvor selbst von den USA unterstützt und nach der US-Invasion 2001 in Afghanistan eingesetzt worden war. Nun nutzt er die kritische Situation und lässt verlauten, dass er die amtierende Regierung nicht mehr anerkenne. Es handle sich lediglich um eine „symbolische Regierung“. Die Zusammenarbeit der Ashraf Ghani Regierung mit dem US-Militär grenze an Verrat an der eigenen Bevölkerung und sei ein Übergriff auf  die afghanische Souveränität und ihre Umwelt. Damit bedient Karzai den Ärger und die Sorgen vieler Afghanen in der Hauptstadt Kabul, wie ein Stimmungsbild des afghanischen Nachrichtensenders tolo news aufzeigt.

Beobachter bezweifeln die Notwendigkeit, eine Waffe mit derartiger Zerstörungskraft für ein Ziel von etwa 800 Kämpfer einzusetzen. Hinzu kommt, dass diese, im Vergleich etwa zu den Taliban, nur eine begrenzte Gefahr für die afghanische Regierung darstellen. Die Taliban sind die eigentliche militante Opposition und für die Mehrheit der Terroranschläge und Kämpfe verantwortlich. Außerdem zeigen Sicherheitsberichte, dass ein regulärer Luftangriff innerhalb von zwei Tagen bereits bis zu 58 Daesh Kämpfer getötet hat.

Naweed Shinwari, Governeur des nächstgelegen Dorfs Achin, reagiert auf den Einsatz ebenfalls mit Unverständnis. „Es gibt keinen Zweifel, dass Daesh brutal ist und Gräueltaten begangen hat, aber ich sehe keinen Grund für den Abwurf der Bombe. Das hat unsere Bevölkerung terrorisiert.“ Der IS-Experte Borhan Osman bestätigt gegenüber dem Guardian, dass ein Bomben-Angriff dieses Ausmaßes nicht notwendig erscheint. Im Gegenteil erfahre die relativ unbedeutsame Organisation auf diese Weise internationale Aufmerksamkeit und Daesh damit noch mehr Boden für seine Legitimation als transnationale Kraft im Kampf gegen den großen Feind, die USA. Das sei wiederum die beste Voraussetzung um noch mehr anti-westliche Kämpfer zu rekrutieren. 

Ein Angriff und seine geschichtliche Kontextualisierung

Schon während der Amtszeit von Barack Obama stand Afghanistan im Zuge des Anti-Terror Kampfs stark unter Beschuss durch den Einsatz von B-52 Langstreckenbomber, welche eine dreifach höhere Sprengladung umfassen als die MOAB. Der Journalist Moustafa Bayoumi sieht im Einsatz der MOAB eine Parallele zur  Kolonialgeschichte: Die kolonisierten Länder hätten schon immer als Laboratorium des Westens gedient, um die neusten Waffen zu testen. Der erste Einsatz der – damals noch improvisierten – Luftwaffe begann im Kontext des Kolonialismus am 1. November 1911 in Libyen durch den italienischen Oberleutnant Gavotti, welcher später von der Presse als Held gefeiert wurde. 1920 folgten Luftangriffe durch die britische Royal Air Force gegen Iraker, die antikolonialen Widerstand leisteten. Die Briten nannten ihre Strategie des Luftbeschusses „control without occupation“, eine Alternative zu der ursprünglichen Idee Churchills, die „unzivilisierten Stämme“ mit Gasbomben zu vergiften, um die Revolte wortwörtlich im Keim zu ersticken.

Doch nicht nur MOAB steht in einer Tradition, sondern auch Daesh. Die unterirdischen Verstecke lassen sich besser verstehen mit einem Blick in die Geschichte.  Seitdem die Briten 1893 die Durand Linie, eine vorher nicht existente Grenze zwischen Pakistan und Afghanistan, gezogen haben, ist der Boden politisiert. Die paschtunische Bevölkerung und weitere Ethnien in der Grenzregion wurden zwar auf dem Papier geteilt, ignorierten jedoch in der Praxis die plötzliche nationalstaatliche Grenze. Im kalten Krieg entwickelt die Durand Linie eine tödliche Qualität. Während der afghanische Nationalstaat, unterstützt durch die Sowjet Union, die Linie als souveräne Grenze zu legitimierten suchte, mobilisierte Pakistan die Paschtunen und Baluchen, um die Idee eines transnationalen „Paschtunistan“ umzusetzen. Dieser Konflikt wurde schnell zum antiimperialistischen Projekt des westlichen Humanismus, der lange den islamistischen Diskurs mithilfe von NGOs und den Medien befeuerte. Die Bewaffnung, Ausbildung und ideologische Unterfütterung der aufkeimenden islamistischen Opposition wurde, um die zwei einflussreichsten Akteure zu nennen, von den USA und Pakistan unterstützt. Die unterirdischen Verstecke in den Gebirgen gehören damit zu eben jenen Netzwerken, ideologischen Fundamenten und Guerilla-Strukturen, welche die USA einst förderten – um sie heute wieder zu bombardieren.

Die Luftangriffe in Afghanistan wurden immer im Bewusstsein möglicher Kollateral-Schäden durchgeführt. Denn selbst in der öffentlichen Wahrnehmung sind zivile Opfer bereits zur Normalität geworden. Von der nachhaltigen Zerstörung der Umwelt und den psychologischen Folgen für die Bevölkerung, welche unter ständigem Beschuss lebt, ist keine Rede. Der Aufschrei ist nicht vorhanden und wenn, dann nur provoziert durch den unsensiblen Spitznamen der Bombe oder durch die Schlagzeile „größte nicht-nukleare Bombe“. Es ist sensationell, aber nicht wirklich aufwühlend, denn Afghanistan scheint schon seit längerem der Testboden US-Amerikanischer Militär-Operationen zu sein, sei es durch die Ausbildung der Mujahedeen selbst oder den Beschuss von oben. In jedem Fall drängt sich eine Frage dringlicher denn je auf: Sieht so ein sicheres Herkunftsland aus?

 

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