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Jemenitische Stammeskämpfer erwarten östlich von Sana die Leiche eines gefallenen Kameraden. Foto: VOA/A. Mojalli/Wikicommons (Public Domain) Jemenitische Stammeskämpfer erwarten östlich von Sana die Leiche eines gefallenen Kameraden. Foto: VOA/A. Mojalli/Wikicommons (Public Domain)

Das ärmste arabische Land wird seit 2015 von einem Krieg geplagt, in dem Interessen von Stämmen, Individuen, Gruppierungen und anderen Ländern kollidieren. Dabei hatten die Jemeniten noch vor wenigen Jahren für einen Moment Grund zur Hoffnung. Doch es folgte Chaos. Von Andreas Vogl.

 

Hier geht’s zu Worum es beim Krieg im Jemen geht – Teil I

 

Die Proteste während des sogenannten Arabischen Frühlings begannen im Jemen im Januar 2011 nach dem Vorbild der Aufstände in Ägypten und Tunesien. Ausgangspunkt waren die drei wichtigsten jemenitischen Städte. Zwar begannen die Demonstrationen in Aden, allerdings weiteten sie sich schnell nach Sana und Taiz aus. Es waren primär Studenten, die solche Aufmärsche organisierten. Der Ruf nach Demokratie, Menschenrechten und mehr Mitbestimmung trieb die jemenitische Jugend, die durch dieses große öffentliche Auftreten eine neue und unabhängige Kraft im Land wurden.

Am 3. Februar gab Saleh bekannt, dass er 2013 nicht mehr als Präsidentschaftskandidat antreten und sein Sohn Ahmad Ali nicht sein Nachfolger werde. Weil Saleh aber nicht direkt abtreten wollte, und weil sie eine Amnestie für den Präsidenten befürchteten, gingen immer mehr Jemeniten auf die Straßen. Am 25. Februar riefen zum ersten Mal alle oppositionellen Bewegungen im ganzen Land – von den Huthis im Norden bis zu al-Hirak im Süden – zu Demonstrationen auf.

Im Zuge dessen traten die ersten Parlamentarier zurück und der einflussreiche Haschid-Stammesverband aus Amran, der zweitgrößte seiner Art, rief zum Sturz der Regierung auf. Damit verlor Saleh gleich zwei seiner wichtigsten Verbündeten, da die al-Ahmar-Familie, Anführerin der Haschids, auch der Islah-Partei vorsteht, dem jemenitischen Ableger der Muslimbrüder. Gleichzeitig gingen die Sicherheitskräfte zunehmend brutal gegen Demonstranten vor. Da Saleh wegen bröckelnder Loyalitäten vermehrt auf seine Sicherheitskräfte angewiesen war, zog er wichtige, ihm treue Militäreinheiten in Sana zusammen und gab Ende März bekannt, dass die Regierung in manchen Provinzen nicht mehr das Gewaltmonopol innehabe.

 

Dieses und ähnliche Graffiti brachten jugendliche Demonstranten während des Arabischen Frühlings vor allem in der Hauptstadt Sana an. Es zeigt die Silhouetten, Namen, Vorwürfe und Geburtsdatum von Regierungsbeamten zu Salehs Zeiten an. Damit wollten die Jugendlichen sichergehen, dass keine Verbrechen vergessen werden. Foto: Andreas Vogl.

Graffiti wie dieses brachten jugendliche Demonstranten während der Proteste vor allem in der Hauptstadt Sana an. Es zeigt die Silhouetten, Namen, Geburtsdatum von Regierungsbeamten zu Salehs Zeiten sowie die Vorwürfe gegen sie. Damit wollten die Jugendlichen sichergehen, dass keine Verbrechen vergessen werden. Foto: Andreas Vogl.

 

 

Überläufer und das Erstarken der Huthis

Ali Mohsen al-Ahmar, der als zweitwichtigste Persönlichkeit im Jemen galt, ein enger Weggefährte Salehs seit dessen Putsch 1978 und verantwortlich für die Kriege gegen die Huthis, schloss sich am 21. März ebenfalls den Protesten an. Die Beziehungen zwischen ihm und Saleh waren schon zuvor stark angespannt, da Saleh ihn nicht zu seinem Nachfolger nominieren wollte. Das war aber die Bedingung für Ali Mohsens Unterstützung. Der Streit ging so weit, dass die jemenitische Regierung 2010, während des letzten Kriegs gegen die Huthis, die Koordinaten des Hauptquartiers von Ali Mohsen an Saudi-Arabien weitergab. Salehs Ziel war offenbar, seinen mächtigen General durch einen „versehentlichen“ Luftschlag ausschalten zu lassen. Die Saudis erkannten jedoch das doppelte Spiel von Saleh und sahen von einer Bombardierung ab.

Der 21. März 2011 gilt als wichtiger Tag im jemenitischen Aufstand, da sich neben Ali Mohsen noch zehn weitere hohe Militärs den Protesten anschlossen und ankündigten, Truppen zum Schutz der Demonstranten bereitzustellen. Die Huthis konnten während dieser Tumulte ihre Machtbasis im Norden durch Kämpfe und Bündnisse mit Stämmen wesentlich erweitern. Was zuvor durch die Kriege gegen die Regierung von einer Gruppe unter Führung der Huthi-Familie, die das Zaiditentum vor allem verbal gegen Salafisten verteidigte, zu einer schlagkräftigen Miliz gewachsen war, wurde nun durch eine kluge Bündnispolitik in konservativen Stammesregionen erweitert. Zudem bekämpften die Huthis jene Stämme, die sich mit al-Qaida auf der arabischen Halbinsel (AQAH) verbündet hatten. Beobachter mahnten, dass hierdurch Stämme, die nichts mit AQAH zu tun hatten aber den Huthis feindlich gesinnt waren, mit AQAH ein Zweckbündnis eingehen könnten. Neben diesen handfesten Kämpfen gab es auch immer wieder Scharmützel zwischen den Huthis und Salafisten, die in Dammadsch, inmitten des zaiditischen Gebiets, eine Schule betrieben. AQAH propagierte daraufhin, die Salafisten zu beschützen und die Huthis „von der Oberfläche der Region zu eliminieren“.

Saleh dankt ab

Ende April und Anfang Mai rang Saleh um seine Zukunft. Eine Initiative des Golf-Kooperationsrats (GCC) sah vor, dass er im Gegenzug für einen Rücktritt Immunität erhalten sollte. Ende Mai kam es aber zu Kämpfen zwischen Haschid-Stammeskämpfern und der Saleh-treuen Republikanischen Garde, weshalb sämtliche Gespräche abgebrochen wurden. Im Juni überlebte Saleh nur knapp einen Anschlag und rief im Juli zu Gesprächen mit der Opposition auf. Die Protestbewegung verlor deshalb an Fahrt, ebbte aber nicht ganz ab.

 

Ali Abdullah Saleh war von 1978 bis 1990 Präsident des republikanischen Nord-Jemens bevor er im selben Jahr Präsident des geeinten Jemens wurde. 2011 zwangen ihn die Proteste im Zuge des Arabischen Frühlings zum Rücktritt. Foto: kremlin.ru/wikicommons (cc-by 4.0)

Ali Abdullah Saleh war von 1978 bis 1990 Präsident des republikanischen Nord-Jemens bevor er im selben Jahr Präsident des geeinten Jemens wurde. 2011 zwangen ihn die Proteste im Zuge des Arabischen Frühlings zum Rücktritt. Foto: kremlin.ru/wikicommons (cc-by 4.0)

 

Im September verließ Saleh vorübergehend das Land und nahm den Vorschlag der GCC-Initiative an. Im Oktober kehrte er zurück, unterzeichnete einen Monat später schließlich seinen Rücktritt und gab die Macht an seinen damaligen Vizepräsidenten Abed Rabbo Mansur Hadi ab. Trotz dieser Entwicklungen und Salehs Aufruf zur Waffenruhe lieferten sich ihm loyale Einheiten der Armee weiterhin Kämpfe mit seinen Gegnern. Bis auf die Elite-Einheiten bestanden große Teile der Armee stets aus Stammeskämpfern, von denen manche nun im Lager der Opposition waren. Dazu kamen Kämpfe im Süden des Landes, um die Unabhängigkeit und um die Vormacht zwischen Huthis und AQAH. Es kam dennoch zu Wahlen und so wurde Hadi als einziger Kandidat am 21. Februar 2012 zum Präsidenten gewählt.

Ein Moment der Hoffnung: Der Nationale Dialog

Nach der Abdankung Salehs lud Präsident Hadi einflussreiche Persönlichkeiten aus Stammeskonföderationen, Zivilgesellschaft und Militär zur Konferenz des Nationalen Dialogs ein. Die UN, die USA und der Golf-Kooperationsrat organisierten die Konferenz mit dem Ziel einer neuen Verfassung und freien Wahlen. 565 Delegierte, davon 30 Prozent Frauen, folgten dem Aufruf und kamen ab dem 18. März 2013 regelmäßig in Sana zusammen. Dennoch gab es Kritik an der Zusammensetzung und vor allem aus dem Süden Stimmen, die sofortige Verhandlungen zwischen ihnen und dem Norden forderten, um wieder zwei jemenitische Staaten zu gründen. Teile der Hirak-Bewegung konnten nur unter Androhung von UN-Sanktionen zur Teilnahme bewegt werden. Die sezessionistischen Fraktionen boykottierten den Nationalen Dialog aber von Beginn an.

 

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Obwohl die Ankündigung, dass Saleh für den Verzicht auf weitere politische Einmischung Immunität erhalten sollte, zu wütenden Protesten führte, begann die Konferenz unter guten Vorzeichen, da neben alten Eliten insbesondere die Jugendlichen aus allen Teilen des Jemens eingeladen wurden. Nur durch sie war die Revolution überhaupt möglich gewesen. Sie machten es sich jetzt trotz mangelnder Organisation zur Aufgabe, die alten konservativen Eliten aus den Schaltstellen der Macht zu vertreiben. Besonders deutlich trat dies zutage, als jugendliche die Sitze in der ersten Reihe, die traditionell für Stammesältere freigehalten worden waren, für sich in Beschlag nahmen. Kleine Symbole wie dieses sollten auf einen Wandel einstimmen: Demokratie statt klassischer Hierarchie in Gesellschaft und Politik.

Die jugendlichen Jemeniten waren vor Beginn der Konferenz jedoch unsicher gewesen, ob sie an der Konferenz teilnehmen sollten, denn sie hatte für viele nur eine „mangelhafte Lösung“ dargestellt. Um sich aber nicht ganz aus dem politischen Prozess auszuschließen und Einfluss zu wahren, hatten sich viele zur Teilnahme entschlossen. Zwar konnten sie im Zuge der Konferenz wichtige Signale senden, andere Jugendliche auf der Straße warfen ihnen aber mangelnde Transparenz und Kooptierung durch die alten Eliten vor.

Beschlüsse und Scheitern

Am Ende des Dialogs im Januar 2014 stand unter anderem der Beschluss, den Jemen in einen föderalen Staat umzuwandeln. Hadi und sein präsidiales Komitee beschlossen im Monat darauf die Aufteilung in sechs Provinzen. Zudem sollten die Konflikte gelöst und das Land versöhnt werden. Dieser von ‚oben’ aufgedrückte Föderalismus brachte aber den Dialog zum Scheitern, da die Huthis den Beschluss vehement ablehnten.

Diese Karte zeigt die politische Situation, bevor Hadis Regierung im Februar 2015 die Aufteilung des Jemens in sechs Bezirke beschloss. Grafik: Jarke/Wikicommons (cc-by-sa 3.0)

Diese Karte zeigt die politische Situation, bevor Hadis Regierung im Februar 2015 die Aufteilung des Jemens in sechs Bezirke beschloss. Grafik: Jarke/Wikicommons (cc-by-sa 3.0)

 

Ihre Heimatprovinz Sada wäre dann in die Provinz Azal eingegliedert worden. Die Perspektiven der dann bevölkerungsreichsten Provinz wären aber schlecht gewesen,  ohne Zugang zu einem Hafen im Roten Meer, aufgrund der Berge nur mit wenigen Möglichkeiten zum Nahrungsmittelanbau, abgeschnitten von den Öl- und Gasvorkommen in Sheba und Haraumat. Die Huthis befürchteten einen Jemen, aufgeteilt zwischen arm und reich. Ihr Gegenvorschlag zum präsidialen Beschluss war die Gründung zweier Provinzen: Nord- und Süd-Jemen.

 

Der Jemen, wie ihn die Regierung von Hadi aufteilen wollte. Die Huthis hätten demnach ihre Hauptgebiete in der Provinz Azal gehabt. Grafik: MrPenguin20/Wikicommons

Der Jemen, wie ihn die Regierung von Hadi aufteilen wollte. Die Huthis hätten demnach ihre Hauptgebiete in der Provinz Azal gehabt. Grafik: MrPenguin20/Wikicommons (cc-by-sa 4.0)

 

 

Wie die Huthis war auch Saleh gegen diese sechs Provinzen. Obwohl offiziell von der Macht ausgeschlossen, besaß er weiterhin Einfluss auf die Geschehnisse im Land. Vor allem die Republikanische Garde war ihm treu geblieben, der Versuch, Saleh-treue Elemente aus Militär und Staat zu entfernen, war niemals komplett gelungen. So konnte der Ex-Präsident wieder nach Macht streben.

Machtübernahme der Huthis und Eingreifen Saudi-Arabiens

Der erste Erfolg der Huthis kam im Januar 2014, als nach mehrmonatiger Belagerung die Salafistenschule in Dammadsch geräumt wurde. Die Huthis gingen aus dem Kampf als klarer Sieger hervor. Es folgten Demonstrationen von Huthi-Sympathisanten in Amran, der Hochburg der Haschid-Stammeskonföderation, geleitet von Ali Mohsen al-Ahmar. Amran galt als wichtigste Stadt zwischen dem Huthi-Gebiet und der jemenitischen Hauptstadt Sana. Seit Jahren führte die 310. Brigade unter Hamid al-Quschaibi von dort den Kampf gegen die Huthis.

Die Doku „The Road to Sana“ von Safa Karman und Gamal al-Moliky, ausgestrahlt bei Al Jazeera World, beschäftigte sich mit den Vorkommnissen in Amran. Demnach ließ die Regierung entgegen des Rats von Hamid al-Quschaibi Waffen auf den Demonstrationen der Huthis zu. Dies brachte die 310. Brigade in eine brenzlige Situation. Offiziell mit der Aufgabe betraut, die Huthis in Schach zu halten, sahen sich die Soldaten nun mit tausenden bewaffneten Demonstranten konfrontiert. Aufgrund ihres Kampfes war der Brigadenführer Al-Quschaibi zum Hassobjekt der Huthis geworden. Die Regierung ließ ihn schließlich fallen und schickte während einer wochenlangen Belagerung keine Verstärkung mehr. Als die Huthis im Juli 2014 Al-Quschaibis habhaft wurden, folterten sie ihn laut der Al Jazeera-Dokumentation, bevor sie ihn ermordeten.

 

 

Die Huthis in Sana

Nachdem Amran gefallen war, brachen Demonstrationen in Sana aus. Huthi-Anhänger errichteten Protestcamps um die Hauptstadt, manche Beobachter sprachen gar von einer Belagerung. Die Forderungen der Huthis waren eine Eindämmung der Korruption, niedrigere Ölpreise und bessere Regierungsführung, was Hadi jedoch nicht gleich erfüllen konnte oder wollte. Mitte September kam es deshalb zu einem Schulterschluss zwischen den Huthis und Saleh, der noch immer großen Einfluss auf Teile der Armee ausübte. Gemeinsam war es ihnen möglich, Sana ohne größere Kämpfe einnehmen.

 

Abd al-Malik al-Huthi steht seit 2004 der Huthi-Familie und der gleichnamigen Bewegung vor. Bild: Abbas Goudarzi/Wikicommons (cc-by 4.0)

Abd al-Malik al-Huthi steht seit 2004 der Huthi-Familie und der gleichnamigen Bewegung vor. Bild: Abbas Goudarzi/Wikicommons (cc-by 4.0)

 

Es folgte eine Abmachung zwischen den neuen de-facto-Machthabern und dem jetzt machtlosen Präsident Hadi, der auf die Forderungen eingehen musste. Am 21. September 2014 unterzeichneten er und Vertreter der Huthis ein Abkommen, welches auch Teile der Huthis in die Sicherheitskräfte integrieren sollte. Daraufhin wurden die Protestcamps geräumt und die Huthi-Anhänger machten sich auf in andere Provinzen, um al-Qaida und feindliche Stämme zu bekämpfen. Sana war jetzt unter der Kontrolle der Huthis, die jeglichen Protest gewaltsam unterdrückten.

Demonstrationen gegen die Huthis

Am 19. Januar 2015 belagerten die Huthis den Präsidentenpalast in Sana. Hadi sah sich gezwungen, alle ihrer Forderungen zu erfüllen. Er willigte am Tag darauf zu konstitutionellen Veränderungen und mehr Mitspracherechten der Huthis in der Regierung ein. Wiederum einen Tag danach, am 21. Januar 2015, trat Hadi als Präsident zurück. Solidarität mit Hadi kam aus dem Süden, wo Regierungsvertreter Häfen und Flughäfen schlossen. Hirak-Aktivisten hissten die Fahne des ehemaligen Süd-Jemens.

Andere jemenitische Provinzen wie Ibb und Taiz im Süden forderten am 24. Januar indessen eine Wiedereinsetzung von Hadis Regierung und verkündeten ihre Unabhängigkeit von Sana. Die Provinz Marib östlich von Sana erklärte, man werde keine Befehle mehr aus der Hauptstadt annehmen. Jemeniten, die in Sana für Hadi vor seinem Präsidentenpalast demonstrieren wollten, wurden von den Huthis gestoppt. Es waren die größten Demonstrationen gegen die Huthis seit langem.

Abd al-Malik al-Huthi forderte währenddessen eine stärkere Präsenz seiner Truppen in der Provinz Marib. Die Provinz gilt als Hochburg für al-Qaida und verfügt über 70 Prozent der jemenitischen Gas- und Ölvorkommen. Die dortigen Stämme lehnten jedoch jegliche Huthi-Truppen kategorisch ab, woraufhin Saudi-Arabien begann, diese Stämme in ihrem Kampf gegen die Huthis auszubilden und auszurüsten.

Der Vormarsch Richtung Süden

Währenddessen gelang es Hadi im Februar, seinem Hausarrest in Sana zu entkommen und den Präsidentenpalast in Aden einzunehmen. Dort angekommen nahm er seine Rücktrittserklärung zurück und forderte die Huthis auf, sämtliche noch unter Hausarrest stehende Politiker frei zu lassen. Am 9. Februar gaben die Huthis daraufhin offiziell bekannt, die Regierung zu übernehmen.

Die UN konnten im Zuge dieser Vorgänge ein Abkommen zwischen verschiedenen jemenitischen Fraktionen aushandeln. Es sah vor, dass neben einem neuen Parlament auch ein Interimsrat gebildet werden sollte, welcher zur Hälfte aus Vertretern vom Süd-Jemen, zur anderen Hälfte aus Huthis und anderen, die unzufrieden mit Hadis Politik waren, bestehen sollte. Dadurch sollte eine Sezession des Südens verhindert werden.

Die Huthis setzten ihren Vormarsch aber in einem ungeahnten Tempo in Richtung Süden fort. Im Zuge ihrer Eroberungen nahmen sie auch Hadis Topgeneral und Verteidigungsminister Mahmoud al-Subaihi fest. Angesichts dessen floh Hadi nach Saudi-Arabien. Gleichzeitig versorgten sich Adens Einwohner mit Waffen aus Armeedepots, um gegen die anrückenden Huthis zu kämpfen.

Die Front im Süden

In der Stadt Mukalla kam es indessen zu einem großen Gefängnisausbruch, bei dem 300 al-Qaida-Kämpfer entkamen. Die gesamte Stadt fiel zwischenzeitlich ganz in ihre Hände. Da die internationale Koalition daraufhin Muakalla bombardierte, verließ AQAH die Stadt nach Verhandlungen mit lokalen Notablen, angeblich, um die Zivilbevölkerung zu schützen. Seitdem sind die Vereinigten Arabischen Emirate, die auf der Seite Riads in den Krieg mit eigenen Soldaten und Söldnern eingegriffen hatten, gemeinsam mit jemenitischen Sicherheitskräften in Mukalla präsent. Einem Bericht der Neuen Zürcher Zeitung zufolge will Abu Dhabi mit seiner Präsenz ein Erstarken islamistischer Kräfte verhindern.

Bei einem Treffen der Arabischen Liga in Scharm el Scheikh am 29. März 2015 gab Hadi bekannt, dass er Iran für das Chaos im Jemen verantwortlich mache. Die arabischen Staaten beschlossen daraufhin, eine Eingreiftruppe zu bilden, um solchen Entwicklungen in Zukunft Einhalt gebieten zu können. Bereits vier Tage zuvor hatte eine Militärallianz bestehend aus Katar, Kuwait, den Vereinigten Arabischen Emiraten, Bahrain, Ägypten, Sudan, Pakistan, Jordanien und Marokko begonnen, Huthi-Stellungen im Jemen zu bombardieren. Ziel sei es gewesen, die jemenitische Regierung von Hadi zu schützen und iranischen Einfluss einzudämmen. Der Iran kritisierte diese Schritte stark.

Dennoch marschierten die Huthis im April des gleichen Jahres in Aden ein. Die Stadt konnten sie zwar zu keinem Zeitpunkt komplett kontrollieren, allerdings dauerte es Monate, bis Hadi-treue Truppen Aden den Huthis wieder entrissen hatten. Die Frontlinie ist seitdem die Stadt Taiz.

Von Anfang an demonstrierte dort die lokale Bevölkerung gegen die Huthis. Diese belagerten zusammen mit Saleh-treuen Truppen die Stadt und unterdrückten Aufstände sowie Demonstrationen mit Waffengewalt. Die humanitäre Situation in Taiz wird seitdem zusehends katastrophaler. Von einer Lösung des Konflikts weit entfernt, ist die Handelsstadt bis heute umkämpft.

Verschiedenste Seiten wie Amnesty International und Human Rights Watch kritisieren die Machtausübung der Huthis. Einschüchterung von Gegnern, Folter, Entführung und Ermordung sind gängige Vorwürfe. Politische Gegner der Huthis sind laut Human Rights Watch Willkür ausgesetzt; Hunderte sind ohne Kontakt zur Außenwelt inhaftiert. Selbst internationale Medienvertreter kritisieren die Miliz, die journalistisches Arbeiten kaum ermögliche und somit eine gute Berichterstattung über den Krieg im Land behindere.

Gegenwärtige Situation

Die offizielle jemenitische Regierung von Hadi erklärte sich im Juli 2016 zu Verhandlungen unter Aufsicht der Vereinten Nationen in Kuwait bereit. Die Gespräche wurden am 06. August 2016, kurz nach Beginn, wieder beendet, da die Huthis eine komplette und sofortige Lösung aller Fragen an Stelle eines langen Übergangsprozesses forderten.

Gemeinsam mit Salehs Partei „Allgemeiner Volkskongress“ gründeten die Huthis bereits am 26. Juli 2016 eine eigene Regierung, den Obersten Politikrat, welcher international jedoch nicht anerkannt ist. Bestehend aus zehn Mitgliedern soll dieser das Land führen. In einer Großdemonstration am 20. August in Sana drückten viele Jemeniten ihre Unterstützung für diesen Schritt aus.

 

Der von der internationalen Gemeinschaft als jemenitischer Präsident Abd Rabbu Mansur Hadi ist seit 2012 im Amt und befindet sich in Saudi-Arabien im Exil. Foto: Glenn Fawcett/Wikicommons (Public Domain)

Der von der internationalen Gemeinschaft als jemenitischer Präsident Abd Rabbu Mansur Hadi ist seit 2012 im Amt und befindet sich in Saudi-Arabien im Exil. Foto: Glenn Fawcett/Wikicommons (Public Domain)

 

Die Allianz zwischen den Huthis und Saleh scheint Berichten nach dennoch zu bröckeln. Nachdem Abd al-Malik al-Huthi im Mai dieses Jahres damit gedroht haben soll, Saleh ermorden zu lassen, begannen Saleh-Treue eine Medienkampagne gegen die Huthis zu führen.

Der Iran unterstützt die Huthis weiterhin und möchte laut einem Bericht von Reuters vom März 2017 die Unterstützung sogar noch ausweiten. Reuters hatte nach eigenen Angaben Kontakt zu mehreren ranghohen iranischen Militärs. Demnach gab es ein Treffen in Teheran, bei welchem die Islamische Republik beschloss, Militärberater, Waffen und finanzielle Hilfe zu entsenden. Ein ehemaliger iranischer Offizieller sagte laut Reuters zudem aus, dass der Iran die Huthis nun erstmals zu einer jemenitischen Hisbollah ausbauen möchte.

Die Situation im Jemen vom 14. Juli 2017. Grün sind die Huthis, rot Hadi und seine Verbündeten, weiß AQAH und grau die IS-Organisation. Grafik: Ali Zifan/Wikicommons (by-sa 4.0)

Die Situation im Jemen vom 14. Juli 2017. Grün sind die Huthis, rot Hadi und seine Verbündeten, weiß AQAH und grau die IS-Organisation. Grafik: Ali Zifan/Wikicommons (by-sa 4.0)

 

Im Süden gab es fast gleichzeitig eine weitere Krise: Aidarus al-Zubaidi, von Hadi ernannter und mit Abu Dhabi verbündeter Gouverneur von Aden, wurde Ende April entlassen. Seit jeher hat Al-Zubaidi die Unabhängigkeitsbestrebungen des Südens vorangetrieben, während Hadi die Einheit des jemenitischen Staates bewahren wollte. Tausende Süd-Jemeniten gingen gegen die Entlassung auf die Straße und forderten die Unabhängigkeit des Südens, es kam zu Kämpfen zwischen Truppen der Vereinigten Arabischen Emirate (VAE) und Hadi-treuen Soldaten.

Die VAE wollen ihren Einfluss im Jemen wahren, Al-Zubaidi ist dafür eine wichtige Figur. Mit ihm kontrollieren die VAE den internationalen Flughafen in Aden, wo sie Hadi im Mai die Landung verweigert hatten. Zuvor hatte Hadi den VAE schon vorgeworfen, sich wie Besatzer zu verhalten. Bei ihrem Kampf gegen Islamisten sollen die VAE laut Associated Press auch geheime Foltergefängnisse betreiben. Die Anschuldigungen richten sich hier auch gegen die USA, die all dies tolerieren und davon auch profitieren soll.

Saudi-Arabien steht jedoch noch auf Hadis Seite, weil das Königreich ein Aufbrechen des Jemens in zwei Staaten verhindern möchte. Hinter dem Eingreifen des sunnitischen Königreichs Saudi-Arabien steckt aber auch die Angst vor einer Einkreisung durch mit dem Iran verbündete schiitische Gruppen, die schon jetzt im Libanon, Syrien und Irak stark sind. Andererseits möchte Saudi-Arabien vor dem Iran die Hegemonialmacht im Nahen Osten werden. Die Intervention im Jemen gepaart mit dem Engagement in anderen Ländern brachte schon 2015 den Bundesnachrichtendienst zu der Einschätzung, dass das Königreich die arabische Welt destabilisiere. Im Jemen soll Riad laut HRW gezielt die ökonomische und zivile Infrastruktur bombardieren.

Darüber hinaus benutzen verschiedene Kriegsparteien vermehrt religiös konnotiertes Vokabular. Die Trennung zwischen Sunniten und Schiiten wurde erst im Lauf des Konflikts bedeutsamer. Der jemenitische Wissenschaftler Farea al-Muslimi betont zwar, dass diese Trennung den Krieg nicht begonnen habe, aber die Jemeniten nun weiter spaltet. Nur eine politische Lösung könne dem entgegenwirken.

Das Land ist von einer Lösung jedoch weit entfernt. Politische Gespräche werden von allen Seiten immer wieder abgebrochen, da niemand eroberte Gebiete wieder abtreten möchte. Bereits zu Beginn der Luftschläge durch die saudische Koalition 2015 mahnten Beobachter, dass diesen Konflikt niemand gewinnen könne. Die Lage vor Ort scheint dieser Einschätzung noch immer Recht zu geben: die Frontlinie verläuft seit zwei Jahren in der südlichen Stadt Taiz, die die Huthis und Saleh belagern, der international anerkannte Präsident Hadi residiert noch immer in Saudi-Arabien und kann nur ab und zu nach Aden reisen – wenn ihm die VAE und Al-Zubaidi denn eine Landeerlaubnis geben.

Deshalb kam Jens Heinbach, Research Fellow am GIGA-Institut in Hamburg, im Alsharq-Interview zum Schluss, dass der Jemen derzeit „de facto drei Regierungen hat“. Keine davon wird ihre Macht über das gesamte Land ausweiten können. Zivilisten sterben jedoch weiterhin und vor allem die saudischen Luftschläge machen aus dem Land ein Trümmerfeld.

 

Andreas Vogl, 26, studiert in Bamberg den Master Islamwissenschaft.
Er bloggt auf www.middleeastbackground.com, schreibt unter Klarnamen in der deutschsprachigen Wikipedia und referiert über islamische und nahöstliche Themen.

 

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