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Die Sultan-Qabboos-Moschee in Nizwa, Oman – einst Sitz des Imams und Hauptstadt. Foto: Friedel Merkord Die Sultan-Qabboos-Moschee in Nizwa, Oman – einst Sitz des Imams und Hauptstadt. Foto: Friedel Merkord

Die Rechtsprechung im Sultanat Oman fußt auf islamischer Jurisprudenz. Auch darüberhinaus bestimmt die traditionelle und historische Verwurzelung zentrale gesellschaftliche und politische Diskurse im Land. Ein Exkurs zur religiösen Prägung einer Gesellschaft, deren Selbstverständnis radikalem Konfessionalismus vorbeugt. Von Friedel Merkord.

Die Diplomatie Omans unter seinem langjährigen Herrscher Sultan Qabus bin Said wird in internationalen Medien und von politischer Berichterstattung häufig als pragmatisch und ausgewogen gelobt. Die Golfmonarchie steht dabei besonders häufig im Kontext ihrer Initiativen zur Lösung regionaler Konflikte und ihrer Bemühungen um Kompromisse auf der politischen Bühne. So hat sich der einst diplomatisch unscheinbare Staat auf der Arabischen Halbinsel unter seinem gegenwärtigen Regenten einen Ruf als regional- und überregional anerkannter Mediator erarbeitet.

Sowohl im Krieg, der nun seit einigen Jahren im benachbarten Jemen tobt, als auch in Syrien spielt das Sultanat eine Vermittlerrolle. Darüber hinaus bringt sich Oman im Golfkooperationsrat häufig als Bindeglied zwischen dem befreundeten Iran und den Staaten der Arabischen Liga, insbesondere Saudi-Arabien, ein. So nutzt der Sultan seine guten Beziehungen zu schiitischen wie auch sunnitischen Akteuren und vermeidet politische Konfrontation.

Omans diplomatisches Sendungsbewusstsein fußt auf einer Gesellschaft, deren Selbstverständnis stark vom Multikulturalismus des Indischen Ozeans und der exponierten Lage am südöstlichen Zipfel der Arabischen Halbinsel geprägt ist. Besonders die Küstenstädte des Sultanats lernten im Zuge des jahrhundertelangen maritimen Austauschs schon früh andere Kulturen und Religionen kennen und tolerieren. Hinzu kommt ein religiöses Selbstverständnis, welches dem Land zu konfessioneller Integrität verholfen hat.

Gleichzeitig ist Oman trotz seiner ethnischen und religiösen Diversität bis heute von tiefgreifenden sektiererischen Spannungen, die zahlreiche Staaten des Nahen und Mittleren Ostens seit Jahren in Atem halten, verschont geblieben. Das vergleichsweise harmonische Miteinander im Sultanat ist eine Ausnahme in der sonst oft von konfessioneller Rhetorik geprägten Machtpolitik und könnte als mustergültig für die ganze Region gelten.

Omans Ibadiya – eine Tradition der Toleranz?

Ein Grund, wenn auch sicher nicht der einzige, für die vergleichsweise stabile Gesellschaft in Oman ist ihre soziale Konstellation. Die größte religiöse Strömung im Sultanat bildet noch vor dem sunnitischen und schiitischen Islam die der Ibaditen (al-Ibāḍīya). Geschätzte 75 Prozent der omanischen Muslime folgen dieser Glaubenslehre, so auch die Herrscherfamilie Al Said.

Die Ibadiya wird im westlichen islamwissenschaftlichen Kontext als eine Fraktion der Chawaridsch (ḫawāriǧ) – „Austreter“ –  genannt, deren Vertreter man heute nur noch in Oman, Ostafrika, Libyen und Algerien findet. Als Gründer der Ibadiya gilt Abdullah bin Ibad (ʿAbdallāh b. Ibāḍ al-Murrī at-Tamīmī). Die bevorzugte Selbstbezeichnung als ahl aš-Šūrā – „Leute des Rats“ – oder al-Muḥakkima (abgeleitet vom Slogan la ḥukm illā lillāh – alle Herrschaft gebührt Gott) geht auf die frühe Zeit der Ibadiya im Basra des umayyadischen Kalifats zurück.[1]

 


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Über die Ursprünge der Ibadiya in Oman hingegen ist wenig bekannt. Die Stämme sollen jedoch im ausgehenden siebten Jahrhundert den Islam ibaditischer Prägung angenommen haben. Dabei trug der aus Basra exilierte Dschabir bin Zayd (Abū š-Šaʿṯā Ǧābir b. Zaid al-Azdī) maßgeblich zu seiner Popularität bei und gilt den Ibaditen als erster Imam.[2] Schon in der frühen Phase als Minderheit im Herrschaftsgebiet der Umayyaden hatten sich einige Prinzipien ibaditischen Gemeinwesens etabliert. Zu diesen gehören unter anderem ein ausgeprägter Anti-Absolutismus und die Ablehnung politischer Gewalt.

Des weiteren wurde der Grundstein für Toleranz gegenüber anderen (islamischen) Glaubensrichtungen gelegt und es entwickelte sich ein gesellschaftliches Verständnis, welches Sektierertum entgegenstand. Schon die frühen Ibaditen mieden offene Konflikte mit ihrer weltlichen Obrigkeit und bemühten sich um freundschaftliche Beziehungen zum Herrscher. Gleichzeitig vermieden sie trotz strenger Geheimhaltung der eigenen Praktiken und Glaubenslehren eine zu starke Isolation von der Gemeinschaft der Gläubigen, der Umma.[3]

Die ersten Ibaditen galten im Gegensatz zu anderen Gruppen der Chawaridsch als gemäßigt und griffen selten zu Waffen; ein Prinzip der Gewaltlosigkeit, welches sich bis in die gegenwärtige Politik Omans durchgesetzt hat und wohl nicht zuletzt den Erfahrungen als Randgruppenexistenz in muslimischen Mehrheitsgesellschaften geschuldet ist. Direkte Mission und Proselytismus (Anwerben von Gläubigen) lehnen die Ibaditen ab.[4] Sie selbst betrachten sich entgegen der Fremdzuweisung nicht als Teil der Chawaridsch, deren historische Entstehung sie als gewalttätig und sektiererisch ablehnen. Die Unterschiede zwischen den islamischen Glaubensrichtungen werden in der Regel überspielt und der religiös-gesellschaftliche Diskurs betont den verbindenden Charakter des Islam als gemeinsamem Nenner der Mehrheitsgesellschaft in Oman. Im gesellschaftlichen Kontext des Sultanats gilt: „If Ibadism plays a role, it is by insisting, that it should not play a role.“[5]

Diese grundlegenden Prinzipien werden schon in den Schulen des Sultanats vermittelt, wo im Rahmen der islamischen Lehre der Schwerpunkt auf friedlichen Dialog, Kompromissfindung und Toleranz gelegt wird. So prägen diese Werte den sozialen Zusammenhalt der omanischen Gesellschaft. Es lässt sich nicht leugnen, dass diese im Vergleich zu anderen Staaten des Nahen und Mittleren Ostens einen ausgeprägten Gemeinschaftssinn aufweist, der mit Solidarität und der Anerkennung von Verschiedenheit einhergeht.[6] So dürfen auch Anhänger anderer Glaubensrichtungen wie Hinduisten, Buddhisten, Sikh, Baha‘i oder Christen (insgesamt ca. 5 Prozent, wobei die Mehrheit der in Oman lebenden Nicht-Muslime Gastarbeiter aus Südasien sind[7]) offen ihren Glauben praktizieren und die Finanzierung ihrer Gotteshäuser wird vom Staat gefördert.

Des weiteren sind die Moscheen in Oman mit wenigen Ausnahmen ökumenisch und der öffentliche islamische Diskurs wenig vom Schubladendenken der verschiedenen Schulen (maḏāhib) beeinflusst. Bis heute bietet dieses kosmopolitische Verständnis eine Grundlage für Verständigung, die internen konfessionellen Problemen entgegenwirkt und sich auch auf der außenpolitischen Bühne zeigt.

Die Konkurrenz zwischen Imamat und Sultanat

Doch das Sultanat tut sich mitunter schwer mit seinem einzigartigen religiösen Erbe. Bis 1950 war das Gebiet des heutigen Oman in zwei Herrschaftsbereiche geteilt. Es bestand das Imamat im Landesinneren, welches von einer islamischen Autorität in Nizwa regiert wurde, und das Sultanat an der nordöstlichen Küste mit Maskat als Hauptstadt. Sultan Said bin Taimur, der Vater des gegenwärtigen Herrschers, stürzte den Imam und nahm ihm direkte politische Einflussmöglichkeiten. Die Konkurrenz war ihm zu groß.

Bis heute wird das Imamat, eine Utopie seiner Anhänger, als Bedrohung für das Sultanat und die Herrschaft der Al Said wahrgenommen und liefert politischen Sprengstoff. So traf eine Verhaftungswelle im Jahr 2005 Mitarbeiter der Sultan-Qabus-Universität in Maskat. Der Vorwurf lautete: Mitgliedschaft in einer geheimen Sekte, deren Ziel es sei, das Imamat wiederzuerrichten. Die mehrheitlich haltlosen Anklagen wurden allerdings – auch aufgrund des öffentlichen Protests – schnell fallengelassen.

Um dergleichen Spaltungsbestrebungen entgegenzuwirken, wurden die religiösen Autoritäten Omans schon früh ins politische Geschäft eingebunden und eine Art Nationalislam geprägt. Die religiöse Identität wurde mit der nationalen verknüpft.[8] Dies sollte nicht nur innerstaatlich religiösem Fundamentalismus entgegenwirken, sondern macht Oman gleichzeitig auch weniger anfällig für ausländische Einmischung und führte zur besseren Integration religiöser Minderheiten wie z.B. der Schiiten (ca. 5 Prozent). Die haben überproportional viel Einfluss in Politik und Wirtschaft und sind dem Machthaber loyal ergeben. Nicht zuletzt deshalb stießen transnationale schiitische Bewegungen in Oman meist auf unfruchtbaren Boden und auch in seiner Beziehung zu Iran kann sich Sultan Qabus der Treue seiner schiitischen Untertanen gewiss sein.[9]

Das in Oman vorherrschende religiöse „Verständnis des weder-noch“[10] wirkt also auf der einen Seite sektiererischen Strömungen entgegen und trägt zu religiösem Pluralismus in der Gesellschaft bei. Letztlich aber muss es auch vor dem Hintergrund der herrschaftlichen Legitimation des Sultans betrachtet werden. Eine zu stark auf die Ibadiya und das Imamat fokussierte Doktrin kann sich der Autokrat im Interesse des eigenen Machterhalts schlicht nicht leisten.

Katars Isolation – ein Worst-Case-Szenario auch für Oman?

Gerade vor dem Hintergrund der politischen Entwicklungen der letzten Jahre wird deutlich, wie sehr das Sultanat auf innere Sicherheit und verlässliche Verbündete angewiesen ist. Dabei dürfte das größte Misstrauen wohl Saudi-Arabien gelten. Nicht nur steht das Königreich der aus seiner Sicht unorthodoxen Praxis des ibaditischen Islam kritisch gegenüber. So beginnen ibaditische Muslime das Fastenbrechen im Monat Ramadan in der Regel später als von saudischen islamischen Autoritäten festgelegt, und pflegen andere Sitten beim Ritualgebet und der obligatorischen Waschung. Und auch das Verständnis von der Erschaffenheit des Koran ist eine Besonderheit ibaditischer Theologie, die dem wahhabitischen Dogma diametral entgegensteht.

Das Königshaus Saudi-Arabien lässt auch immer wieder und vermehrt Bestrebungen nach einem einheitlicheren Arabischen Golf, insbesondere in seiner Machtpolitik gegenüber Iran, erkennen. Der saudische Kronprinz, Verteidigungsminister und stellvertretende Premierminister Mohammed bin Salman (in sozialen Netzwerken meist MBS genannt) ist mit Machtwerkzeugen historischen Umfangs ausgestattet. Seine impulsive und aktionistische Art verhalf ihm bei seinen Landsleuten zwar zu immenser Beliebtheit –  besonders bei jüngeren Generationen, die darauf hoffen, dass er frischen Wind in die verkrusteten Gesellschaftsstrukturen bringt. Doch gleichzeitig zeigte sich am brutalen Krieg im Jemen und jüngst an der diplomatischen Isolierung Katars, dass sein außenpolitisches Machtspiel einen hohen Preis fordert.

Die Situation des Sultanats Oman unterscheidet sich allerdings, wie beschrieben, in erheblichen Maße von der Ausgangslage Katars. Sein selbstbewusstes und selbstbestimmtes diplomatisches Auftreten auf internationaler Bühne verdankt der Wüstenstaat nicht zuletzt seiner außerordentlichen religiösen Gesellschaftsstruktur. Die Majorität der Ibadiya im Sultanat macht das Herrscherhaus (unabhängig vom amtierenden Regenten) weit weniger anfällig für äußere Einflussnahme und erleichtert ihm so die Umsetzung einer Politik der Unparteilichkeit; ein Sonderfall in der sonst oft von sektiererischer Rhetorik geprägten Machtpolitik des Mittleren Ostens.

Auch eine Argumentation, wie sie im Fall der Isolierung Katars vorliegt, das Emirat böte Terroristen Unterschlupf und unterstütze diese finanziell, ließe sich nur schwer auf den Oman anwenden. So geht das Sultanat bekanntermaßen rigide gegen Sympathisanten islamistischer Gruppierungen in den eigenen Reihen vor.

Darüber hinaus wird immer deutlicher, dass der unausweichliche Machtwechsel auch in Oman politisch und wirtschaftlich instabile Zeiten zur Folge haben wird. Zu sehr ist der alternde Sultan Qabus und seine zum „Macher der Nation“ stilisierte Person mit dem Staat und seiner heutigen Form verwoben. Das Sultanat ist Qabus, Oman ist der Sultan. Seine Person ist Dreh- und Angelpunkt der guten Beziehungen zu einflussreichen Verbündeten wie Iran oder den USA. Der Autokrat war bis dato jedoch unwillig, einen Nachfolger zu benennen, oder gar einen Teil seiner Autorität in Vorbereitung des Machtwechsels an einen Premier abzugeben.

So ist abzusehen, dass ein Thronfolger die ersten Jahre seiner Regentschaft brauchen wird, um sich politisch zu etablieren und zu profilieren und das Land regieren zu können. Diese Phase der innenpolitischen Instabilität könnten sowohl Saudi-Arabien als auch Iran nutzen, um in das Machtvakuum vorzustoßen. Eine stärkere regionalpolitische Tendenz des neuen Regenten und eine einseitigere Außenpolitik könnten die Folge sein. Dies würde die diplomatische Landschaft der Golfregion und darüber hinaus drastisch verändern.

 

Anmerkungen:

 

[1]Vgl. United States Department of State, Bureau of Democracy, Human Rights, and Labor, „Oman 2015 International Religious Freedom Report“, 1.

[2]Vgl. Enzyklopädie des Islam, zweite Edition: Die Ibaditen (Zugang Onlineversion).

[3]Vgl. Jones, Jeremy, und Ridout, Nicholas. Oman: Culture and Diplomacy. Edinburgh: Univ. Press, 2012, 20.

[4]Vgl. Jones, Jeremy, und Ridout, Nicholas. Oman: Culture and Diplomacy. Edinburgh: Univ. Press, 2012, 49.

[5]Jones, Jeremy, und Ridout, Nicholas. Oman: Culture and Diplomacy. Edinburgh: Univ. Press, 2012, 45.

[6]Vgl. Wilkinson, John C. On being an Ibadhi, 153 (Oxford: Hartford Seminary, 2015).

[7]Vgl. United States Department of State, Bureau of Democracy, Human Rights, and Labor, „Oman 2015 International Religious Freedom Report“, 1.

[8]Vgl. Hoetjes, Gertjan. Iran-GCC Relations: The Case of Oman. in: Warnaar, Maike. Zaccara, Lucario. Aarts, Paul (ed.). Irans Relations with the Arab States of the Gulf: Common interests over historic rivalry. Berlin: Gerlach Press, 2016, S.151.

[9]Vgl. Hoetjes, Gertjan. Iran-GCC Relations: The Case of Oman. in: Warnaar, Maike. Zaccara, Lucario. Aarts, Paul (ed.). Irans Relations with the Arab States of the Gulf: Common interests over historic rivalry. Berlin: Gerlach Press, 2016, S.151.

[10]Jones, Jeremy, und Ridout, Nicholas. Oman: Culture and Diplomacy. Edinburgh: Univ. Press, 2012, 42.

 

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