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Demonstranten vor dem Brandenburger Tor in Berlin. Foto: Hadi Ahmady. Demonstranten vor dem Brandenburger Tor in Berlin. Foto: Hadi Ahmady.

Über afghanische Geflüchtete wird in Deutschland schon lange gesprochen – abschieben, nicht abschieben, und wenn ja, wen und in welche Regionen… Aber was denken eigentlich die Betroffenen selbst? Mohsen Hassani hat bei einer Demonstration mit einigen von ihnen gesprochen.

Die politische Diskussion um Afghanistan hat eine neue Dimension erreicht, seit Schleswig-Holstein, Bremen, Berlin, Niedersachsen und Rheinland-Pfalz Abschiebungen in das kriegsgeplagte Land zunächst einmal „zurückstellen“. Bundesinnenminister Thomas de Maizière (CDU) hält es aber weiterhin für „unverzichtbar“, nach Afghanistan abzuschieben. Doch es spricht immer mehr dafür, dass es eben kein sicheres Herkunftsland ist – wie nicht zuletzt der jüngste UNHCR-Bericht belegt. Nichtsdestotrotz sind in den vergangenen Monaten zwei Flugzeuge mit ausreisepflichtigen Afghanen an Bord Richtung Kabul geflogen.

Gegen diese Praxis haben am vergangenen Samstag nach Angaben des „Berliner Bündnisses gegen Abschiebungen nach Afghanistan“ in mehr als 20 deutschen Orten Menschen protestiert, darunter laut Teilnehmern auch zwischen ein- und zweitausend in Berlin. Vom Brandenburger Tor aus ging es zum Alexanderplatz. Mehrere zivilgesellschaftliche Organisationen, maßgeblich aus der afghanischen Community, haben den Protest getragen. Der Ärger der Demonstrant_innen richtete sich nicht nur gegen Abschiebungen nach Afghanistan, sondern auch dagegen, dass Asylanträge von Menschen aus Afghanistan nur sehr langsam bearbeitet werden.

 

Unterwegs hat Mohsen Hassani von der Newsgroup Afghanistan mit Demonstrant_innen über ihre Situation gesprochen und darüber, warum sie protestieren. Die Gesprächsprotokolle sowie die Bilder von Hadi Ahmady und Katja Heinemann dokumentieren wir hier mit freundlicher Genehmigung der Newsgroup. Auf der Facebook-Seite der Newsgroup gibt es weitere Bilder und Protokolle..

Jawad Heydari. Foto: Hadi Ahmady

Jawad Heydari. Foto: Hadi Ahmady

 
Javad Heydari: „So lasst uns doch hierbleiben”
 

Ich bin seit eineinhalb Jahren in Deutschland und besuche die Schule, momentan mache ich ein Praktikum. Ich hatte meine Anhörung beim BAMF (Bundesamt für Migration und Flüchtlinge, Red.) noch nicht.

Ich weiß, dass fünf Bundesländer nicht mehr abschieben wollen, darunter auch Berlin, aber wir haben so viel Angst, dass man dieser Nachricht gar nicht richtig trauen kann. Falls ich zurückmuss, werde ich in Afghanistan mein Leben nicht leben können.

Ich bin heute hier, damit man in Deutschland versteht, dass es in Afghanistan nicht sicher ist. Wir erhoffen uns von Deutschland, dass unsere Bitte gehört wird und es einen Abschiebestopp gibt. Und von der afghanischen Regierung wünschen wir uns, dass das Rücknahmeabkommen mit Europa beendet wird. Es wissen doch alle, dass es in Afghanistan nicht sicher ist und wir dort nicht unterstützt werden, wenn wir zurückkehren. So lasst uns doch hierbleiben.

 

Hadise. Foto: Katja Heinemann.

Hadise. Foto: Katja Heinemann.

 
Hadise: „Flucht sollte nicht bestraft werden”
 

Ich komme aus Mazar-e Sharif in Afghanistan. Seit ungefähr eineinhalb Jahren bin ich in Deutschland. Ich war in einer Willkommensklasse, die habe ich abgeschlossen. Gott sei Dank bin ich jetzt im 8. Schuljahr in einer Regelklasse. Ich bin bei dieser Demonstration dabei, weil Flucht nicht bestraft werden sollte.

Sicherheit bedeutet für mich, dass ich an einem Ort ohne Krieg und ohne Probleme leben kann. Ich wünsche mir von Deutschland, dass auch an uns Afghanen gedacht wird. Wir haben viele Schwierigkeiten und Angst erlebt zuhause; hier werden unsere Rechte nicht mit Füßen getreten.

Bei meiner Anhörung hat es Probleme gegeben. Vielleicht sollen meine Familie und ich nach Griechenland zurückgeschickt werden, und wir wissen nicht, was passieren wird. Es ist schwer zu verstehen. Wir müssen ständig daran denken.

Wenn die Entscheider mir sagen, dass ich keine andere Wahl mehr habe und ich nach Afghanistan zurückgehen muss, dann bringe ich mich lieber um. Jetzt ändern sich die Gesetze ständig, ich verstehe es einfach nicht, was Deutschland über uns entscheiden wird. Ich hoffe nur, dass wir niemals abgeschoben werden.

 

Ohne Name. Foto: Hadi Ahmady

Ohne Name. Foto: Hadi Ahmady

 
Ohne Name: „Deutschland hat mehr für uns getan als unsere eigene Regierung jemals”
 
Ich bin seit ungefähr 21 Monaten in Deutschland. Ich besuche die Schule und versuche, zu lernen, wie ich mich hier integrieren kann. Ich möchte diesem Land nicht zur Last fallen. Meiner Meinung nach sollte die afghanische Jugend sich hier gegenseitig helfen, damit sie schnell zur Gesellschaft beitragen kann. Dieses Land hat uns mehr unterstützt, als unsere eigene Regierung es je getan hat.

Sicherheit bedeutet für mich auch, dass man frei seine Meinung sagen kann. In Afghanistan ist das nicht möglich. Wenn man dort Geld hat und die richtigen Leute kennt, dann kann man ganz gut leben. Aber ohne diese Beziehungen ist es aussichtslos, man kann einen Schulabschluss haben, aber es ist unmöglich, Arbeit zu finden.

Unsere Regierenden wollen nicht darauf hören, dass wir unsere Rechte verteidigen, aber alle Menschen aus Afghanistan sollten auf dieses Recht zum Widerspruch bestehen. Das ist sehr wichtig.

 

Hejratullah. Foto: Katja Heinemann.

Hejratullah. Foto: Katja Heinemann

 
Hejratullah: „Die Stimmung in Deutschland hat sich verändert”
 
Ich lebe seit ungefähr 15 Monaten in Berlin. Ich hatte vor sechs Monaten meine Anhörung, aber habe immer noch keine Antwort bekommen.

Sonst nehme ich wegen der Schule nicht so oft an Demonstrationen teil, nur heute bin ich hergekommen, damit Deutschland und Afghanistan die Abschiebungen stoppen. Wir wünschen uns von beiden Ländern, dass sie uns in Ruhe leben lassen.

Eigentlich bin ich mit meinem Leben hier zufrieden, es fehlt uns an nichts, aber wenn ich Nachrichten über den Krieg und die Streitigkeiten in Afghanistan sehe, dann tut es mir im Herzen schrecklich weh, all die Bomben und Explosionen…

Als ich in Deutschland angekommen bin, waren die Menschen in den ersten fünf oder sechs Monaten sehr nett, aber danach hat es sich sehr verändert, die Leute sind jetzt nicht mehr so hilfsbereit.

 

Hamidullah. Foto: Hadi Ahmady.

Hamidullah. Foto: Hadi Ahmady.

 
Hamidullah: „Tausende Menschen sind in den letzten zwei Jahren in Afghanistan gestorben“
 
Ich bin 21 Jahre alt und seit ungefähr 18 oder 19 Monaten in Berlin. Ich habe mein Interview (beim BAMF) vor ungefähr anderthalb Monaten geführt, aber ich habe leider noch keine Antwort bekommen.

Wenn die Entscheidung negativ sein wird, werde ich sehr leiden. Das ist, als ob man hingerichtet wird.

Was wird passieren, wenn ich abgeschoben werden sollte? Das ist ganz klar. Heute, vor drei Stunden, während wir hier demonstrieren, sind in der afghanischen Provinz Helmand in der Stadt Lashkar Gah 14 Personen getötet worden, acht wurden verletzt. Wenn wir abgeschoben werden, was wird passieren? Tausende junge afghanische Menschen sind in den Jahren 2015 und 2016 bei Selbstmordattentaten einfach gestorben. So wird es uns allen ergehen.

Seit ungefähr einem Jahr wird über Abschiebungen nach Afghanistan nachgedacht. Damals sind ein paar Politiker aus Afghanistan hierher gekommen und haben ein Abkommen unterzeichnet. Deren Verwandtschaft lebt in der Türkei oder in England, in Amerika oder im Iran, und sie kommen hierher und unterschreiben so etwas, und sagen dass wir wieder nach Afghanistan gehen sollen. Ich leide sehr darunter, dass so ein Präsident und solche Menschen solche Entscheidungen über unser Leben treffen.

Als ich gehört habe, dass einige Bundesländer, darunter Berlin, Abschiebungen aussetzen wollen, hat mich das sehr glücklich gemacht.

Sicherheit bedeutet, um neun Uhr abends die Wohnung verlassen zu können, und niemand wird kommen und sagen: „Wo willst Du hin? Gib mir Dein Motorrad!“ Sicherheit bedeutet, dass Du auf die Straße gehen kannst, um zu demonstrieren, und es wird keinen Bombenanschlag geben, bei dem 100 Personen in die Luft gesprengt werden. Das bedeutet Sicherheit. Wir demonstrieren hier, und 300 Polizisten passen auf. In Kabul hat sich niemand um die Leute gekümmert.

Heute war es meine Aufgabe, dass ich hier demonstriere. Ich habe vor fünf Minuten eine Deutsche gesehen, mit ihrer vier oder fünf Jahre alten Tochter, die sind mit dem Fahrrad hergefahren. Dass sie hier demonstrieren, und ich nicht – das ginge nicht, es ist doch meine Verantwortung, dass ich hier dabei bin!

 

Sohrab. Foto: Katja Heinemann

Sohrab. Foto: Katja Heinemann

 
Sohrab: „Nach Afghanistan zu gehen wäre mein Todesurteil“
 
Als ich zwei Jahre alt war, sind wir nach Iran geflüchtet, ich bin dort aufgewachsen. Seit ungefähr 16 Monaten bin ich in Deutschland. Ich hatte eine Anhörung, aber ich habe noch keine Antwort bekommen.

Ich bin heute hier, weil Afghanistan nicht sicher ist. Alle europäischen Länder wissen das, aber trotzdem wollen sie dorthin abschieben.

Sicherheit bedeutet für mich, einfach in die Schule gehen zu können, ohne Angst zu haben, sterben zu müssen. Ich will nur irgendwo ohne Angst leben, an irgendeinem Ort, an dem ich nicht denken muss: „Oh Gott, werde ich heute am Leben bleiben, oder vielleicht nicht?“ So einen Ort gibt es nicht in Afghanistan.

Ich war im Iran Flüchtling. Jetzt bin ich hier in Deutschland auch ein Flüchtling. Ich bin in der Hoffnung gekommen, dass es meinem Land irgendwann besser gehen wird, und dass ich eines Tages zurückgehen und die Schule besuchen kann. Wenn dieser Tag kommt, dann werden wir zurückgehen.

Falls die Entscheidung kommt, dass ich nach Afghanistan zurückgehen soll, dann unterschreiben sie mein Todesurteil, weil ich ein Hazara bin. Daesh (sog. „Islamischer Staat“, Red.) und Taliban haben selbst gesagt, dass es egal ist, dass wir die gleiche Religion oder Kultur haben: Wenn Du ein Hazara bist, werden sie dich töten und dir den Kopf abschlagen. Vielleicht wird es einen oder zwei Monate dauern, oder vielleicht auch ein Jahr oder zwei Jahre, aber wenn ich nach Afghanistan zurückkehre, werde ich sterben.

Ich wünsche mir von Deutschland und Europa, dass sie sich die Situation in Afghanistan ansehen, bevor sie Afghanen abschieben. Jeden Tag, jeden Monat, kommen dort ungefähr drei, vier Menschen ums Leben. Die ganze Welt weiß das.

Zwischen den afghanischen Flüchtlingen und denen, die aus anderen Ländern gekommen sind, werden Unterschiede gemacht. Afghanistan oder Syrien, es ist eigentlich klar, dass es in beiden Ländern nicht sicher ist, aber Afghanistan zählt nicht. Ja, sie glauben, dass wir weniger wert sind als Menschen aus anderen Ländern.

 

Abdulrahim. Foto: Hadi Ahmady

Abdulrahim. Foto: Hadi Ahmady

 
Abdulrahim: „Afghanistan ist wie ein Feuer“
 

Ich komme aus Herat, im Moment bin ich in Berlin.

Wir hatten schon unser Interview und wir haben einen negativen Bescheid bekommen. Ich hatte ein richtig schlimmes Gefühl, als ich das gelesen habe, das war wie die 50 Jahre Krieg, die ich erlebt habe; jeden Tag Leute sterben zu sehen, das alles hatte ich wieder vor Augen. Jeden Tag sind so viele Menschen gestorben, es war sehr, sehr traurig.

Diese Ereignisse, bei denen viele Leute in Kabul und anderen Städten ums Leben kommen, genau das wird auch mich treffen, wenn ich wieder zurückgehen muss. Das ist, als ob wir in den Tod geschickt werden. Afghanistan ist wie ein Feuer, in das wir gehen sollen.

 

Redaktion und Einleitung: Bodo Straub

Die Newsgroup Afghanistan ist eine Gruppe Kulturschaffender aus den Bereichen Film, Fotografie, Theater und Menschenrechte. Sie richtet sich gezielt an junge Geflüchtete aus Afghanistan und Iran. Unter anderem hat sie die Ausstellung „Welcome to Exilistan“ kreiert, die bei der Alsharq-Veranstaltung „Afghanistan – Exilistan“ im vergangenen November in Berlin gezeigt wurde. Mehr zur Newsgroup unter www.afghanmemories.org auf ihrer Facebook-Seite.

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