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Eine Gruppe von Kindern in der südiranischen Hafenstadt Bandar Abbas Foto: Mehdi Ehsaei Eine Gruppe von Kindern in der südiranischen Hafenstadt Bandar Abbas Foto: Mehdi Ehsaei

Jahrhundertelang prägte der Handel zwischen Persischem Golf, Ostafrika und Indischem Ozean die jeweiligen Küstenregionen. In den südlichen Provinzen Irans leben die Nachkommen afrikanischer EinwandererInnen, ihr kulturelles Erbe lebt unter anderem in Musik und Tanz weiter. Mehdi Ehsaei hat einige von ihnen für ein Fotoprojekt porträtiert. Von Daniel Walter

Iran ist in ethnischer und linguistischer Hinsicht enorm heterogen – dieser Befund mag nicht neu klingen, dennoch kommt er in der Darstellung des Landes häufig zu kurz. Die Gründe hierfür sind vielschichtig und bestehen aus einem Konvolut, das unter anderem Identitätspolitik, ethnozentrierten Nationalismus, Repräsentation und Teilhabe umfasst. Konzeptionelle Probleme und begriffliche Mythen (Stichwort „Arier“) spielen hier ebenso rein wie eine stark von der anglophonen Diaspora geprägte und damit sprachlich oft nur schwer zu übersetzende Lesart von „race“ oder Konstruktion und Kontrolle ethnischer Gruppen im kolonialen Kontext. Das Bild eines in erster Linie „persischen“ Iran, dessen Nationalstolz sich vermeintlich aus der vorislamischen Zeit beziehen lässt, ist heute noch immer dominant und trägt unter anderem zu den Hochkonjunktur genießenden anti-arabischen Ressentiments bei.

Die Minderheiten der Azeris und KurdInnen genießen allein aufgrund ihres hohen Anteils (ca. 16 bzw. 10 Prozent) an der rund 79 Millionen Einwohner zählenden Bevölkerung Irans ein gewisses Maß an Repräsentation. Selbiges gilt für die Nomadenstämme der Ghaschghai, die (teils sunnitischen) BelutschInnen oder die LurInnen. Weniger trifft dies jedoch auf die Nachfahren afrikanischer EinwandererInnen zu, die hauptsächlich in den südlichen Provinzen Hormozgan sowie Sistan und Belutschistan leben. Ihre Situation zeigt, wie kontrovers die Themen Rassismus und Sklaverei unter IranerInnen sind.

Reger Seehandel und Austausch zwischen den Kontinenten – schon im 9. Jahrhundert

Der Großteil der Afro-IranerInnen (der Begriff wurde von der kanadischen Wissenschaftlerin Behnaz Mirzai geprägt und unter anderem für seine Analogie zum US-amerikanischen Kontext kritisiert) besteht aus Nachfahren von AfrikanerInnen, die über das Seehandelsnetzwerk seit dem 9. Jahrhundert, also unter der arabischen Dynastie der Abbasiden, nach Iran kamen. Doch auch niedergelassene HändlerInnen und andere Geschäftsleute waren unter diesen MigrantInnen. Es waren also weder alle AfrikanerInnen Versklavte, noch waren alle Versklavten AfrikanerInnen. Menschen aus verschiedenen Regionen, unter anderem Georgien und Tscherkessien, wurden als Versklavte primär in iranischen Händler- und Herrscherfamilien eingesetzt.[i] Zudem prägte die geografische Lage inmitten wichtiger See- und Landhandelswege, in der seit jeher Menschen verschiedenster Herkunft aufeinandertrafen, die Region des heutigen Iran.

Noch bis ins 20. Jahrhundert hinein war die heute zu Iran gehörende Golfküste enger mit der arabischen Halbinsel und Indien verwoben, als mit den nördlichen Landesteilen.[ii] In ihrer jüngst erschienen Studie „A History of Slavery and Emancipation in Iran, 1800-1929“[iii] erläutert Behnaz Mirzai, Geschichtsprofessorin an der kanadischen Brock University, dass die Sklaverei hauptsächlich entlang schwacher Staatlichkeit fungierte und nur sehr eingeschränkt mit dem transatlantischen Sklavenhandel verglichen werden kann. Es passt zu dieser historischen Tendenz, dass mit der Manifestation des zentralistischen iranischen Nationalstaates unter der Herrschaft Reza Schah Pahlavis (r. 1925-41) im Jahr 1929 die Sklaverei in Gänze abgeschafft wurde.

Zwei Frauen in typischer Tracht der Region. Foto: Mehdi Ehsaei

 

Ceci n’est pas du racisme

Natürlich handelt es sich bei Schwarzen Menschen in Iran heutzutage nicht um eine „vergessene“ Minderheit, deren Notwendigkeit einer vermeintlichen „Wiederentdeckung“ mit diesem Begriff impliziert wird. Die Provinz Hormozgan ist nicht sonderlich dicht besiedelt und ihre größte Stadt, Bandar Abbas, hat die Zeiten als geschäftige Hafenstadt hinter sich. Dennoch ist die Region unter anderem ein beliebtes Ferienziel für viele IranerInnen, welche die Ruinen portugiesischer Festungen oder Mangrovenwälder auf den Inseln Hormuz und Qeshm besichtigen. Doch das allgemeine Wissen über diese Bevölkerungsgruppe geht häufig nicht über die populäre Form der „Bandari“-Musik (Bandar = Hafen) oder der Zar- und Gowati-Tänze (stark ostafrikanisch geprägte Kulturpraktiken) hinaus.

 

Die jährlich zum Neujahrsfest Nowruz wiederkehrende Figur des Haji Firuz – ein schwarzer Mann in rotem Kostüm, der Wünsche für das neue Jahr überbringt – ist das herausragende negative Symbol rassistischer Folklore in Iran. Der Debatte um den „Zwarte Piet“ in den Niederlanden ähnlich, gibt es auch hier häufig reflexartige Relativierungsversuche. Eine breitere gesellschaftliche Auseinandersetzung mit der Thematik schwarzer IranerInnen wurde unter anderem mit dem 1989 erschienenen Film Bashu, der kleine Fremde (Bashu, gharibeye kuchek) von Regisseur Behram Beizai ausgelöst. Der Film handelt von einem schwarzen Waisenkind, das in Zeiten des Iran-Irak-Kriegs in die Provinz Gilan flüchtet und dort bei einer Familie (die Gilaki spricht, auch dies eine Premiere im iranischen Kino) unterkommt.

Die Historikerin Mirzai widmet sich diesem Thema seit vielen Jahren und hat bereits vor der erwähnten Studie zwei Dokumentationsfilme veröffentlicht (Afro-Iranian Lives, 2008; The African-Baluchi Trance Dance, 2012). Mit dem Forschungsprojekt des Anthropologen Pedram Khosronejad von der Oklahoma State University zu Fotografien afrikanischer Bediensteter in Haushalten der Kadscharen-Zeit werden diese Bildarchive zukünftig der Öffentlichkeit zugänglich gemacht.

 


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Auch moderne Fotografien können ein Mittel sein, die Geschichte und Gegenwart der Afro-IranerInnen im öffentlichen Diskurs sichtbar zu machen, wenngleich sie im Spannungsfeld von Exotisierung und der Frage nach Eigenrepräsentation agieren. Dies zeigt der Bildband „Afro-Iran“, für den der 1989 in Münster geborene Mahdi Ehsaei zwei Monate in der Provinz Hormozgan verbracht hat. Als Abschlussarbeit seines Designstudiums in Darmstadt fertigte er Porträts von Kindern, Männern und Frauen allen Alters an. Regionale Kleidungsstile wie die Borqe – eine traditionelle Gesichtsmaske für Frauen, die sich bei Touristinnen aus den großen Städten einiger Beliebtheit erfreut – sind hier genauso zu sehen wie eine Gruppe von Jungen in Fußballtrikots. Die Idee für den Bildband hatte Mahdi, als er ein Fußballspiel in Schiraz verfolgte, bei dem eine Mannschaft aus Hormozgan spielte. Dies hat sein Interesse an der Geschichte der Afro-Iranerinnen geweckt. Im Interview berichtet er von seiner Arbeit sowie den Hintergründen des Projektes.

 

Eine Marktszene in Irans südlicher Provinz Hormozgan. Foto: Mahdi Ehsaei

 

Du hast für das Projekt zwei Monate vor Ort in Hormozgan verbracht. Wie genau lief die Arbeit ab?

In den ersten Tagen und Wochen habe ich meine Reise geplant und versucht, langsam die Lebensstrukturen der mir noch unbekannten Orte kennen zu lernen. Zunächst war ich sehr vorsichtig, wenn ich mich den Menschen näherte. Das Vorgehen, das man mit europäischen oder westlichen Sujets hat, ist anders als das mit den Menschen in Iran. In den ersten zwei Wochen habe ich gar keine Fotos für die Afro-Iran-Serie geschossen. Ich habe die Gelegenheit genutzt, die Leute kennenzulernen, indem ich den Alltag dort erlebte und mich einfach treiben ließ. So konnte ich mich besser im für mich unbekannten Süden  Irans (Jonoob) zurechtfinden.

Nach etwa einer Woche hatte ich mich mit Menschen in Bandar angefreundet. Einige von ihnen, besonders Frauen, erlaubten mir nicht, sie abzulichten. Ich habe stets zuerst viel Vertrauensarbeit geleistet, bevor ich zum Fotografieren überging.

Ich genieße als in Deutschland lebender Deutsch-Iraner das Privileg, die persische Sprache zu beherrschen. Dies hat dazu beigetragen, dass ich mich im Großen und Ganzen für dieses Projekt selbständig in die iranische Gesellschaft einfinden konnte. Ich war viel unterwegs und habe versucht, so viele Orte wie möglich zu erkunden.

Wie haben die Menschen vor Ort auf Dein Vorhaben reagiert?

Bereits die ersten Porträtversuche erwiesen sich als Hindernisse. Auf die Bitte, ein Foto von ihnen schießen zu dürfen, reagierten die Menschen oft eher abweisend. An Orten, an denen sie ihren Alltagsaktivitäten nachgingen, führte ich Gespräche mit ihnen, um ihr Vertrauen zu gewinnen.

Viele Frauen reagierten größtenteils mit Verwunderung und hinterfragten den Grund und Zweck der Fotografien. Seitens der Frauen erhielt ich die meisten Ablehnungen, was vor allem mit Religion und Kultur zusammenhängen könnte.  Der Veröffentlichung ihrer Fotos wurde zum Teil nicht zugestimmt, da sie sich sogar in ihrer eigenen Umgebung mit der Borqe verhüllten.

In meinen Gesprächen erläuterte ich ihnen den Hintergrund meines Projekts sowie meine Absichten. Im Grunde genommen habe ich die abgeneigten Personen durch den dokumentarischen und kulturellen Hintergrund dieser Arbeit überreden können. Viele waren sie positiv überrascht, dass jemand extra aus Deutschland kommt, um sie zu porträtieren.

Gibt es ein Bild, das Dich besonders beeindruckt hat?

Obwohl jedes Bild für mich mit einer Geschichte verknüpft und somit besonders ist, wäre das wahrscheinlich das Foto mit dem kleinen Jungen am Strand. Es entstand in der ersten Woche meiner Aufnahmen in Bandar Abbas. Ich war im Khaje-Ata-Viertel unterwegs, einer Gegend nahe des Hafens. Es war nachmittags, die Sonne ging langsam unter, ich sah mehrere Jungs am Meer spielen, darunter einen mit einer orangefarbenen Badehose und einem Stock in der Hand. Als ich ihn fragte, ob ich ein Bild von ihm schießen darf, blieb er stehen und formte seinen Körper. Es war nur ein kurzer Augenblick, in dem er sich aus seinem Kindsein herauslöste. Als ich mein Gesicht von der Kamera entfernte, fing er wieder an zu spielen. Was mir an dem Bild gefällt, ist die Emotionalität, die es vermittelt. Was der kleine Junge nicht wusste: er spielte womöglich genau dort, wo seine Vorfahren vor einigen Jahrhunderten Fuß fassen mussten.

 

„Was mir an dem Bild gefällt, ist die Emotionalität, die es vermittelt“, so Mahdi Ehsaei über den Jungen am Strand von Bandar Abbas. Foto: Mahdi Ehsaei

 

Du hast Antoin Sevruguin als Inspiration für Deine Fotos bezeichnet. Inwiefern wolltest Du seine Elemente fortführen, was wolltest Du anders machen?

Die Hauptinspiration meiner Arbeit war einer der ersten Fotografen in Iran namens Antoin Sevruguin (1830-1933)[iv], der russisch und armenisch-georgischer Abstammung war. Er war einer der wenigen Künstler, der die demographischen und ethnischen Gruppen, die zu seiner Zeit in Iran lebten, visuell dokumentiert hat. Er zeigte somit zum ersten Mal die Vielfalt der Bevölkerung Irans. Sevruguin beschloss, eine eigene Untersuchung über die Menschen, Landschaft und Architektur Irans zu erschaffen.

Seine Arbeit zeigt auch nach mehr als 100 Jahren die bedeutsame Rolle ethnografischer Fotografie für das Völkerverständnis.

Welche Aspekte Deiner Arbeit hast Du als problematisch angesehen?

Bevor ich das Projekt startete, hatte ich nie gedacht, dass die Geschichte des afro-iranischen Volkes Hunderte von Jahren zurückreicht – da war ich nicht der einzige Iraner. Auch viele andere mit denen ich sprach, wussten nicht, dass schwarze IranerInnen seit Jahrhunderten im Land leben. Es war sehr schwierig für mich, irgendwelche Bücher, Statistiken und Informationen über diese Minderheit zu finden, und es gab auch keine visuelle Dokumentation von Afro-IranerInnen.

Diese Lücke empfand ich als Ungerechtigkeit. Die Geschichte hinter diesen Menschen ist so tiefgreifend, dass sie eine globale Plattform verlangt und gesehen werden muss. Leider ist diese Gemeinschaft in Iran und in der Welt noch wenig sichtbar. So entschloss ich mich, diese schwierige Aufgabe mit meinem erlangten Wissen und Können zu stemmen, um die Menschen über afrikanisch-stämmige Iraner aufzuklären und ein weiteres faszinierendes Bild der iranischen Kultur zu zeigen.

In den ersten Wochen bestand die größte Herausforderung nicht im Zugang zu den Menschen, sondern in ihrer Konfrontation mit der Kamera. Wie oben erwähnt ist die geografische und gesellschaftliche Lage der Menschen ausschlaggebend für ihre Reaktionen der zu Porträtierenden. Die Anwesenheit von FreundInnen oder Familie oder die Verständigung auf dem im Süden gesprochenen Dialekt „Bandari“ erleichterte dies zumindest etwas. beruhigend zu wirken schien. Zumindest sollte die einheimische Person des im Süden gesprochenen Dialekts „Bandari“ mächtig sein. So hatte ich an manchen Orten einen einheimischen Begleiter mit mir, mit dem ich seither sehr gut befreundet bin.

 

Ein Mann lehnt sich an sein Auto. Foto: Mehdi Ehsaei

 

Die Frage, wer oder wasiranischsei, spielt im Land teilweise eine große Rolle. Wie gestaltet sich der Mehrheitsdiskurs zur afroiranischen Minderheit? Welche Rolle spielt alltäglicher Rassismus in Iran?

Diese Menschen leben ein vollkommen integriertes Leben und sehen sich natürlich als Teil der iranischen Gesellschaft. Eine Thematisierung dieser Gruppe als „anders“ kann zurecht, wie für jede andere Community auch, das Gefühl der Abgrenzung von der iranischen Gesellschaft erzeugen.

Afro-IranerInnen gehören zu der kulturellen Vielfalt Irans wie jede andere ethnische Gruppe, wie die Azeri, KurdInnen, AraberInnen, BelutschInnen, ArmenierInnen undsoweiter, die seit langem ein Teil Irans sind. Doch wie in jedem anderen kulturell vielfältigen Land gibt es auch hier Aspekte, die nicht beispielhaft sind. Ich kann die Tatsache, dass das Land nicht frei von Diskriminierung und Vorurteilen ist, nicht verleugnen. In meinem zweimonatigen Aufenthalt und weiteren Besuchen im Süden Irans habe ich jedoch keine Art von Diskriminierung gegenüber den Afro-IranerInnen erlebt. Menschen, die anders handeln, sind sich der Tatsache nicht bewusst, dass Afro-IranerInnen seit Jahrhunderten Teil der iranischen Bevölkerung sind. Dazu muss ich noch erwähnen, dass diese Art von Verhaltensweisen in Europa öfter zu erfahren sind als in Iran.

Afro-IranerInnen gehören nicht nur in die iranische Gesellschaft, sondern haben auch die gesamte Kultur in den südlichen Teilen des Landes geformt. Die ostafrikanische Kultur hat die Art des Tanzes und die Rhythmen der regionalen Musikstile, den Dialekt und den Kleidungsstil der südlichen Kultur beeinflusst. Diese kulturellen Spezifikationen haben die Kultur in den vergangenen Jahrhunderten beeinflusst und geprägt. Diese wurde von der Gesamtbevölkerung der Region im Süden Irans fortgesetzt. Abgesehen von ihrer Vorgeschichte, Hautfarbe und ihrer Konzentration an bestimmten Orten sind Afro-IranerInnen genauso wie alle IranerInnen, die man üblicherweise kennt. Sie fühlen sich iranisch und fühlen sich unwohl, nur wegen der Herkunft ihrer Vorfahren angesprochen zu werden. Einige von ihnen kennen ihren historischen kulturellen Hintergrund, manche nicht.

Seit der Ankunft der AfrikanerInnen in Iran vor mehr als 400 Jahren bilden Afro-IranerInnen eine vollständig integrierte Minderheit in der multiethnischen iranischen Gesellschaft. Ich finde es bemerkenswert und erstaunlich, wie gut ein interkulturelles Leben verschiedener Völker funktionieren kann und das Gefühl des Anderssein nicht der heutigen Zeit entsprechend ist.

Gibt es eine gemeinsame Identität unter den Mitgliedern der afroiranischen Community? Bezeichnen Sie sich selbst alsethnische GruppeoderMinderheit“?

Die Afro-IranerInnen haben die Musik und den Tanzstil dieser Region geprägt, und es haben sich auch Bräuche erhalten, die eindeutig afrikanischen Ursprungs sind. In einem Dorf bei Bandar Abbas konnte ich zum Beispiel an einer »Zar«-Zeremonie teilnehmen – einer Art von Teufelsaustreibung, bei der sich die TeilnehmerInnen mit Hilfe von Musik und Tanz in Trance versetzen, um betroffene Personen von psychischen Krankheiten zu befreien. Bemerkenswert ist auch die Gastfreundschaft der Afro-IranerInnen.

Wie steht es um die politische und mediale Repräsentation der AfroIraner im Land?

Soweit ich weiß gibt es keine politische Repräsentation der afro-iranischen Minderheit in Iran, zumindest weiß ich nichts davon. In den Medien sind unter den bekanntesten Afro-Iranern Musiker, wie Saeid Shanbezadeh, Morteza Karimi, Carlos (Hosein Ghodsinezhad), Schauspieler wie Reza Daryaie und die ehemaligen Spieler der iranischen Fußball-Nationalmannschaft in den 1970er und -80er Jahren, Mehrab Shahrokhi und Abdolreza Barzegari oder der ehemalige Athlet Peyman Rajabi.

Wie sind die Reaktionen auf Dein Buch bislang ausgefallen?

Das Feedback war überwältigend und ich hätte nicht gedacht, dass überhaupt das Projekt, welches ich nur auf meiner Website veröffentlicht hatte, viral gehen könnte – und das in so kurzer Zeit. Seitdem erhalte ich sehr viele Anfragen von renommierten Medien und Institutionen aus aller Welt. AfroIran hat sehr viele Möglichkeiten für mich geschaffen. Seit der Veröffentlichung des Buchs Ende 2015 wurde meine Afro-Iran-Fotoserie in Kolumbien, Italien und Kenia ausgestellt. Weitere Länder folgen.

Was, denkst Du, sagen die Reaktionen über das Thema allgemein aus?

Als das Projekt im Internet viral ging, wurde mir erst richtig klar, wie wichtig das Thema der Afro-IranerInnen ist. Ich finde, es stellt noch ein vernachlässigtes Kapitel der afrikanischen Diaspora und der iranischen Geschichte dar. Seitdem gelangt das Thema mehr und mehr in den Fokus von Medien, Institutionen und FotografInnen, was zugleich die Bedeutung und Wichtigkeit dieses Themas aufzeigt.

Das Thema der Afro-IranerInnen ist so umfangreich und es gibt noch viele unentdeckte Passagen, mit denen ich mich gerne in meinen nächsten Projekten näher befassen möchte, wie zum Beispiel die Stellung der Afro-IranerInnen in der heutigen iranischen Gesellschaft.

 

Mehr Informationen zu Mahdi Ehsaeis Arbeit auf seiner Homepage www.mahdi-ehsaei.com. Sein Buch Afro-Iran (Kehrer Verlag 2015) ist bestellbar auf: www.afro-iran.com.

 

[i] Eine sehr lesenswerte Aufarbeitung einer afro-iranischen Biografie im 19. Jahrhundert bietet Anthony A. Lee: Enslaved African Women in Nineteenth-Century Iran: The Life of Fezzeh Khanom of Shiraz, in: Iranian Studies, Nr. 45:3, 2012, S. 417-37.

[ii] Vgl. Rudie Matthee: The Persian Gulf: A Political and Economic History of Five Port Cities 1500-1730 (Rezension), in: Iranian Studies, Nr. 44:2, 2011, S. 123-27.

[iii] Behnaz A. Mirzai: A History of Slavery and Emancipation in Iran, 1800-1929, University of Texas Press, Austin, 2017.

[iv] Vgl. Aphrodite Désirée Navab: To be or not to be an orientalist?: The ambivalent art of Antoin Sevruguin, in: Iranian Studies, Nr. 35: 1-3, 2002, S. 113-44.

 

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