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Sharqistin Amina Nolte führte ins Thema ein. Foto: Christoph Dinkelaker Sharqistin Amina Nolte führte ins Thema ein. Foto: Christoph Dinkelaker

Probleme wie steigende Mieten, Umweltverschmutzung oder soziale Ungleichheit stellen Metropolen weltweit vor ähnliche Probleme. In einer Veranstaltungsreihe beleuchtet Alsharq exemplarische Fälle aus der Region. Die Auftaktveranstaltung beschäftigte sich mit der iranischen Hauptstadt Teheran – eine junge Metropole, die dennoch bereits gravierende Umwälzungen erlebt hat.

 „Tehran is not an ‚interesting‘ city“, heißt es zu Beginn eines Artikels des Stadtsoziologen Asef Bayat über die Hauptstadt Irans. Weder jahrhundertealte Geschichte, noch charmante Straßencafés oder Uferpromenaden wie in Istanbul oder Kairo finde man dort. In der Tat mag Teheran optisch wenig reizvoll sein, doch ist die Stadt nicht nur aufgrund der zentralen Rolle bedeutsam, die sie heutzutage mit 16 Millionen Einwohnern und damit rund einem Fünftel der iranischen Gesamtbevölkerung einnimmt. Keine andere Stadt hat die moderne Geschichte des Landes so sehr geprägt, in keiner anderen Stadt spiegelten (und spiegeln) sich die politischen, gesellschaftlichen und ökonomischen Verhältnisse stärker wider als in jener am Fuße des Alborz-Gebirges.

Rund 50 BesucherInnen fanden sich in den Räumlichkeiten des Berliner Bildungswerks der Heinrich-Böll-Stiftung ein, um dem Auftakt zur Alsharq-Herbstreihe „Der Urbane Nahe und Mittlere Osten“ beizuwohnen. Der Vortrag war gleichsam eingebettet in eine Themenwoche zur Zukunft der Stadt, die das Bildungswerk in Kooperation mit einer Vielzahl Berliner Bildungsträger ausrichtete.

 

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Den Abend eröffnete Sharqistin Amina Nolte, Promovendin an der Universität Gießen, mit einführenden Worten zu den theoretischen und konzeptionellen Grundlagen zur Stadtforschung sowie einem Kurzüberblick über einige urbane Trends sowie Spezifika ausgewählter Länder der Region. Im zweiten Teil der Veranstaltungen erläuterte Alsharq-Vorstandsmitglied Daniel Walter die Metropole Teheran in drei Schritten: den historischen Ordnungsmerkmalen; der Hauptstadt als Projektionsfläche der Herrscher und Protestraum sozialer Bewegungen; sowie abschließend den modernen Alltag in der Großstadt und sozialen wie stadtplanerischen Herausforderungen.

Zwei Drittel der Altstadt zerstört

Anhand des Vortrags wurde deutlich, dass die erst Ende des 18. Jahrhunderts zur Hauptstadt erhobene Siedlung Teheran zwar eine relativ junge Metropole ist, vor allem seit Mitte des 19. Jahrhunderts jedoch zum Sinnbild eines sich verstärkenden Nationenverständnisses wurde. Den städtebaulichen Großprojekten Naser ad-Din Schahs (r. 1848-96) sowie Reza Schah Pahlavis (r. 1925-41) fielen etliche historische Bauten zum Opfer, sollten sie doch die vermeintliche Modernität des Landes symbolisieren. Vor allem die autoritäre Modernisierung unter dem ersten Pahlavi-Schah zog große Veränderung für die Stadt nach sich, so zum Beispiel die Zerstörung von zwei Dritteln des historischen Stadtkerns, an dessen Stelle die neugeschaffenen Ministerien erbaut wurden.

Auch die soziale Trennung der Stadt wurde in diesen Jahren stark vorangetrieben und wohlhabendere Schichten siedelten sich mehr und mehr im Norden der Stadt an. Der Sohn und Nachfolger Reza Schahs, Mohammed Reza Pahlavi (r. 1941-1979), verordnete dem Land eine planmäßige Modernisierung sowie Industrialisierung und regierte während des Einzugs eines konsumbasierten Kapitalismus nach US-amerikanischem Vorbild. Das rasante Wachstum der Teheraner Bevölkerung als direkte Folge dieser Politik stellte die Stadt vor große soziale Probleme, da nicht ausreichend Wohnraum und Infrastruktur vorhanden waren – und bildete eine Ursache sozialer Unruhe, die sich später in der Revolution entlud und mit zum Sturz des Schahs beitrug. Das Zusammenspiel aus Kapitalismus, politischer und polizeilicher Kontrolle sowie sozialen Problemen sind auch heute noch einige der Charakteristika der modernen Großstadt Teheran. Trotz gut funktionierender Metro und Expresslinien für Busse sind zudem die Straßen notorisch überlastet und führen zu einer hohen Anzahl von Abgas- und Unfalltoten.

Die abschließende Diskussion zeigte, dass Teheran sowohl viele Probleme anderer Großstädte teilt, jedoch auch unzählige Besonderheiten mit sich bringt. Sowohl zivilgesellschaftliche Initiativen, als auch die Politik gehen die Herausforderungen an und es bleibt abzuwarten, wie die sozialen und Umweltprobleme der Metropole gelöst werden können.

Rund 50 Menschen nahmen an Vortrag und Diskussion teil. Foto: Christoph Dinkelaker

Rund 50 Menschen nahmen an Vortrag und Diskussion teil. Foto: Christoph Dinkelaker

 

Die Veranstalltungsreihe „Urbaner Naher Osten“ ist eine Kooperation von Alsharq e.V. mit dem Bildungswerk Berlin der Heinrich-Böll-Stiftung. Ziel der Reihe ist es, allgemeine Trends und spezifische Unterschiede aufzuzeigen und Stadt „von unten“ erfahrbar zu machen.

 

Weitere Termine:

  • 11. Oktober, 19 Uhr: Urbanes Kurdistan – Krieg in den Bergen, Shopping in den Städten. Referentin: Schluwa Sama. Mehr Infos hier.
  • 25. Oktober, 19 Uhr: Zwischen informellen Gebieten und Luxusprojekten. Phänomene der ägyptischen Stadt. Referent: Felix Hartenstein. Mehr Infos hier.
  • 14. November, 19 Uhr: Jerusalem aus der Perspektive von Infrastruktur. Referentin: Amina Nolte. Mehr Infos hier.

Ort ist jeweils das Bildungswerk Berlin der Heinrich-Böll-Stiftung, Sebastianstr. 21, 10179 Berlin.

Der Eintritt ist frei, um Anmeldung auf der Seite des Bildungswerks wird gebeten.

 

 

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