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Länderspiele gegen europäische Teams lassen sich gut für nationalistische Zwecke ausschlachten, sagt Can Evren. Bild vom EM-Quali-Spiel Türkei-Rumänien im Oktober 2012 im Şükrü Saracoğlu Stadıon in Istanbul. Foto: Bodo Straub Länderspiele gegen europäische Teams lassen sich gut für nationalistische Zwecke ausschlachten, sagt Can Evren. Bild vom EM-Quali-Spiel Türkei-Rumänien im Oktober 2012 im Şükrü Saracoğlu Stadıon in Istanbul. Foto: Bodo Straub

Fußball am Bosporus wird unter Erdogan und der AKP zunehmend zum Vehikel für türkische Nationalisten und gesteuerte Medien, die gegen Europa Stimmung machen. Der Anthropologe Can Evren untersucht dieses Phänomen. Ein Interview von Alsharq-Autor Martin Gerner.

Der türkische Anthropologe und Wissenschaftler Can Evren, der in den USA forscht und promoviert, ist über die Jahre vom Fußball-Fan zum kritischen Beobachter der türkischen Fan-Szene geworden.

Aus dem Englischen von Jan Altaner

                                        

Martin Gerner: Herr Evren, Sie sagen,  es gebe einen Zusammenhang zwischen dem türkischen Fußball und den populären anti-westlichen Ressentiments in der Türkei. Wie ist es ihrer Meinung nach dazu gekommen?

Can Evren.

Can Evren.

Can Evren:  Meine Forschungsergebnisse legen nahe, dass in den vergangenen 15 Jahren im türkischen Fußball der zunehmende Erfolg und knappe Niederlagen gegen die europäischen UEFA-Konkurrenten anti-westliche Mythen sowie den türkischen Nationalismus befeuert haben. Die türkischen Mainstream-Zeitungen und aufstrebenden privaten Fernsehsender spielten eine wichtige Rolle dabei, eine kriegsähnliche Atmosphäre gegen den Westen zu schaffen, rund um die Spitzenspiele von Galatasaray sowie der Nationalmannschaft gegen die westlichen Rivalen.

Gerner: Inwiefern geht es hier um Tatsachen oder um Verschwörungen?

Evren: Immer wenn Fenerbahçe, Galatasaray oder Beşiktaş, die drei großen Istanbuler Vereine, an den UEFA-Turnieren teilnehmen, gelten die Spiele als nationaler Test gegen europäische Rivalen sowie als Test für die internationale Macht der Türkei. Diese Spiele haben die höchsten Besucherzahlen und Einschaltquoten; die Emotionen kochen hoch. Immer wieder wird, so lässt sich feststellen, der UEFA vorgeworfen, Teil einer antitürkischen Verschwörung zu sein. Zuletzt geschah dies vor einem Jahr: Als Fenerbahçe nach einigen Fehlentscheidungen des Schiedsrichters gegen den portugiesischen Verein Braga im Europapokal verlor, veröffentlichte der Club eine Presseerklärung, in der es hieß, dass die Ursache für die mangelhafte Schiedsrichterleistung die Schwäche der türkischen Lobbyarbeit in der UEFA sei. Dies impliziert, dass die UEFA gegen die Türkei agieren würde.

Je mehr Geld in den 1990er und 2000er Jahren in den türkischen Fußball floss, desto mehr gewannen die UEFA-Turniere an Bedeutung. Die Idee, mit Europa gleichzuziehen, artikulierten die Fans durch Massenfeiern auf den Straßen sowie durch ihre Parolen: Die Türkei werde wieder zum mächtigen Osmanischen Reich und werde Europa erobern. Nach den Erfolgen von Galatasaray Istanbul war das meistgesungene Lied „Europa hör unsere Stimme, die ankommenden Schritte sind die der Türken“. Fatih Terim, der Trainer von Galatasaray, der die Elf 2000 zu großen Erfolgen  im UEFA-Cup führte, wird als „Imperator“ bezeichnet und das Team „Eroberer Europas“ genannt. Dieser Duktus ist Programm. Man kreiert das Bild des Fußballs als ewigen Kampf der Türkei gegen Europa. Diese Gleichung wird vor den 1980er Jahren weder explizit gemacht, noch bediente man sich damals solcher kriegsähnlichen Bilder.

Gerner: Welchen Einfluss hatten die türkischen Bemühungen, der EU beizutreten?

Evren: Im April 1987 beantragte die Türkei eine Vollmitgliedschaft in der EU. Während der nächsten zwanzig Jahre war der EU-Beitritt das Hauptthema der türkischen Politik. Die EU-Kandidatur der Türkei wurde im Dezember 1999 anerkannt. Die Jahre von 1987-1999 waren sowohl vom Dialog als auch von Spannungen zwischen der Türkei und der EU geprägt.

Jedoch waren die 1990er Jahre auch eine Zeit des verstärkten militärischen Konflikts zwischen der PKK und der türkischen Armee. Viele türkische Soldaten und PKK-Kämpfer starben. In diesem Jahrzehnt hat die Kritik der EU an Menschenrechtsverletzungen in der Türkei sowie die von der EU vertretenen Kriterien der Menschenrechte das nationalistische Establishment in der Türkei und die Mainstream-Medien frustriert.

Die Erfolge in UEFA-Wettbewerben von Galatasaray und der Nationalmannschaft in den 1990er Jahren fielen mit dem zunehmenden Stellenwert der EU in den politischen Debatten in der Türkei zeitlich zusammen. Nachdem Galatasaray beispielsweise im UEFA-Pokal-Finale im Jahr 2000 in Kopenhagen Arsenal London  geschlagen hatte, titelte eine große Zeitung „Steckt das ein für die Kopenhagener Kriterien“ und setzte damit den Fußballsieg mit einem nationalistischen Gefühl von „wir haben genug von dem Gerede über europäische Werte“ gleich.

 


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Gerner: Inwieweit spielte der Türkisch-Kurdische Konflikt dabei eine Rolle?

Evren: Als sich PKK-Führer Öcalan im November 1999 in Italien aufhielt, sollte Galatasaray in der Champions League in Istanbul gegen Juventus Turin spielen. Dabei initiierten Fans in der Türkei Anti-Italien-Boykotte und es kam zu dem Verbrennen italienischer Flaggen. Durch das Fußballspiel wurde die Situation weiter aufgebauscht, und das Spiel wurde zu einem Anlass für große anti-italienische Demonstrationen in der Türkei. Weil die Mannschaft von Juventus unter solchen Bedingungen nicht in Istanbul spielen wollte, beschuldigten die Medien die UEFA erneut anti-türkischer Vorurteile und warfen ihr vor, auf der Seite von Juventus zu stehen.

Auch erhielten nach 1984 kurdische und linke Aktivisten Asyl in Europa. Einige von ihnen nutzten Spiele von Galatasaray oder der Nationalmannschaft in der Schweiz, Deutschland, England oder Finnland ihrerseits für Proteste gegen die türkische Politik. Im Juni 1999 fand beispielsweise zeitgleich mit einem entscheidenden diplomatischen Treffen zwischen der Türkei und der EU in Köln ein Spiel der Türkei gegen Finnland in Helsinki statt. Dabei stürmten kurdische Demonstranten mit PKK-Fahnen das Spielfeld und verlangten die Freilassung Öcalans. Ähnliche Zwischenfälle ereigneten sich mehr als zehn Mal zwischen 1984 und 2000 in ganz Westeuropa. Türkische Dissidenten wollten die europäische Öffentlichkeit auf fortwährende Menschenrechtsverletzungen in der Türkei aufmerksam machen und die EU auffordern, diese Fragen in den Beitrittsverhandlungen anzusprechen.

Für das nationalistische Establishment dagegen wurden die Spiele Galatasarays in Europa zu einer Art extraterritorialer Polizeiarbeit gegen solche Proteste.  Vor einem Spiel in Wien im Jahr 1988 riet der Präsident des türkischen Fußballverbands den nationalistischen Galatasaray-Anhängern, Stöcke mitzubringen und die anti-nationalistischen Fans „mit unreinem Blut“ windelweich zu schlagen, wenn sie im Stadion auftauchen sollten.

Gerner: Welche Rolle spielt die AKP im türkischen Fußball? Nimmt Erdogan Einfluss auf die Geschehnisse?

Evren: Ich glaube nicht, dass Erdogan hier eine besondere Rolle einnimmt. Man muss sich daran erinnern, dass die AKP nach ihren ersten Wahlsiegen von 2002 bis 2012 eine explizit pro-europäische, pro-westliche Politik verfolgt hat. Die vorherrschende stark nationalistische und anti-europäische Gesinnung im Fußball hat sich weitestgehend in den 1990er Jahren gebildet. Die Kultur und die Fußballfans wurden in den 1990er Jahren im Kontext der bewaffneten Auseinandersetzungen zwischen der PKK und der türkischen Armee sehr rechts-nationalistisch. Viele Fan-Bruderschaften in der Westtürkei entwickelten ein starkes Ethos des Nationalismus. Diese Bruderschaften in Städten wie Bursa, Sakarya, Kocaeli oder Antalya bestehen aus jungen Männern, meist aus Familien der Arbeiterklasse. Diese Bruderschaften hatten Vereins-Mitglieder während ihres verpflichtenden Militärdienstes sterben sehen. Fangruppen haben oft nationale Ligaspiele zu nationalistischen Demonstrationen genutzt. Der türkische Verband unterstützte dies, indem er es zu einer offiziellen Regel machte, vor jedem Spiel die Nationalhymne zu singen. Diese Praxis besteht bis heute.

Gerner: Erdogan oder die AKP haben also bisher noch nicht versucht, den Fußball für ihre Zwecke zu instrumentalisieren?

Evren: Der türkische Fußball, würde ich behaupten, hat eine eigene Dynamik, die Erdogan nicht vollständig kontrollieren oder prägen kann. Zum Beispiel hat Erdogan vor einigen Jahren angedeutet, dass es für die Türkei vielleicht besser wäre, die UEFA zu verlassen und in der Asian Football Confederation (AFC) anzutreten, damit sich das Land leichter für die WM qualifizieren könne. Diese Aussage wurde nicht ernst genommen, weil die türkischen Fußballinstitutionen ihre eigenen Verbindungen haben und Vorteile aus der UEFA-Mitgliedschaft ziehen. Aber was die Innenpolitik betrifft, ist Erdogans Partei sehr bemüht, den Fußball für ihre Zwecke zu kontrollieren und zu nutzen. Auf nationaler Ebene versucht sie deutlich  sicherzustellen, dass der türkische Fußballverband im Einklang mit den Zielen der AKP geführt wird.

Gerner: Man könnte also sagen, dass das Verlieren nicht gerade Teil der nationalen Fußball-DNA ist?

Evren: Das Problem an den anti-westlichen Einstellungen ist die Art und Weise, wie Vereine, Spieler und Trainer, auch die Presse und der Verband, auf Sieg und Niederlage reagieren. Die Gefahr für Feindseligkeiten ist groß, wenn Medien, Verband und Sportler schlechte Vorbilder abgeben. So verlor die Türkei im November 2005 im WM-Qualifikationsspiel gegen die Schweiz. Die Schweiz gewann das Hinspiel mit 2:0 zu Hause und obwohl die Türkei im Rückspiel mit 4: 2 gewann, verlor sie auf Grund der  Auswärtstorregel. Es war bis zur letzten Minute ein Kopf an Kopf Rennen. Doch als der Schlusspfiff kam, fingen der türkische Cheftrainer Fatih Terim und sein Assistent Mehmet Özdilek an, die gegnerischen Spieler zu treten. Momente wie diese sind für das kollektive Gedächtnis bedeutsam. Auch der türkische Verband hat sie dafür nicht bestraft. So entwickelt sich natürlich eine schlechte Fußball-Kultur.

Gerner: Wie ist ihre persönliche Verbindung zum Fußball und seit wann erforschen sie dies systematisch?

Evren: Seit meiner frühen Jugend war ich Fußball- und Sportfan in Bursa und habe dort regelmäßig Erstliga-Spiele des Heimatvereins Bursaspor besucht. Ich kenne sowohl den Inhalt vieler Schlacht-Lieder als auch das Verhalten der Fangruppen. Ich denke, das größte Problem ist, dass Niederlagen in keinem Fall einfach hingenommen werden. Später begann ich, aufgrund meiner Überzeugungen die nationale türkische Fußballkultur zu untersuchen. Meine Forschung ist also ein wissenschaftlicher Versuch, zu verstehen und zu erklären, warum Fußball in der Türkei oft von reaktionären und rechten Werten dominiert wird.

Gerner: Für 2024 streiten sich die Türkei und Deutschland über die Ausrichtung der Fußball-Europameisterschaft: Wer wird da gewinnen?

Evren: Es ist schwer vorhersehbar, wer letztendlich das Rennen macht. Natürlich ist Deutschland reicher, hat eine bessere Infrastruktur und war Gastgeber der erfolgreichen Weltmeisterschaft 2006 – es hat also positive Erfahrungen. Aber die UEFA verfolgt eine Politik, die versucht, auch schwächere Staaten zu berücksichtigen. Deutschland war bereits Gastgeberland großer Turniere; die Türkei war es noch nicht. Der türkische Fußballverband wird versuchen, sich mit anderen UEFA-Mitgliedsländern gegen das deutsche Angebot zu verbünden. Die Türkei kann auch ins Feld führen, dass im Bausektor 30 neuen Stadien in der Türkei entstanden sind in den letzten Jahren. Der Türkische Verband wird das für seine Bewerbung  hervorheben. Die Folgen des gescheiterten Putsches, Erdogans Fortführung des Ausnahmezustandes, die Verletzung von Menschenrechten in der Türkei und das Image als unsicheres Land schaden der Bewerbung natürlich. 

 

Weitere Artikel von Martin Gerner zum Thema:    

      
Frankfurter Allgemeine Zeitung (Bezahl-Inhalt): „Eroberer Europas“     

Deutschlandfunk: Fußball als Waffe? Die Türkei im sportpolitischen Clinch mit Europa

martingerner.de: „Eroberer Euopas“ – Fußball und Nationalismus in der Türkei

 

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