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Ein Syrer springt durch den Stacheldraht an der Grenze zur Türkei. Foto: Freedom House (Reuters/Laszlo Balogh) / Flickr (cc-by 2.0) Ein Syrer springt durch den Stacheldraht an der Grenze zur Türkei. Foto: Freedom House (Reuters/Laszlo Balogh) / Flickr (https://flic.kr/p/dEkRMH), Lizenz: cc-by 2.0 (https://creativecommons.org/licenses/by/2.0/)

Wer von Syrien aus in die Türkei fliehen will, braucht nicht nur viel Geld und Geduld, sondern auch Glück mit den Schleusern. Die belügen manchmal ganz einfach ihre Kunden und sprechen von einem breiten Fluss, als sei es ein ausgetrockneten Bewässerungskanal. Alles nur, um die Passagiere zu motivieren. Zweiter Teil des Erfahrungsberichts von Samhar al-Khaled.

Dieser Text erschien zuerst auf unserer Partnerseite Ayn al-Medina.
Wer mehr zu Ayn al-Medina wissen will: Hier haben wir das Projekt vorgestellt.
 

Aus dem Arabischen von Sara Osman

Ob in den Gemeinschaftswohnungen, in denen die Kunden unterkommen, in den Transportern oder in den Büros der Schleuser – überall erscheint die Türkei zum Greifen nahe. Immer wieder fallen die Kunden auf die beschönigenden Worte der Schlepper herein, die sagen „Heute isst du in der Türkei zu Abend“ oder „Morgen früh wachst du in der Türkei auf.“

Zu dem Zeitpunkt beginnen die Verhandlungen darüber, wie viel Geld gezahlt wird, wie es übergeben wird und welche Dienstleistungen bei der Grenzüberquerung inklusive sind. Dann beginnt der Schleuser, den Plan zu erklären.

Das klingt dann beispielsweise so: Auf der Fluchtroute al-Harim gilt es zuerst, die Mauer zwischen Syrien und der Türkei zu überwinden. Dann müssen die Flüchtlinge in den Feldern warten, bis der Schleuser es als sicher empfindet, weiter zu gehen. Anschließend treffen sie auf einen türkischen Schleuser, der mit einem Auto auf sie wartet. Auf der Route al-Asi dagegen überquert man zunächst den gleichnamigen Fluss in einem kleinen Boot, kriecht dann kurz durch die Felder und erreicht schließlich türkischen Boden. Auf der Route al-Ayal („die Familien“) geht man wiederum für etwa zwei Stunden zu Fuß über die Grenze. Auf der Strecke al-Izn („die Erlaubnis“) werden die Passagiere die Grenze in der Nähe einer türkischen Polizeistation überqueren, weil es eine Übereinkunft zwischen dem türkischen Schleuser und den Sicherheitskräften gibt.

50 US-Dollar kostet die Erlaubnis bei den Islamisten

Einige Grundbesitzer nutzen ihr privates Land im Grenzgebiet für den Menschenschmuggel, wobei sie aber auch niemanden davon abhalten können, es ohne Erlaubnis zu nutzen. Andere fliehen über öffentliches Land. Das geht aber nur dann, wenn Hayat Tahrir al-Scham – ein Zusammenschluss islamistischer Rebellengruppen – die Flucht über diese Gebiete erlaubt.

Für 50 US-Dollar pro Person erteilt Hayat Tahrir al-Scham eine schriftliche Erlaubnis und macht es zur Voraussetzung, dass die Schleuser für Kinder kein Geld berechnen. Zwar werden drei Kinder unter zehn Jahren in der Praxis als ein Erwachsener gezählt. Das verheimlichen die Leute im Einverständnis mit den Schleusern jedoch, wenn sie die Kontrollen passieren, die Hayat Tahrir al-Scham auf dem Weg zur Grenze unterhält, um zu prüfen, ob die Schleuser eine schriftliche Erlaubnis haben.

 


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Der Schleuser versteckte mich und andere Flüchtlinge hinten im Transporter. Bevor wir die Kontrollen erreichten, sagte er uns, dass andere Schleuser Hayat Tahrir al-Scham nicht direkt bezahlten. Stattdessen zahlten sie den Milizionären an den Kontrollen pauschal 150 US-Dollar für die gesamte Gruppe, um ohne schriftliche Erlaubnis passieren zu können. Das System ist aber offenbar völlig willkürlich: Manchmal verlange Hayat Tahrir al-Scham auch von einem Schleuser mit Erlaubnis 100 US-Dollar für jeden Passagier und zwinge ihn, verletzte Kämpfer mit in die Türkei zu nehmen.

Wenn die Flüchtlinge in die Nähe der Grenze kommen, beginnt der Schleuser näher zu erläutern, wie sie den Weg beschreiten werden. Auf der Route al-Harim überquere man zunächst die Mauer, warte dann einige Zeit und gehe anschließend weiter in Richtung eines türkischen Dorfs. In Wirklichkeit geht es zuerst über die Mauer, dann kommt ein vier Meter tiefer Graben, danach Stacheldraht und ein Metallzaun, um anschließend mindestens sechs Stunden lang in einem dornigen Feld zu warten. Danach muss man über eine weitere Mauer klettern oder durch ein Rohr darunter kriechen, um dann in einer ländlichen Gegend in der Türkei anzukommen, die von der Gendamerie bewacht wird.

Von wegen „legale Fluchtroute“

Auf manchen Routen müssen die Flüchtlinge stundenlang durch Baumwoll- oder Pfefferfelder robben, um dann einen türkischen Militärweg zu erreichen, wo die Gendarmerie patroulliert. Wenn diese einen Moment lang unachtsam ist, setzen die Flüchtlinge ihren Weg fort. Spätestens dann realisieren viele Passagiere, dass die Fluchtroute al-Izn („die Erlaubnis“), für die sie 2000 US-Dollar oder mehr bezahlt haben, eigentlich nur ein weiterer illegaler Fluchtweg ist. Vorher hatten ihnen die Schleuser gesagt, dass sie eine legale Erlaubnis von den türkischen Behörden erhalten würden.

Auf diese Fluchtroute lotsen die Schleuser viele Gruppen von Flüchtlingen, besonders aus dem Irak, um die türkische Gendarmerie beschäftigt zu halten. Wem die Flucht auf dieser Route glückt, der ist überzeugt, dass er die Grenze mit einer Erlaubnis überquert hat. Denjenigen, die von der Gendarmerie verhaftet wurden, gibt der Schleuser derweil ihr Geld zurück und erfindet Entschuldigungen dafür, dass sie festgenommen wurden – etwa, dass die türkischen Polizisten sich untereinander nicht einig waren.

Mit Videos motivieren die Schleuser die Flüchtlinge zum Weitergehen

Bevor wir begannen, die Grenze zu überqueren, kehrten manche Flüchtlinge um, weil sie die schweren Hindernisse sahen oder die Schüsse der Gendarmerie hörten. Die Schleuser zeigten ihnen Videos, in denen andere Flüchtlinge nach ihrer Ankunft zu sehen waren. Manche ließen sich davon überzeugen und gingen weiter, auch wenn sie der Meinung waren, dass die Schleuser einige Gruppen absichtlich genau dann losschickten, wenn die Gendarmerie wachsam ist, um andere auf einem sicheren Weg gehen zu lassen.

Viele Passagiere beginnen, die Grenze zu überqueren, ohne von den Schmugglern, Wegführern oder Mittelsmännern ein authentisches Bild von der Route erfahren zu haben. Das passierte auch mir, als ich mit einer Gruppe versuchte, auf dem Weg al-Tulul („die Hügel“) die Grenze zu überqueren. Der Mittelsmann erklärte uns, wir würden zuerst über eine Mauer „springen“, dann in einen vier Meter tiefen Graben hinabsteigen, in dem sich ein größtenteils ausgetrockneter Bewässerungskanal befände, das Wasser reiche maximal bis zur Hüfte.

Danach würden wir durch ein Maisfeld laufen, das 400 Meter entfernt sei, ohne auf die Gendarme und ihre Schüsse zu achten. Das Polizeirevier sei einen Kilometer entfernt. Sobald wir das Maisfeld erreichen, werde die Gendarmerie die Suche nach uns aufgeben, weil wir in dem Feld zu schwierig zu finden seien. Wenn wir das Feld durchquert hätten, würden wir einen Wall erreichen, den wir übersteigen, um dann endlich in einem türkischen Dorf anzukommen.

Der „trockene Bewässerungskanal” war in Wahrheit ein Fluss

Der Schleuser lehnte eine Leiter an die Mauer, stieg hoch, schnitt ein Loch in den Stacheldrahtzaun, der sich auf der Mauer befand, und gab uns ein Zeichen, ohne ihn auf die andere Seite springen. Dann kletterten wir in den Graben hinab und stellten fest, dass vor uns gar kein ausgetrockneter Bewässerungskanal, sondern der Fluss al-Asi lag.

Das Polizeirevier war viel näher an uns als das Maisfeld, das von Stacheldraht und einem Metallzaun umgeben war. Die Bauern, die gerade dabei waren auf dem Feld zu arbeiten, ließen ihre Arbeit nieder und machten sich daran, der Gendarmerie dabei zu helfen, die Mitglieder unserer Gruppe festzunehmen. Ich war zu diesem Zeitpunkt schon dabei, mich durch den Fluß zu kämpfen und versteckte mich am  Ufer der anderen Seite, um die Lage zu beobachten. Schließlich gab ich auf und zeigte mich den wütenden Gendarmen.

 

Redaktion: Maximilian Ellebrecht

Dieser Text ist Teil einer dreiteiligen Artikelserie zur Flucht aus Syrien in die Türkei. Lesen Sie auch Teil 1: Wer sich nicht auskennt, zahlt drauf, sowie in Kürze Teil 3: Das Grenzregime der Gendarmen.

Hinweis: Die Artikelserie erschien bei unserem Partner Ayn al-Medina Ende September, also noch vor dem erneuten Einmarsch der türkischen Truppen in die Region Idlib. Wie sich seither die Lage vor Ort entwickelt hat, ist für uns gerade nicht nachzuvollziehen. Aber zumindest für die Zeit zuvor stellte die hier beschriebene Situation einen Ausschnitt der Realität dar.

 
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  1.  – Aus Syrien in die Türkei, Teil 3: Grenzregime der Gendarmen

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