Von | | Alsharq-Veranstaltung, Kurden.

Referentin Schluwa Sama. Foto: Daniel Walter Referentin Schluwa Sama. Foto: Daniel Walter

Probleme wie steigende Mieten, Umweltverschmutzung oder soziale Ungleichheit stellen Metropolen weltweit vor ähnliche Probleme. In einer Veranstaltungsreihe beleuchtet Alsharq exemplarische Fälle aus dem Nahen Osten. Vergangene Woche ging es um Verbindungen von Kapitalismus, Nationalismus und Kriegen in der jüngeren Urbanisierung Irakisch-Kurdistans.

Man hätte an diesem Abend wohl noch einige Stunden lang bleiben können, so lebendig war die Diskussion mit dem Publikum nach dem Vortrag von Schluwa Sama. Rund 50 BesucherInnen waren in die Räume des Bildungswerks Berlin der Heinrich-Böll-Stiftung gekommen, um der Präsentation der Sharqistin und Doktorandin am Kurdish Studies Center der Universität Exeter beizuwohnen.

Die Urbanisierung in der Autonomen Region Irakisch-Kurdistan sei ein von kurdischem Nationalismus und Kapitalismus geprägter Prozess, der an den eigentlichen Bedürfnissen der Bevölkerung vorbeigehe, so das Argument der Referentin. Um dies zu belegen, stellte sie zunächst in einem geschichtlichen Überblick die Entwicklung der kurdischen Landwirtschaft im Vergleich zur Stadtentwicklung dar – von der britischen Kolonialherrschaft über die irakische Monarchie, die Herrschaft der Baath-Partei unter Saddam Hussein und deren Sturz durch die US-geführte Koalition; schließlich der seit 2014 vom Kampf gegen Daesh geprägten Lage und neuer Auseinandersetzungen mit der irakischen Zentralregierung, die jüngst in das kontroverse Unabhängigkeitsreferendum mündeten.

Shopping-Malls statt Schubkarren

Um ihre Analysen zu belegen, konnte Schluwa Sama auf mehrjährige Arbeitserfahrung bei internationalen Organisationen vor Ort sowie Feldforschung im Rahmen ihrer Promotion zur Politischen Ökonomie Irakisch-Kurdistans zurückgreifen. Besonders einprägsam war das Bild der Männer mit großen Schubkarren, die in vielen Ländern der Welt zum Bild auf Bazaaren, Suqs und Märkten dazugehören – denen von der kurdischen Regionalregierung die Arbeit im Bazaar aber untersagt wurde, um das Stadtbild weniger „rückständig“ aussehen zu lassen.

Riesige Einkaufszentren wie die „Family Mall“ in Erbil oder gated communities stünden vor allem den zahlreichen ausländischen Angestellten ausländischer NGOs oder der reichen (Öl-)Elite der kurdischen Gesellschaft zur Verfügung. Die kurdische Landbevölkerung jedoch sei über Jahrzehnte hinweg vernachlässigt worden und habe sich, insbesondere seit der US-geführten Invasion im Jahr 2003, amerikanischen Saatgutherstellern sowie iranischen und türkischen Lebensmittelimporten unterwerfen müssen, und somit ihre Unabhängigkeit verloren.

Der Krieg in den Bergen an der Grenze zur Türkei, so Schluwa Sama, sei letztlich direkt mit dem Shopping in den Städten verbunden, denn die Kooperation zwischen Erbil und Ankara sei eine der Grundvoraussetzung für das rasche Anwachsen der Städte in Irakisch-Kurdistan. Türkische Baufirmen und andere Unternehmen seien mit der kurdischen Regierungselite eng verbunden. Warum dann die Auseinandersetzungen beider Regierungen rund um das Referendum? Dies war nur eine der Fragen, die im Anschluss lebhaft diskutiert wurden.

 

Die Veranstaltungsreihe „Urbaner Naher Osten“ ist eine Kooperation von Alsharq e.V. mit dem Bildungswerk Berlin der Heinrich-Böll-Stiftung. Ziel der Reihe ist es, allgemeine Trends und spezifische Unterschiede aufzuzeigen und Stadt „von unten“ erfahrbar zu machen.

Die erste Veranstaltung beschäftigte sich mit der Frage: Teheran – Metropole am Limit?

Weitere Termine:

  • 25. Oktober, 19 Uhr: Zwischen informellen Gebieten und Luxusprojekten. Phänomene der ägyptischen Stadt. Referent: Felix Hartenstein (TU Berlin). Mehr Infos hier.
  • 29. November, 19 Uhr: Jerusalem aus der Perspektive von Infrastruktur. Referentin: Amina Nolte (Alsharq e.V., Universität Gießen). Mehr Infos hier.

Ort ist jeweils das Bildungswerk Berlin der Heinrich-Böll-Stiftung, Sebastianstr. 21, 10179 Berlin.

Der Eintritt ist frei, um Anmeldung auf der Seite des Bildungswerks wird gebeten.

 

Die Veranstaltung war, wie auch dieser Blog, ein Projekt des gemeinnützigen Vereins Alsharq e.V.
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