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"Im Nordirak sind wir im Prozess, eine Demokratie zu werden. Aber dieser Prozess wird Jahrzehnte dauern." Vater Emanuel. Foto: European Parliament/Flickr (CC BY-NC-ND 2.0) "Im Nordirak sind wir im Prozess, eine Demokratie zu werden. Aber dieser Prozess wird Jahrzehnte dauern." Vater Emanuel. Foto: European Parliament/Flickr (CC BY-NC-ND 2.0)

Der assyrische Priester Vater Emanuel ist Leiter der in Dohuk, Nordirak, ansässigen christlich-humanitären Hilfsorganisation CAPNI, die sich um geflüchtete Menschen aus den vom IS besetzen Gebieten in Syrien und Irak kümmert. Lukas Reineck sprach mit Vater Emanuel über die Bedrohung durch die Islamisten und das Leben der Christen in der autonomen Region Kurdistan.

Seit dem ersten Jahrhundert leben im Irak Christen, deren Mehrheit heute von den Anhängern des assyrischen Glaubens gebildet wird. Aufgrund von Verfolgung durch muslimische Extremisten haben viele Assyrer in den letzten Jahren den Irak verlassen oder sind in den kurdischen Nordirak geflohen.

Priester Emanuel Youkhana leitet die Arbeit von CAPNI (Christian Aid Program Nohadra Iraq), einer im Nordirak registrierten gemeinnützigen NGO der Assyrischen Kirche des Ostens, welche sich unter anderem im Wiederaufbau von durch die Terrororganisation „Islamischer Staat“ (IS) zerstörten Dörfern, Schulen, Brunnen und Stromnetzwerken betätigt.

 

Vater Emanuel, wie bewerten Sie die aktuelle Situation im Nordirak?

Es ist eine große Herausforderung, eine menschlich verursachte Katastrophe. Ein Ende ist nicht in Sicht. Wir können uns vermutlich darauf einigen, wann, wie und warum die Katastrophe begann. Aber wir können nicht sagen, wann sie vorbei sein und wie sie beendet werden wird. Wir können militärisch gegen den IS vorgehen, wie die Rückeroberung von Gebieten durch die Peschmerga und die irakische Armee zeigen (Anmerkung der Redaktion: Das Interview wurde geführt, bevor die irakische Armee und ihre Verbündeten Mossul vollständig zurückerobert hatten). Aber was ist mit den ideologischen Auswirkungen? Wie wird eine post-IS Zeit im Irak aussehen? Darüber sind sich alle Parteien uneinig. Und auch die Anrainerstaaten des Irak werden sich bei der zukünftigen Gestaltung einmischen wollen, was die Sache weiter erschwert.  

Wie hat der Kampf um Mossul, der seit Oktober 2016 von den irakischen Streitkräften und ihren Verbündeten (A.d.R: kurdische Peschmergaeinheiten; assyrisch-christliche, sunnitische und schiitische Milizionäre; US-amerikanische Einheiten und Kampfflugzeuge der Anti-IS-Koalition) gegen den IS geführt wird, die Situation im Nordirak beeinflusst?

Natürlich hat die Situation in Mossul, aufgrund der geografischen Nähe, einen großen Einfluss auf den kurdischen Teil des Irak – allein auf humanitärer Ebene. Es sind tausende Menschen aus Mossul nach Kurdistan geflohen. Hinzu kommt das Sicherheitsrisiko, dass sich mit dem Flüchtlingsstrom auch IS-Kämpfer nach Kurdistan einschleusen. Gerade gestern erst haben Angehörige der Peschmerga fünfzig IS-Anhänger unter den Geflüchteten identifiziert. Doch nicht alles ist negativ. Die Erfolge der irakischen Armee haben dazu geführt, dass viele Menschen in Gebiete nahe Mossul zurückkehren konnten. Beispielsweise sind 450 assyrische Familien nach Telskuf zurückgekehrt. Für uns ist das ein positives Ergebnis im Kampf um Mossul.

Auch der irakische Anrainerstaat Syrien ist Schauplatz eines sehr blutigen Bürgerkriegs. Welche Auswirkungen hat das auf Nordirak?

Der Bürgerkrieg in Syrien hat einen starken Einfluss auf die Situation im Nordirak. Allein in Dohuk haben wir mehr als 250.000 syrische Flüchtlinge. In ganz Kurdistan sind es mehr als 400.000 aus dem Nord-Osten Syriens. Das Problem ist, dass die irakische Zentralregierung keine finanzielle Unterstützung nach Kurdistan schickt. Es sind ja nicht nur Flüchtlinge aus Syrien, die nach Kurdistan kommen, sondern auch 1.5 Millionen Flüchtlinge aus dem Süden des Irak.

Welche Erfahrungen machen die Christen in den vom IS besetzten Gebieten?

Es gibt viele Geschichten, wie Christen sich unter der IS-Besatzung versteckt und überlebt haben und nun in ihre Heimatstädte, wie die chaldäischen Stadt Batnaya und die assyrische Stadt Telskuf, zurückkehren. Viele haben ihre Familienangehörigen verloren. Doch der Wille zur Vergebung und zur Nächstenliebe, wie Jesus es uns im Lukasevangelium lehrt, ist da.

In Batnaya erzählte mir eine Familie: „Der IS kann zwar unsere Häuser zerstören, aber sie werden nicht unseren Glauben erschüttern. Wir werden hier bleiben.“ Eine andere Frau sagte zu mir: „Wir sehen es als Berufung zu bleiben. Gott hat uns gefragt seine Zeugen im Irak zu sein. Wir wollen seinen Ruf  an uns nicht ablehnen oder verleugnen. Wir wollen ein Licht hier sein. Gottes Ruf zu folgen ist ein Segen“.  In Enishke, einem christlichen Ort an der türkischen Grenze, wurden hunderte jesidische Familien aufgenommen. Die Christen haben dort ihr Brot, ihr Wasser und ihre Häuser mit den Familien geteilt. 

Natürlich sind viele Familien durch den IS-Terror traumatisiert.  Das Leid, das der IS ihnen zugefügt hat, war für viele Familien zu viel. Sie konnten sich nicht vorstellen, weiter im Irak zu leben, darum haben sie das Land verlassen. Wahrscheinlich ist ein Leben in Europa sicherer. Der Lebensstandard, die Ausbildung, die Wirtschaft, das Gesundheitssystem sind besser. Aber was ist mit der 2000-jährigen Geschichte der Christen in Mesopotamien?

 

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Momentan ist die Situation für die Christen im Nordirak verhältnismäßig sicher. Die kurdische Autonomiebehörde gewährt den Christen rechtliche Freiheiten. Wollen viele der Christen hier in Kurdistan bleiben oder sehen sie ihr Zukunft in Europa und den USA?

Viele assyrische Christen leben heute in der westlichen Diaspora, in den USA oder Schweden beispielsweise. Ihr historisches Kernland ist jedoch der Nordirak beziehungsweise die Ninive-Ebene. Während der Zeit von Saddam Husseins war das Leben für Christen im Westen einfach. Viele sind in die Diaspora in die USA oder nach Europa gegangen. Als das Saddam-Regime 2003 zusammenbrach, sind viele Assyrer aus der Diaspora nach Kurdistan zurückgekehrt. Wir fühlen uns in Kurdistan momentan sicher, doch leider gibt es hier nicht viele Jobmöglichkeiten. Diese wirtschaftliche Unsicherheit schafft daher leider Anreize zur Migration für viele assyrische Christen, sie ist ein „Push“-Faktor. Hinzu kommt, dass man auch nie sicher sagen kann, wie sich die politische Situation in unserer Region entwickeln wird. Die „Pull“-Faktoren sind unsere Familien, von denen viele in der Diaspora im Westen leben.

Gibt es auch Christen in anderen Teilen Iraks?

In drei der 18 irakischen Provinzen leben Christen: in der Ninive Ebene, in Dohuk und in Erbil. Die meisten assyrischen Christen leben also mit gemäßigt sunnitischen Kurden und Jesiden zusammen.

Wie ist das Verhältnis zwischen Christen und Kurden?

In Dohuk, Erbil und der Ninive-Ebene ist die PDK (Demokratische Partei Kurdistans) an der Regierung. Die Peschmerga sorgen hier für Sicherheit. Das heißt für uns, dass wir eine gemeinsame Zukunft mit den gemäßigt sunnitischen Kurden haben. Generell haben wir als assyrische Christen gute Erfahrung mit den Kurden gemacht. Es ist uns erlaubt, unsere Häuser wiederaufzubauen, nachdem diese in der Ninive-Ebene 2014 durch den IS zerstört wurden. Kurdistan ist eine offene Gesellschaft. Man kann hier sehr einfach konvertieren. Ein Moslem kann Christ werden. Es ist gesetzlich nicht verboten. Diese Freiheiten unterscheiden Kurdistan von den umliegenden Ländern, auch vom südlichen Teil des Iraks.

Würden Sie sagen, dass der Nordirak ein pluralistisches demokratisches System hat?

Vor der Saddam-Ära  hatten wir eine wirkliche ethnische Vielfalt, die über den kompletten Irak verteilt lebte, also nicht nur im Nordirak. Es gab Assyrer, Armenier, Kurden, Araber, Jesiden, Juden und Turkmenen. Darüber hinaus gab es natürlich eine religiöse und konfessionelle Vielfalt. Jede Ethnie hat einen wertvollen Beitrag zum Pluralismus im Irak geleistet. Unter Saddam sind viele der genannten Minderheiten ins Exil gegangen. Mit der Staatsgründung Israel sind natürlich fast alle Juden nach Israel emigriert. Ich würde sagen, wir, damit meine ich den Nordirak, sind im Prozess, eine Demokratie zu werden. Dieser Prozess dauert jedoch Jahrzehnte. Die nächsten Generationen müssen in einer demokratischen Umwelt aufwachsen, um Demokratie zu verstehen. Um es auf den Punkt zu bringen: Wir sind eine junge Demokratie, die noch viel zu lernen hat.

In anderen arabischen Ländern, wie beispielsweise im Libanon, ist das Bildungswesen vielfach von Kirchen etabliert worden. Kann die Kirche im Nordirak eine ähnliche Rolle spielen?

Unglücklicherweise sind wir aufgrund der Emigration vieler Christen aus dem kompletten Irak zahlenmäßig schwach. Aber wir müssen unsere Rolle wiederfinden. Im gesamten Nahen Osten waren die Christen einst führend im Bildungs- und Gesundheitssystem und in zivilgesellschaftlichen Prozessen. Viele Christen haben im Westen gelebt und dadurch Ideen wie Säkularismus und Menschenrechte in den Nahen Osten gebracht. Es ist unser Ziel als christlich-humanitäre Organisation allen benachteiligten Volksgruppen im Nordirak zu helfen. Dadurch können wir Brücken schlagen und den Menschen um uns herum dienen. All die Botschaften von Hass und Ausgrenzung, die der IS propagiert, können ersetzt werden durch Botschaften der Nächstenliebe, des Friedens und der Koexistenz.

Was muss sich ändern, damit Christen nicht nur im kurdischen Nord-Irak bleiben möchten, sondern im ganzen Irak?

Wenn der IS militärisch besiegt ist, dann geht die Arbeit erst richtig los. Es ist nicht genug, mit den Konsequenzen der Gewaltherrschaft des IS umzugehen. Wir müssen die islamisch- fundamentalistischen Wurzeln bekämpfen. Die menschenverachtende Ideologie des IS muss aus den Herzen der Menschen verschwinden. Der IS hat ja in den besetzen Gebieten die Bildungspläne geändert. Diese ideologischen Bildungspläne des IS müssen wir wiederum ändern. Leider gab es schon vor dem IS, unter Saddam Hussein, Diskriminierung. Wenn es hier Veränderung gibt, dann haben Christen, aber auch alle anderen Minderheiten, eine Chance, dauerhaft im Irak zu bleiben.

 

Lukas Reineck arbeitet für die Hilfsorganisation Christlicher Hilfsbund im Orient. Der Christliche Hilfsbund unterstützt Christen aller Konfessionen im Nahen Osten, die religiöser Verfolgung ausgesetzt sind. Die Arbeit des Hilfsbundes begann bereits mit der Unterstützung der Armenier im Osmanischen Reich.

 
 

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