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Welche Zukunft für Jerusalem? Foto: Tim Rich and Lesley Katon/Flickr (CC BY-NC-ND 2.0) Welche Zukunft für Jerusalem? Foto: Tim Rich and Lesley Katon/Flickr (CC BY-NC-ND 2.0)

Von wegen vereinigt: Jerusalem ist heute so gespalten wie die ganze israelische Gesellschaft. Doch ausgerechnet die Trennung der arabischen Gebiete von der West Bank ist eine Chance für die Stadt, voran zu kommen. Von Marik Shtern

Zu Ehren des Jerusalem-Tags hat die Stadtverwaltung eine Kampagne gestartet, um den 50. Jahrestag der „Wiedervereinigung“ der Stadt zu feiern. Der Titel lautete: „Ein vereintes Jerusalem kommt zusammen.“ Doch bereits ein kurzer Blick auf die angespannten und gewalttätigen Beziehungen zwischen den verschiedenen Bevölkerungsgruppen der Stadt – ob israelisch oder palästinensisch oder säkular oder ultraorthodox – belegt, wie weit dieser Slogan von der Realität entfernt ist. Der Slogan verschleiert auch die traurige Wahrheit: Jerusalem ist als nationales und religiöses Symbol der Kristallisationspunkt für die Polarisierung verschiedener Teile der israelischen Gesellschaft – und ganz und gar kein Ort der Verständigung oder der Einheit.

Es überrascht jedoch nicht, dass die Stadt in diesem Zustand ist. Was Ost-Jerusalem betrifft, hat die israelische Regierung seit 1967 zwei wesentliche strategische Ziele verfolgt: einerseits den jüdischen Charakter Jerusalems stärken, andererseits verhindern, dass die Stadt wieder geteilt werden könnte. So hat sie unmittelbar die Entwicklung der Stadt und der Kräfteverhältnisse zwischen den verschiedenen Gruppen geformt.

Nur teilweise erfolgreich

Von Anfang an haben diese beiden Ziele die Unterentwicklung vieler Gegenden in Ost-Jerusalem und der dortigen palästinensischen Bevölkerung bestimmt. Dies entstand aus der Überzeugung, dass es den jüdischen Charakter Jerusalems bedrohen könnte, würden Bedingungen geschaffen, die der arabischen Bevölkerung zugutekommen – etwa geregelt planen, eine moderne Infrastruktur entwickeln, oder neue Wohngegenden errichten zu können. Die Anstrengungen richteten sich stattdessen darauf, die Gegend zu judaisieren: Es wurden israelische Viertel wie Gilo, Ramot und Pisgat Ze’ev gebaut, um so viele Juden wie möglich in Ost-Jerusalem anzusiedeln und dadurch die Entwicklung palästinensischer Gegenden zu begrenzen.

Diese Bemühungen waren jedoch nur teilweise erfolgreich. Einerseits lebt zwar fast die Hälfte der jüdischen Bevölkerung Jerusalems auf der anderen Seite der Grünen Linie. Es scheint zudem unmöglich, die beiden Teile der Stadt jemals wieder zu trennen, was zerstörerisch für das Stadtgefüge wäre. Andererseits haben die Araber Ost-Jerusalems ihre Wohnungen nicht verlassen, obwohl sich die Bedingungen für sie verschlechtert haben. Die Demografie der jüdischen Bevölkerung wurde seit 1988 von negativer Migration und vom Wegzug der produktiven Mittelklasse bestimmt. Dementsprechend ist der palästinensische Anteil in Jerusalem von 25 Prozent im Jahr 1967 auf 37 Prozent heute gestiegen – und manche sagen, die inoffizielle Rate läge sogar bei 41 Prozent.

Ein unkontrollierbarer Dampfkochtopf

Der Teilerfolg der israelischen Politik in Jerusalem hat der Stadt einen endlosen Kampf um Kontrolle, sozioökonomische Spaltung sowie nationalistische und religiöse Gewalt eingebracht. Dieser Kampf macht es unmöglich, eine zukünftige politische Lösung umzusetzen. In anderen Worten: Jerusalem ist ein politischer und religiöser Dampfkochtopf, der nicht kontrolliert werden kann.

In den vergangenen zehn Jahren sind allerdings neue Bedingungen entstanden, die das geografische und politische Kräftegleichgewicht ins Schwanken bringen. Der Kollaps der Oslo-Abkommen und das Errichten des Trennzauns im Jahr 2004 haben die Spielregeln in Jerusalem geändert und unerwartete geografische und wirtschaftliche Folgen für die Beziehung zwischen Ost- und West-Jerusalem geschaffen. Zum ersten Mal haben palästinensische Einwohner Ost-Jerusalems begonnen – mangels Alternative – in West-Jerusalem und im israelischen Arbeitsmarkt ihre wirtschaftliche Zukunft zu sehen.

Wirtschaftlich und politisch von den Städten der West Bank getrennt, hat die wachsende Abhängigkeit von der israelischen Wirtschaft zu einer neuen „pragmatischen Israelisierung“ unter arabischen Jerusalemern geführt. Dazu gehört ein Anstieg der Bewerbungen um die israelische Staatsbürgerschaft, ein Anstieg der Studenten, die auf Hebräisch studieren und Vorbereitungskurse und Weiterbildungseinrichtungen in West-Jerusalem besuchen, und die zunehmende Integration einer professionellen palästinensischen Erwerbsbevölkerung in verschiedene Berufszweige in West-Jerusalem.

Integration und Radikalisierung

Gleichzeitig hat die mangelhafte Infrastruktur im Ostteil der Stadt sowie der begrenzte Zugang zu Städten in der West Bank die tägliche Präsenz von Palästinensern in öffentlichen und kommerziellen Räumen in West-Jerusalem erhöht, zum Beispiel in Einkaufszentren, Parks und Naherholungsgebieten. Solange also der Trennzaun bleibt, wo er ist, und solange eine politische Einigung nicht auf der Agenda steht, wird die geografische und wirtschaftliche Integration der Araber Jerusalems in eine Vielzahl der Lebensbereiche anhalten.

Wenig überraschend begleitet ein Gegentrend der religiösen und nationalen Radikalisierung diesen Prozess, der sich im Terrorismus der „Jerusalem-Intifada“ ausdrückte. Daher wird sich auch die Zersplitterung fortsetzen, zwischen Extremisten und Gruppen auf beiden Seiten, die es ablehnen, dass sich das Muster der Trennung zwischen verschiedenen Bevölkerungsgruppen in der Stadt wandelt.

Eine mögliche Lösung der Jerusalem-Frage

Aber gerade durch den Prozess der wirtschaftlichen Abhängigkeit und Israelisierung sehe ich die Grundlage für eine Lösung der Jerusalem-Frage und der Beziehung zwischen Juden und Arabern in der Stadt. Zunächst bieten häufige Begegnungen zwischen verfeindeten Gruppen die Chance zu Anerkennung, Mäßigung und zum Abbauen der Vorurteile. Zweitens scheint die Förderung israelischer Bildung und ökonomische Integration für Jerusalemer Araber die einzige verfügbare Option zu sein, sich persönlich und als Gruppe zu stärken.

Demnach ist es möglich, eine neue lokale palästinensische Elite zu entwickeln, die in der israelischen Gesellschaft versiert ist, aber ideologisch in der lokalen Gemeinschaft verwurzelt. Der Aufstieg auf der Jobleiter wird den Lebensstandard für die palästinensische Bevölkerung heben und die sozioökonomische Spaltung verringern – was es ermöglicht, dass sich die Bevölkerungen auf Augenhöhe begegnen können. Eine zukünftige politische Lösung vorausgesetzt, werden die beiden Gruppen besser vorbereitet sein auf politische und kommunale Vereinbarungen, die eine gemeinsame Verwaltung der Stadt und das Erhalten eines offenen städtischen Raums einschließen.

Aus dem Englischen von Bodo Straub

Marik Shtern promoviert an der Ben Gurion Universität des Negev und forscht am Jerusalem Institute for Israel Studies.
Der Text erschien zuerst am diesjährigen Jerusalem-Tag, dem 24. Mai 2017, auf dem Blog der Times of Israel und erscheint hier mit freundlicher Genehmigung des Autors.

 

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