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Amina Nolte führte die Gäste durch Aspekte der Geschichte und Gegenwart Jerusalems. Foto: Daniel Walter Amina Nolte führte die Gäste durch Aspekte der Geschichte und Gegenwart Jerusalems. Foto: Daniel Walter

Probleme wie steigende Mieten, Umweltverschmutzung oder soziale Ungleichheit stellen Metropolen weltweit vor ähnliche Probleme. In einer Herbstreihe beleuchtete Alsharq in den letzten Monaten exemplarische Fälle aus der Region. Die letzte von vier Abendveranstaltungen widmete sich der Analyse städtischer Infrastruktur am Beispiel Jerusalems. Von Daniel Walter

Was langfristig auf die Anweisung Donald Trumps folgt, die US-Botschaft von Tel Aviv nach Jerusalem zu verlegen, ist noch nicht absehbar – vor allem nicht für den ohnehin seit Jahren auf Eis liegenden Friedensprozess zwischen Israelis und Palästinenser*innen. Bemerkenswert jedoch ist, welche Wellen dieser zunächst rein symbolische Schritt international schlägt.

Die Anwesenheit einer Botschaft oder konsularischen Vertretung ist das womöglich eindeutigste diplomatische Zeichen, welches ein staatlicher Akteur im Stadtraum setzen kann. Ein Zeichen, das Anerkennung – in diesem Falle des umstrittenen rechtlichen Status’ Jerusalems – und das Prestige des Diplomatischen nach sich zieht. Nicht zuletzt sind Botschaften in der Regel häufig in den wohlhabenden Gegenden oder Villenvierteln der jeweiligen Stadt untergebracht, auch innerhalb des Stadtraumes nehmen sie also als extraterritoriales und gut gesichertes Gelände eine wichtige Funktion ein; sie sind somit ein bedeutender Marker innerhalb der städtischen Infrastruktur.

Wo Botschaften sind, da kann in der Regel kein Armutsviertel sein und dort ist die polizeiliche Sicherheit groß. Hier wird deutlich, dass städtische Infrastruktur immer auch ein Spiegelbild sozioökonomischer und politischer Verhältnisse ist – wie gut ist die Anbindung an den öffentlichen Nahverkehr? Wie viele Parks oder Sportanlagen gibt es es?

Rund 35 Gäste waren im Bildungswerk Berlin der Heinrich-Böll-Stiftung anwesend. Foto: Daniel Walter

Rund 35 Gäste waren im Bildungswerk Berlin der Heinrich-Böll-Stiftung zum Vortrag gekommen. Foto: Daniel Walter

 

Zwischen „Global City“ und „Ghost Town“ 

Amina Nolte, Soziologiedoktorandin am International Graduate Centre for the Study of Culture der Universität Gießen und seit vielen Jahren bei Alsharq aktiv, veranschaulichte am 28. November den circa 35 Gästen im Bildungswerk Berlin der Heinrich-Böll-Stiftung diese Thematik am Beispiel Jerusalems deutlich. Ausgehend von einem historischem Abriss gab sie Einblicke in das moderne Jerusalem und konnte dabei immer wieder auf Beispiele und Interviews aus Forschungs- und Arbeitsaufenthalten zurückgreifen.

Die Wohnraum- und Besatzungspolitik der israelischen Regierung und der Jerusalemer Stadtverwaltung spielte hierbei eine Rolle; aber zum Beispiel auch der Konflikt zwischen ansässiger Bevölkerung und finanzstarker Diaspora, die in einer sich als „Global City“ vermarktenden Stadt die Verknappung des Wohnraumes befördert – aufgrund der Immobilienkäufe der Diaspora, deren Ferienhäuser den Großteil des Jahres über leer stehen, wird Jerusalem auch als „Ghost Town“ bezeichnet.

Die Straßenbahn: Ein verbindendes Element, das spaltet

Die zahlreichen Konfliktlinien, die diese Stadt durchziehen, wurden schließlich am Beispiel der neugebauten Straßenbahn dargestellt, die als einziges Infrastrukturprojekt West- und Ost-Jerusalem miteinander verbindet – der Busverkehr operiert getrennt für Israelis und Palästinenser*innen. Es wurde deutlich, dass die Straßenbahn von den Bewohner*innen der Stadt nicht lediglich als Transportmittel gesehen wird, sondern eine starke symbolische Kraft hinter ihr steckt: Entweder als Manifestation territorialer Kontinuität und der Verbindung ganz Jerusalems miteinander oder als weitere materielle und symbolische Manifestation der Besatzung.

Aufgrund dieser Wahrnehmung ist die anfangs kaum gesicherte Straßenbahn, deren Zustieg frei und ohne Zugangskontrollen erfolgt, in der Vergangenheit Ziel von Anschlägen durch Messerattacken oder Autos auf die Benutzer*innen geworden. Ganz konkret, so Amina Nolte, sei zudem zu beobachten, dass an Tagen nach Anschlägen oder anderweitigen Auseinandersetzungen die Straßenbahn von sehr viel weniger Passagier*innen genutzt würde.

Wo würde die US-Botschaft in Jerusalem liegen? Nach Donald Trump vermutlich auf dem Gelände des derzeitigen Generalkonsulats im Viertel Arnona. Ginge es jedoch nach der israelischen NGO Ir Amim, deren zivilgesellschaftliches Engagement abrundend mit einem Video thematisiert wurde, so würde die Botschaft direkt neben der US-Botschaft für Palästina liegen – in einem Jerusalem als geteilte Hauptstadt beider Staaten.

 

Die Veranstaltungsreihe „Urbaner Naher und Mittlerer Osten“ war eine Kooperation von Alsharq e.V. mit dem Bildungswerk Berlin der Heinrich-Böll-Stiftung. Ziel der Reihe war es, allgemeine Trends und spezifische Unterschiede aufzuzeigen sowie die Stadt „von unten“ erfahrbar zu machen. Die Veranstaltungen wurden mit Mitteln der Stiftung Deutsche Klassenlotterie Berlin realisiert.

 

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