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Blick auf al-Aqsa-Moschee (Mitte) und Felsendom - die Anlage "Haram al-Scharif" ist eine der heiligsten Stätten im Islam. Viele Palästinenser fürchten, dass Israel sie am Tempelberg ausbootet. Foto: Andrew Shiva / Wikipedia / CC BY-SA 4.0 Blick auf al-Aqsa-Moschee (Mitte) und Felsendom - die Anlage "Haram al-Scharif" ist eine der heiligsten Stätten im Islam. Viele Palästinenser fürchten, dass Israel sie am Tempelberg ausbootet. Foto: Andrew Shiva / Wikipedia / CC BY-SA 4.0

Mit Metalldetektoren am Tempelberg hat Israel eine Krise mit internationalem Nachhall ausgelöst. Denn die Regierung demonstrierte damit lediglich ihre Macht, nicht aber ihre Souveränität. Ein Kommentar von Talia Sasson. / By implanting metal detectors at the Temple Mount, Israel has triggered a crisis with international reverberations. Israel was demonstrating its power, not its sovereignty. An op-ed by Talia Sasson.

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Talia Sasson ist Präsidentin des New Israel Funds. Sie arbeitete 25 Jahre lang im Büro des Generalstaatsanwalts, davon acht Jahre lang als Leiterin der Abteilung für Besondere Aufgaben. 2005 veröffentlichte sie im Auftrag der Regierung von Premierminister Ariel Sharon den international beachteten „Sasson Bericht“ über illegale Siedlungen im Westjordanland. 2015 erschien ihr Buch: “At the Edge of the Abyss: Is the victory of the settlements the end of Israeli democracy?”

Der Tempelberg, auf dem die al-Aqsa-Moschee liegt, ist ein Teil „Ost-Jerusalems“ – jenes Teils des Westjordanlandes, den Israel nach dem Krieg von 1967 sofort als „Ost-Jerusalem“ bezeichnete und in dem es unilateral israelisches Recht einführte. Dieser Moscheen-Komplex, der unter Muslimen als Haram al-Sharif bekannt ist, ist eine der heiligsten Stätten des Islam. Würde dieser Ort beschädigt, solange er unter israelischer Kontrolle steht, der israelisch-palästinensische Konflikt würde zu einem kleinen Tropfen im muslimisch-jüdischen Hass, der sich weltweit entzünden würde, mit Israel im Zentrum. Der israelisch-palästinensische Konflikt würde noch religiöser aufgeladen und unlösbar, und dieses Thema hätte ernste internationale Folgen.

Israel erkannte den hoch empfindlichen Charakter des Geländes und zeigte direkt nach dem Krieg von 1967 große Sensibilität, was den Tempelberg betraf. Es entschied, dass die Regelungen aus der Zeit vor der Besatzung bestehen bleiben sollten. Kontrolle und religiöse Verantwortung sollten bei der islamischen Waqf (Stiftung) bleiben und die politische Aufsicht in den Händen Jordaniens. Juden sollte es nicht erlaubt sein, den Berg zu besteigen um dort zu beten, aus Achtung vor den Befindlichkeiten der muslimischen Öffentlichkeit – obwohl es eine Strömung im Judentum gibt, die den Ort auch für Juden als heilig erachtet. All diese Regelungen traf Israel, weil man verstanden hatte, dass jeder Schaden der islamischen religiösen Souveränität beiden Seiten Zerstörung bringen würde.

Beide Seiten instrumentalisieren den Tempelberg

Fünfzig Jahre sind vergangen. Beide Seiten versuchen, ihren Einfluss auf den Tempelberg zu wahren. Jede Seite ist damit beschäftigt, die Aktionen der anderen wie mit einer Lupe zu überwachen. Im Laufe der Zeit und mit dem zunehmenden Fanatismus beider Seiten nutzten einige die Sensibilität des Geländes aus, um ihre Popularität unter den Anhängern ihres Lagers zu steigern. Aus diesem Grund bestieg Ariel Sharon (vor seiner Wahl zum Premierminister) den Berg im Jahr 2000 zu einer besonders angespannten Zeit. Unmittelbar danach brach die Zweite Intifada aus und die Islamische Bewegung in Israel erklärte mehrmals, Haram al-Sharif sei „in Gefahr“, um die fromme muslimische Öffentlichkeit zu provozieren und sie dazu zu bringen, die israelische Kontrolle über den Berg zu bekämpfen.

Dies ist der Hintergrund für den Skandal um die Metalldetektoren, die auf dem Berg aufgestellt wurden – als Reaktion auf einen palästinensischen Terrorangriff, bei dem vor drei Wochen auf dem Tempelberg zwei israelische Grenzpolizisten getötet wurden.

Warum wird die Installation von Metalldetektoren am Berg zu einem sicherheitspolitischen und internationalen Problem, obwohl sie auch dazu dienen sollen, das Leben der Palästinenser zu schützen, die durch ihre Tore gehen? Es scheint, als sei das eine kleine, nebensächliche Handlung. Nicht wirklich.

Jeder Metalldetektor wird zum Seismograph

Tatsächlich hat Israel israelisches Recht auf dem Gelände eingeführt, aber kein Land der Welt hat seine Souveränität über den Ort bisher anerkannt. Israel ist damit beschäftigt, den Israelis und der ganzen Welt zu beweisen, dass es der Souverän über den Tempelberg ist. Dies ist das Bild, das es seinen Bürgern präsentiert. So wird jeder Metalldetektor ein Seismograph für seine Souveränität. In palästinensischen Augen wird jede Platzierung eines Metalldetektors zu einer Veränderung des „Status quo“. Änderungen am „Status quo“ sind nur mit Zustimmung der Waqf und des Königs von Jordanien erlaubt.

Während Israel damit beschäftigt ist, seine Souveränität zu beweisen, hat es die andere Seite vergessen. In seinen Augen ist die andere Seite unsichtbar. Israels „Souveränität“ über den Tempelberg ist in Wirklichkeit seine Macht und Kontrolle über ihn. Israel versucht, die „Besatzung“ als „Souveränität“ darzustellen. Dabei ignoriert es die Tatsache, dass Souveränität auf der Grundlage von Vereinbarungen zwischen Ländern geschieht.

Vor diesem Hintergrund sind die aktuellen Spannungen ausgebrochen: Sie hängen von der israelischen Weigerung ab, „anzuerkennen“, dass auch die andere Seite Kontrolle über den Berg hat. Auf der anderen Seite werden die Spannungen von der palästinensischen Weigerung angefacht, den Status Quo ohne vorherige Zustimmung ihrer Vertreter zu ändern, und sei es um einen Millimeter.

Wird Israel aus dieser Lektion lernen?

Es ist offensichtlich, dass die Metalldetektor-Affäre mit ihrer Entfernung endete. Vorbereitungen für die Installation von hochmodernen Überwachungskameras, die die Detektoren ersetzen sollten, sind gestoppt. Der Tempelberg ist zu seinem vorherigen Zustand zurückgekehrt und mit der Erlaubnis der Waqf kehrten die Gläubigen in die Al-Aqsa-Moschee zurück.

Doch wird Israel aus dieser Lektion lernen? Werden in Zukunft wieder ruhige Gespräche mit der Waqf geführt, um die Sicherheit am Tempelberg zu erhöhen – bevor irgendwelche Tatsachen geschaffen werden?

Darüber hinaus bleibt die Frage, wann die israelische Regierung der Öffentlichkeit die nackte Wahrheit sagen wird. Wann wird es einräumen, dass es keine Souveränität über den Tempelberg hat und es auch niemals haben wird? Nur ein Friedensabkommen, eine Vereinbarung über die (gemeinsame oder anderweitig geregelte) Souveränität sowie bilaterale Vereinbarungen über den Tempelberg können die Gefahr entschärfen, die der Tempelberg für Israel und die ganze Welt darstellt. Nur ein Eingeständnis der israelischen Regierung kann eine Veränderung bringen, die zum Frieden zwischen den Seiten und der Welt beitragen kann.

Alsharq veröffentlicht derzeit auch eine Artikelserie zum Krieg von 1967 und seinen Folgen – alle Beiträge findet Ihr unter diesem Link.

 
 


 

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Control and Not Sovereignty

 
Talia Sasson is president of the foundation New Israel Fund. She worked in the State Attorney’s office for 25 years, for eight years as head of the Special Tasks Division of the State Attorney’s office. In 2005, she published an internationally renowned report (Sasson Report) for the government of Prime Minister Ariel Sharon about illegal outposts in the West Bank. She is author of: “At the Edge of the Abyss: Is the victory of the settlements the end of Israeli democracy? (2015)”
 

The Temple Mount upon which the al-Aqsa Mosque is located comprises a part of “East Jerusalem”, the same part of the West Bank that Israel after the 1967 war immediately declared as “East Jerusalem”, unilaterally imposing Israeli law on the territory. This mosque compound, which is known as Haram al-Sharif for Muslims, is one of the most holy sites in Islam. If this place was damaged, as long as it is under Israeli control, the Israeli-Palestinian conflict would become a small drop in the Muslim-Jewish hatred that would ignite around the world with Israel situated at its center. The Israeli-Palestinian conflict would become religious and unsolvable and this issue would have serious international ramifications.

Israel, that recognized the delicate nature of the site, demonstrated from the first days after the 1967 war great sensitivity toward the Temple Mount. It decided that the arrangements that existed on the mount before the occupation would remain. Control and religious responsibility would stay with the Islamic Waqf and the political oversight of the mount would remain with Jordan. Jews were not allowed to ascend the mount to pray there due to sensitivities of the matter for the Muslim public even though there is a strain of Judaism that considers the place holy according to Judaism. All these Israeli stipulations were set down due to the understanding that any damage to Islamic religious sovereignty could bring destruction to both sides.

Increasing fanaticism on both sides

Fifty years have passed. Both sides are trying to maintain their grips on the mount. Each side is busy monitoring the actions of the other with a magnifying glass. With the passage of time and the increasing fanaticism of both sides, there have been those who took advantage of the sensitivities of the site in order to gain popularity among the supporters in their camp. For this reason Ariel Sharon (prior to his election as prime minister) ascended the mount in 2000 at a particularly tense time. Immediately afterward the Second Intifada broke out. In this way the Islamic Movement in Israel publicized many times that “Haram a-Sharif is in danger” in order to provoke the devout Muslim public to oppose Israeli control over the mount.

This is the background for the affair of the metal detectors that were set up on the mount in response to a terror attack that Palestinians committed against Israeli citizens on the mount about two weeks ago, killing two Israeli border patrolmen.

Why does the installation of metal detectors at the mount become a security, political and international problem when they are also meant to protect the lives of Palestinians passing through their gates? After all, this is allegedly a minor act. Well, no, actually not.

Israel is busy proving it is the sovereign

Indeed, Israel has imposed Israeli law on the site but no country in the world has recognized its sovereignty over the area. Israel is busy proving to Israelis and the entire world that it is the sovereign at the site and this is the picture it presents to its citizens. Thus every metal detector becomes a seismograph for its sovereignty. In Palestinian eyes, each placement of a metal detector becomes a change in the “status quo”. Changes in the “status quo” are only allowed with the agreement of the Waqf and the king of Jordan. Israel is busy proving its sovereignty and has forgotten the other side. In its eyes, the other side is invisible. Israel’s “sovereignty” over the mount is actually the power of control over the mount. It is trying to present the “occupation” as “sovereignty”. It is ignoring the fact that sovereignty is granted based on agreements between countries. It is trying to present control by force over the mount as an act of sovereignty.

In such a way the current tensions have erupted. They are dependent upon the Israeli refusal to “recognize” that the other side also has control over the mount. And on the other hand they are fanned by the Palestinian opposition to change by even one millimetre the status quo without the prior approval of its representatives.

Will Israel learn the lesson?

We all know that the metal detector affair ended with their removal. Preparations for the installation of advanced security cameras that were supposed to replace them have stopped. The mount has returned to its previous state and only after the approval of the Waqf the worshippers returned to their places in the Al Aqsa Mosque.

The question that is posed is will Israel learn the lesson? Will in the future the quiet talks with the Waqf and others be held in order to increase the security at the site? And in order to reach prior arrangements before any changes on the ground are made at the site?

Beyond all of this, the question remains: When will the government of Israel present to the Israeli public the naked truth? When will Israel admit that it has no sovereignty over the site and it never will?

Only a peace agreement, an agreement regarding sovereignty (joint or otherwise) and arrangements agreed-upon by the two sides that are applied to the mount can reduce the severity of the danger that the mount poses for Israel and the entire world. Only the Israeli government’s exposure of the truth can bring a change that can contribute to peace between the sides and the world.

 
 

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