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Etwas heruntergekommene Eingangsschild des Ayalon Canada Parks. Foto: Merle Blum Etwas heruntergekommene Eingangsschild des Ayalon Canada Parks. Foto: Merle Blum

Ein Naherholungsgebiet ganz in der Nähe Jerusalems erstreckt sich weit über die Grüne Linie hinweg. Zwischen Picknick-Bänken und Rundwanderwegen verbirgt sich seit 50 Jahren ein Teil palästinensischer Geschichte. Doch die Besucher*innen erfahren davon so gut wie nichts. Von Merle Blum.

Dieser Text ist Teil einer Serie zum Krieg von 1967.
Alle Beiträge der Serie findet Ihr hier

Eine israelische Firma nutzt die schattigen Flächen der pinienbewachsenen Hügel für einen heiteren Betriebsausflug, während sich wenige Meter weiter eine Schulklasse durch die Besichtigung der Überreste eines römischen Aquädukts quält. Trotzdem ist der Ayalon Canada Park an diesem verhangenen Donnerstagmorgen verhältnismäßig ruhig. An Wochenenden und sonnigen Tagen tummeln sich hier Mountainbiker*innen und picknickwütige Familien aus der 25 Kilometer entfernten Hauptstadt, auf der Suche nach Erholung und einer erfrischenden Brise in den hügeligen Wäldern der ʿImwas-, beziehungsweise Ayalon-Ebene, die sich zwischen Tel Aviv und Jerusalem erstreckt.

Nur den wenigsten Besucher*innen ist bewusst, dass sie auf ihrer Erholungsreise die international anerkannten Grenzen ihres Landes überschreiten. Auf den gut ausgebauten Straßen des Highway One, der von Tel Aviv bis zum Jordantal reicht, lässt sich bequem und unbemerkt die Grüne Linie gleich mehrmals passieren. Noch weniger deutet jedoch darauf hin, dass die knochigen Bäume des Ayalon Canada Park nicht nur größtenteils auf Gebiet wachsen, das völkerrechtlich nicht zu Israel gehört, sondern auch auf den Ruinen dreier palästinensischer Dörfer.

Das Verschwinden palästinensischer Geschichte

Während das Dorf Dayr Ayyub schon im israelischen Unabhängigkeitskrieg 1948 an die israelischen Streitkräfte fiel, eroberte Israel die im Westjordanland liegenden Dörfer ʿImwas, Yalu und das benachbarte Bayt Nuba erst im Krieg von 1967. Unter dem Kommando des späteren Premierministers Yitzhak Rabin wurden die rund sieben- bis zehntausend Bewohner*innen zum Verlassen ihrer Dörfer Richtung Ramallah aufgefordert und die Dörfer selbst dem Erdboden gleich gemacht. Die Rückkehr der ehemaligen Bewohner*innen sollte so erschwert, wenn nicht unmöglich gemacht werden. Auf dem Gebiet des ehemaligen Bayt Nuba entstand 1970 das religiöse Siedlerdorf Meve Horon, in dem heute auf Airbnb Gästezimmer mit „wunderschönem Blick auf den Canada Park, zum Radfahren und Wandern“ angeboten werden. Unter den schmalen Waldwegen und den mit Picknick-Bänken gesäumten sanften Hügeln eben jenes Parks liegen noch heute die Überreste der Dörfer ʿImwas, Yalu und Dayr Ayyub. Der Ayalon Canada Park wurde Anfang der siebziger Jahre unter anderem auf der Fläche dieser Dörfer, sowie auf Ländereien des Dorfs Bayt Nuba errichtet.

 

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Gleich am Eingang des Parks verweist ein Schild aus Jerusalemer Kalkstein darauf hin, dass der Jewish National Fund (JNF) das Erholungsgebiet verwaltet, der für die Errichtung und Instandhaltung des Parks, wie für nahezu alle weiteren Natur- und Nationalparks in Israel verantwortlich ist. Auf gut ausgeschilderten Pfaden finden Naturliebhaber*innen hier ihren Weg durch das Areal. Braun-weiße Schilder verweisen an verschiedenen Stellen auf die zahlreichen historischen Stätten: Die Ruinen eines römisches Badehauses, einer Kreuzfahrerfestung oder eines Friedhofs aus hasmonäischer Zeit. Über alles fühlt sich die interessierte Besucher*in hier bestens informiert. Nur auf die verstreuten Überreste der Häuser von ʿImwas, Yalu und Dayr Ayyub verweist nichts. Wer explizit nach den Restposten dieser Dörfer sucht, wird bei 700 Hektar Wald die fehlende Beschilderung schmerzlich vermissen.

 

Unbeschilderte Überreste eines arabischen Friedhofs im Park. Foto: Merle Blum

Unbeschilderte Überreste eines arabischen Friedhofs im Park. Foto: Merle Blum

 

Im Kampf für eine aktive Erinnerungskultur

Die israelische non-profit-Organisation Zochrot kritisiert seit ihrer Gründung 2002, dass der Ayalon Canada Park palästinensische Geschichte ausblendet. Die Organisation mit Sitz in Tel Aviv hat sich ihren Namen, der auf Deutsch „Erinnern“ bedeutet, zur Aufgabe gemachten. Sie setzt sich für die Erinnerung von Flucht und Vertreibung der Palästinenser*innen, insbesondere während der „Nakba“ 1948, und deren Rückkehrrecht ein. Innerhalb der israelischen Gesellschaft wirbt sie dafür, die stattgefundene Ungerechtigkeit anzuerkennen und Verantwortung dafür zu übernehmen.

Im Fall des Ayalon Canada Parks ging Zochrot 2004 auch gerichtlich gegen den JNF vor und bekam nach zweijährigem Prozess Recht. Im Jahr 2006 musste die Verwaltung des Parks deshalb zwei Schilder aufstellen, die auf die Existenz der Dörfer Yalu und ʿImwas bis 1967 hinweisen. Die ernüchternde Bilanz nach nicht einmal drei Monaten: Von den zwei Ausschilderungen wurde eines entwendet, das andere bis zur Unlesbarkeit geschwärzt. Seitdem ist der Ayalon Canada Park wieder frei von Hinweisen auf seine arabisch-palästinensische Vergangenheit.

Umso mehr Verweise finden sich stattdessen auf die kanadischen Stifter*innen, nach denen die Anlage benannt ist. Eine Galerie aus Kalkstein lädt zum Schlendern ein zwischen den Namen der unzähligen Spender*innen, die hier in weiße Steintafeln gemeißelt sind. Die jüdische Community in Kanada, insbesondere in Toronto, sowie Freunde der kanadischen Zweigstelle des Jewish National Funds, haben mit Spenden von mehr als 15 Millionen kanadischer Dollar den Park weitgehend alleine finanziert. Nach Informationen der Organisation Zochrot lässt die Umbenennung des Parks von „Canada Park“ zu „Ayalon Park“ bzw. „Ayalon Canada Park“ aber auch einen Zwist zwischen einigen kanadischen Spender*innen und dem JNF durchscheinen, der sich aus der Investition der Spendengelder in besetzten Gebieten ergeben hat.

 

Eine Galerie aus Kalkstein würdigt die Spender_innen. Foto: Merle Blum

Eine Galerie aus Kalkstein würdigt die Spender_innen. Foto: Merle Blum

 

 

Dass der Umgang mit den Geschehnissen der Vergangenheit auch ganz anders aussehen kann, zeigt das keine zehn Kilometer entfernte Dorf Neve Shalom/Wahat al-Salam. Das etwa zeitgleich zum Park, zu Beginn der siebziger Jahre, von jüdischen und arabischen Bürger*innen Israels aufgebaute Dorf setzt auf Gleichberechtigung und Verständigung zwischen den Bewohner*innen und wurde dafür schon fünf Mal für den Friedensnobelpreis nominiert. Die Dorfgemeinschaft der „Oase des Friedens“, so die deutsche Übersetzung, setzt sich zu gleichen Teilen aus jüdischen Israelis und muslimischen und christlichen arabischen Israelis zusammen. In den 1980ern etablierte das Dorf zusätzlich ein bilinguales und multikulturelles Schulsystem, in dem Kinder aus der näheren Umgebung konsequent sowohl in hebräischer und arabischer Sprache, also auch in den unterschiedlichen Perspektiven des Konflikts unterrichtet werden. So entstand die erste binationale und bilinguale, jüdisch-palästinensische Schule Israels. 1997 erkannte das israelische Bildungsministerium das Schulmodell als Projektschule an, deren Umsetzung seitdem auch in anderen Gegenden mit gemischter Bevölkerung erprobt wird.

Beispiele wie dieses und der unermüdliche Kampf von israelischen Organisationen wie Zochrot zeigen, dass es neben Versuchen, die palästinensische Geschichte unsichtbar zu machen, auch ein Bewusstsein der israelischen Gesellschaft für das gibt, was unter dem Gras schlummert.

 

Ebenfalls in dieser Serie erschienen:

 

Alsharq-Serie „1967: 50 Jahre danach.“ Eine Art Vorwort.

Die Vorgeschichte: Wie es 1967 zum Krieg zwischen Israel und seinen Nachbarn kam

Die Kampfhandlungen: Wie Israel 1967 seine Nachbarn überrumpelte

Der Kriegsbeginn 1967 in der Nahost-Presse: Euphorie überall

Fortsetzung der Presseschau: Stell Dir vor, es ist Kriegsende und kaum einer schreibt es

Die Folgen des Juni-Kriegs 1967,in Israel

1967: Wendepunkt für die arabische Linke – am Beispiel von Georges Tarabischi

Die Folgen von 1967 in Ägypten: Nach dem Krieg ist vor dem Krieg

Nasser und der Krieg 1967: Zwischen politischem Kalkül und Improvisation

 

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