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Suhaib Attar verschönert Häuserfassaden in Amman. Foto: privat.

Der Arabische Frühling ist in Jordanien schnell verblüht, doch die Künstlerszene lechzt weiter nach mehr Freiheiten in dem Königreich – nicht immer zum Gefallen der Sittenwächter. Holger Vieth schildert seine Eindrücke aus Amman.

Suhaib Attar hat es satt. Die ständige Einmischung in seine Arbeit. Die Sturheit der Behörden. Die Prüderie. Mit einem kleinen Kranwagen, den er sich von einem Freund zum Vorzugspreis gemietet hat, macht er sich früh am Morgen auf den Weg zu einer der unzähligen fahlgrauen Häuserfassaden in der jordanischen Hauptstadt Amman. Er malt. Stundenlang. Für große Flächen nimmt er die Farbrolle, bei den Details greift er zur Sprühdose. Eigentlich will er die Wand mit dem Motiv einer jungen Frau im schlabbrigen Tank Top und kurzen Rock verzieren. So war es nach einigem Feilschen um die Details mit den Sittenwächtern abgesprochen. Doch Attar lässt sie komplett unverhüllt zurück. Einen Tag lang thront die mehr als acht Meter große Nackte über ihrer Umgebung, bevor er ihr mit weiteren Farbschichten das geplante Outfit verpasst.

„Es war meine Art, mich zu rächen“, erklärt der 24-Jährige seine künstlerische Guerilla-Aktion vor einigen Monaten. Seine Familie hat sich lange Zeit gewünscht, dass er andere Vorlieben entwickelt, die lukrativer und weniger kontrovers sind. „Nach drei Jahren haben sich meine Eltern endlich mit meinem Beruf abgefunden. Inzwischen lieben sie meine Arbeit“, sagt der Sohn palästinensischer Flüchtlinge, der in armen Verhältnissen aufwuchs.

Suhaib Attar, 24, ist Sohn palästinensischer Flüchtlinge und arbeitet in Amman als Street-Art-Künstler. Foto: Holger Vieth

Begrenzte Freiräume für Jordaniens Künstler

Ein lokales Textillabel hat mit einer Handvoll von Attars Motiven eine eigene kleine Kollektion auf den Markt gebracht. Für jedes verkaufte Hemd, jeden Kapuzenpullover bekommt er eine Provision. Nachdem er noch vor einigen Jahren nur rund drei Monate im Jahr ausgebucht war und sich mit Kellnern über Wasser halten musste, kann er jetzt von seinem Job leben. Im Namen internationaler Hilfsorganisationen gibt er Street-Art-Workshops für Kinder in den großen Flüchtlingslagern Zaatari und Azraq, arbeitet für private Auftraggeber und wird von namhaften Sponsoren unterstützt. Seine Motive sind im ganzen Land bekannt. Doch die Freiräume für Künstler in dem konservativen Königreich sind begrenzt. Sie müssen sich – wie alle Jordanier und egal, ob sie ihnen zustimmen oder nicht – an einen ganzen Katalog von Regeln halten. Manche davon wurden aufgeschrieben, manche haben eine schriftliche Quelle nicht nötig.

Allzu aufstachelnde politische Botschaften gelten etwa als unangemessen in einem Land, in dem der große Teil der Menschen stolz auf den Status Jordaniens als Stabilitätsanker im Nahen Osten ist. Und auch auf den politischen Jongleur, der das Land führt: König Abdullah II., der gleichzeitig strategische Partnerschaften mit so unterschiedlichen Ländern wie Saudi-Arabien, Israel und den USA pflegt. Auch durch den direkten Blick auf den Krieg in Syrien, der sich direkt vor Jordaniens Haustür abspielt und mehr als 650.000 Flüchtlinge ins Land brachte, scheint der Wille der Jordanier zu einem politischen Umsturz in diesen Tagen eher gering zu sein. Dem Monarchen kommt natürlich auch zugute, dass Kritik an ihm und seiner Familie ohnehin gegen die Verfassung verstößt.

Abdullah II. hatte nach Ausbruch des Arabischen Frühlings selbst einige kleinere Reformen auf den Weg gebracht und damit dazu beigetragen, dass in Jordanien keine größere Protestbewegung wie in Tunesien oder Ägypten entstand. Auch wenn das Land von seinen Verbündeten als Fels in der Brandung in der arabischen Welt gelobt wird, durchläuft es derzeit eine massive wirtschaftliche Krise. Gerade die jordanische Jugend hat es schwer, Fuß im Berufsleben zu fassen. Die Arbeitslosenquote in dieser Gruppe lag zuletzt bei 38 Prozent, Tendenz steigend. Viele gut Ausgebildete verlassen das Land. Die Meinungsfreiheit ist zwar in der Verfassung festgelegt, doch durch die vorherrschenden gesellschaftlichen Normen sind ihr enge Grenzen gesetzt. Das wohl größte Tabu in Jordanien ist die sexuelle Freizügigkeit.

Oft verlaufen die Kämpfe zwischen den konservativen und progressiven Kräften im Verborgenen. Sie werden längst nicht so hart ausgefochten wie im benachbarten Saudi-Arabien, in dem das strenge wahhabitische Wertegerüst vehement verteidigt wird. Im vergangenen Sommer eskalierte die Situation aber unübersehbar. Ein Auftritt der bei der Jugend im gesamten arabischen Raum sehr beliebten libanesischen Band Mashrou‘ Leila, die im pittoresken Römischen Theater in Amman spielen sollte, wurde durch Druck aus Politik und Gesellschaft zunächst abgesagt. Stein des Anstoßes waren unter anderem Liedtexte wie „Ertränke meine Leber in Gin, im Namen des Vaters und des Sohnes“. Eine Rolle könnte auch Sänger Hamed Sinno gespielt haben, der offen dazu steht, schwul zu sein. Homosexualität ist in Jordanien zwar nicht verboten, aber verpönt. Als daraufhin ein Proteststurm losbrach, vor allem in den sozialen Netzwerken, wurde das Auftrittsverbot wieder aufgehoben, wenn auch viel zu kurzfristig, sodass das Konzert offiziell aus organisatorischen Gründen abgesagt werden musste. Trotzdem war es ein Punktgewinn für die liberalen Kräfte in Jordanien.

Spaß statt Revolution

Fayez Burgan weiß, wie sensibel die Situation ist. Jeden Donnerstag legen in seinem Club, einem eine lange Zeit stillgestandenen und jetzt umgebauten Kino unter dem Kempinski-Hotel in Amman, internationale Größen der Techno-Welt auf. Der Berliner Musikproduzent Wankelmut stand zur Eröffnung am Mischpult des auf den Namen CLSTR getauften Clubs, in den der 25-jährige Burgan seine gesamten Ersparnisse gesteckt hat. Allein die Lichtanlage ist mehrere Zehntausend Euro wert. Über 200 Partywillige muss Burgan Woche um Woche an der Tür abweisen lassen. „Die Möglichkeiten, in Amman feiern zu gehen, sind sehr begrenzt“, sagt er. Und das Konzept des Clubs, der schon nach vier Monaten wieder seine Tore schließen soll, übe einen besonderen Reiz für die kleine Szene aus. „Wir wollen aufhören, wenn es am schönsten ist“, erklärt der Eventmanager. „Die Leute hier fangen schnell an, sich zu langweilen. Außerdem ziehen immer mehr gut Ausgebildete ins Ausland“, sagt Burgan. Das mache eine langfristige Planung schwer. An seinen Club soll sich die Feiergemeinde in Amman aber im besten Fall noch in einigen Jahren erinnern.

Um keinen Stress mit und unter den Gästen, aber auch mit den Behörden zu bekommen, engagiert er ein Team von 14 Türstehern. Auch, um die richtige Mischung an Gästen zu haben. Die Sicherheitsleute durchsuchen die Besucher auch nach Drogen. „Aber das ist eigentlich sowieso kein Problem, denn die Leute haben viel zu viel Angst“, sagt Burgan. Wer in Jordanien mit einer größeren Menge Rauschgift erwischt wird, den erwarten drakonische Strafen. Um Ärger mit den Behörden aus politischen Gründen macht sich Burgan wenig Sorgen. Seine Gäste kommen vor allem, um Spaß zu haben, nicht, um Revolutionen zu starten. Allerdings räumt er ein, dass sich wohl mancher Bewohner der konservativen Bezirke der Stadt, für die exzessives Feiern ein Zeichen westlicher Dekadenz ist, an einem Ort wie diesem stören könnte.

Der Techno-Club CLSTR soll nach vier Monaten seine Tore wieder schließen – und übt dadurch einen besonderen Reiz auf Ammans Partywillige aus. Foto: Fuzzevents

Attar, der neben anderen Graffiti-Künstlern eine der Wände in dem Nachtclub dekoriert hat, will Ärger mit den Behörden künftig, soweit es geht, vermeiden. Inzwischen malt er vor allem Tiere – im knallbunten Mosaikstil, der zu seinem Markenzeichen geworden ist. Tiere seien unpolitisch, sagt Attar. „Wer kann schon etwas gegen Tiere sagen?“

Dafür, dass er die Ordnungshüter vor einigen Monaten mit dem acht Meter großen Nacktgemälde vor den Kopf gestoßen hat, ist Attar nie zur Rechenschaft gezogen worden. „Ich weiß, wie weit ich gehen kann“, sagt er. Hilfreich ist dabei sicher auch, dass er zum hundertsten Jahrestag der Arabischen Revolte gegen die Osmanen einen Wüstenkrieger mit Kamel auf der Fassade einer Polizeiwache verewigt hat. „Es war eine Auftragsarbeit“, sagt Attar mit einem Schmunzeln. Trotz aller Differenzen scheint er auch hier seine Fans zu haben.

 

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