Von | | Irak, Libanon, Syrien.

Ein Kämpfer der "Syrian Democratic Forces" (SDF) steht Anfang Mai nach tagelangen Kämpfen gegen Da'esh in der zerstörten Stadt Taqba in Nord-Syrien. Foto: Mahmoud Bali (VOA), Wikicommons, Public Domain Ein Kämpfer der "Syrian Democratic Forces" (SDF) steht Anfang Mai nach tagelangen Kämpfen gegen Da'esh in der zerstörten Stadt Taqba in Nord-Syrien. Foto: Mahmoud Bali (VOA), Wikicommons, Public Domain

Es deutet alles darauf hin, dass die Terrormiliz Da’esh in ihrem vierten Jahr als Territorialmacht diese Rolle verlieren wird. Doch wie bereits ihr Aufstieg, wird auch ihr Untergang von politischen Rahmenentwicklungen begleitet werden. Das ist ihre größte Chance. Von Parham Kouloubandi.

Es war für niemanden abzusehen, dass die Protestbewegungen in Syrien von 2011 und im Irak von 2013 am Ende vom Aufmarsch einer Organisation überschattet werden, die gegen alles steht, wofür die Leute auf die Straße gingen und demonstrierten. Dass am Anfang der Chaosjahre um Euphrat und Tigris der Ruf nach mehr politischer Teilhabe und Freiheit stand, ist in all der Zerstörung, die Da’esh (auch: IS) verursachte, verloren gegangen. Es ist insofern zum Teil die Umbruchstimmung im Nahen Osten gewesen, die der Terrormiliz für einen neuen Anlauf diente, nachdem sie sich zuvor von den Schlägen gegen ihre Führungsriege 2010 erholen musste.

Letztlich profitierten sie ebenso vom geopolitischen Gerangel, das besonders die Geschehnisse um Syrien dominierte und den Fokus der Beteiligten von dem potenziellen Entstehen einer international agierenden Terrormiliz abbrachte.

Doch auch wenn Da‘esh nach seinem Durchbruch im Jahr 2014 seine Macht enorm ausbaute, hielt sie nicht lang. Im Irak stabilisierte sich das zuvor von den Terroristen überrannte Militär, in Syrien wurden sie nach und nach als gemeinsamer Feind aller Akteure akzeptiert. So gelang es den Gegnern, die Territorien Schritt für Schritt zurückzuerobern.

Die Ereignisse der letzten Wochen sind dabei von entscheidender Bedeutung. Da’esh steht vor dem kompletten Niedergang, aber die gleichen politischen Uneinigkeiten, die einst seinen Aufstieg ermöglichten, sind das größte Hindernis für seinen Fall. Betrachtet man die Situation in den drei von Da’esh bisher am stärksten betroffenen Ländern, wird das deutlich.

Präludium im Libanon

Von Beginn der syrischen Revolution an war das Qalamoun-Gebirge, das sich über die Grenzregion zwischen Syrien und Libanon erstreckt, die Bühne für viele Kämpfe. Seine Nähe zu Damaskus und durch ihn verlaufende Schmugglerrouten machten es zu einem strategisch wichtigen Gebiet, um das sich mehrere Parteien stritten. In mehreren Offensiven, von 2013 bis heute, gewann jedoch die syrische Armee in Koordination mit der libanesischen Hisbollah dort immer mehr die Oberhand, bis im März 2017 nur noch zwei kleinere Abschnitte in Oppositionshänden blieben.

Nachdem die Rebellen, die sich im Qalamoun sammelten, vom syrischen al-Qaida-Ableger Hayat Tahrir al-Sham und Da’esh dominiert wurden, war für den Libanon die Konstellation ein zu großes Sicherheitsrisiko, weswegen nicht nur die Hisbollah ein Interesse hatte, dort einzugreifen, sondern ebenso der libanesische Staat. So kündigte im Juli 2017 und nochmal im August Libanons Militärführung zwei Offensiven an, um die verbleibenden Posten der Extremisten zu erobern und ihre Präsenz im Qalamoun zu beenden. Zeitgleich verlautbarten die Hisbollah und die syrische Armee das Gleiche.

Was offiziell als voneinander getrennte Kampagnen angegeben wurde, war von Beginn an eine Kooperation zwischen allen drei Seiten. Die nach außen dargestellte Scharade lag daran, dass die USA der größte finanzielle Unterstützer des libanesischen Militärs sind und aufgrund ihrer Einstufung der Hisbollah als Terrororganisation eine Koordination zwischen beiden nicht akzeptiert. Dass die Hauptlast der libanesischen Offensive jedoch von der Hisbollah getragen wurde, wird niemanden entgangen sein, weswegen es dabei eher darum ging, den Schein zu wahren. So war es auch die Hisbollah, die zusammen mit der syrischen Regierung separate Evakuierungsdeals mit den Milizionären aushandelte, nachdem diese besiegt wurden: al-Qaida-Kämpfer und ihre Familien wurden in die syrische Provinz Idlib geleitet, während für Da’esh ein Abtransports-Konvoi in ihre Territorien im Osten Syriens zugesichert wurde.

Ein Abkommen, an dem zwei Dinge interessant waren: einerseits die Motivation der Hisbollah, darauf überhaupt einzugehen, aber noch viel mehr wegen den internationalen Reaktionen, die es ausgelöst hat: Die US-geführte Koalition kritisierte die Entscheidung scharf, Da’esh-Kämpfer in die Nähe der irakischen Grenze zu transportieren, und bombardierte die Route des Konvois in der syrischen Wüste.

Auch wenn sie ihn dadurch vorerst stoppten, werden die USA sein Ankommen letztlich nicht verhindern können. Wahrscheinlich ging es dabei ohnehin mehr darum, ein eindeutiges Signal in Richtung Hisbollah und syrischer Regierung zu schicken, dass es immer noch Washington ist, das den Umgang mit Da’esh bestimmt. Doch die wichtigeren Reaktionen auf den Deal kamen ohnehin aus der direkten Nachbarschaft.

Genesis im Irak

Deutlich verurteilte der irakische Staatspräsident Haider al-Abadi den Transfer und löste damit ein kleines Wortgefecht aus, in dem sich alle Parteien gegenseitig vorwarfen, den Kampf gegen Da’esh nicht strikt genug zu führen. Für Iraks Militär, das dabei ist, die verbleibenden Territorien der Extremisten zu erobern, erschweren die rund 300 neuen Kämpfer an der Grenze den Prozess. Obwohl diesbezüglich auch konstatiert werden muss, dass in der neuesten irakische Offensive um die Stadt Tal Afar die meisten Milizionäre vor dem eigentlichen Beginn der Kämpfe bereits geflohen sind, ähnliches wird für Mosul zuvor angenommen.

Doch es geht hier nicht nur um die poröse Grenze zwischen Syrien und Irak, sondern den Zeitpunkt der Kampagnen im Qalamoun. Es ist kein Zufall, dass erst nach der Befreiung von Mosul die Grenzregion zum Libanon angegriffen wurde und Da’eshs Niedergang im Irak den Startschuss gab für die syrische Regierungsseite, die Miliz auch vermehrt im eigenen Land zu attackieren.

 


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All die Wucht, mit der die Extremisten im syrischen Bürgerkrieg Kräfte der Opposition und der Regierung überrannte, hatte einen großen Teil seines Ursprungs im Nachbarland Irak, weswegen nur ihr Niedergang dort ihren Niedergang in Syrien einleiten konnte. Insofern waren die Geschehnisse im Irak von essenzieller Bedeutung.

Endstation in Syrien

Das heißt jedoch nicht, dass eine komplette Zerschlagung von Da’esh im Irak automatisch ihre Zerschlagung in Syrien bedeuten wird. Zunächst muss man ohnehin eher davon ausgehen, dass die Extremisten lediglich ihre Autorität als Beherrscher von Territorien verlieren, jedoch weiterhin ihr Unwesen als Untergrundmiliz treiben werden, über Anschläge und Attentate, ähnlich wie vor 2014. Und bis dahin verfügen sie über genug Ressourcen und Schlagkraft, um verbleibende Gebiete in der Wüstenregion zwischen Irak und Syrien zu halten. Der eben erwähnte Rückzug aus Tal Afar kann insofern als strategische Entscheidung gedeutet werden, ihre Verteidigung jenseits der Grenze zu verstärken.

Die stockende Eroberung von Rakka durch die kurdisch-geführten Demokratischen Kräfte Syriens (engl. SDF), die trotz aller Luftunterstützung durch die US-geführte Koalition zäh vorankommt und einen so hohen Blutzoll sowohl bei SDF-Kämpfern als auch Zivilisten fordert, dass UN-Stellen einen Stopp der Kämpfe verlangten, könnte ein Vorgeschmack auf die verbleibenden Offensiven gegen Da’esh in Syrien sein. Auch die syrische Armee, die seit Mai 2017 eine groß angelegte Kampagne zur Rückeroberung der Wüstengebiete im Osten des Landes führt, muss immer wieder teils heftige Gegenschläge der Extremisten hinnehmen, was deren Fähigkeit demonstriert, trotz aller Bedrängnis weiterhin gefährlich zu sein.

 

Offensiven der syrischen Regierungsseite von Juli 2017 bis Anfang September.
Rot: Gebiete der syrischen Regierung. Grün: Oppositionskräfte. Gelb: SDF. Schwarz: Da’esh.
Quelle: Rr016, Wikicommons, CC BY-SA 4.0

 

Nachdem Da’esh vorrausichtlich in den nächsten Wochen seine verbleibenden Gebiete in der irakischen Provinz Kirkuk sowie in den syrischen Provinzen Hama und Homs verlieren wird, konzentriert sich seine gesamte Präsenz auf den Ostteil Syriens und das Niemandsland in Iraks Westwüste. Das wird der Ort für den vorerst letzten Kampf gegen Da’esh als Territorialmacht. Die dortigen Städte am Lauf des Euphrats, von al-Qaim im Süden bis Deir al-Zour weiter nördlich, werden brutal umkämpft sein. Einen Rückzugsort wie nach Qalamoun oder Tal Afar für die Extremisten wird es weder geben, noch wird es politisch umsetzbar sein.

Die entscheidende Frage ist insofern, wer diese Offensive durchführen wird. Anders als im Irak gibt es keine gemeinsame Interessenlage in Syrien, was diesen Aspekt zum Politikum macht. Die SDF, deren Hauptanteil Kurden stellen, haben in Rakka bereits große Verluste erlitten und werden keine weiteren blutigen Kämpfe in nicht-kurdischen Gebieten durchführen wollen. Ihr Blick wird sich eher westlich vom Euphrat richten, wo sie sich mit anderen Rebellengruppen seit Monaten einen Abnutzungskampf liefern.

Lokale Stammesverbände aus der umliegenden Region, wie die USA sie versucht zu organisieren, wären zwar eine realistischere Option, aber es ist zweifelhaft, ob es den US-Militärs gelingt, diese Gruppen zu einer schlagkräftigen Einheit zu formieren, betrachtet man ihre bisherigen Ausrüstungsversuche für syrische Rebellen.

Am wahrscheinlichsten ist daher ein Durchmarsch der syrischen Regierungsseite. Nicht nur hält sie seit Beginn des Bürgerkrieges verbissen eine kleine Exklave in der Stadt Deir al-Zour, auch passt das zur ausgerufenen Maxime von Damaskus, ganz Syrien zurückerobern zu wollen. Der Ressourcenreichtum der Ostprovinz bietet zudem genügend Anreize, eine verlustreiche Kampagne durchzuführen. Erst vor wenigen Tagen gelang es Soldaten, die fünfjährige Belagerung um Deir al-Zour zu brechen und mit den dortigen Truppenteilen aufzuschließen. Der eigentliche Kampf um den Stadtkern fängt indes erst an.

Problematisch bleiben zwei Punkte: Der Widerstand der USA gegen eine zu dominante syrische Regierung und ihr Bedarf an militärischer Unterstützung durch alliierte Kräfte. Beides wird Verhandlungen erfordern und dadurch von mehreren Faktoren überlagert werden, sodass es nicht nur um die Zerschlagung der Extremisten alleine gehen wird. Und solange im syrischen Bürgerkrieg keine politische Lösung gefunden wird, kann von einer wirklichen Zerschlagung sowieso nicht gesprochen werden. Denn ihre Wurzeln bleiben.

Das ist das Muster, das sich durch den Aufstieg und Niedergang von Da’esh zieht. Die Uneinigkeiten und Rivalitäten einzelner Akteure, die ihnen überhaupt erst ermöglichten, ebenso rasant wie brutal ihre Macht transnational zu etablieren. Im Libanon konnte Da’esh sich festsetzen, weil sich das Land seit dem Ende des Bürgerkrieges 1990 in einer politischen Schwebe, wenn nicht sogar Lähmung, befindet, ohne wirklich schlagkräftiger Armee und mit verschwommenen Linien innerhalb der Autoritäten des Staates. Die Gebiete im Qalamoun waren vor Da‘eshs Erscheinen außerhalb jedweder Kontrolle – die libanesischen Soldaten, die sie eroberten, waren die ersten staatlichen Kräfte dort seit Jahrzehnten.

Als sich Da’esh Anfang 2014 in der westirakischen Anbar-Provinz festsetzte, hatten die Bürger dort zuvor eine Protestwelle erlebt, die zuerst von Sicherheitskräften niedergeschlagen, dann von Anschlägen überschattet, und schließlich nach den Parlamentswahlen von den irakischen Politikern komplett vergessen wurde. Es ist das gleiche Muster mit politischen Grabenkämpfen und gescheiterten Nachkriegsordnungen gewesen, das Da’esh diesen Erfolgszug im Irak ermöglichte.

Man hat nun mit vereinten Kräften eine militärische Zerschlagung von den Extremisten forciert, unter hohem Tribut und immensen Kosten. Gerade deswegen sollte der Fokus nun auf die Rahmenbedingungen ihres Entstehens gerichtet werden, um solche Ereignisse in Zukunft abzuwenden. Doch ob das geschieht, kann angezweifelt werden.

 

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