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Rita Hayek als Shirine Hanna im Gespräch mit ihrem Filmpartner Tony Hanna (Adel Karam). Foto: Venice Film Festival - www.labiennale.org Rita Hayek als Shirine Hanna im Gespräch mit ihrem Filmpartner Tony Hanna (Adel Karam). Foto: Venice Film Festival - www.labiennale.org

Als Kind hörte sie, die Palästinenser_innen seien an allem schuld. Nun spielt Rita Hayek eine Hauptrolle in Ziad Doueiris neuem Film „The Insult“, der den libanesischen Bürgerkrieg und seine unverarbeiteten Wunden thematisiert. Im Alsharq-Interview spricht sie über Tränen im Publikum, die Unmöglichkeit, allen gerecht zu werden – und über neue Gespräche mit ihrem Vater. Von Jan Altaner.

Am Anfang des Filmes „The Insult“ steht eine defekte Regenrinne. Diese Belanglosigkeit genügt, um einen Streit zwischen dem libanesischen Christen Tony Hanna (Adel Karam) und dem Palästinenser Yasser Salameh (Kamel El Basha) eskalieren zu lassen. Was als persönlicher Streit zweier Individuen beginnt, wird im Laufe des Films in immer höheren juristischen Instanzen ausgefochten und droht schließlich die libanesische Gesellschaft zu spalten.

 

 

Sowohl Tony Hanna als auch Yasser Salameh fühlen sich als Opfer des Anderen, und tatsächlich haben beide in der Vergangenheit schwer zu vergebendes Leid erlitten. Der im Film dargestellte Grundkonflikt spiegelt vereinfacht, aber zutreffend die mit der Aufarbeitung des Bürgerkriegs im Libanon verbundenen Probleme wider: Jede Gruppe stützt sich auf ihr eigenes Opfer-Narrativ.

Eine ausgesöhnte Bevölkerung gefährdet die politischen Eliten

Die libanesische Politik lehnt eine umfangreiche Auseinandersetzung mit dem Bürgerkrieg ab. Alte Wunden zu öffnen, verursache neue interkonfessionelle Konflikte, heißt es; allzu kritische Stimmen werden mit dem Instrument der Zensur unterdrückt. Doch das ist ein Vorwand: Eine historische Aufarbeitung des Bürgerkriegs könnte vielen libanesischen Politikern, die selbst im Bürgerkrieg aktiv waren und noch immer an der Macht sind, gefährlich werden. Sollte es tatsächlich zu einer Aussöhnung der Bevölkerung kommen, würde dies das von Angst und Vorurteilen gestützte politische System des Konfessionalismus und damit die Basis der regierenden Eliten gefährden.

Die Schauspielerin Rita Hayek wurde kurz vor Kriegsende in eine christliche Familie in Ostbeirut geboren. Veränderungen, die sie sich für die Gesellschaft wünscht, setzt sie in ihrem Leben um, indem sie gesellschaftliche Konventionen herausfordert. Auf libanesischen Theaterbühnen spielte sie zuletzt in einer „Venus im Pelz“-Adaption eine starke Frauenrolle, in der sie freizügig und dominant auftrat, was zu großer Kritik in libanesischen Medien führte. Vor wenigen Wochen hat sie ihren Partner Abdallah, der einer anderen Konfession angehört, geheiratet – was im Libanon dem Gesetz widerspricht. In ihrem Spielfilmdebut „The Insult“ spielt sie Shirine Hanna, die Ehefrau von Tony.

„The Insult“ gewann in Venedig kürzlich den Preis für den besten Hauptdarsteller (Kamel El Basha). Die Filmcrew reist seit Wochen von einem Filmfestival zum nächsten und auch im Libanon wird „The Insult“ in allen Kinos gezeigt. Wie kommt der Film beim europäischen Publikum an?

Rita Hayek: Es gibt ganz klar einen Unterschied in der Wahrnehmung: Für nicht-libanesische, besonders europäische Zuschauer_innen sind die Konflikte des Films nicht immer leicht zu verstehen. Der Israel-Palästina-Konflikt ist ihnen meist bekannt, doch welche Bedeutung er für die Entwicklung des libanesischen Bürgerkriegs hatte und für die libanesische Gesellschaft bis heute hat, weiß kaum jemand. Im Film wird Tony ob seines Sharon-Zitats vorgeworfen, ein Verbündeter Israels zu sein. Was für eine Sprengkraft solch ein Vorwurf in der libanesischen Gesellschaft hat, bleibt den meisten europäischen Zuschauer_innen verborgen.

Vor der Premiere in Venedig war die gesamte Crew sehr gespannt, wie das europäische Publikum mit diesem Stoff umgehen würde. Doch die minutenlangen Standing Ovations zeigten, dass die Thematik des Films – der Umgang mit einem Konflikt, in dem beide Seiten Täter und Opfer sind und sich nicht ausgesöhnt haben – nicht auf Christ_innen und Palästinenser_innen beschränkt bleibt, sondern universal verständlich ist: Für die friedliche Beilegung von Konflikten muss ihre Geschichte aufgearbeitet werden!

 

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Und wie kommt der Film im Libanon an?

Im Libanon ist die Wahrnehmung ganz anders: Hier identifizieren sich die Zuschauer_innen mit den verschiedenen Seiten des Konflikts, sie sehen den Film je vor ihrem christlichen oder muslimischen Hintergrund. Die älteren Generationen haben den Krieg noch selbst miterlebt, viele sind traumatisiert. Ich als Kind der Nachkriegsgeneration bin nur indirekt von den Folgen des Krieges geprägt. Die im Film gezeigten Konfliktlinien prägen aber auch meinen Alltag: Als Theaterschauspielerin trat ich in Monot in Ost-Beirut sowie in Hamra in West-Beirut auf. Viele meiner Freund_innen und Verwandten wollten jedoch nur meine Auftritte in „ihrem Teil“ der Stadt besuchen. Obwohl beide Spielstätten nur wenige Kilometer voneinander entfernt sind, trennt der nicht aufgearbeitete Konflikt unsere Hauptstadt bis heute.

Doch auch im Libanon ist die Reaktion auf den Film fast durchweg positiv! In Ost-Beirut verließen viele Zuschauer_innen weinend den Kinosaal und dankten uns; sie fühlten sich befreit, da endlich auch das Leid, das gegen sie, die Christ_innen, verübt wurde, thematisiert werde. Gleichzeitig kann ich verstehen, dass manche Libanes_innen den Film nicht sehen möchten, da sie – anders als ein europäisches Publikum – mit dem Gezeigten auf emotionale Art und Weise verbunden sind. In der Libanon-Premiere des Films begann eine Frau laut neben mir zu schluchzen und verließ tränenüberströmt den Saal, als die Namen der in Damour ausgelöschten Familien genannt wurden (Anm. Hauptsächlich palästinensische Milizen verübten ein Massaker an den mehrheitlich christlichen Bewohner_innen des Dorfes Damour). Später fand ich heraus, dass ihre Familie ursprünglich aus Damour stammte und im Film der Familienname ihres Großvaters genannt wurde.

Einige Kritiker_innen werfen dem Film vor, sich auf das das Leid der Christ_innen zu fokussieren und z.B. die muslimisch-palästinensische Leidensgeschichte nicht genügend zu würdigen. Was würden Sie ihnen antworten?

Es ist äußerst schwierig, dieses Thema für beide Seiten völlig gleichwertig zu gestalten. Als ein Kritiker Ziad mit diesem Vorwurf konfrontierte, antwortete dieser gelassen: „Ich habe bereits West Beirut gedreht (Anm.: sehr populärer Debutfilm Doueiris, der den Bürgerkrieg aus den Augen eines Jungen muslimischen Glaubens schildert). Wenn’s dir besser passt, kannst du diesen Film ‚East Beirut‘ nennen.“

Ist die libanesische Gesellschaft Ihrer Meinung nach gut über den Bürgerkrieg informiert?

Im Libanon wird der Bürgerkrieg in der Schule nicht thematisiert, der Geschichtsunterricht bricht in der Regel mit der Unabhängigkeit ab. Viele junge Libanes_innen, egal ob muslimisch oder christlich, aus privilegierten oder weniger privilegierten Familien, interessieren sich nicht für die Ereignisse. Sie müssen nicht das durchleben, was ihre Eltern im Bürgerkrieg durchleben mussten. Und diese sprechen häufig nicht über die traumatische Zeit des Bürgerkriegs.

Kannten Sie vor dem Beginn der Dreharbeiten die Hintergründe des Bürgerkrieges?

Als Kind wurde ich abgespeist, indem man mir sagte, die Palästinenser_innen seien an allem Schuld und hätten den Krieg ausgelöst. Da ich als Künstlerin viele palästinensische Freund_innen hatte, stellte ich dieses Narrativ bereits früh in Frage. Doch erst in Vorbereitung auf den Film setzte ich mich intensiv mit unserer Geschichte auseinander. Beim Vorsprechen für den Film lernte ich Abdallah kennen – mittlerweile sind wir verheiratet. Ich komme aus Ost-Beirut, er aus West-Beirut. Er hatte einen ganz anderen Zugang zur Geschichte des Bürgerkriegs als ich; durch ihn lernte ich neue Perspektiven kennen. Dabei half auch eine umfangreiche, fünfzehnteilige Dokumentation von Aljazeera.

Inwiefern hat sich dadurch Ihre Sicht auf den Bürgerkrieg verändert?

Mittlerweile sind mir die verschiedenen Perspektiven vertraut und ich kann sie nachvollziehen. Gemeinsam war den libanesischen Konfliktparteien im Bürgerkrieg, dass sie ihr Land beschützen wollten – allerdings hatten sie unterschiedliche Vorstellungen von der Zukunft ihres Landes. Beide Seiten wandten sich an ausländische Kräfte, um ihr Land zu schützen: Teile der Christ_innen an Israel, von dem sie Waffenlieferungen bekamen, während die libanesische Nationalbewegung (LNM) sich mit den Palästinenser_innen zusammenschloss. Alle Seiten begingen Gräueltaten, erlitten aber auch unsägliches Leid in diesem Konflikt – was Ziad im Film exemplarisch an Tony und Yasser zeigt.

Meine Familie sprach nie offen über den Bürgerkrieg. Ich wusste nur, dass mein Vater – ähnlich Tony Hanna – in einer christlichen Miliz gewesen war und im Bürgerkrieg gekämpft hatte, um seine Familie zu beschützen. Im Zuge der Vorbereitung für meine Rolle schaute ich den israelischen Film Waltz with Bashir, in dem der Protagonist, ein israelischer Veteran des Libanonkrieges 1982, mit den traumatischen Erlebnissen des Krieges konfrontiert wird.
Ergriffen konfrontierte ich nach dem Film meinen Vater: „Papa, erzähl mir was in Sabra und Shatila geschehen ist! Warum hast du nie mit mir über die Vergangenheit gesprochen?“

Was hat er geantwortet?

Er sagte, er habe gewartet, bis ich ihn fragen würde. Heute verstehe ich seine Antwort als Aufforderung an uns alle, uns stärker mit unserer Vergangenheit auseinanderzusetzen. Von da an begann er mir davon zu erzählen, wie er den Bürgerkrieg erlebte. Viele Details aus seinem damaligen Leben nannte er nicht. Er sagte, er habe viele Erinnerungen an die damalige Zeit ausgelöscht, um nicht verrückt zu werden und weiter ein normales Leben führen zu können. So stieß ich zum ersten Mal auf die Narben des Bürgerkriegs, die sich durch das Herz und über den Körper meines Vaters ziehen.

Ist eine Aufarbeitung der blutigen Vergangenheit ohne neues Leid möglich?

Nein, eine zentrale Aussage des Films ist für mich: Ohne Schmerz keine Aussöhnung. Viele Libanes_innen haben Angst davor, sie wollen keine alten Wunden öffnen. Doch ich glaube, dass diese alten Wunden geöffnet werden müssen, wenn wir die interkonfessionellen Konflikte unseres Landes hinter uns lassen wollen. Auch wenn es neuen Schmerz verursacht, ist das für uns der einzige Weg, die Gesellschaft positiv zu verändern. Ich denke dabei an die Worte des libanesischen Dichters Gibran Khalil Gibran:

Euer Schmerz ist das Zerbrechen der Schale, die euer Verstehen umschließt.
Wie der Kern der Frucht zerbrechen muss, damit sein Herz die Sonne erblicken kann, so müsst auch ihr den Schmerz erleben.

In einigen Szenen deutet der Film an, dass sich Toni und Yasser ähnlicher sind, als sie gedacht hätten. Wie sehen Sie das – gibt es mehr Einendes oder mehr Trennendes zwischen den Konfliktparteien?

Das friedliche taʿāyuš (Zusammenleben) der verschiedenen Konfessionen prägte über einen langen Zeitraum den Libanon. Vor dem Bürgerkrieg lebte meine Mutter als Christin im muslimisch geprägten West-Beirut, beide meine Eltern wurden dort getauft. Ich bin überzeugt, es gibt mehr Elemente, die uns einen! Um ein wirklich friedliches Zusammenleben zu ermöglichen, müssen wir die bestehenden Strukturen der Gesellschaft herausfordern und einsehen, dass der Libanon für uns alle ein Zuhause sein kann. Ich glaube, das können wir schaffen, besonders die junge Nachkriegsgeneration kann neue Wege gehen.

Protestbewegungen wie Beirut Madinati im vergangenen Jahr zeigen, dass ein politischer Wandel möglich ist. Und auch innerhalb der Gesellschaft gibt es Veränderungen: Immer mehr Libanes_innen fordern die Einführung der Zivilehe. Ich selbst habe vor einem Monat meinen Partner Abdallah geheiratet – aber wir mussten dafür nach Zypern reisen, da wir unterschiedliche Konfessionen haben. Nun wohne ich zum ersten Mal in West-Beirut, ganz in der Nähe der Kirche, in der meine Eltern getauft wurden. Trotz der politischen Turbulenzen in der Region müssen wir nach vorne schauen und die Geschehnisse der Vergangenheit aufarbeiten – so können wir die künstlichen Grenzen zwischen uns aufheben.

Wie können deiner Meinung nach Filme wie „The Insult“ zu diesem Wandel beitragen?

Zuerst einmal ist es großartig, dass es der Film durch die Zensur geschafft hat – das war ein echter Drahtseilakt! Sein Erfolg wird libanesische Künstler_innen darin bestärken, sich kritisch mit unserer Vergangenheit auseinanderzusetzen. Ich hoffe, dass unser Film den Zuschauer_innen neue Perspektiven auf den Bürgerkrieg aufzeigt und den Aussöhnungsprozess weiter vorantreibt. Wenn in Familien und Freundeskreisen, in denen bisher über die eigene Vergangenheit geschwiegen wurde, Diskussionen angestoßen und Nachfragen gestellt werden, war unser Film erfolgreich.

Kunstwerke, egal in welcher Form, helfen, starre Narrative aufzubrechen. Sie sprechen Menschen auf emotionaleren Ebenen an als Geschichtsbücher es tun. Deshalb sollte Kunst stärker in den libanesischen Lehrplan integriert werden, denn Kunst sensibilisiert uns und sorgt dafür, dass wir aufmerksam bleiben. Denn genau das ist es, was die Eliten und ehemaligen Kriegstreiber in unserem Land fürchten: kritische, informierte und wachsame Menschen.

 

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