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Filmszene aus "Off Frame". Foto: Screenshot. Filmszene aus "Off Frame". Foto: Screenshot.

Auf Berlinale und Arabischem Filmfest war zuletzt eine Dokumentation über den palästinensischen Widerstand zu sehen. Aber beim Anblick der unkommentierten Zusammenstellung entsteht der Eindruck: Hier ist ein Film genauso auf der Suche wie die Bewegung selbst. Von Sophie Hoevelmann.

Den palästinensischen Widerstand zwischen 1968 und 1982 versucht der Dokumentarfilm „Off Frame“ von Mohanad Yaqubi darzustellen. Die Zuschauer, zuletzt beim arabischen Filmfestival „Al Film“ in Berlin und zuvor bei der Berlinale, sehen dabei fragmentierte historische Filmsequenzen ein Fragment, das viele Fragen aufwirft.
 
Mohanad Yaqubi, geboren in Kuwait, unterrichtet Film an der International Art Academy Palestine in Ramallah und am Media Department der Al-Quds University in Jerusalem. Als Regisseur widmet er sich in seinem Projekt „Off Frame“ dem in Teilen verschollen geglaubten Filmmaterial der Palestine Film Unit (PFU). Die PFL wurde in den 1960er Jahren als Teilorganisation der PLO gegründet mit dem Ziel, den palästinensischen Widerstand filmisch festzuhalten.
 
Das nun von Mohanad Yaqubi aus den Tiefen der Filmarchive hervorgeholte Material ist damit nicht nur ein wichtiges Zeitzeugnis, sondern auch ein Beitrag zum historischen palästinensischen Film. 63 Minuten nimmt Mohanad Yaqubi den Zuschauer mit auf eine unkommentierte Zeitreise. Die losen Fetzen einer Widerstandsgeschichte wirken, als wenn der Filmemacher selbst auf der Suche nach den verbindenden Elementen ist.

Grob gegliedert in eine historische Abfolge lassen lediglich die eingeblendeten Jahreszahlen eine ungefähre historische Kontextualisierung zu. Bilder von jungen Männern, die statisch mit Waffen posieren, reihen sich an Szenen aus Trainingslagern, Interviewfetzen mit Jassir Arafat, Eindrücke von der Front und Kommentare von Kämpfern. Die Zusammenstellung lässt Zuschauer, die keine absoluten Experten zum palästinensischen Widerstand sind, möglicherweise etwas überfordert im Kinosessel zurück.
 
Nichtsdestotrotz schafft das historische Bildmaterial einen bleibenden Eindruck und vermittelt eine Idee dessen, was die Kämpfer antreibt, welche Wünsche sie verfolgen und wie die junge Generation auf den Kampf eingeschworen wird. Deutlich wird das zum Beispiel in einem Interview mit Jassir Arafat. Sein Zitat:„We created new people. Instead of being refugees, to be fighters,“ macht deutlich, dass mit dem Widerstand auch eine Emanzipation der Palästinenser*innen vom passivem Objekt hin zum aktiven Subjekt erfolgte.
 
Wortgewandt und in der Rhetorik der antiimperialistischen Revolutionsbewegungen der 70er Jahre, kommentieren und legitimieren die Soldaten an der Front in anderen Filmsequenzen ihr Handeln: „Personally, I don’t like to kill. It’s not for the sake of killing. It’s for peace.“ Selbstbewusst zeigen sich vor allem auch die Frauen der 70er Jahre in ihrem Widerstand. So zeigt eine weitere Szene, wie eine Gruppe junger Palästinenserinnen an Literatur- und Politikkursen teilnimmt und sich mit den Revolutionen in Lateinamerika, China und Russland beschäftigt. In engen 70er-Jahre-Jeans und mit offenen Haaren sitzen sie auf einer Dachterrasse und diskutieren politische Theorien.
 
Allein die letzte Szene des Films blickt nach Ramallah im Jahr 2016. In einer Schulklasse sitzen Schüler. Die Lehrerin fragt: „Can we negotiate to get our homeland back?” und die Kinder antworten im Chor “No!”. Die Szene geht weiter und zeigt die Kinder auf dem Schulhof, wie sie stramm stehen. Vier Kinder stehen vor der palästinensischen Flagge, die in der Mitte des Schulhofes gehisst worden ist. Sie halten die Hände zum Militärgruß an die Stirn.
 
Dies ist die einzige Verbindung, die von der historischen Dimension zur aktuellen Situation geschlagen wird. Sie macht deutlich, dass auch die neue Generation mit nationalistischen Ritualen und Symbolen auf den Widerstand eingeschworen wird. Die Kampfsymbolik wirkt zugleich wie eine verzweifelte Strategie, sich vom übermächtigen „Anderen“ zu emanzipieren.
 
Das dokumentarische Projekt von Mohanad Yaqubi streift Fiktion, Propaganda und Wunschdenken auf der Suche nach einem palästinensischen Narrativ. Wer waren wir? Wer sind wir? Sind die großen Fragen, die letztlich auch durch einen Blick in die Geschichte und die Gesichter des Widerstandes nicht beantwortet werden können. Aber zumindest stellen sie ein winziges Element dar. Ein Puzzlestück im kollektiven Gedächtnis. Der Film wirkt unfertig, wie im Prozess. Wie ein Spiegel für die prozesshafte Suche nach Identität.

Infos dazu, wo und wann der Film als nächstes läuft, gibt es auf der Facebookseite von „Off Frame“.

 

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