Von | | Gesellschaft, Syrien.

"Die Luft hat einen anderen Duft, eine andere Farbe. Die benachbarten Gebäude sind wegen der Brände schwarz eingefärbt. Es sieht aus, als wäre ein Vulkan ausgebrochen." Wohnhäuser in Aleppo. Foto: IHH Humanitarian Relief Foundation/Flickr (cc-by-nc-nd 2.0) "Die Luft hat einen anderen Duft, eine andere Farbe. Die benachbarten Gebäude sind wegen der Brände schwarz eingefärbt. Es sieht aus, als wäre ein Vulkan ausgebrochen." Wohnhäuser in Aleppo. Foto: IHH Humanitarian Relief Foundation/Flickr (cc-by-nc-nd 2.0)

Millionen Menschen mussten im syrischen Bürgerkrieg ihre Häuser und Wohnungen verlassen, aus Angst vor Bomben und Gewalt. Jasmine Mohamed kehrte ein Jahr später zu ihrer Wohnung in Aleppo zurück und stellte fest, dass sie bewohnt war. Die Geschichte einer unschönen Begegnung.

Dieser Text erschien zuerst auf unserer Partnerseite Ayn al-Medina.
Wer mehr zu Ayn al-Medina wissen will: Hier haben wir das Projekt vorgestellt.

Aus dem Arabischen von Sara Osman

Nun stehe ich in der Tür meines Hauses – das Haus, das ich im Januar 2016 verlassen habe. Die Luft hat einen anderen Duft, eine andere Farbe. Brände haben die benachbarten Gebäude schwarz eingefärbt. Es sieht aus, als wäre ein Vulkan ausgebrochen, der die Gebäude mit seiner Lava verbrannt hat.

Verschiedene Gebiete in Ost-Aleppo sind unter die Kontrolle der Assad-Streitkräfte geraten. Deshalb hatte ich mich entschieden, in ein anderes Gebiet zu ziehen, auch wenn es ebenfalls unter der Kontrolle des Regimes steht.

Das Verlassen des Viertels war schmerzhaft. Ich hätte nicht gedacht, einmal einen solch schweren Tag wie diesen zu erleben. Wir haben Seif Al-Dawla verlassen und sind nach Bostan Al-Kasr gezogen.

Es war ein schwieriger Weg in der Nacht, da die Scharfschützen und der Tod überall auf den Straßen waren. Ich ging zu Fuß, meine kleine Tochter auf meinen Arm, und hielt die Hand meines ältesten Sohnes. Ich verließ meinen Mann, ein Widerstandskämpfer seit Beginn der Revolution, und mein Haus, Schauplatz von schönen, traurigen und schrecklichen Erinnerungen. Ich hielt nur einen kleinen Koffer in der Hand, und bald ließ ich ihn liegen, denn ich war sehr müde und der Weg war lang.

Als ich auf der anderen Seite der Stadt angekommen war, begann ich nach einem Schlafplatz zu suchen. Ich nahm ein Taxi und ging zu einem Hotel. Dort nahmen sie meinen Personalausweis und 2.000 Lira (etwa zehn Euro) und gaben mir ein Zimmer mit Bett, aber ohne Heizung.

Am folgenden Tag begann ich damit, nach einer eingerichteten Wohnung zu suchen. Ich war überrascht von den Mietpreisen, denn es gab kein Haus, das billiger als 50.000 Lira war. Schließlich fand ich ein unmöbliertes Haus für 20.000 Lira.

Ich öffnete die Tür. Da hörte ich Stimmen aus der Wohnung

Fast ein Jahr später trat das Waffenstillstandsabkommen in Kraft und die Einwohner zogen aus Ost-Aleppo aufs Land in den Westen. Mein Mann war im letzten Konvoi, der die Stadt am 22. Dezember 2016 verlassen hatte. Es hieß immer wieder, dass wir in unsere Häuser zurückkehren könnten.

Ich konnte nicht gleich wiederkehren. Ich hatte Angst, dass die Nachbarn, die meinen Mann kannten, mich bei der Polizei anzeigen könnten, sodass ich verhaftet würde.

Am 12. Januar 2017, ein Jahr, nachdem ich das Haus verlassen hatte, hat mich einer der Verwandten meines Mannes angerufen. Er sagte mir, dass er sich das Haus ansehen würde und fragte mich, ob ich mit ihm kommen wolle.

Trotz mehrerer Checkpoints wurden wir lange nicht aufgehalten, bis uns schließlich ein Sicherheitsoffizier in der Nähe des Krankenhauses stoppte und fragte, ob wir zwei Liter Benzin hätten. Mein Verwandter antwortete mit „Nein“. Der Offizier sagte: „Du bist klug genug, das zu verstehen.“ Er nahm 1.000 Lira und ließ uns weiterfahren. Der Weg nach Seif Al-Dawla war voller Autos und Lieferwagen.

Hunderte Menschen gingen die Straßen entlang; das Leben hörte nicht auf. Ich war überrascht, aber ich hatte Angst, in die Gesichter der Menschen zu sehen.

Als wir an meinem Haus angekommen waren, verbarg ich mein Gesicht, damit mich die Nachbarn nicht sahen. Ich ging in den dritten Stock. Die Tür meiner Wohnung hatte kein Schloss, deshalb öffnete ich sie. Da hörte ich Stimmen aus der Wohnung.

Ich trat einen Schritt zurück und klopfte. Ich war schockiert, eine Frau öffnete meine Haustür – und sie trug mein Kleid. Ich sah sie an, zeigte auf das Kleid und sagte: „Das ist mein Kleid!“ Sie sagte nichts. Ich stellte mich vor und fragte sie, ob ich in meine Wohnung gehen und einige meiner Sachen mitnehmen könnte.

Sie behandelte mich unhöflich, als ob es ihr Haus wäre. Sie sagte, die Armee habe ihr diese Wohnung vermittelt, denn ihr Haus sei zerstört worden.

Ihre Tochter trug die Kleidung meiner Tochter. Die Frau rechtfertigte sich, dass sie die Kleidung gefunden hatte. Die meisten meiner Sachen seien „verschwunden“, sagte sie. Ich weiß nicht, ob sie gestohlen wurden oder ob die neue Bewohnerin sie verkauft hat.

Immerhin fand ich einige meiner Dinge wieder. Jedes Mal, wenn ich etwas nehmen wollte, fragte die Frau: „Bist du sicher, dass das deine Sachen sind?“

Ich schüttelte den Kopf.

Ich nahm etwas Kleidung und andere Kleinigkeiten, denn es gab keinen Platz mehr in dem Auto, das uns hergebracht hatte. Ich beschloss, am nächsten Tag wieder zu kommen, um die übrigen Sachen mitzunehmen.

Immer wieder: „Du bist klug genug, das zu verstehen“

Auf dem Rückweg hat uns niemand am Checkpoint in der Nähe des Krankenhauses aufgehalten. Ein paar hundert Meter weiter stoppte uns aber ein anderer Offizier. Er befragte uns wegen der Sachen im Auto, ob sie uns gehörten und ob wir einen Eigentumsnachweis hätten. Er akzeptierte die Besitzurkunde des Hauses nicht, aber die Phrase „Du bist klug genug, das zu verstehen“ war unser neues und altes Eintrittsticket. Wir bezahlten 400 Lira, um weiterzufahren.

Am nächsten Morgen wollten mein Verwandter und ich nochmals zu unseren Häusern fahren, um die Reste zu holen. Dieses Mal waren die Straßen überfüllt. Ich habe viele Menschen gesehen, die ich kenne. Manche von ihnen waren von der freien syrischen Armee, andere von der Stadtverwaltung.

Ich fühlte die Seelen der Märtyrer um uns herum. Ich sah das Polizeirevier und seinen Sheriff „Abo Rahmo“ und die Abschussrampe in der Nähe meines Hauses. Die Flaggen der Revolution hingen noch, die neuen Bewohner des Viertels haben sie nicht abgenommen. Ich konnte die Graffiti an den Wänden lesen. Alles war wie immer, nur die Gesichter der Menschen waren andere, und überall im Viertel waren Soldaten. Berge von Müll lagen entlang der Straße. Ich weiß nicht, woher sie kamen, doch es waren viele.

Die Verhandlungen mit der neuen Bewohnerin waren diesmal schwieriger. Sie fragte: „Ist es nicht genug, dass ich wusste, dass das Haus einem Bataillonskommandeur in der Freien Syrischen Armee gehört, aber nichts der Polizei gesagt habe?“

Ich versuchte in aller Freundlichkeit, manche meiner Sachen zu nehmen, denn ich hatte nichts, um darauf zu schlafen. Sie gab mir zwei Teppiche und einige Decken, und ich konnte den Kühlschrank mitnehmen. Es gab kein Geschirr in der Küche. Mein Schlafzimmer, das Wohnzimmer, der Fernseher und die Waschmaschine – alles wurde gestohlen.

Die Frau zwang mich, die übrigen Sachen dort zu lassen, sie fragte: „Und wie soll ich leben? Nimm einige Sachen, und lass die anderen hier.“

Der Fahrer des Vans sagte, dass er 15.000 Lira wollte, „egal, ob du das Auto voll mit Sachen machst oder nur einen Reissack mitnimmst.“ Wir gingen zum Haus meines Verwandten im Viertel Tarek Al-Bab. Dort gab es kein Leben. Die Menschen, die ich dort sah, konnte ich an den Fingern abzählen. Wie Geister liefen sie durch die Straßen.

Ein Foto blieb noch in den Ruinen

Mein Verwandter konnte sein Haus in den Ruinen zuerst nicht finden. Er legte seine Hand an den Kopf und versuchte, sich an den Platz des Hauses zu erinnern.

Als er es fand, bestand es nur noch aus einem Zimmer und einer baufälligen Wand. Wahrscheinlich war es durch eine Fassbombe zerstört worden. Plötzlich lachte er und sagte: „Das ist mein Haus!“ Er nahm etwas aus den Ruinen und reinigte es an seiner Hose – dann sagte er: „Das ist mein Foto.“

Er reinigte die Wand und hängte das Foto auf. Ich fragte ihn, warum. Er antwortete: „Vielleicht schützt es das, was übrig geblieben ist.“ Seine Worte hinterließen einen bitteren Nachgeschmack. Ich hatte Tränen in den Augen.

Auf dem Rückweg wurden wir an allen Kontrollpunkten aufgehalten. Im Van war alles, was ich von meinem Haus mitbringen konnte. Jedes Mal wurden wir mit der Phrase „Du bist klug genug, das zu verstehen“, zum Zahlen gezwungen. Bis wir in Al-Aschrafiya angekommen waren, hatte ich insgesamt 7.000 Lira gezahlt.

Wie eine Fremde in deinem eigenen Haus

Als ich meine Sachen aus dem Van holte, kam eine Frau zu mir und sagte: „Das ist richtig, man soll seine Sachen herbringen, und wenn alles wieder normal ist, geht man in sein Haus zurück.“ Ich sagte ihr, ich wünschte, sie wüsste was mit meinen Sachen geschehen war.

Auf Whatsapp schrieb mir meine alte Nachbarin. Als ich sie fragte, ob sie zu ihrem Haus zurückgegangen war, um ihre Sachen mitzunehmen, sagte sie Nein; sie werde in den Westen des Landes gehen. Als Grund sagte sie: „Die Menschen, die jetzt in unserem Viertel leben – das sind nicht unsere Leute, was ist da übrig geblieben?“

Meine Angst, als ich zu meinem Haus zurückkehrte, war größer als die Furcht, die ich verspürte, als ich mein Haus zum ersten Mal verließ. Sie war riesiger als die Angst vor den Raketen und den Fassbomben. Aber am grausamsten ist, wenn dir jemand dein Haus gewaltsam wegnimmt und deine Kleidung trägt. Dann fühlst du dich wie eine Fremde in deinem eigenen Haus, das deine Erinnerungen früherer Jahre bewahrte.

Redaktion: Jan Altaner und Bodo Straub

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