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Anaheed Al-Hardan gibt in ihrer Arbeit provokative Antworten auf scheinbar einfache Fragen. Foto: Tobias Pietsch/Alsharq Anaheed Al-Hardan gibt in ihrer Arbeit provokative Antworten auf scheinbar einfache Fragen. Foto: Tobias Pietsch/Alsharq

Die Flucht und Vertreibung hunderttausender Palästinenser*innen vor knapp 70 Jahren spielt heute für palästinensische Gemeinschaften in den jeweiligen Ländern eine sehr unterschiedliche Rolle. Gerade für Palästinenser*innen in Syrien hat der Begriff „Nakba“ seit 2011 eine völlig neue Bedeutung erfahren, sagte die Soziologin Anaheed Al-Hardan bei einer Alsharq-Veranstaltung. Von Ansar Jasim.

700.000 Palästinenser*innen  flohen oder wurden vertrieben im Zuge der Etablierung des Staates Israel im Jahr 1948, 100.000 von ihnen nach Syrien. Nakba, die Katastrophe, heißt dieses Ereignis heute. Und die Frage, wie in Syrien daran erinnert wird, war Thema bei der Alsharq-Veranstaltung am 10. August in der arabischen Bibliothek Between us (Beynatna) in Berlin, an der rund 60 Personen teilnahmen. Anaheed Al-Hardan, Assistenzprofessorin an der Amerikanischen Universität in Beirut, präsentierte ihre Monographie „Palästinenser*innen in Syrien: Nakba-Erinnerungen zerrissener Gemeinschaften“ (Originaltitel auf Englisch: „Palestinians in Syria: Nakba Memories of Shattered Communities”). Es war die erste deutsch-arabische Vorstellung des Buchs, und ihr folgte eine kontroverse Diskussion.

Denn die Palästinenser*innen in Syrien haben sich über die Zeit in die syrische Gesellschaft integriert. Ihre Erfahrungen unterscheiden sich somit stark von den Leiden palästinensischer Flüchtlinge in anderen arabischen Staaten. Dies habe zur Folge, dass die Nakba von 1948 in den gesellschaftlichen Erinnerungen unterschiedlich verstanden wird, sagte Al-Hardan. Ausgehend von der Annahme, dass es aufgrund der schwierigen sozialen, politischen und ökonomischen Situation von Palästinenser*innen im Libanon notwendig sei, an die Nakba zu erinnern, stelle sich die Frage, wie diese Erinnerung in einer integrierten Gesellschaft wie der palästinensischen in Syrien abläuft. Schließlich herrscht die dominante nationalistische und patriotische Idee, dass die Nakba als Bedeutungsträgerin statisch sei und in den palästinensischen Gemeinden universell gleich daran erinnert wird. Al-Hardan unterwandert diese zentrale Idee, indem sie den Bedeutungswandel des Begriffs Nakba und die Besonderheiten in palästinensischen Gemeinden Syriens herausstellt. Das macht ihre Antwort auf die Frage provokativ.

Eine arabische Nakba

Al-Hardan analysiert die wandelnde Bedeutung des Begriffs Nakba zunächst durch eine Betrachtung des Begriffs in der arabisch intellektuellen und politischen Literatur nach 1948. Intellektuelle wie Qustantin Zurayq („Die Bedeutung der Katastrophe“, 1948) stellen die Nakba in einen panarabischen Kontext, in dem die „Katastrophe“ in erster Linie eine Katastrophe für das arabische Vereinigungsprojekt, die Entkolonisierung und die Unabhängigkeit darstellt. Palästinensisch war die Nakba nur, insoweit Palästina ein Teil ihrer vorgestellten arabischen Welt ist.

Der nächste große Krieg in der Region 1967 geht mit einer Niederlage Syriens, Jordanien und Ägyptens und immensen Gebietsverlusten einher (siehe auch die aktuelle Alsharq-Serie zum Krieg von 1967): Gaza-Streifen, Westjordanland und Golan-Höhen werden von Israel besetzt. Dieses Ereignis wird als Naksa, Rückschlag, bezeichnet und zieht einen enormen Korpus an arabischer kritischer Literatur nach sich. Diskursiv wird eine direkte Beziehung zwischen Nakba und Naksa hergestellt. Der erneute Rückschlag sei eine weitere Katastrophe und Folge der gleichen Ursachen. Somit würde die neue Katastrophe die alte beinhalten und diese am Ende sogar überschatten.

Einige Jahre später verschwindet die Nakba aber aus den intellektuellen und politischen Diskursen. Stattdessen schwenkt der Fokus auf die sich entfaltende sogenannte Palästinensische Revolution, den palästinensischen Widerstand und die entstehenden Guerilla-Gruppen etwa im Libanon, welche sich darauf konzentrierten, einen Weg zu finden, die Gewinne Israels vom Krieg 1967 rückgängig zu machen.

Wissen und Macht

Die Nakba taucht erst wieder zu Beginn der 80er Jahre in den Diskursen auf, nachdem geheime Archive der israelischen Regierung deklassifiziert werden, und israelische Soziolog*innen und Historiker*innen den Gründungsmythos Israels und die Geschehnisse nach dem März 1948 problematisieren. Dank dieser sogenannten Neuen Historiker ist nicht länger umstritten, dass es 1948 zu einer Massenvertreibung palästinensischer Bewohner*innen gekommen ist und mindestens elf urbane Gebiete sowie 531 Dörfer zerstört wurden.

 


Die Veranstaltung hat der Verein Alsharq e.V. durchgeführt. Wie der Blog Alsharq war sie ein Projekt von Ehrenamtlichen. Wenn Du unabhängige Bildungsarbeit und Journalismus zum Nahen Osten für alle nachhaltig fördern willst, werde Fördermitglied von Alsharq e.V., verschenke eine Fördermitgliedschaft oder unterstütze uns mit einer Spende.
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Dennoch problematisiert Al-Hardan, dass die Anerkennung der Verbrechen von 1948 ganz wesentlich damit zusammenhängt, dass eine englischsprachige akademische Sphäre die Debatte führt; die Stimmen der Kolonisierten (d.h. der Palästinenser*innen), die bereits seit 1948 in ihrer Literatur über die Enteignungen und Vertreibungen berichtet haben, jedoch nicht. Somit ist aus post-kolonialer Sicht festzuhalten, dass es ganz wesentlich mit Macht verbunden ist, was wann als Geschichte definiert wird. Nichtsdestotrotz hat die Entwicklung dazu beigetragen, die Nakba als ein palästinensisches Ereignis wahrzunehmen.

Die Nakba als Counter-Geschichte

Im zweiten Schritt betrachtet Al-Hardan die Verhandlungen von Oslo 1993 zwischen Israel und der palästinensischen Führung der PLO (Palestinian Liberation Organisation). Dabei gab die PLO das Rückkehrrecht der 1948 Geflüchteten preis, im Gegenzug dafür, dass in den besetzten Gebieten die Palästinensische Autonomiebehörde (PA) und somit eine Quasi-Staatlichkeit geschaffen wurde. Dies führte Hardan zufolge dazu, dass auf lokaler Ebene, in den Communities der Flüchtlinge im Ausland Aktivist*innen begannen, Erinnerungen an das historische Palästina und die Nakba als Quelle für ihre Aktivitäten zu mobilisieren. Das Gedächtnis der „Generation Palästina“ sollte als „Garant für die Rückkehr“ dienen. So entwickelt sich auch in den palästinensischen Gemeinden in Syrien eine „Rückkehrrecht-Bewegung“ (Right of Return Movement). Eben diese Mobilisierungspraktiken untersucht Al-Hardan.

In einem dritten Schritt sind es die sozialen Erinnerungen der „Generation Palästina“ an die Nakba, also jene Flüchtlinge, die selber die Vertreibung miterlebt haben. Al-Hardan beschreibt diese Generation in Anlehnung an Judith Butler als „Erinnerungsgemeinden“. Anhand der etlichen Interviews mit Überlebenden der Nakba arbeitet sie heraus, dass es eine gewisse Widerspruchsfreiheit in vielen der erzählten Narrative dieser Generation gibt. Das heißt, Geschichten werden im Detail von verschiedenen Personen, die aus verschiedenen Gebieten Palästinas geflohen, aber alle zu Flüchtlingen in Syrien geworden sind, exakt gleich – fast ohne Abweichung – wiedergegeben. Diese Stimmigkeit sei zwar attraktiv und mindere keinesfalls die Realität dieser Geschehnisse, verfüge jedoch gleichzeitig über einen verminderten Wahrheitswert. Damit stünde es nunmal im Widerspruch zum Projekt einer Counter-Geschichte (der Right of Return- Bewegung) gegen die hegemoniale Erzählung der zionistischen Geschichtsschreibung und der Politik der PLO, welche sich ja eben von den politischen Ambitionen der palästinensischen Flüchtlinge entfernt hat.

Al-Hardan beendet ihre Präsentation mit Reflektionen über den Krieg in Syrien, welcher der Nakba eine weitere Bedeutungsebene gegeben habe. Viele Palästinenser*innen aus Syrien empfinden ihre erneute Flucht als eine Katastrophe (Nakba), welche die Katastrophe von 1948 in den Schatten stellt. Gleichzeitig wird die Hoffnung auf Rückkehr als Hoffnung auf Rückkehr nach Syrien formuliert. Diese neue Bedeutung von Nakba ist ganz wesentlich an die besonderen Erfahrungen der Gemeinden palästinensischer Flüchtlinge in Syrien gebunden. Syrien habe Raum für multiple Zugehörigkeiten gegeben.

In der Diskussion zu Al-Hardans Annahmen betonen insbesondere anwesende Palästinenser*innen aus Syrien, dass für sie und ihre Vorstellungen heute die Benennung des Verbrechers wichtig sei: das syrische Regime, welches palästinensische Gemeinden in Syrien belagert und Aktivist*innen ermordet hat. Die Kommentare machen deutlich, wie sehr der Anspruch von Betroffenen besteht, dass akademische Arbeiten eine politische Dimension haben und Stellung beziehen müssen. Nicht nur der Krieg, sondern im Wesentlichen die syrische Revolution sei Ausdruck der vielfältigen Identitäten von syrischen Palästinenser*innen, wurde kommentiert.

Beynatna, ein Bibliotheksprojekt im Herzen von Berlin, hieß die Veranstaltung willkommen und öffnete somit den Raum für eine arabisch-deutsche Diskussion über ein Buch, welches auf Englisch erschienen ist und bisher somit einen weiten Teil der Betroffene ausschließt. Auf der anderen Seite ist es wichtiger denn je, sich mit Geflüchteten, die gleichzeitig Aktivist*innen sind, zu beschäftigen, und ihre Vorstellungswelten und ihre Wahrnehmung als Akteure für ein Berlin, welches immer mehr zum Ort einer syrischen Diaspora gehört, ernst zu nehmen.

Texte von Al-Hardan zur Frage der Nakba:

Arabisch:

جدلية : نكبات اليوم و نكبة 1948 في سورية

جدلية : ما هي النكبة؟

Englisch:

Jadaliyya: The Catastrophes of Today and the Catastrophe of 1948 in Syria

„Al-Hardan, Anaheed, Palestinians in Syria: Nakba Memories of Shattered Communities” (Columbia University Press, 2016).

Demnächst wird auf dem Alsharq-Blog eine komplette Buchrezension erscheinen.

 

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