Von | | Syrien.

Wael Alkak, Shubbak Festival in London im July 2017 ©Clara Wenz Wael Alkak, Shubbak Festival in London im July 2017 ©Clara Wenz

Wael Alkak stammt aus Jaramanah, einem Vorort von Damaskus. 2012 zog er nach Paris und veröffentlichte sein erstes Album „Neshama – Songs Belonging to the Syrian Revolution“. Im Interview spricht Wael über seine Band „Neshama“, Studioaufnahmen über Skype und seine Rolle als „der Typ, der die friedliche Revolution unterstützt“. Von Clara Wenz

ENGLISH VERSION INCLUDED.

Scroll down for English

 

Alsharq: Wael, du hast am Musikkonservatorium in Damaskus studiert. Wie kamst du dazu, syrische „Volksmusik“ zu machen – „sha‘bi” Musik, wie es auf Arabisch heißt?

Wael Alkak: Ich habe eher einen klassischen Hintergrund: In Damaskus spielte ich als Perkussionist Concertos und Sonaten im Nationalen Syrischen Symphonieorchester. Dennoch habe ich auch immer schon eine große Liebe für diese Art von Musik gespürt. In Damaskus war ich oft auf der Suche nach Aufnahmen von syrischen Sängern, aber es war schwierig, irgendwas zu finden. Da gab es zum Beispiel Abu Riah. Doch der war verboten, oder zumindest glaubten die meisten Leute, dass er verboten sei. Er hat nämlich dieses Lied, in dem er singt, dass Damaskus ein Paradies sein wird, sobald sich die Lebensbedingungen dort verbessern. Dafür wurde er festgenommen. Und seitdem singt er nur noch „weiche“ Sachen mit religiösen Texten, fast ein bisschen so wie das, was man im Westen unter Sufismus versteht.

Du selbst wurdest 2011 vom syrischen Sicherheitsdienst festgenommen, nachdem du in Damaskus an den ersten Demonstrationen teilgenommen hattest. Ich erinnere mich noch, wie du mir damals deine Eindrücke dieser Zeit schildertest. Du meintest, dass du anfangs nicht wusstest, was du – als Musiker – zur Revolution in Syrien beitragen könntest. Doch als du die Protestgesänge auf den Straßen hörtest, wurde es dir klar…

Ja, als im März 2011 friedliche Proteste ausbrachen, war ich enthusiastisch. Und überrascht! Aber ich muss betonen, ich ging als Wael auf Demonstrationen – als Musiker, nicht als politischer Aktivist. Und als ich dann sah, wie bekannte Folksänger neue Lieder komponierten und zusammen mit Aktivisten sangen, wie revolutionäre Parolen und Texte zu den Melodien alter Volkslieder gesungen wurden, da begann ich, die Musik dieser Zeit zu sammeln…

Das führte 2012 schließlich zur Veröffentlichung deines ersten Albums „Neshama – Songs Belonging to the Syrian Revolution”. Seit deiner Freilassung aus dem Gefängnis bist du nicht mehr nach Syrien zurückgekehrt. Du hast dieses Album also praktisch aus dem Exil produziert und aufgenommen. Wie ging das?

Ich musste auf Technologie zurückgreifen. Ich hätte nicht nach Homs, Deraa oder Hama reisen können, das war einfach zu gefährlich. Also bat ich Leute vor Ort, mit einem Handy für mich aufzunehmen und mir dann die Tonaufnahmen zu schicken. Die Tonqualität war deshalb oft sehr schlecht. Aber ich fand das gut, ich wollte meinen „Quellen“ treu bleiben und die Atmosphäre der Demonstrationen auffangen. Als ich dann nach Jordanien reisen wollte, um mit syrischen Musikern Studioaufnahmen zu machen, die das Land schon verlassen hatten – wie zum Beispiel der Sänger Ahmed al-Qaseem – wurde mir die Einreise verweigert und ich musste die Studioaufnahmen über Skype dirigieren.

„Neshama“, der Titel deines Albums ist jetzt auch der Name deiner Band. Das Wort wird im Lisan al-ʿArab1 beschrieben als Bezeichnung für die Wesensmerkmale von Menschen, die in der Wüste leben: Widerstandskraft, Beständigkeit und Mut. Was bedeutet dieser Name für Dich?

Neshama bezeichnet Menschen, die geben, um zu geben, um der Sache willen. Das Wort hat in der ganzen Region eine positive Bedeutung. Es hat Wurzeln im Hebräischen, wo es so etwas wie „guter Geist“ bedeutet. Es geht einfach darum, gut zu sein. Die Menschen waren 2011 nicht auf den Straßen, um politische Vorteile zu erlangen. Die waren dort, um zu demonstrieren, für uns, für einen gerechteren Staat. Zu der Zeit war jeder in Syrien so – sogar das Regime erkennt das mittlerweile an! Das hat mich damals berührt. Wir waren dort, als Teil dieser Bewegung. Und wir sind immer noch da! Doch die Medien zeigen das nur leider nicht…

Mit „Wir” meinst Du die Opposition?

Nicht wirklich. Es gibt sehr viel Schlechtes innerhalb der Opposition. Viele sind ähnlich extremistisch wie das Regime, keiner will hören, was die anderen zu sagen haben. Wenn ich von „Wir“ spreche, meine ich Menschen, die eine Veränderung wollen. Einen friedlichen Umschwung. Ein besseres Leben. So wie fast alle Syrer. Wir sind nur leider nicht laut genug. Das war es, was mich in den vergangenen fünf Jahren immer wieder dazu bewegt hat, Neshama lebendig zu halten.

Was hast Du seitdem gemacht?

Nachdem das Album raus war, habe ich es an verschiedene Festivals in Europa geschickt. Im November 2013 wurden wir dann von dem Kulturzentrum „Kontrapunkt“ in Malmö zu unserem ersten Konzert nach Schweden eingeladen. Seitdem ist „Neshama“ eine Band, nicht nur ein Album. Wir konnten drei Leute, mit denen ich Studioaufnahmen gemacht hatte, nach Schweden holen: Meinen Bruder Yazan Alkak, der Oud und Trommel spielt, den Rababa-Spieler Shadi Abazid und Abu Zeyah an der Mijwiz. Yazan und Shadi blieben danach in Schweden, Abu Zeyah nicht. Seine Frau war hochschwanger und er hielt es nicht aus, von ihr fort zu sein. Also ist er direkt nach dem Konzert zurück nach Jordanien. Und das zu einer Zeit, in der Menschen schwimmen, um nach Schweden zu kommen! Das hat mich wirklich beeindruckt und mich noch mehr ermutigt, weiter zu arbeiten.

…weiterzuarbeiten an Eurem neuen Album „Min Zaman”?

Genau. Wie gesagt, ich wollte Neshama am Leben halten. Ich dachte mir: „Diese Musik hat was! Die kann man sich überall anhören, zu der kann man überall tanzen!“ Ich war überzeugt, dass jeder ihre Bedeutung verstehen und ihre Hitze spüren könnte – Musik besteht nämlich nicht nur aus Harmonie und Sound, Musik hat auch eine Temperatur, besonders die, die von Herzen kommt. Aber ich hatte diesen Stempel einer politischen Botschaft aufgedrückt bekommen: Ich war „der Typ, der die friedliche Revolution unterstützt“. Gut, das tue ich. Immer noch. Aber am Ende bin ich ein Musiker. Die Lieder unseres ersten Albums werden die Menschen immer an eine Zeit der friedlichen, sozialen Bewegung erinnern. So wie Ya mahlaha al-ḥurriyya („Wie schön die Freiheit ist“), was von Demonstranten gesungen wurde, oder ʿayni ʿalayha („Mein Auge auf sie“) von Ahmed al-Qaseem. Die Menschen wissen, dass er diese Worte an seine Heimatstadt Deraa richtet, die ein Symbol war für friedlichen Protest und Widerstand. Und sie wissen auch, warum er das macht: Weil er gehen musste. Dieses Mal, mit „Min Zaman“, wollte ich einfach nur Musiker sein.

Und war das einfach?

Nein. Die Nachrichten aus Syrien wurden immer schlimmer und ich war einfach so traurig. Irgendwann habe ich mich dann dazu entschieden, alles auszuschalten – den Fernseher, das Internet, soziale Medien, einfach alles. Ich blieb in meinem Studio, mit den über fünfzig Liedern, die ich seit 2011 gesammelt hatte. Als ich dann eine Residenz an der Cité Internationale des Arts in Paris erhielt, füllte sich mein Kopf langsam wieder mit Farben. Ich traf Musiker aus Afrika, den USA, England, Schweden und Deutschland, begann, Neshama experimentell aufzuführen und wurde so langsam entspannter in Frankreich. Ich fing an, den Strom der Stadt zu fühlen, die Lichter, die Metro, ich spürte meinen Puls wieder. Jetzt war ich plötzlich nicht mehr in West-Europa, wo alles so organisiert ist. Meine Erinnerungen kamen zurück – von Hochzeiten, von meinem Viertel Jaramanah. Und Melodien fingen an, meinen Kopf zu füllen.

 

 

Der Blog Alsharq ist ein Projekt von Ehrenamtlichen. Wenn Du unabhängigen Journalismus zum Nahen Osten für alle nachhaltig fördern willst, werde Fördermitglied von Alsharq e.V., verschenke eine Fördermitgliedschaft oder unterstütze uns mit einer Spende.
klicken_mitglied_werden

 

 

Wie die von dem ersten Song auf Eurem neuen Album, „Dahrij ya Hamam“?

Genau. Das ist ein sehr bekanntes Lied, das wird auf jeder Hochzeit in den Damaszener Vororten gespielt. Der Titel bedeutet „Tanz, Taube“ oder „Beweg dich, Taube“. Die Leute lieben es, dazu zu tanzen!

Ich habe die Background-Stimmen in Paris aufgenommen, aber die wollen nicht, dass ich ihre Namen nenne. Weißt du, warum? Weil mein Name mit der Opposition und der Revolution in Verbindung gebracht wird. Bis zum heutigen Tag haben Menschen Angst, ihren Namen zu nennen, wenn sie mit mir arbeiten. Es gibt mindesten fünf Künstler in unserem Projekt, denen es so geht. Stell dir das mal vor! Nach all dem, was passiert ist, haben sie immer noch Angst. Und das in Europa!

Eines Eurer Lieder, „al-Nas“ („Die Leute“), nimmt indirekt Bezug auf diese Angst. Das Lied ist eine deiner eigenen Kompositionen auf dem Album. Kannst du dazu etwas mehr erzählen?

In Syrien reden Menschen von „al-Nas“, wenn sie paranoid sind. Ich habe in meinen achtundzwanzig Jahren in Syrien viele Menschen mit psychischen Problemen kennengelernt, darunter auch einen meiner Verwandten, der schon vor langer Zeit gestorben ist. Der redete immer von „al-Nas, al-Nas”, er hatte immer ein Problem mit „den Leuten“. Weil ihm keiner zuhören wollte, weil keiner wissen wollte, was er zu sagen hat – weil ihn eben niemand verstand! Das Lied beginnt mit den Worten „Die Leute sind verschwunden und haben entschieden, jeder hat seine Hand für sich“2. Ich meine damit, dass die Menschen sich nur noch um sich selbst kümmern. Sie können hören, wollen aber nicht mehr zuhören. Und dann geht das Lied weiter: „Auch wenn es heißt: ,Der Abwesende ist entschuldigt‘, bin ich denn verrückt, deine Liebe wiederbekommen zu wollen?3“ Es gibt im Arabischen ein Sprichwort, das besagt: wenn du nicht da bist, wirst du schon einen Grund haben, du bist also entschuldigt. Diese Frage stelle ich dann der Musik. Und ich fühle mich, als wolle ich damit etwas anzünden, denn es ist so kalt da drinnen.

Was meinst du damit – „Es ist so kalt da drinnen“?

Das Gefühl, nicht mehr dabei zu sein. Ich habe bis jetzt kein einziges Mal an einer Demonstration außerhalb Syriens teilgenommen. Jetzt ist jeder allein. Ich will nicht jammern, aber so ist es. Dass in Syrien jeder, der pro-Regime war, eine Gehirnwäsche hinter sich hatte, wusste ich schon. Aber ich hätte nie gedacht, dass es hier auch so ist, dass hier Menschen an Fernseher glauben, dass sie diese Diktaturen in der Welt akzeptieren würden. Schau dir doch den Präsidenten von Russland, oder den von Amerika an! Ich schäme mich dafür, wir schreiben das Jahr 2017. In den Sechzigern hatten die Menschen mehr Werte, sie kämpften für Frieden, nicht für Krieg. Aber jetzt, sechzig Jahre später, muss sich jeder wieder beweisen, wie stark er ist. Das habe ich in Syrien nicht akzeptiert. Ich habe gesagt, dass ich das nicht akzeptiere und ich musste das Land verlassen. Aber in Europa fühlt man sich wie ein Tropfen auf dem heißen Stein. Fox News interessiert sich nicht für deine Geschichte, die interessieren sich viel mehr für Daesh (ISIS). Und auch hier sind nur sehr wenige Menschen aktiv, der Rest geht von neun bis sechs arbeiten, mehr nicht. Das meine ich mit „Gehirnwäsche“, die Leute sind wie Maschinen, die sie kalt werden lassen.

Dass die Dinge einmal anders waren, ist das Thema deiner zweiten eigenen Komposition auf dem Album, dem Song „Min Zaman” („Vor langer Zeit“)? Da heißt es: „Lange ist es her, da haben wir Euch mit Liebe überrumpelt. Und wenn wir wieder auf Euch zugingen, dann beschüttet uns nicht mit Eurem Wasser. Trotz aller Traurigkeit, nichts ist schöner als das Leben in ,Sham’, lange ist es her.“4

In Syrien glauben die Menschen, es sei ein schlechtes Omen, wenn du im Traum jemanden siehst, der dich mit Wasser beschüttet. Was ich damit sagen will ist: Falls wir wiederkämen und sagten „Lass uns etwas zusammen machen in diesem Land oder in dieser Welt“, entfernt Euch nicht von uns, behaltet uns nah an Euren Herzen. Trotz bitterer Zeiten, auch wenn wir alle traurig sind, denkt daran: Das Leben in „Sham“ war einmal wunderschön. Mit „Sham“ meine ich „billad al-sham“, also die ganze Region. Wir singen das Lied in einem 4/4 Takt, aber wenn wir bei der Zeile „Min Zaman“ („Vor langer Zeit“) ankommen, dann fügen wir einen Extrabeat hinzu, wir brechen sozusagen die Melodie und kehren dann zum normalen Rhythmus zurück. Für mich drückt dieser Bruch in der Melodie den Bruch in unserer Zeit aus.

Ich möchte dir aber noch eine Geschichte zu diesem Lied erzählen. Als ich die Melodie 2014 komponiert hatte, schickte ich sie an meinen Bruder Yazan in Malmö. Ich hatte irgendwie das Gefühl, die Melodie schon einmal wo gehört zu haben, wusste aber nicht, wo. Ich bat Yazan, mir bei der Suche zu helfen, er suchte und suchte mehrere Monate lang, wurde aber nicht fündig. Dann, zwei Jahre später, spielte er gerade das Lied auf der Oud, als plötzlich eine ältere Frau aus Homs zu singen anfing! Sie erinnerte sich nur an ein paar wenige Zeilen, meinte aber, dass Teile der Melodie aus einem sehr alten Lied stammen. So ist es, als Komponist erschaffst du nichts Neues, du entdeckst Dinge!

Du bezeichnest deine Musik als „sha’bi“ – ein Wort, dessen Subjekt „al-sha’b“ („das Volk“), so schreibt Professorin Samia Mehrez in Bezug auf Ägypten, „durch jahrzehntelangen Missbrauch durch politische Diktatur seine Bedeutung entzogen wurde“5. Wie würdest du „sha’bi“ übersetzen und was bedeutet diese Bezeichnung für deine Musik?

Ich weiß ehrlich gesagt nicht, wie ich es übersetzen würde. Genauso wenig die Musik, die ist sehr breit: Sha’bi ist wild, das ist Musik, die auf Hochzeiten gespielt wird, zu der getanzt wird. Sie kann akustisch oder hundert Prozent digital sein. Ein wichtiger Aspekt ist, dass die Musik lokal ist. Warum arbeitete ich an den Liedern unseres ersten Albums? Weil ich da war und sie mit meinen eigenen Ohren in den Straßen gehört habe. Jetzt, wo ich in Paris lebe, gehe ich zu Konzerten von Freunden, die House, Techno oder Acid-Style Musik machen. Bei „Sha’bi“ geht es um Leute vor Ort. Wo auch immer sie herkommen oder welcher Kultur sie angehören. Ich persönlich fühle, dass ich aus den billad al-sham stamme, der Levante. Die ganze Region ist so verbunden, auch die Musik. Es wäre falsch zu sagen, „das ist ein syrisches Lied“, „das ist ein palästinensisches Lied“ oder „dieses Lied hat arabische Wurzeln, dieses jüdische“. Es ist einfach bunt und gemischt. Heutzutage wird jede nicht kategorisierbare Musik einfach unter „Weltmusik“ abgespeichert. Mit einer neuen Generation von Musikern – Neshama, 47 soul in London, Khebez Dawle in Berlin und vielen mehr – könnte sha‘bi aber bald ein richtiges Genre werden…

Vor einer Woche hast du zusammen mit deinem Bruder Neshamas neues Album auf dem Londoner Shubbak Festival vorgestellt, diesmal jedoch in anderer Besetzung. Warum?

Als wir eingeladen wurden, auf dem Shubbak Festival zu spielen, warnte ich das Team, dass wir eine komplizierte Band seien, weil wir Mitglieder in Jordanien haben. Sie gaben ihr Bestes, Visa für sie zu bekommen, aber am Ende hat es dann leider nicht geklappt. Stattdessen spielten wir mit Jammal Al Sakka (Perkussion), Louai Alhenawi (Nay) and Fajer Alabdalla (Bass). Das sind syrische Musiker, die alle in London leben. Jammal war mein Professor in Damaskus und ich habe mich wirklich gefühlt, als würde ich zu meiner Familie zurückkehren. Wir haben entschieden, dass wir die neue Band Neshama in Europa sind, jetzt wo es für die Anderen so schwierig ist, zu reisen. Aber selbst wenn sie nicht mit uns auf der Bühne stehen, sie sind immer noch Teil der Musik – mein Live-Set besteht ja aus Samples von Ahmed al-Qaseem, zum Beispiel.

Das ist momentan unsere Geschichte. Die syrische Geschichte. Genauso wie ein Album über Skype aufzunehmen. Das ist schon komisch. Aber es zeigt die Wahrheit. Vielleicht stehen wir in ein paar Jahren ja alle gemeinsam auf der Bühne. Für den Moment bin ich einfach froh, dass es Menschen gibt, die mich unterstützen. Das fällt mir generell an syrischen Künstlern auf: Seit 2011 vertrauen wir uns mehr. Wenn du mich fragst, was sich in den vergangenen fünf Jahren zum Positiven verändert hat, dann ist es das. Wir hatten immer dieses Problem, wir waren irgendwie nicht richtig zusammen. Aber jetzt fühle ich mich auf jedem Konzert unterstützt. Und das motiviert mich, weiterzumachen…

Eine Frage noch: Warum haben beide Alben von Neshama genau sieben Tracks?

Ich bleibe irgendwie immer an dieser Zahl hängen. Das ist ein Zeichen des Sieges. Wenn du zwei Finger zum Victory-Symbol in die Luft hältst, dann sieht das aus wie eine arabische Sieben.

Vielen Dank für das Gespräch!

 

Anmerkungen:

1 Eines der umfangreichsten Wörterbücher der arabischen Sprache, im Jahr 1290 fertiggestellt von Ibn Manzur.

2 „al-nās fallū wa qarrarū kil mīn īdu illū

3gharam al -ghāyyeb azrū ma‘ū, majnūn ubbek rijja‘ū?“

4Min Zamān, bilmaabbeh jinākon, al ghafleh akhadnākon – wa in jīnu latījūnā, mayatkon lā trishūnā… Gharam kill al-ahzān yā malā aīsheh bi shām- min zamān…“

5 Mehrez, Samia. 2012. Translating Egypt’s revolution: the language of Tahrir. Cairo, Egypt: American University in Cairo Press, p.13.

 


 

“Long Ago, With Love We Came” –

A Conversation with the Syrian Composer and Musician Wael Alkak

 

Neshama at Shubbak Festival in London, July 2017 ©Clara Wenz

Neshama at Shubbak Festival in London, July 2017 ©Clara Wenz

Wael Alkak was born in 1982 in Jaramanah, a southern suburb of Damascus. In 2012, he moved to Paris and published his first album “Neshama – Songs belonging to the Syrian Revolution”. Five years later, we met with him to talk about “sha‘bī” music, his band “Neshama” and their new album “Min Zamān” (“Long ago”). By Clara Wenz.

Alsharq: Wael, you studied at the Higher Institute of Music in Damascus, how did you get involved in making Syrian folk music – “sha‘bī” music – as it’s called in Arabic?

Wael Alkak: Although I have an academic background – I used to play concertos and sonatas as percussionist with the National Syrian Symphony Orchestra – I’ve always been in love with popular music. Back in Damascus, I was always searching for recordings of “sha‘bī” musicians but they were hard to find. Abu Riah, for example, was forbidden, or at least people thought he was forbidden. He has this song in which he says that Damascus is going to be like paradise once we have better living conditions. He was arrested and then started to sing only soft stuff, Islamic lyrics, like Sufism in the Western meaning.

You were arrested yourself by Syrian Security forces at the Lebanese borders after travelling to Beirut from Damascus where you had participated in the first protests in 2011. I remember how back then you described to me your experience of this time. You said that as a musician, you initially did not know what your role in the revolution was, but when you heard the chants of protesters in the streets, you realised what you could contribute…

Yes, when the first peaceful demonstrations happened in March 2011, I was excited. And surprised! But I have to say that I went to the protests as Wael – as a musician, not a political activist. And when I saw how popular folk musicians composed new songs and sung together with activist, how revolutionary slogans were combined with well-known folk melodies, I started to collect some of the most popular tunes of this time…

…which eventually led to the release of your first album “Neshama – Songs Belonging to the Syrian Revolution”. After your release from prison, you did not return to Syria and basically produced and recorded this album from exile, how did that work?

I relied on technology. I could not access Homs, Deraa or Hama at that time, because it would have been too dangerous. I had to ask someone who was there to record for me on a mobile phone and send it to me, which meant that the sounds were often really bad quality. But I was happy with that, I wanted to stay truthful to my sources, and have the sound of the demonstrations as they were. Then, when I planned to go to Jordan to record Syrian musicians who had left the country like Ahmed al-Qaseem, I was not allowed to enter the country, I had to go back to Istanbul and direct recording processes over skype.

The title of the album – “Neshama” – is now also the name of your band. The word is described in the Lisān al-ʿArab6 as expressing the “essential characteristics” of people who live in the desert: resilience, steadfastness and courage. What does that name mean to you?

Neshama is an expression for people who give just to give. In the entire region, the word has a very good meaning. It has roots in Hebrew, where it means something like “good spirit”. It’s about being good. In 2011, people were not in the streets for political profits. They were there to protest, for us, for a civil state. Everybody was like this in Syria in 2011 – even the regime is saying this now! I was affected by this. This is what we supported and that’s where we were. And we are still there. The media just does not show that.

By “we” you mean the opposition?

No, not really. You have a lot of bad parts within the opposition, extremists like the regime, they don’t want to hear what others are saying. By „we“, I mean people who ask for a change. For a peaceful change. For a better life. Like most Syrians. We don’t have a strong voice. This is what made me work on keeping Neshama alive for the past five years.

What exactly have you been working on during that time?

Once the album was released, I sent it to different festivals across Europe. In November 2013, we got invited to give our first concert in a cultural centre in Malmo in Sweden, called „Kontrapunkt“. This was when Neshama turned from being an album to being a band. We managed to bring three people that I had recorded with to Sweden: My brother Yazan Alkak, Shadi Abazid who plays the Rababa and Abu Zeyah on the Mijwiz. Yazan and Shadi stayed in Sweden afterwards but Abu Zeyah went back to Jordan. His wife was expecting a baby and he couldn’t handle to be away. This was at a time when people were swimming to come to Sweden! That affected me a lot. It pushed me to keep working.

Working towards Neshama’s new album “Min Zamān”?

Yes. As I said, I wanted Neshama to stay alive. I thought this music is really going to be something. It could be listened to and danced to anywhere. I felt that anybody could feel the meaning of this music, and its temperature – because music is not just sound and harmony, music is also temperature, especially music that comes from the heart. But I was damaged. I was stamped with a political message, I was „the guy who is with the peaceful revolution“. Fine, I am. Still. But at the end, I am a musician. The songs of our first album will always remind people of the time of a peaceful, social movement. Like “Yā maḥlāhā al-ḥurrīyya” (How sweet freedom) which was chanted at protests, or “ʿAynī ʿalayhā”, (“My eyes upon her”) sung by Ahmed al-Qaseem. People know that he sings these words to his hometown Deraa, which was the symbol of peaceful protests and resistance – and they also know why he sings these words – because he had to leave. This time, with “Min Zamān” I wanted to just focus on being a musician.

And was that easy?

No. The news of Syria became more and more devastating. I was so sad. I decided to turn off the TV, the internet, social media, everything. I stayed in the studio, with the more than fifty songs that I collected since 2011. And when I got accepted for an artistic residency at the Cité Internationale des Arts in Paris, my head became full of colours again. I met musicians from Africa, the U.S., the U.K., Sweden, Germany, electronic musicians. I started to perform Neshama in an experimental way, I began to be more comfortable in France. And I started to get the electricity of Paris, the lights, the metro, I started to feel my pulse again. Now, I wasn’t in West-Europe where everything is so organised. I started to get my memory back. Of weddings, of my neighbourhood Jaramanah. Melodies started to enter my head…

Like that of the first song of the new album, “Dahrij ya Hamam”?

Exactly. That one is a very popular song played during weddings in Damascus suburbs. It means “Move, Pigeon” or “Dance, pigeon”. People love to dance to it! I recorded the back vocals for this song in Paris with people who would not like to have their names told. You know why? Because my name is associated with the opposition, with the revolution. Until now, people are sometimes afraid to have their names published when they work with me. I have at least five artists like this. Imagine: After all this, they are still afraid. And they are in Europe!

You indirectly refer to that fear in the song “al-Nās” – „The people”, which is one of your own compositions on the new album. Can you tell me a bit more about this song?

In Syria, people refer to “al-nās” when they are paranoid. I met many people with mental problems during my 28 years in Syria, including one of my relatives who passed away a long time ago. He always used to say “al-nās, al-nās”, he always had a problem with “the people”. Because nobody wanted to hear him or listen to what he had to say – because nobody understood him.

But the song itself talks about something a bit different. It starts with the words “The people have left and decided that each one has his hand for himself7”. It basically means that now people only care about themselves. Although they can hear, they do not like to listen anymore. It goes on: gharam al -ghāyyeb ‘azrū ma‘ū, majnūn ḥubbek rijja‘ū? The expression “al -ghāyyeb ‘azrū ma‘ū” – “The one who is absent has an excuse” is a popular saying in Arabic. When you are absent, nobody knows what you are doing, you must have a reason, so it’s fine. “Despite this”, the song asks, “am I crazy to get your love back?” Then I give this question to the music. I feel like burning something, because it is so cold inside.

What do you mean, “it’s so cold”?

The feeling of not being engaged anymore. I have not once participated in a demonstration outside of Syria. Now everybody is just alone. I don’t want to whine about this, but that’s the way it is. That in Syria, everyone pro-regime was brainwashed, I knew. But I never thought that people would be like that here, that they’d really believe in TVs, that they’d accept these political regimes in the world. I mean, look at the president of Russia or the president of the United States…I feel shy about this, it’s 2017. In the 1960s, people had more values, they pushed for peace not for war. But now, after sixty years, everyone has to show again how strong they are. I did not accept this in Syria, I said out loud that I do not accept it and I had to leave the country. But in Europe, you feel like you are a drop in the ocean. Fox News is not interested in your story, Daesh (ISIS) is more interesting for them. There are only a few people who are active, I feel the rest goes to work from nine until six in the evening and that’s it. That’s what I mean by brainwashed, people are like machines.

That things were different at some point in time, is that the theme of the second one of your own compositions “Min Zamān” (“Long ago”)? It says there “Long ago, with love we came, we took you by surprise. And if we came to see you and say hi, please don’t throw water on us. Despite all the sadness, there is no more beautiful life than life in Shām – long ago.”8

In Syria, if you have a dream and you see somebody throwing water on you, it’s a bad sign. What I want to express in these lyrics is that if we were come and be like, ‘let’s do something together in this country, or in this world’, please don’t keep us away from you, keep us close to your hearts. Even if the situation is sad, and everybody is sad, remember that a long time ago, life was beautiful in sham – and by “Shām” I mean “billād al-shām”, the entire region. We sing the song in a 4/4 beat, but when we arrive at the phrase “min zamān” – “a long time ago”, we add another beat, we break the melody, and then go back to the normal rhythm of the song. The break in the melody expresses the break in time.
I have a story about this song that I’d like to tell you. In 2014, I came up with the melody of the song and sent it to my brother Yazan in Malmoe. I told him ‘look, I feel like I heard this melody before. But I don’t know where, can you help me find out?’ He searched for several months but never came across anything like it. Then, two years later, he was playing the song on the oud and there was this old woman from Homs, and she started to sing! She remembered only a couple of words but she said that parts of that melody belong to an old song. That’s how it works you know? Composers don’t create, they discover.

You call your music “sha‘bī”, a term whose subject – “al-sha‘b” (“the people”) – has been, as Professor Samia Mehrez noted with regard to Egypt, “emptied of its signification through decades of abuse by the regime9”. How would you translate that term, and what does it mean for your music?

I don’t know how I would translate it. Nor the music. It’s big. Sha‘bī is always wild, it is music played on weddings, it is danced to. It can be acoustic or 100% digital. One important aspect is that it’s local. Why was I engaged to the songs in the first album? Because I was there and I heard it with my own ear in the street. Now I am in Paris, I go to gigs of my friends who do house, techno or acid-style music. “Sha‘bī” is about the locals. Whatever nationality or culture they belong to. I myself feel from Billad ash-sham, the Levante. This region is so connected, also the music. It is wrong to say: “this is a Syrian song” or “this is a Palestinian song” or this song has Arab roots or this one has Jewish roots, it is mixed and it is colourful and it is amazing. Today, any music that cannot be categorized is usually named ‚world music‘. But with a new generation of musicians, like us or 47 soul in London, or Khebez Dawle in Berlin, I think sha‘bī music could really become a genre.

About a week ago, you and your brother performed Neshama’s new album at the London Shubbak Festival, this time with different musicians. How come?

When we got invited to play at Shubbak festival, I told the team that we have a complicated situation, that we have musicians who are in Jordan. They tried their best to get visas for them, but at the end, it didn’t work out, so we played instead with the guest musicians Jammal Al Sakka (percussion), Louai Alhenawi (nai) and Fajer Alabdalla (bass) who are all based in London. Jammal was my professor at the Higher Institute. Playing with them, I felt like I went back to my family and we decided that we will be the Neshama band in Europe now that it is so difficult for the others to travel. But even if they are not on stage with us, they are part of the music because my live set has samples of them.

This is our story now. The Syrian story. Like recording an album over skype, it’s strange. But it shows the truth. Maybe in a few years we’ll be on stage, all of us. For now, I am just happy that I have people who support me. And I recognised this with Syrian artists in general. Since 2011, we have more trust in each other. If you ask me what has changed for the better within the past five years, it’s that. We always had this problem, we were not together in the right way. But now, at each gig I feel supported by everybody. That’s what keeps me going.

One last question – why do both of Neshama’s albums feature exactly seven songs?

I always end up with this number. It’s a symbol of victory. When you hold two fingers up to do the victory sign, you get the Arabic sign for the number seven.

Thanks a lot for the conversation!

 

Footnotes:

6 one of the most comprehensive Arabic dictionaries, completed by Ibn Manzur in 1290

7 „al-nās fallū wa qarrarū kil mīn īdu illū

8gharam al -ghāyyeb azrū ma‘ū, majnūn ubbek rijja‘ū?“

9 Mehrez, Samia. 2012. Translating Egypt’s revolution: the language of Tahrir. Cairo, Egypt: American University in Cairo Press, p.13.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

*