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Fünf Kinder auf der Suche nach dem "Land des Lichts": Filmszene. Foto: Promo Fünf Kinder auf der Suche nach dem "Land des Lichts": Filmszene. Foto: Promo

Der Film „Kinder des Lichts“ von David Ruf, der heute Abend Premiere feiert, zeigt das kriegszerstörte Syrien aus der Sicht von Kindern. Entstanden in Filmworkshops in der syrisch-türkischen Grenzregion, verbindet er Phantasy, Abenteuer und Dokumentation. Von Eva Sperschneider.

Ein Sturm zieht auf, die Geister-Soldaten kommen und die 11-jährige Raisa und ihr kleiner Bruder Walid verstecken sich in den Büschen, als ihr Dorf zerstört wird. Sie erwachen in einer fast menschenleeren Welt der Zerstörung und machen sich auf, ein sagenumwobenes Land des Lichts zu finden, in dem sie ihren Vater vermuten. In den umliegenden Dörfern und Bergen treffen sie andere Kinder, genauso allein und verloren wie sie selbst. Eine davon ist die träumerische Sharazad, die inmitten der Trümmer ihres Hauses in ihrer eigenen Welt lebt, in der es schöne Kleider, Hüte und Prinzessinnen gibt. In einem verlassenen Quartier der Geister-Soldaten entdecken die Kinder einen zurückgelassenen Gefangenen und befreien ihn von seinen Ketten. Der befreite Junge, Firas, ist von seiner Gefangenschaft gezeichnet und will sich rächen. Er hofft, im Land des Lichts die Rebellen zu finden, und wird zum Beschützer der Gruppe. Als letztes schließt sich Samir den Kindern an – er scheint die letzte lebende Seele im Geisterdorf zu sein und will auf keinen Fall allein zurückbleiben. Samir kann Wunden versorgen und Geräte reparieren, erregt jedoch gerade damit das Misstrauen von Firas…

Zu fünft machen sich die Kinder auf die Suche nach dem Land des Lichts. Der Weg dorthin ist beschwerlich und voller Gefahren. Und was, wenn es dieses Land, an das sie so fest glauben, am Ende gar nicht geben sollte?
 

 

„Kinder des Lichts“, der Abschlussfilm von David Ruf an der Filmakademie Baden-Württemberg, ist die Geschichte einer fantastischen Reise vor dem Hintergrund der Realität im zerstörten Syrien. Diese Realität ist im Film immer bedrohlich nah und doch verwunschen und verklärt. Die Kinder ziehen durch zerbombte, ausgebrannte Dörfer und überqueren atemberaubende Bergpässe und Wälder – das Land ist Sehnsuchtsort und Alptraum zugleich.

 Gedreht wurde in unmittelbarer Nähe zur syrischen Grenze, in der türkischen Region Hatay. Zusätzlich wurden die Sets nachbearbeitet: Die Fotos syrischer Fotograf*innen aus Kobane, Douma, Azaz und Binnish wurden nachträglich in die Landschaften integriert und zeigen die Zerstörung so vielfältig und nah, dass sie entrückt und surreal wirkt.

 

Gedreht wurde in der Türkei (links). In der Postproduktion wurden dann Bilder aus Syrien dazugeschnitten. Foto: Promo
Gedreht wurde in der Türkei (links). In der Postproduktion wurden dann Bilder aus Syrien dazugeschnitten. Foto: Promo 

Aber die eigentliche Besonderheit des Films liegt darin, dass die Held*innen der Geschichte von Kindern gespielt werden, die selbst aus Syrien fliehen mussten und immer auch ein Stück weit sich selbst spielen. Zwei Monate lang war das Filmteam in verschiedenen Schulen in der Region um Reyhanli unterwegs und gab Schauspiel-, Fotografie- und Storytelling-Workshops für syrische Kinder. Ihre Geschichten und Erfahrungen flossen in das Drehbuch von Anke Klaaßen ein und einige der Kinder wurden als Schauspieler*innen für den Film gewonnen.

Sie beeindrucken durch ein mitreißendes Spiel, mit dem sie die verschiedenen Reaktionen von Kindern auf den Krieg vor Augen führen – und gehen doch nie ganz in ihren Rollen auf. Gerade dadurch fühlt man sich den Held*innen der Geschichte nahe und lernt die Situation in Syrien sechs Jahre nach Beginn des Aufstands durch die Augen von Kindern kennen, hoffnungsloser, fantastischer und beängstigender als in den Analysen der Medienberichte. 

Das Filmteam wollte die Kinder nicht nur als Opfer zeigen, sondern als Held*innen eines Abenteuers, die ihr Schicksal selbst in die Hand nehmen. Sie wollten nicht nur dokumentieren, sondern die Kinder an der Entwicklung einer Geschichte teilhaben lassen.
 

Filmszene. Foto: Promo

 

„Kinder des Lichts“ richtet sich vor allem an Kinder und Jugendliche. Doch die verschiedenen Ebenen des Films und seine Enstehungsgeschichte machen ihn auch für Erwachsene interessant. Am Anfang und am Ende rahmen dokumentarische Passagen und Ausschnitte aus den Film-Workshops die märchenhafte Geschichte ein. Sie gehören  zu den eindrücklichsten Szenen des Films. Beispielsweise sieht man die Kinder in einer Drehpause auf einem Hügel im Gras sitzen und leidenschaftlich das Filmende diskutieren: Sollten sie nicht alle sterben, um zu zeigen, wie viele Kinder täglich im Syrienkrieg ums Leben kommen? Oder muss nicht wenigstens eins am Leben bleiben, um den syrischen Kindern Hoffnung zu geben? Und werden die Erwachsenen ihre Ideen überhaupt ernst nehmen?

Der Film thematisiert damit auch die Frage, wie und mit welchem Ziel man vom Syrien-Krieg erzählen kann. Denn natürlich erzählt Kinder des Lichts nicht die ganze Geschichte. Der Film vereinfacht und verzaubert. In ihm gibt es Gut und Böse, Licht und Finsternis. Die Geister-Soldaten des Regimes sind böse, die Rebellen verkörpern die Hoffnung. Bei aller Märchenhaftigkeit wünscht man sich hier vom Film mehr Mut, diese Sichtweise zu hinterfragen, etwa wenn ein Mädchen im Film-Workshop erzählt, dass sein Cousin ein Held ist, weil dieser im Heiligen Krieg gestorben ist, in dem er gekämpft und getötet habe.  

Kinder des Lichts ist nicht objektiv. Aber der Film macht auf sensible Weise die Stimmen und Sehnsüchte von Kindern auf der Flucht hörbar und lässt die Zuschauer*innen an deren Erleben teilhaben – an ihren fantastischen Abenteuern und an ihren Selbstentdeckungen beim Filmdreh kurz hinter der syrischen Grenze. 

Filmpremiere mit Regisseur David Ruf am 16.03.2017 um 20 Uhr im Babylon, Rosa-Luxemburg-Str. 30, 10178 Berlin

In den nächsten Tagen wird der Film auch noch in Hamburg, Tübingen, Stuttgart und Regensburg gezeigt – mehr Informationen hier sowie auf den Facebook-Seiten von Speak Syria, Land of Light sowie Soilfilms.

 
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