Von | | Gesellschaft, Mashreq, Syrien.

Symbolbild. Foto: underclassrising.net/Flickr (CC-BY-SA 2.0) Symbolbild. Foto: underclassrising.net/Flickr (CC-BY-SA 2.0)

Prostitution im öffentlichen Raum hat in Syrien in den letzten Jahren stark zugenommen. Das gilt auch für die vormals wohlhabende Gegend rund um die Universität im Westen Aleppos. Beobachtungen und Stimmen, gesammelt von Fadi Hussein und Mostafa Shams.

Aus dem Arabischen von Sara Osman

In der Nähe der Architekturschule im Viertel Al-Shahbaa stehen drei Frauen, sie sind etwa 18, 35, und 45 Jahre alt. Sie verkaufen Brot, um ihre eigentliche Arbeit zu verdecken: Sie verkaufen ihre Körper.

Ich saß in einem Taxi. Als wir uns näherten, kam die jüngste Frau, die ein Kopftuch und einen kurzen Mantel trug und zu viel Make-up im Gesicht hatte – zu viel für eine Brot-Verkäuferin – an das Taxi heran. Ich fragte sie nach dem Preis des Brots, sie trat beiseite. Nun kam die älteste Frau näher, die einen braunen Mantel trug und nicht aus Aleppo stammte. Man hörte es an ihrem Akzent. Sie fragte mich, was ich will, dann kaufte ich etwas Brot für 200 Lira (ca. 88 Cent) und fragte sie: ,,Hast du noch etwas mehr Brot?“ Sie sagte daraufhin: ,,Wir haben keins für dich.“ Und ging auf die Frau zu, die zu laut Kaugummi kaute.

Der 50-jährige Taxifahrer sagte, er sähe sie seit einem Jahr an demselben Ort. Seine Erfahrung habe ihn gelehrt, zwischen ,,keuschen’’ und ,,unkeuschen’’ Frauen zu unterscheiden. Er wisse, dass die älteste Frau eine Zuhälterin sei. Er fügte hinzu, dass sich dieses Phänomen verstärkt habe und in letzter Zeit öffentlich sichtbar geworden sei. Die meisten dieser Frauen hätten bei mächtigen Leuten  Rückhalt und würden nicht zur Rechenschaft gezogen.

Wo heute der Straßenstrich ist, gingen früher Familien spazieren

Rund um die Straße Al-Mahlak, in Aleppo auch Al-Sanam genannt, gingen früher Familien spazieren – vor der Revolution ging es den meisten Bewohnern finanziell sehr gut. Die Menschen grillten und rauchten Wasserpfeife. Heute werden die Orte zunehmend  zu  einer Höhle für Prostitution.

Als ich dort hinging, bemerkte ich, dass die meisten Frauen ein Kopftuch trugen. Es waren 20 Frauen, die entlang der Straße auf einer Länge von etwa einem Kilometer standen. Die Autos hielten an und holten die Frauen ab.

Wir hielten unser Auto an. Eine Frau kam auf uns zu und sagte: ,,Ein oder zwei Frauen?’’  Der Fahrer antwortete: ,,Eine’’. Sie fragte uns, ob wir eine Jungfrau oder eine verheiratete Frau wollten. Wir erkundigten uns nach dem Preis für beide. 2.500 Lira für die Jungfrau und 5.000 Lira für die verheiratete Frau. Der Unterschied sei, dass bei der Jungfrau nur der Oberkörper berührt werden dürfe. Mit der verheirateten Frau könne dagegen Geschlechtsverkehr für eine Stunde praktiziert werden. Für mehr als eine Stunde wären zusätzliche 5.000 Lira zu bezahlen.

„Ihre Familie ist arm und braucht Geld.“

Alaa, 27, hat einen Video-Laden in der Nähe des Studentenwohnheimes. Er sagte: „Jeden Tag kommt  ein 16-jähriges Mädchen in den Laden und lässt ihren jüngeren Bruder sieben oder acht Stunden dort, damit er sich mit Videospielen beschäftigen kann. Nachts kommt sie dann und holt ihn wieder ab. Die Stunde kostet 100 Lira. Das kam mir seltsam vor. Auf meine Nachfrage erklärte sie mir, dass sie sich für 5.000 Lira Freiern anbiete. Sie sagte, sie käme jeden Tag in diese Gegend, da sie das Nähen in einem Zentrum in der Nähe lernen würde. Ihre Familie sei arm und brauche Geld.’’

Ahmed, der Besitzer eines kleinen Supermarktes im selben Viertel, sagt, dass viele der Studentinnen als Prostituierte arbeiteten. Dem Regime treu ergebene Schabiha-Milizen kontrollierten die Netzwerke der Prostitution. Bordelle seien in der Gegend weit verbreitet, und die meisten Kunden seien „einflussreiche Leute“.

In der Nähe des Krankenhauses Dabbit im Viertel Mohafaza steht eine Frau nur 100 Metern entfernt vom Büro der Staatssicherheit. Es scheint, sie ist erst 25 Jahre alt, ungeschminkt und trägt ein weißes Kopftuch und Jeans. Sie hält die Autos an und ruft laut: „Nur 1000 Lira, fast kostenlos!“ Als  wir uns ihr nähern, sagt sie: „Kommt, warum habt ihr Angst?“ –  Sie würde zu uns ins Auto steigen, aber dann sagt sie: „Bezahlt zuerst 2.000 Lira, ihr seid zu zweit.“

Die Schabiha-Milizen kontrollieren die Netzwerke der Prostitution

Ahmed, ein Psychologe, sagt: „Angesichts der jüngsten Ereignisse, dem Mangel an Rechtsstaatlichkeit und der Verbreitung der Schabiha-Milizen in Aleppo haben die Eltern keine Autorität mehr gegenüber ihren Töchtern. Und der Ehemann hat keine Autorität mehr gegenüber seiner Frau.“ Anschuldigungen würden leicht erfunden und es sei sehr schwierig, sich  gegen die Prostitution zu wehren. Auch der Mangel an gerichtlicher Kontrolle trüge dazu bei, dass sich die Prostitution ausbreite.

Abu Ahmed, Angehöriger einer bekannten Familie in Aleppo, sagt: „Ich kann mich nicht mehr sicher fühlen, wenn meine Frau oder meine Tochter aus dem Haus geht. Wenn sie jemand entführt – um sie zur Prostitution  zu zwingen -, dann wagt man nicht, sie zurückzuholen. Sogar Frauen werden an den Kontrollpunkten durchsucht. Man hat Angst, wenn man mit seiner Frau streitet, dann tritt sie in die Armee ein. Man kann zu seiner Frau nicht mehr ein Wort sagen“, sagt er und lacht. Weiterhin bemerkt er: „Gott möge unsere Frauen bewahren! Früher schämte man sich schon, den Distrikt  Behsita* auszusprechen, heute findet das alles in der Öffentlichkeit statt.“

Ein Anwalt in Aleppo, der seinen Namen nicht nennen möchte, sagt: „Die Privilegien, die die Schabiha-Milizien erhalten haben, haben die Verbreitung der Prostitution begünstigt. Viele von ihnen arbeiten als Zuhälter und decken die Bordelle. Die Bewohner sind verärgert, aber alle schweigen, und niemand kann Anzeige erstatten, denn  die Schabiha-Milizen stehen über dem Gesetz.“

* ein Distrikt in Aleppo, seit den 70er Jahren berüchtigt für seine Bordelle, in denen vor allem russische Frauen Prostitution betrieben.

Dieser Text erschien zuerst auf unserer syrischen Partnerseite Ayn al-Medina. Mehr Informationen zu Ayn al-Medina finden Sie hier.

 

Der Blog Alsharq ist ein Projekt von Ehrenamtlichen. Wenn Du unabhängigen Journalismus zum Nahen Osten nachhaltig fördern willst, werde Fördermitglied von Alsharq e.V., verschenke eine Fördermitgliedschaft oder unterstütze uns mit einer Spende.
 
mitglied_werden

Print Friendly, PDF & Email

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

*