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Illustration von Amnesty International auf Grundlage der Berichte früherer Gefangener. Illustration von Amnesty International auf Grundlage der Berichte früherer Gefangener.

Maher war mehr als fünf Jahre lang in dem berüchtigten syrischen Foltergefängnis Sednaya inhaftiert. Er erlebte unvorstellbares Grauen. Nach seiner Entlassung 2011 half er Menschenrechtsgruppen bei Berichten über die Verbrechen des syrischen Regimes. Hier sind seine Erinnerungen an die Jahre hinter Gittern. Aufgezeichnet von Ansar Jasim.

Maher ist seit seiner Entlassung im Rahmen einer Generalamnestie des syrischen Diktators Baschar al-Assad wieder politisch aktiv, zudem ist er einer der wichtigen Informanten des Buchs „Die Schwarze Macht“ (2015) des Spiegel-Korrespondenten Christoph Reuter. Maher hatte jahrelang als Säkularer seine Zelle mit radikalen Islamisten teilen müssen und gilt somit als wichtige Quelle, um Denkstrukturen der aus den Gefängnissen des syrischen Regimes entlassenen Islamisten des Islamischen Staates nachvollziehen zu können.

Seine Erfahrungen flossen in den Bericht von Amnesty International vom Februar 2017, der international für Aufruhr sorgte, ein.

Maher ist in Salamiya, Hama, geboren und aufgewachsen. Er ist Mitbegründer der „Lokalen Koordinationskomitees“, eines landesweiten Netzwerks, welches ab 2011 Demonstrationen und revolutionäre Veranstaltungen organisierte. Zudem war er beim „Violations Documentations Center“ (VDC) aktiv, zusammen mit der berühmten syrischen Rechtsanwältin Razan Zaitouneh, welches ab 2011 Menschenrechtsverletzungen in Syrien dokumentierte.

Dies ist seine Geschichte.

 

Eine Jugend aus Politik und Gefängnisgeschichten

Ich bin 36 Jahre alt. Schon seit meiner Kindheit habe ich mich für Politik interessiert. Als ich 15 Jahre alt war, schloss ich mich der SSNP[1] an. Noch im gleichen Jahr verließ ich sie aber wieder, weil ich intellektuell aus ihr herausgewachsen war.

Anschließend habe ich begonnen, mit syrischen Dissidenten zu arbeiten. Nach dem Tod von Hafiz Al-Assad war ich am Damaszener Frühling[2] beteiligt, und habe mit Michel Kilo[3] zusammengearbeitet. Aber ich war ja noch jung, gerade mal 19 Jahre alt. Bei vielen dieser Zusammenkünfte, die damals entstanden, waren ehemalige Gefangene dabei – entweder aus Tadmor (Palmyra) oder aus Sednaya – oder sie hatten gleich beide Gefängnisse kennengelernt. Viele waren die ersten Jahre ihrer Gefangenschaft in Tadmor. Als dann 1986 Sednaya eröffnet wurde, kamen sie dorthin.

Sie erzählten mir viel über das Gefängnisleben. Manche dieser Leute waren fünf, sechs oder sieben Jahre lang inhaftiert. Ich hatte also viel über Sednaya gehört, diesen Ort aber nie zuvor selbst „besucht“. Ich habe einen Onkel väterlicherseits, Abu Ali Fayiq Al-Mir. Er war eine Führungsfigur in der „Partei des Volks“ (Hizb al-Shab[4]) mit Riad Turk. Ich erinnere mich daran, dass er das erste Mal 13 Jahre lang inhaftiert war und dann freikam. Als ich gerade untertauchte, war er auch wieder dabei unterzutauchen.

Wir hatten eine Partei-ähnliche Gruppe mit dem Namen „Zusammenschluss der Jugend für Syrien“ gegründet und forderten neben Demokratie und Freiheit, dass der seit Jahrzehnten geltende Ausnahmezustand aufgehoben werden würde. 2005 war ich somit ein Jahr lang auf der Flucht. Er war auch auf der Flucht, weil er in Abwesenheit zu einer lebenslänglichen Haftstrafe verurteilt worden war. Er war radikaler Oppositioneller. Durch ihn kannte ich sehr viele Geschichten über die Situation im Gefängnis.

 

Die Stimmung drinnen – und draußen

Es gab in Haft sicher keine Zeit, die bequem war, aber wie es uns ging, kam immer sehr auf die Zusammensetzung der Gefangenen drinnen und die Situation des Regimes draußen an. Manchmal hatte das Regime die Gefangenen einfach vergessen und sie ihr Leben leben lassen, sie konnten dann sogar Besuch bekommen. Die Gefangenen der 1980er Jahre waren überwiegend Linke und Nationalisten, die sich gegen Hafiz Al-Assad gestellt haben. Es waren aber auch einige wenige Anhänger islamistischer Parteien im Gefängnis, etwa von der Hizb atTahrir alIslami[5], der Islamischen Befreiungspartei.

Wir haben in Syrien etwas, das sich Gruppenstrafe (Uquba jama`iya) nennt und die Einzelbelohnung (Mukafa´a fardiya). Das sind militärische Grundgedanken, die auch im Umgang mit den Gefangenen angewandt werden, und waren die ersten Begriffe, die ich damals auch bei meinem Pflicht-Wehrdienst lernte.

Dies ist das Grundprinzip der Armee des syrischen Regimes. Als etwa Yasser Arafat 1994 die Osloer Verträge unterschrieb, kamen ungefähr 200 Mitglieder der palästinensischen Befreiungsorganisation (PLO) in Haft. Sie wurden jahrelang festgehalten, einige saßen für sieben, andere zehn Jahre fest, manche waren sogar noch in Haft, als ich festgenommen wurde. Muslimbrüder wurden zu dieser Zeit am häufigsten inhaftiert und umgebracht.

 

Die Verhaftung

Als ich verhaftet wurde, wurde ich nicht sofort nach Sednaya gebracht. Ich kam in ein unterirdisches Gefängnis, wo nur Verhöre stattfanden. Ich war dort ungefähr zwei Monate lang eingesperrt und wurde dann nach Sednaya überstellt. Ich wusste nicht, wohin ich kam. Sie haben mir die Augen verbunden und mich in Ketten gelegt.

Ich fragte den Verhörer, wo es hinginge. Er sagte: nach Hause. Ich wusste aber, dass er log. Früh am Morgen brachten sie mich in einen Bus, zusammen mit anderen Leuten, gegen die die gleiche Anklage – Gründung oppositioneller Zellen zum Ziel des Regimesturzes – erhoben wurde. Niemand kannte unser Ziel. Der Weg war bergig. Ich wusste einfach nicht, wohin es geht, bis wir isoliert in unseren Einzelzellen landeten.

Als wir dort ankamen, wurden wir schlimmer gefoltert als beim Geheimdienst, und das den ganzen Tag lang. Dabei ist es ja eigentlich das Ziel von Folter, Informationen zu gewinnen. Aber gleich der erste Tag glich einem Foltermassaker. Sie folterten uns drei, vier Mal hintereinander. Niemand wurde ausgelassen, sie ließen niemanden ruhen. In diesem Augenblick wussten wir, dass wir in Sednaya gelandet waren.

Ihr einziges Ziel war es, uns zu brechen. Sie ergreifen jemanden und foltern ihn oder sie zu Tode, aus purer Lust. Sie könnten einen ja auch einfach erschießen. Damals waren die Gefängnisse furchtbar. Es war gerade die „Zeit der Härte“, welche das Management des Gefängnisses schon seit einem Jahr ausübte. Das hieß mehr Folter von allen Seiten und ein grauenvoller Umgang mit den Häftlingen. Sie haben uns fast zu Tode gefoltert.

Die meisten Häftlinge zu meiner Zeit waren salafistische Jihadisten, die ein Problem mit der Gefängnisverwaltung provoziert hatten, einen Monat bevor wir angekommen waren. Sie hatten versucht, sechs Mithäftlinge im Gefängnis umzubringen, bei einem haben sie es geschafft.

Es gab damals ohnehin schon andere Probleme, aber das hat dann dazu geführt, dass noch mehr gefoltert wurde, dass die Besuche untersagt wurden, es kein gutes Essen mehr gab und man auch kein gutes Essen mehr kaufen konnte. Die Situation war also weitaus schlimmer, als sie mir in meiner Jugend beschrieben wurde.

 

Folter ohne Unterbrechung

Sie steckten uns in Einzel- und Isolationszellen. Die Folter dauerte lange. Der Geheimdienst folterte uns etwa vier Monate lang jeden Tag. Selbst, wenn wir gerade nicht selbst gefoltert wurden, konnten wir immer die Stimmen unserer Mithäftlinge hören. Die Schreie und Foltergeräusche waren allgegenwärtig.

Es war nicht so, dass jeder ständig gefoltert wurde. Manchmal warfen sie jemanden in eine Einzelzelle, die meiste Zeit gefesselt und die Augen verbunden. Jedes Mal, wenn die Wärter die Tür öffneten – zwei oder drei Mal am Tag – um uns Essen zu geben, einmal morgens und einmal mittags, schlugen sie uns. Sie schlugen uns auf den Kopf oder ins Gesicht, wo sie eben trafen. Das war normal. Sie gingen mit den Gefangenen schlimmer um als mit Vieh.

Wenn sie die Tür öffneten, dann verlangten sie, dass man aufsteht und sein Gesicht zur Wand dreht. Dann traf einen der Schlag von hinten. Manchmal trafen mich zehn Schläge von drei verschiedenen Seiten. Die Folter war allgegenwärtig. Wenn du extra zur Folter abgeholt wurdest, dann war das eine andere Sache. Aber die Folter blieb auch so allgegenwärtig. In Sednaya haben sie auch Menschen in Reifen gesteckt und gerollt. Es war grausam.

 

Illustration: Amnesty International

Illustration von Amnesty International, auf Grundlage der Berichte früherer Gefangener in Sednaya.

 

Die Wärter machten keinen Unterschied zwischen den Gefangenen, es war ihnen sogar verboten, etwas über den Hintergrund der Gefangenen zu wissen. Sie wussten, dass die da in den Zellen „Vaterlandsverräter“ sind und das war auch das Einzige, was sie verstehen konnten. Sie wussten nicht, ob jemand ein Muslimbruder oder ein Linker ist. Oft waren diese Soldaten halbe Analphabeten. Viele kamen aus den Ostgebieten Syriens, wo viele nichts anderes wissen, als dass der Präsident Assad heißt.

Der Islamische Staat (IS) benutzt die gleiche Methode. Die Gefängniswächter dürfen keine Syrer sein. Die meisten sind Afghanen, Tschetschenen und so weiter. Alle, die aus den IS- und Nusra-Gefängnissen entlassen wurden, meinten, dass es keinen einzigen Syrer unter den Gefängniswächtern gab. Nur die Gefangenen sind Syrer, und die ausländischen Wächter brüllen sie an, Ungläubige zu sein. Es sind Methoden, die sie vom Regime gelernt haben.

Es wurde bereits vor der Revolution zu Tode gefoltert. Hinrichtungen fanden statt und niemand konnte nachfragen. Ich erinnere mich an eine Person, die den Spitznamen „Zeer“ trug und besonderen Spaß an der „absoluten Folter“ hatte und für die Flugsicherheit arbeitete. Er hat die Leute so gefoltert, dass sie sich nicht wieder erholen konnten. Foltern ist sein Beruf. Er hätte die Leute auch einfach sofort umbringen können, ihm ging es aber darum, dass sie allmählich durch Folter sterben. Er war nicht mal besonders enthusiastisch beim Foltern – denn solche Leute gibt es definitiv auch.

 

Das Abartigste war die sogenannte „Feier der Massenverrücktheit“. Da wurden sie zu Tieren. Illustration von Amnesty International auf Grundlage der Berichte früherer Gefangener.

„…Das Abartigste war die sogenannte „Feier der Massenverrücktheit“. Da wurden sie zu Tieren.“ Illustration von Amnesty International auf Grundlage der Berichte früherer Gefangener.

 

Ich erinnere mich an einen, der sehr leidenschaftlich beim Foltern war. Er ließ mich nur in Unterhose an der Decke aufhängen und malträtierte mich mit Stromschlägen. Erst ganz schwach, dann immer stärker. Es war deutlich, dass es ein Spiel für sie war und sie sehen wollten, was passiert, wenn sie einen Menschen mit 60, 70, 80 oder mehr Volt einen Elektroschock versetzen. Bei Wenigen hatte ich das Gefühl, dass sie es hassen, zu foltern. Das Abartigste war die sogenannte „Feier der Massenverrücktheit“. Da wurden sie zu Tieren. Sie folterten alle Gefangenen dann einfach als Gruppe.

 

Gerechtigkeit für Folteropfer?

Ich habe bis heute keine wirklichen Gefühle gegenüber den Folterern. Viele Gefangene sagen, dass sie einen fairen Prozess für ihre Folterer wollen. Ich kann mir aber vorstellen, mich an einigen von ihnen zu rächen. Rache ist etwas Menschliches. Ich kann mir nur die Todesstrafe als gerechte Strafe vorstellen. Die Folterer müssen zur Rechenschaft gezogen werden.

Folter ist, wie mehrere Tode zu sterben. Sie töten ja nicht nur einen. Jeder von ihnen hat so viele Menschen getötet. Es gibt Personen, die 500 Menschen getötet haben, mit ihren eigenen Händen und nur zum Spaß. Auf der anderen Seite habe ich das Gefühl, dass genau deswegen ein einfacher Tod auch nicht gerecht ist. Ich bin gegen Folter, es darf auf keinen Fall eine Rechtfertigung für Folter geben. Nicht gegen uns und auch nicht gegen die Täter.

 


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Eines Tages wurde mein Cousin, Ali Mir Ibrahim, verhaftet, weil er Aktivist in der Revolution war. Später haben wir die Details dessen, wie, wo und von wem er umgebracht wurde, erfahren. Wir erfuhren von seinem Tod über ehemalige Mithäftlinge, die vor kurzer Zeit entlassen wurden. Wir dachten drei Jahre lang, dass er noch lebte, aber es stellte sich heraus, dass er kurz nach seiner Verhaftung gestorben war.

Es gibt eine Foltermethode, bei der Körper und Kopf auf den Boden gelegt und dann mit einer Metallstange geschlagen werden. Das verursacht nicht nur innere Blutungen. Ein Schlag auf den Kopf verursacht letztlich den Tod. Sie haben meinen Cousin festgenommen und es offensichtlich darauf angelegt, ihn umzubringen – nicht einfach nur zu foltern.

Sie haben ihn zwei Tage lang geschlagen. Immer, wenn sie ihn schlugen und er noch atmete, haben sie ihn gefragt „Bist du Bruder einer Hure immer noch nicht tot? Bringt mir noch ein Kabel.“ Dann haben sie ein Kabel geholt, und auf seinen Kopf eingeschlagen. Die Brutalität war unglaublich. Es ging ihnen nur darum, ihn brutal umzubringen. Am dritten Tag wurde er dann weggetragen, weil er tot war.

Wie willst du mit solchen Menschen einen Versöhnungsprozess starten? Wie kannst du ihnen einfach auf der Straße begegnen? Nein, es muss da unbedingt ein Weg gefunden werden, Gerechtigkeit zu schaffen. Wir lügen uns und die internationale Gemeinschaft doch nur an, wenn diese Menschen unversehrt bleiben – sei es nun mit oder ohne Prozess. Übergangsgerechtigkeit heißt, dass eine Gesellschaft mit sich selbst versöhnt und in der Lage ist, ihr Leben und ihre Zukunft zu gestalten. Mit solchen Leuten kannst du aber in keiner Zukunft leben.

 

Inhaftiert seit über 15 Jahren

Zurück zu Sednaya. Ich war zuerst in einer Einzelzelle. Dann wurde ich in eine Zelle mit anderen Personen gesteckt, wir waren 26 insgesamt. Einige von den Inhaftierten hatten Verfahren als Jihadisten am Laufen, andere hatten nichts mit Politik zu schaffen. Drei Personen waren da, an die ich mich bis heute erinnere. Sie waren die Anführer der Hizb at-Tahrir al-Islami[6].

Ich kam 2006 dort an, sie waren seit 1998 inhaftiert. Weil sie schon so lange eingesperrt waren, bekamen die drei eine gewisse Sonderbehandlung. Sie wurden nicht mehr richtig gefoltert. Sie durften alle paar Tage zum Atmen aus der Zelle raus. Sie hatten sogar Geschirr und mussten nicht, so wie wir, wie Tiere mit der Hand essen. Unser Essen haben sie einfach auf den Boden geschmissen.

Alle wollten wissen, was es Neues von draußen gab. Das war eine Zeit, als man drinnen keine Nachrichten bekam, während draußen die Amerikaner im Irak waren und Hariris Ermordung im Libanon untersucht wurde – weshalb das syrische Regime unter Druck stand. Ich erzählte also.

Illustration von Amnesty International, auf Grundlage der Berichte früherer Gefangener.

Illustration von Amnesty International, auf Grundlage der Berichte früherer Gefangener.

 

Die Wachkräfte sahen uns während ihrer Patrouillen. Sie sahen, wie ich redete und sich um mich herum eine Traube gebildet hatte. Kurz darauf wurde ich von den Wärtern aus der Zelle geholt und angeschrien, warum ich es wage, mit den anderen zu sprechen. Nach etlichen Schlägen sperrten sie mich ich in eine Einzelzelle. In der Nacht holten sie mich und die anderen. Einer der Wärter wurde mit unserer Folter beauftragt.

Er befahl uns, uns auszuziehen und rauszugehen. Da die drei von der Hizb al-Tahrir al-Islami lange nicht gefoltert wurden, meinte einer von ihnen, dass er den Leiter der Abteilung sehen will und nicht einfach einen Befehl ausführe, der der persönlichen Laune eines Wärters entspringt. Der Wärter ist ausgerastet und hat den Mann ins Gesicht geschlagen. Der Mann hat zurückgeschlagen. Das schaukelte sich dann hoch, und auf einmal fanden wir uns in einer Schlägerei mit einigen der Wärter wieder. Das ging etwa eine Stunde lang so.

Danach sind sie raus und wir blieben drinnen in der Einzelzelle, die ja nur 4 mal 4 Meter groß ist. 27 Menschen waren da drin. Dann kamen der Direktor des Gefängnisses und Offiziere, um mit uns zu reden. Sie haben mit uns gesprochen und uns garantiert, wenn wir uns nur die Handschellen anlegen ließen, dann würde alles gut werden. Er garantiere uns, dass uns keiner zu nahekomme. Wir willigten ein und sie haben uns die Handschellen angelegt, im gleichen Moment ist der Direktor abgezogen.

Dann wurden wir so sehr geschlagen, dass Muhammad Arwa Khallaf, einer der drei, gestorben ist. Er wurde nur 32 Jahre alt. Derjenige, der dem Wärter widersprochen hatte, kam ins Krankenhaus. Ich habe ihn danach nicht mehr wiedergesehen. Sie haben voller Rache auf uns eingeprügelt. Sie bringen doch sowieso schon Leute um, also warum nicht auch, wenn man es gewagt hatte, sie zu schlagen?

Sie haben uns nicht einfach nur geschlagen, sie haben untereinander gestritten, wer uns als nächstes mit dem Kabel verprügeln darf. Sie haben uns aufgehängt, an den Händen, dann an den Füßen. Sie wussten gar nicht richtig, wie sie uns am besten schlagen sollten. Ich blieb zweieinhalb Tage an meinen Händen aufgehängt. Ich war der Jüngste in der Gruppe und auch körperlich in der besten Verfassung. Einer starb, zwei weitere hatten alle Knochen gebrochen. Ich und Mustafa Hamze waren die einzigen, die das einigermaßen überstanden haben. Mustafa Hamze war der Präsident der Hizb at-Tahrir al-Islami und schon etwas älter. Ein Mann starb direkt neben mir.

 

Hungerstreik und Verlegung

Sednaya besteht aus zwei Gebäuden. Das Grundgebäude, in dem ich untergebracht war, ist das Rote Gefängnis. Aus der Luft sieht es aus wie ein Mercedes-Stern. Irgendwann war ich dort fast der einzige, der kein Islamist war. Aber von Zeit zu Zeit wurde ich in den anderen Trakt verlegt, das Weiße Gefängnis. Dort gibt es libanesisch-christliche Insassen, Kurden, Muslimbrüder und Aufständische.

Ich bin 17 Tage lang in Hungerstreik getreten. Meine Situation war unerträglich geworden, also konnte ich nur so Druck ausüben. Währenddessen wurde ich sogar in einer winzigen Zelle, welche der Gefängnisleiter in seinem Büro hatte, eingesperrt. Das war wie ein Tierkäfig unter der Treppe. Meine Augen und Hände waren verbunden, es war total kalt, ich erinnere mich noch gut daran. Ich blieb da einen ganzen Tag, dann kam der Direktor und sperrte mich in eine Einzelzelle für einen weiteren Tag. Ich hatte mein Geld im Ärmel meines T-Shirts versteckt. Jemand hatte mir gesagt, wen ich bestechen müsste, damit ich verlegt werde. Ich gab einem Feldwebel 3000 Lira und nach einer Stunde wurde ich ins „Weiße Gefängnis“ verlegt. Mein Umzug geschah im letzten Monat vor meiner Entlassung. Kannst du dir vorstellen, dass das für mich fast schöner war als die eigentliche Entlassung aus dem Gefängnis?

Der Unterschied war einfach unglaublich. Im Weißen Gefängnis gab es Radio und Essen und auch normale Menschen. Vorher musste ich mit Jihadisten leben, die den ganzen Tag nur beten und alle anderen zu Ungläubigen erklären. 24 Stunden am Tag.

 

Die syrische Revolution beginnt – und die Gefängnisse leeren sich

Das war im März, einige Tage bevor die Revolution losging. Wir hörten die ersten Rufe im Radio. Den ersten Demonstrationsruf, den ich hörte, werde ich in meinem Leben nicht vergessen. Wir haben Radio gehört und dann, bei den 15 Uhr-Nachrichten, ertönte es:

„Demonstration in der Hauptstadt Syriens, Damaskus“. Und sie haben einen Auszug eingespielt, wo man hören konnte: „Wo bist du, oh Syrer, wo bist du?“

Wir starrten uns in der Zelle alle gegenseitig an; es herrschte Schweigen. Jeder begann, seine Gedanken kreisen zu lassen. Alle Insassen im Gefängnis hatten diese Nachrichten gehört. Das Regime verbesserte auf einmal die Haftbedingungen, sie brachten uns Fernseher, aber nur mit lokalen Sendern, und sogar noch mehr Radios. Sie wollten uns weismachen, dass sie die Guten sind. Sie hatten geradezu Angst. Das Essen wurde verbessert und wir durften mit den Radios die internationalen Nachrichten verfolgen.

 

Illustration von Amnesty International, auf Grundlage der Berichte früherer Gefangener.

Illustration von Amnesty International, auf Grundlage der Berichte früherer Gefangener.

 

Wir bekamen alles mit, vom ersten Tag an. Das syrische Regime begann, die Islamisten aus den Gefängnissen zu entlassen, als in drei Ländern die Revolutionen tobten – Libyen, Ägypten und Tunesien. Im Jemen fing es gerade an. Das Regime hatte das Gefühl, dass es auch irgendwann Syrien direkt betreffen würde.

Der beste Beweis dafür war, dass die Offiziere eine Zeit lang in ihren Büros schlafen mussten und es ihnen verboten war, diese zu verlassen. Sie wussten, was passieren würde. Ab Februar 2011 haben sie gezielt entlassen, erst später durch Amnestien. Sie machten den Leuten eine Art zweiten Prozess, und wer noch viele Jahre abzusitzen hatte, wurde einfach sofort entlassen. Wir alle fühlten damals, dass etwas Großes sich anbahnte.

Aber diese Islamisten sind echte Verbrecher gewesen, unter ihnen waren auch Mörder. Richtige Kriminelle, die man nicht so einfach hätte entlassen sollen. Ich war zu der Zeit noch im Roten Gefängnis, und irgendwann waren von den 33 Personen in meiner Zelle nur noch acht oder neun übrig.

Zuerst haben sie die Islamisten entlassen, mit denen wir Linke sowieso nicht zurechtkamen. Wir waren beinahe erleichtert, dass sie weg waren. Die Zahl sank, das war gut. Ihr Denken und Verhalten entsprach dem, was wir heute von Daesh und Nusra kennen. Und die meisten von ihnen sind ja dann auch zu Daesh oder Nusra gegangen.

Sednaya wurde nach und nach geleert. Die neuen Gefangenen waren Offiziere. Es war ja ursprünglich sowieso ein Militärgefängnis, in dem es verboten war, Zivilisten zu inhaftieren. Sie haben es nun also geleert, weil sie wussten, dass sie es bald für solche Zwecke nutzen würden und gezwungen sein würden, Militärs einzusperren. Die wurden schon wegen der kleinsten Vergehen eingesperrt, drei bis vier Jahre lang.

 

Entlassung und Freiheit

Ich bin dann während einer Amnestie entlassen wurden, an einem Dienstagmorgen. Als die Revolution begann, hatte sich einiges gewandelt. Ich konnte die Freiheit spüren, als ich raus kam. Wäre ich vor der Revolution entlassen worden, dann wäre das keine Freiheit gewesen.

Die Demonstrationen fanden damals immer freitags statt. Ich bin nach meiner Entlassung sofort auf die allererste Freitagsdemonstration in Salamiya gegangen. Mein Freund Naji Jeref[7] hat darüber sogar einen Film gemacht, „Die weiße Nelke“. Sie haben weiße Nelken gekauft und an die Demonstranten verteilt.

Fast 10.000 Personen hielten weiße Nelken in der Hand. Die Idee war, dass alle Blumen trugen, und Nelken waren eben die billigsten und die einzigen Blumen, die in großen Mengen vorhanden waren, weiß sind und auch noch gut riechen. Es wurde gesungen und getanzt, Sprechchöre forderten den Sturz des Regimes. Es fühlte sich wie Freiheit an. Ich hatte das Gefühl, von der tiefsten Schwärze ins hellste Weiß zu kommen.

 

Der Gang an die Öffentlichkeit und das niederschmetternde Ergebnis

Dann hörte ich von dem Projekt von Amnesty International und beschloss, daran teilzunehmen. Wir haben daran fünf Jahre lang gearbeitet. Der Bericht deckt die Zeit von 2012-2015 ab. Die ersten Infos dafür stammten von mir und ich half dabei, ein 3D-Modell von Sednaya zu erstellen. Ich habe damals auch an einem Bericht über die Chemie-Angriffe mit einer deutschen und holländischen Organisation gearbeitet. Es ging so weit mit den Untersuchungen, dass ich bereit gewesen wäre, ihnen Leichen zu holen.

Doch dann fiel die Wahrnehmung in der Öffentlichkeit geringer aus, als wir angenommen hatten. Das war sehr deprimierend. Ich war unglaublich enttäuscht. Nichts ist geschehen. Dann wurden die Cäsar-Bilder enthüllt und wir nahmen an, dass es zu internationalen Anklagen kommen würde. Stattdessen wurde das Thema totgeschwiegen und verschwand wieder aus den Medien.

Wir haben darüber hinaus 58 Massaker, die das Regime an Zivilisten verübt hat, dokumentiert. Niemand hat eine Dokumentation mit so vielen Einzelheiten. Wir haben sogar Namen der Offiziere, die die Befehle gegeben haben. Einer der Berichte über die Massaker ist 120 Seiten lang. Wir haben 2014 dann aufgehört, weil wir ohne finanziellen Beistand eine so intensive Arbeit nicht weiterführen konnten. Aber mir wurde auch deutlich gesagt, dass uns niemand bei dieser Arbeit unterstützen würde, da diese Dokumentation „die politische Lösung erschwere“.

Unsere Arbeit hatte sogar gewissermaßen den gegenteiligen Effekt. Das Regime ist daraus gestärkt hervorgegangen, so wie geimpft. Es hat ungehindert eine neue rote Linie überschreiten können. Genau so verhält sich das Regime. Ich bin nicht optimistisch, obwohl ich selber am Bericht mitgearbeitet habe.

 

Eine bittere Bilanz

Dennoch habe ich weitergemacht. Würde ich nicht hieran arbeiten, bliebe mir doch nur die Option, nach Syrien zurückzukehren. So wie ich es sehe, habe ich drei Optionen: Nach Syrien gehen, um dort die Waffen zu erheben, oder einfach alles hinter mir lassen und ein neues Leben im Ausland beginnen. Oder eben darüber berichten und versuchen, etwas zu ändern. Ich bin schon lange leicht depressiv, weil ich das Gefühl habe, dass nichts, was wir machen, etwas ändert.

Ich habe das Gefühl, die Hoffnung zu verlieren. Viel mehr, als ich es damals im Gefängnis hatte. Ich habe das Gefühl, dass wir das, wofür wir in den letzten Jahren gearbeitet haben, wieder verlieren. Wenn du im Gefängnis stirbst, ist das anders, weil du einfach mit der Hoffnung stirbst.

Ich bin sauer auf die syrische Opposition und ihre Politik. Sie war sektiererisch, was nur dem Regime geholfen hat. Sie haben uns mit in diesen Bürgerkrieg manövriert. 

Meiner Meinung nach hätten wir vieles besser machen können.

 

Redaktion: Hauke Waszkewitz und Bodo Straub

Amnesty hat seine Ergebnisse über Sednaya interaktiv aufbereitet: saydnaya.amnesty.org

Anmerkungen

 

[1] Die Syrische Sozial-Nationalistische Partei (SSNP) ist eine säkulare, nationale Partei, die u.a. auch im Libanon aktiv ist.

[2] Der Damaszener Frühling war eine Periode intensiver politischer und sozialer Debatten in Syrien, die nach dem Tod des langjährigen Diktators Hafiz al-Assad im Juni 2000 begann, aber im Kern nur bis zum Herbst 2001 anhielt, da die meisten der damit verbundenen Aktivitäten von der Regierung unter Baschar al-Assad unterdrückt wurden.

[3] Oppositioneller und Journalist (u.d. für An-Nahar) sowie Mitbegründer des „Syrischen Demokratischen Forums“, Geburtsjahr 1940.

[4] Die Partei wurde in den 40er Jahren in Syrien gegründet und war eine anti-elitistische Partei, die aktiv gegen die Kolonialmacht Frankreich arbeitete. Die Partei hatte eine Parlamentsmehrheit und stellte den Präsidenten bis zum Staatsstreich des Baath-Partei am 8. März 1963.

[5] Eine Islamische Partei, die auch nach der gewalttätigen Niederschlagung Islamischer Bewegungen wie der Muslimbrüder in den 80er Jahren eine Untergrund-Präsenz in Syrien aufrechterhielt. Die Partei glaubt an die Notwendigkeit der Errichtung eines weltweiten Kalifats. Sie wurde in den 1950ern gegründet und verfügt über einen zivilen und einen bewaffneten Arm. Der bewaffnete Arm bestand insbesondere aus Offizieren, die innerhalb des syrischen Militärs aktiv waren. Dies entspricht einem der Hauptgedankenkonzepte der „Talab An-Nusra“ (Forderung nach Unterstützung), welches darauf ausgelegt ist, dass die Mitglieder in einflussreiche Positionen kommen, die dazu dienen können, das Regime zu stürzen. In einer großen Verhaftungswelle 1997/98 wurden ca. 300 Mitglieder festgenommen, unter ihnen viele Intellektuelle, und etwa 40 Offiziere des syrischen Militärs.

[6]    S.o.

[7] Jeref, Jahrgang 1977, war syrischer Oppositioneller und wurde im Dezember 2015 von Daesh in der türkischen Stadt Gazi Anteb ermordet. Er gründete als Aktivist das Salamiya Media Center und arbeitete im Lokalen Basiskomitee Salamiya. Als Filmemacher dokumentierte er u.a. die Machtpolitik des IS in Aleppo bis zu dessen Vertreibung aus der Stadt 2014.

 

Hinweis für Interessierte: Bei einer Veranstaltung der Heinrich-Böll-Stiftung am kommenden Mittwoch, 8. November 2017, in Berlin unter dem Titel Towards Accountability for International Crimes in Syria wird es auch um Sednaya gehen. Mehr Infos unter diesem Link.

 

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