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Szene aus der Performance Above Zero im Sunflower Theatre in Beirut, die von Ettijahat – Independent Culture gefördert wurde. Die Aufführung fand im April 2016 im Rahmen der Veranstaltung Focus Syria statt. Bild: Antoine Entabi. Szene aus der Performance Above Zero im Sunflower Theatre in Beirut, die von Ettijahat – Independent Culture gefördert wurde. Die Aufführung fand im April 2016 im Rahmen der Veranstaltung Focus Syria statt. Bild: Antoine Entabi.

Syriens Kulturszene wird seit 2011 immer weiter in Mitleidenschaft des Konflikts gezogen. Ettijahat – Independent Culture versucht, Rahmenbedingungen für die Arbeit syrischer Künstler_innen zu schaffen. Mit Leonie Harsch spricht der Direktor in Beirut über die Bedeutung von Kunst in politischen Prozessen und ihren Einfluss auf Diskurse über Flucht. English version included

Please find an English version of this interview here

Die Non-Profit-Organisation Ettijahat – Independent Culture wurde Ende 2011 von einer Gruppe syrischer Aktivist_innen gegründet. Durch die Förderung unabhängiger künstlerischer Projekte und kulturbezogener Forschungsvorhaben in Syrien und in syrischen Diasporas setzt sie sich für die Stärkung der Beziehungen zwischen dem syrischen Kultursektor und verschiedenen gesellschaftlichen Gruppen ein. Das Ziel ist, durch kulturellen, politischen und sozialen Wandel ein plurales und vielfältiges Syrien zu gestalten. Mittlerweile hat Ettijahat Büros in Beirut und Brüssel, von wo aus zu und in Syrien, dessen Nachbarländern und seit neuestem auch in Europa gearbeitet wird.

Abdullah Alkafri. Bild: Talal Afifi.

Abdullah Alkafri, geschäftsführender Direktor von Ettijahat. Bild: Talal Afifi.

 

Alsharq: Das Logo von Ettijahat zeigt eine Pusteblume, deren Samen sich zerstreuen. Inwiefern reflektiert das die Arbeit Ihrer Organisation?

Abdullah Alkafri, geschäftsführender Direktor von Ettijahat: Wir haben dieses Symbol gewählt, weil es die Beschaffenheit unabhängiger syrischer Kultur auf zwei Weisen illustriert. Erstens hat sein einzigartiger Charakter eine ästhetische Komponente. Und zweitens spiegelt es das Motiv der Erkundung. Es gibt zwar einen Startpunkt, aber auch eine Möglichkeit zu reisen und Neues zu sehen. Das repräsentiert die Imagination der Künstler_innen und Forscher_innen, die wir innerhalb und außerhalb Syriens unterstützen. Vielleicht spiegelt es auch die Veränderungen, die der syrische Kultursektor während der vergangenen sechs Jahre erlebt hat. Ettijahat bedeutet auf Arabisch Richtungen. Wir erkunden all diese Richtungen im Rahmen unabhängiger Kultur.

Wie hat sich die syrische Kulturlandschaft im Laufe der letzten Jahre verändert?

Zunächst hat sich der Aufenthaltsort vieler syrischer Künstler_innen verändert. Sie sind heute überall in der Welt. Zu Beginn der Ereignisse seit 2011 gingen viele von Syrien in die Nachbarländer. Während der vergangenen drei Jahre sind dann viele nach Europa weitergezogen. Die Veränderungen betreffen auch die Mechanismen und Möglichkeiten des Arbeitens. Die wichtigste Transformation jedoch betrifft die Rolle der Künstler_innen und Kulturschaffenden selbst. Sie sehen sich mit der Frage konfrontiert, auf welche Weise sie mit ihrer Arbeit kulturelle Themen in die Diskussionen von Entscheidungsträger_innen und Politiker_innen einbringen können.

Was bedeutet das für einzelne Künstler_innen in Bezug auf ihre Arbeit?

Diese Veränderungen bedeuten, dass ein großer Druck auf Künstler_innen lastet. Wie sollen sie auf die großen Fragen reagieren, die die Revolution und ihre traurige Entwicklung aufwerfen? Es gibt aktuell auch keine tragfähigen Rahmenbedingungen für die Arbeit syrischer Künstler_innen, weder in Syrien noch im Exil, obwohl der Bedarf danach groß ist. Die Fakultäten, an denen man in Syrien Kunst studieren kann, stehen vor großen Schwierigkeiten, und die höhere künstlerische Bildung etwa hier im Libanon ist für den Großteil der syrischen Studierenden zu teuer. Hier kommt Ettijahat ins Spiel. Wir wollen den Weg für Kulturschaffende ebnen, die sich auf künstlerische Weise mit Fragen der aktuellen Situation und der Zukunft auseinandersetzen.

Wie geht Ettijahat dazu vor?

Die Arbeit von Ettijahat hat drei Hauptziele: Etablierte und angehende Künstler_innen in ihrer Arbeit zu unterstützen, die allgemeinen Bedingungen für syrische kulturelle und künstlerische Arbeit zu verbessern und Kulturarbeit mit Initiativen für sozialen Wandel zu verknüpfen. Die meisten der Projekte, die wir bislang unterstützt haben, wurden in Syrien oder hier im Libanon durchgeführt. Eines unserer Prinzipien ist, dass wir Kunst nicht selber schaffen, sondern künstlerische Praxis durch Stipendien, Trainings, Forschung und policy-Arbeit unterstützen.

Inwiefern reflektiert kontemporäre syrische Kunst die aktuelle Situation?

Die Effekte der aktuellen Situation auf die Kunst sind gewaltig. Seit Beginn der Revolution 2011 ist es syrischen Künstler_innen beinahe unmöglich, die Ereignisse in Syrien in ihrer Arbeit zu ignorieren.

Wie meinen Sie das?

Während der vergangenen Jahre hat syrische Kunst oft einfach die Tragödie dokumentiert. Wir haben kaum fiktionale Filme gesehen; es entstanden hauptsächlich Dokumentationen. Die Fragen, denen wir uns gegenübersehen, attackieren uns gewissermaßen. Was in Syrien passiert, ist extrem stark. Es hat alle Syrer_innen geprägt. Dieser Einfluss ist natürlich auch in der künstlerischen Arbeit spürbar. Es besteht also ein Risiko, dass syrische Kunst vor allem auf die Ereignisse in Syrien reagiert, sodass weniger Raum für Originalität und Kreativität besteht. Deshalb sehe ich eine der größten Herausforderungen an die gegenwärtige syrische Kunstszene darin, Kunst zu schaffen, die sich nicht in Dokumentation erschöpft. Damit möchte ich allerdings nicht sagen, dass eine dokumentarische Arbeitsweise unwichtig sei: Sie kann dazu beitragen, einen Raum für die Stimmen der Revolution zu schaffen, die Stimmen der gewöhnlichen Menschen, die ihre Geschichten erzählen.

Was für Funktionen kann Kunst noch annehmen?

Werfen wir einen Blick auf den Libanon, um das zu veranschaulichen. Heutzutage leben hier mehr als eineinhalb Millionen Syrer_innen. Die meisten von ihnen sind nicht in der Lage, ihr normales Leben fortzuführen. Das hat soziale, ökonomische und politische Gründe. Beispielsweise haben viele Bewohner_innen von Flüchtlingslagern keinen Zugang zu Bildung und sie begegnen vielen Hürden beim Versuch, ein Sozialleben aufzubauen. In solchen Umständen kann Kunst dazu beitragen, Menschen von Kriegsopfern in aktive Bürger_innen zu verwandeln. Sie kann ihnen das Gefühl geben, dass es zwar große Herausforderungen gibt, aber dass sie damit umgehen können. Kunst kann Menschen helfen, sich auszudrücken und die Resilienz zu generieren, die jede_r Syrer_in im Moment braucht.

Kunst kann also Individuen stärken. Was für eine Rolle kann sie in einem größeren gesellschaftlichen Rahmen spielen? 

Kunst kann dazu beitragen, die Gesellschaft zu verändern. Sie hilft uns dabei, uns die Zukunft des Landes vorzustellen und neu zu denken – auch auf anderen Ebenen als der der Politik. Oder eher: auf eine Art und Weise, die in einem tieferen Sinne politisch ist. Das ist eine der Motivationen hinter unserem Projekt „Create Syria“ („Syrien gestalten“), das in Partnerschaft mit dem British Council und International Altert entstanden ist. In dessen Rahmen erweitern wir die Expertise von syrischen Künstler_innen und kulturellen Akteur_innen, die sich außerhalb von Syrien aufhalten. Dadurch möchten wir sie dazu befähigen, einen zunehmend aktiven Einfluss auf das Leben ihrer Mitbürger_innen zu nehmen.

Wir unterstützen ausgewählte Künstler_innen bei der Umsetzung ihrer eigenen Projekte, vor allem solche, die eine langfristige Kooperation zwischen Syrer_innen und Aufnahmegesellschaften entwickeln, einen konstruktiven Dialog fördern und festgefahrene Stereotypen aufbrechen. In einem unserer Projekte namens „Tota Tota“ haben wir zum Beispiel Syrer_innen, Palästinenser_innen und Libanes_innen in Theaterproduktion geschult. Nach einem Jahr Fortbildung haben sie in Kooperation mit einem Theaterkollektiv gemeinsam ein Stück gestaltet, das in zahlreichen libanesischen Städten und sogar drei Flüchtlingscamps aufgeführt wurde. Das ist uns sehr wichtig: Für Syrer_innen zu arbeiten bedeutet nicht, ausschließlich mit Syrer_innen zu arbeiten. Durch unsere Arbeit hoffen wir, die Diskurse über Syrien zu verändern.

Wie werden Syrien und Syrer_innen Ihrer Wahrnehmung nach in aktuellen Diskursen denn repräsentiert?

Es besteht eine Tendenz, sich Syrien als Blackbox vorzustellen. Das betrifft westliche Diskurse genauso wie Diskurse in den Nachbarländern Syriens und teilweise sogar in Syrien selbst; da möchte ich keine klare Linie ziehen. Beschreibungen der Region sind oft verallgemeinernd, sie reflektieren kein klares Verständnis der Umstände, die zur Revolution geführt haben. Syrer_innen werden hauptsächlich als Flüchtlinge gesehen. Und dieses Bild hat die Konnotation von jemandem, der absolut displaced und machtlos ist und nur über die Vergangenheit nachdenkt. Ich denke, dass diese Konnotation definitiv nicht zutreffend ist – und sie ist auch nicht fair.

Auf welche Weise begegnet Ettijahat solchen Diskursen?

Es ist unser Ziel, Diskurse zu hinterfragen, die Menschen ausschließlich als – in diesem Fall – Flüchtlinge definieren. Wir betrachten sie als Bürger_innen. Das ist unsere tiefe Überzeugung. Sie sind Vertriebene und in juristischer Hinsicht mögen sie Flüchtlinge sein. Aber sie sind nicht nur das. Geflohene Syrer_innen sind ganz gewöhnliche Leute. Sie haben große Träume, sie haben Hoffnungen, sie sind kreativ und stecken voller Talente, sie sind aktiv und möchten aus ihrem Leben etwas machen. Ja, sie befinden sich in einer ungeheuer tragischen und herausfordernden Situation, aber sie werden in der Lage sein, mit etwas Unterstützung zu überleben. Sie sind Menschen.

Was ist ein langfristiges Ziel für Sie?

Es ist leicht, die Region brennen zu sehen. Wir von Ettihahat versuchen hingegen, Verallgemeinerungen zu vermeiden und aufzuzeigen, dass es möglich ist, zu handeln. Und wir versuchen das durch Kunst.

Wie sehen Ettijahats neueste Schritte aus?

Vor Kurzem haben wir damit begonnen, die syrische Kunstszene in Europa zu unterstützen. Zum Beispiel haben wir mit der Organisation Action for Hope in Berlin die Plattform „Landscapes for Hope – Landschaften der Hoffnung“ geschaffen, um für einige Tage Künstler_innen für Musik- und Theateraufführungen, Panels und Diskussionen zusammenzubringen. Wir hoffen, durch solche Projekte nicht nur die Künstler_innen, die sich dort niedergelassen haben, zu unterstützen. Wir hoffen, alle geflohenen Menschen zu unterstützen, indem wir positiv auf öffentliche Diskurse über Geflüchtete in Europa einwirken.

 

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