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Ein Gemüsemarkt in Roxy, einem der besseren Viertel in Kairo. Foto: Muhammad Elmasry Ein Gemüsemarkt in Roxy, einem der besseren Viertel in Kairo. Foto: Muhammad Elmasry

Die Lebensmittelpreise in Kairo steigen rasant. Der Einfluss der großen Krise, in der sich die ägyptische Wirtschaft befindet, ist in der ganzen Bevölkerung zu spüren. Drei Familien berichten. Eine Reportage von Aisha Abdelrahman

Indem sie die Landeswährung – das ägyptische Pfund – abwertete, hat die ägyptische Regierung vergangenen November versucht, die stark angeschlagene Wirtschaft wieder anzukurbeln. Dadurch sind Grundnahrungsmittel- und Rohstoffpreise, die in den vergangenen Monaten schon gestiegen sind, nochmals drastisch teurer geworden. Wie ergeht es dabei den Ägypterinnen und Ägyptern? Drei junge Familien erzählen, wie die Wirtschaftskrise ihr Leben beeinflusst.

 

In einem Kushari-Restaurant schaut Salma Ibrahim – 26 Jahre alt – genau auf die Preise. Kushari ist das einheimische und günstige Mittagsmahl in Ägypten. Das Gericht besteht aus Linsen, Reis, Röstzwiebeln und Tomatensauce.

In dem Restaurant in einem Mittelschichts-Viertel kostet der kleinste Teller zehn Pfund. Das entspricht rund 50 Cent. Vor einem Jahr hat der Teller noch sechs Pfund gekostet. „Die Wirtschaft ist auf einmal zusammengebrochen. Alle Produkte sind teurer geworden, von der Nadel bis hin zu elektrischen Maschinen”, sagt Salma, die als Ingenieurin ihr Geld verdient.

Auf ihrem Handy zeigt sie eine Liste. Darauf stehen die neuen und alten Preise von Hauptnahrungsmitteln. Im Vergleich zum vergangenen Jahr ist der Preis für ein Kilogramm importierte Butter von 50 auf 86 Pfund gestiegen; ein Ei kostet mittlerweile nicht mehr 90 Piaster, sondern 1,20 Pfund; für Mehl sind es zehn statt sechs Pfund; der Preis für einen Liter Öl ist von zehn auf 21 Pfund gestiegen; und Zucker hat erst fünf Pfund pro Kilo gekostet, doch seit er immer knapper geworden ist, gibt es das Kilo neuerdings für 15 Pfund.

Diese Liste ließe sich noch lange fortsetzen, egal ob für Brötchen, Käse, Milch, Waschmittel, Windeln oder Hähnchen. Am Ende der Aufzählung sagen viele Ägypter dann immer wieder einen Satz: „Es gibt keine Macht oder Stärke als bei Gott.“ Diesen Satz sagt man in Ägypten, wenn sich Menschen in schweren Situationen befinden und hilflos fühlen.

„Wir brauchen doppelt so viel für die Haushaltkasse“

Seit zwei Monaten reicht Salmas Haushaltkasse von 1.500 Pfund nur noch bis zur Mitte des Monats. Dabei bereitet sie mit ihrem Mann eigentlich die Ausreise in die USA vor. Doch von ihrem Gehalt können die beiden nichts ansparen: „Jetzt gebe ich pro Monat 2.500 oder 3.000 Pfund für den Haushalt aus. Ich mache mir Sorgen, dass am Ende nichts mehr übrigbleibt.” Deshalb übernimmt Salmas Mann immer mehr Schichten.

Zuhause hat sich das Leben des Ehepaares indes auch sehr geändert. Nur noch selten lädt Salma ihre Verwandten zum Mittagessen ein: „Für die Familie soll man gutes Essen kochen. Doch das können wir uns auf Dauer nicht mehr leisten.”

Deshalb verzichten Salma und ihr Ehemann Alaa El-Hadi auch auf jeden Luxus, den sie sich noch bis vor ein paar Monate gegönnt haben. Statt Nescafé trinken sie nur noch Kräutertee. Sie essen kaum mehr auswärts. Statt etwas neu zu kaufen, reparierten sie jetzt alles. Das Fenster im Schlafzimmer, das nicht richtig schließt, wird neuerdings von einem Klebeband gehalten. Für neue Bücher, Kinobesuche oder auch Schokolade gibt es ohnehin schon lange kein Geld mehr.

 

Info: Die ägyptische Wirtschaftskrise

Die Wirtschaft in Ägypten leidet seit der Revolution von 2011 unter der unsicheren politischen Lage und der schlechten Sicherheitssituation. Deviseneinnahmen wie Tourismus und Investitionen aus dem Ausland sind seither eingebrochen. Dazu sinken die Einahmen aus dem Suezkanal. 

Die Währungsreserven gehen rasant zurück, damit steigt die Inflation, das Haushaltsdefizit, die Arbeitslosigkeit und die Preise. Als Gegenmaßnahme entwertete die ägyptische Regierung im November 2016 das Pfund und hob die Subvention für die Kraftstoffe auf. Zudem erhöhte sie die Zollsätze für 400 importierte Produkte, wie Elektrogeräte, Obst, Gemüse und Putzmittel. Dadurch sind die Preisen für Lebensmittel, Medikamente und für den öffentlichen Nahverkehr rasant gestiegen, in einem Land in dem – nach Angaben der Zentralstelle für Statistik –  21,7 Million Menschen unter der Armutsgrenze leben. 

Auch neue Kleider kann sich Salma, die hochschwanger ist, nicht mehr leisten. Stattdessen weitet sie ihre alten Klamotten selbst. Salma weiß, dass es ihr im Vergleich zu vielen anderen Ägypterinnen und Ägyptern immer noch recht gut geht. Doch um die Zukunft ihres Kindes macht sie sich große Sorgen. Mit der Hand auf dem großen Bauch denkt sie lange nach. Wird sie alles Notwendige für das Baby anschaffen können? Auf welche Schule wird es gehen? Salma bezweifelt, dass sie ihre Träume in Ägypten verwirklichen kann. Deshalb will sie das Land verlassen – halb aus Angst, halb aus Sehnsucht nach einer besseren Zukunft.

 

Sich verwöhnen kann man nicht mehr

Auf der anderen Straßenseite wohnt Amira Helmy in einer großen und neu eingerichteten Wohnung. Beim Frühstück trinkt die 25-Jährige arabischen Kaffee statt Nescafé, weil er günstiger ist. Sie verlängert die Tasse mit Milch und ein bisschen Wasser, damit die Milchflasche langsamer aufgebraucht wird. Auf dem Tisch gibt es jetzt mehr Frischkäse als Gouda oder Parmesan, diese seien sehr teuer geworden „Wir haben nicht mehr alles gleichzeitig auf dem Tisch wie vorher – Marmelade, weißen und dunklen Honig, Halva und Président-Käse”, sagt Amira.

Immer weniger kaufen sie teures, importiertes Obst wie amerikanische Äpfel, Kiwis und Pflaumen. „Vorher habe ich maximal 70 Pfund bezahlt, wenn ich besonderes Obst gekauft habe.” Heute kostet der gleiche Einkauf das doppelte, sagt Amira, die mit einem Rechtsanwalt verheiratet ist.

Sich verwöhnen könne sie schon längst nicht mehr. War sie früher faul zu kochen, habe sie das Essen einfach bestellt und nach Hause liefern lassen „Da habe ich etwa vierzig Pfund bezahlt. Heute kostete allein die Lieferung zehn Pfund und ein Schawarma-Sandwich zwanzig Pfund.” Im Café ein Stück Kuchen zu essen oder einen Kaffee zu trinken, kostete bis vor ein paar Monaten etwa 30 Pfund, ein Abendessen in einem guten Restaurant etwa 200 Pfund. Heutzutage kostet es das Doppelte. Solcher Luxus ist für Amira und ihre Familie daher gestrichen. Stattdessen versucht sie zu sparen, was zu sparen ist, um Lebensmittel zu kaufen. „Gott sei Dank,“ sagt sie, „ich kann mir Grundnahrungsmittel wie Reis, Fleisch, Nudeln immer noch leisten.“

Gemeinsam mit ihrem Mann, einem Rechtsanwalt, hat Amira ein zweijähriges Kind, das die Kita halbtags besucht. Auch diese wird immer teurer, obwohl das Paar eigentlich genug verdient. Deshalb träumt Amira auch davon, dass die Menschen in Ägypten bald wieder mehr Geld in den Taschen haben. Nur dann könne Gerechtigkeit herrschen. „Es tut mir sehr leid, wenn jemand nur 1.500 Pfund verdient! Wofür soll das reichen?“, fragt Amira.

Monatlich Geld von anderen ausleihen

Entlang einer Hauptstraße in einem Slum in Kairo liegt Müll, in dem Hunde nach Futter suchen. Müll türmt sich auch auf dem Fuhrwerk, das von einem Esel gezogen wird. Und vor einem Kiosk wird gerade Müll verbrannt, eine andere Art, ihn zu entsorgen.

Die Wohngebäude aus Ziegelsteinen sind ohne Baupläne dicht aneinander gebaut. In den unasphaltierten, halbdunklen Gassen sammeln sich verrottende Abwasser. Neben kleinen Geschäften gibt es auch viele Werkstätten, die die Luft stark verschmutzen.

Hier wohnen Ahmad Salim und seine Frau Esraa Ali mit ihrer zweijährigen Tochter und einer Katze. Ahmad und Esraa sind 27 Jahre alt. Ahmad, der wie Esraa Rechtswissenschaft studiert hatte, arbeitet als Logistiker in einer Medizintechnikfirma. Monatlich verdient Ahmad 3.700 Pfund, also circa 220 Euro. Sein eigentliches Gehalt beträgt jedoch nur 1.480 Pfund im Monat, der Rest ist Benzingeld. Denn er muss für die Firma viel unterwegs sein.

Am Anfang eines jeden Monats bezahlt Ahmad 1.500 Pfund für den Autokredit, 500 Pfund Schulden und 500 Pfund Miete. Damit bleiben gerade einmal 1.200 Pfund für Haushalt und Rechnungen übrig. Strom zum Beispiel kostet zwischen 50 und 150 Pfund im Monat. „Die Rechnungen werden willkürlich vom Staat erstellt. Keiner kommt und prüft, wie viel wir wirklich zahlen müssen”, sagt Ahmad. Und keiner prüft auch, ob er rechtzeitig bezahle. Wenn er wenig Geld habe, bezahlt er. Doch jetzt habe er Schulden von ungefähr 2.000 Pfund.

Esraa bringt hausgemachten Schokoladenkuchen und sagt dazu mit freundlichem Lächeln, dass der Kuchen etwas sparsam ausgefallen ist. Die Katze springt auf den Tisch und möchte auch etwas abhaben. Sie bekommt mittlerweile nur noch Essensreste; ihr eigenes Futter sei zu teuer.

Vor einem Jahr hatten Ahmad und Esraa eine Haushaltskasse und gut gelebt, sagen sie. Heute kaufen sie nur das, was sie gerade brauchen. „Das Geld reicht einfach nicht mehr; jeden Monat müssen wir uns etwas von Freunden leihen”, sagt Ahmad und blickt zur Seite. Sein Auto habe er deshalb wieder verkauft und fahre mittlerweile Motorrad. Dann: ein Moment Stille.

„Zum Zahnarzt gehen wir nicht mehr“

Da alles teurer geworden ist, müssen sie sehr sparsam leben. Fisch essen sie nur noch einmal im Monat. Hähnchenschnitzel, Ahmads Lieblingsgericht, gibt es zweimal im Monat. Obst, traditionelle Süßigkeiten und neue Kleidung können sie sich nicht mehr leisten „Seit der Geburt unserer Tochter haben wir nichts mehr unternommen,” sagt Esraa. Vorher hatten sie gern Kinos, Konzerte und Restaurants besucht.

Wenn Esraa kocht, macht sie mehrere Töpfe auf einmal, um Gaskosten zu sparen. „Die Gasflasche kostet jetzt 50 Pfund statt 35 wie früher.” Auch ihre Verwandten hat sie schon lange nicht mehr gesehen. Entweder man lädt sie zum Essen ein. Doch „da müssen wir gutes Essen kochen, sonst werden wir schief angesehen”. Oder man geht zu Besuch. Doch da muss man etwas Schönes mitbringen, was auch wieder Geld kostet. Ahmed ist deshalb schon seit drei Monaten nicht mehr bei seiner Familie gewesen.

Wenn sie Zahnschmerzen haben, nehmen sie Schmerztabletten. Auch die Physiotherapie für die chronischen Rückenschmerzen, an denen Ahmed leidet, kann sich das Paar nicht leisten. Allein der Arztbesuch kostet mindestens 250 Pfund. Und Esraas Laptop ist defekt. Doch zur Reparatur gibt sie ihn nicht, das Internet nutzt sie auf ihrem Handy. Ahmed würde derweil gerne als Fotograf arbeiten. Dafür hat er sich eine neue Kamera gekauft. 10.000 Pfund hat sie gekostet – Esraa bedeckt ihr Gesicht mit den Händen und schüttelt den Kopf.

„Wir wissen nicht, wie wir es weiter schaffen sollen“

Ahmads Benzingeld wird in zwei Monaten eingestellt. Das hat ihm ein Vorgesetzter mitgeteilt. Ahmad und Esraa sind deshalb völlig verunsichert. Was sollen sie dann machen, wenn Ahmad nur 1.480 Pfund verdient? Eine neue Arbeit zu finden wäre sehr schwer. „Ich weiß nicht, was wir machen werden und wie wir es weiter schaffen sollen,” sagt Esraa. Sie erwartet, dass alles viel teurer wird: „Die Zukunft sieht schwarz aus”, fügt sie mit ironischem Lächeln hinzu.

Arbeiten gehen, um der Familie zu helfen, kann sie nicht. Denn wer sollte auf ihre Tochter aufpassen? Eine gute Kita, außerhalb der Slum-Siedlung, kostet mindestens 1.200 Pfund. Die Kitas im Slum kosten von 100 bis 400 Pfund im Monat, doch die sind für die jungen Eltern keine Option. Die Mitarbeiterinnen sind in der Regel nicht qualifiziert; immer wieder hört man, dass Kinder geschlagen, vor dem Fernseher sitzen gelassen oder kranke Kinder nicht entsprechend versorgt werden.

Ahmad und Esraa träumen davon, ihre Slum-Siedlung oder ganz Ägypten zu verlassen. Das können sie jedoch erst planen, wenn Ahmed 30 Jahre alt ist und er dann nicht mehr in das ägyptische Militär eingezogen werden kann. Esraa, die gerade Deutsch lernt, sagt, sie wünsche sich, bald die Sprache zu beherrschen. Dann könne sie – wie einige Bekannte von ihr – in einer deutschen Firma arbeiten und gut verdienen. Und vielleicht eines Tages nach Deutschland auswandern.

Redaktion: Johannes Gunesch

 
 
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