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Nur schemenhaft sind auf diesem Bild die Umrisse der St.-Markus-Kirche in Heliopolis/Kairo zu erahnen. Foto: Andrew A. Shenouda/Flickr (cc-by 2.0) Nur schemenhaft sind auf diesem Bild die Umrisse der St.-Markus-Kirche in Heliopolis/Kairo zu erahnen. Foto: Andrew A. Shenouda/Flickr (cc-by 2.0)

Wieder gab es Anfang Juni ein Attentat auf Christen in Ägypten. Schon vor Ostern waren zwei Kirchen Ziel eines Bombenanschlags. Jetzt führt das Land eine Debatte voller Vorwürfe. Dazu ein Stimmungsbild mit jungen Christen und Muslimen aus Kairo. Von Aisha Abdelrahman

29 Tote und 23 Verletzte hieß es bei der staatlichen Zeitung Al-Ahram. Unbekannte hatten einen mit Kopten besetzten Bus auf dem Weg ins Kloster St. Samuel beschossen. In seiner Rede sagte der ägyptische Präsident Abdel Fatah El Sisi: „Die Täter, also der IS (sogenannter Islamischer Staat, Red.), wollen das Regime in Ägypten stürzen und Konflikte zwischen Muslimen und Christen entfachen.“

In den vergangenen Monaten gab es bereits mehrere Attentate. Zwei Bombenanschläge erschütterten im April die Palmsonntags-Gottesdienste in Tanta und Alexandria. Dort feierte Papst Tawadros II, das Oberhaupt der Kopten, die Messe. Dutzende Menschen starben, noch mehr wurden verletzt. Die Terrormiliz IS reklamierte die Anschläge für sich, die ägyptische Regierung verhängte anschließend einen Ausnahmezustand, der bis heute verlängert wurde.

In den Debatten geht es wieder um die Frage, wie sich Muslime radikalisieren. Es geht um Hetze von Imamen und Freitagspredigern gegen Christen. Und der Al-Azhar – ein islamisches Institut, das Universitäten und Schulen umfasst – wird vorgeworfen, radikale Ideen zu verbreiten statt zu bekämpfen. Kritik am Sisi-Regime kommt dagegen von TV-Sendungen, die im Ausland produziert werden. Sie werfen der Regierung vor, hinter dem Anschlag zu stecken, um unter dem Deckmantel des „Kampfs gegen den Terror“ Maßnahmen wie den Ausnahmezustand durchzusetzen, mit dem sich jeder mögliche Aufstand unterdrücken lässt.
Auf Facebook findet indes eine andere Diskussion statt. Christen fragen wütend, warum Muslime sie umbringen, und Muslime antworten ebenso aufgebracht, dass der IS nicht zu ihnen gehöre und man nicht alle Muslime gleich abstempeln dürfe. Gegenseitige Vorwürfe also, Beschimpfungen und Beleidigungen.

Kein natürlicher Konflikt

Der Bevölkerungsanteil der Christen in Ägypten liegt zwischen sechs und 15 Prozent – je nachdem, ob man nach der Zentralstelle für Statistiken oder nach der Kirche geht.

In jedem ägyptischen Personalausweis steht die Religion. Auch deuten die meisten Namen auf die Religion eines Menschen hin. Ebenso tragen viele Ägypterinnen und Ägypter religiöse Symbole oder deuten ihre Religion durch ihre Kleidung an.

Gleichzeitig ist der Konflikt zwischen den Religionen viel weniger natürlich als es wirkt. Denn sowohl die ägyptische Regierung als auch koptische Würdenträger inszenieren die Unterschiede bereits seit vielen Jahren, um daraus politischen Profit zu schlagen. Auch hat die Auseinandersetzung eine wichtige ökonomische Dimension, denn über den ungleichen Zugang zu bestimmten Ämtern und Berufszweigen werden Ungleichheiten geschürt und verfestigt.

Dass viele Menschen den religiösen Konflikt dennoch als selbstverständlich erachten – wie auch unsere Gespräche belegen -, ist Ausdruck der langen Geschichte um Macht und Einfluss in Ägypten.

 

„Der IS hat viele Anhänger in Ägypten“

Mena Azzam ist 27 Jahre alt, Apotheker, Christ und wohnt in Kairo. Er glaubt, dass der IS oder eine ähnliche Miliz hinter den Anschlägen stecken. Gerade Kirchen wie beim ersten Attentat seien ja optimale Ziele: „Der Terrorist kann da die Kuffar (arabisch für Ungläubige, Red.) umbringen, um ins Paradies zu kommen. Er kann dadurch einen sektiererischen Streit entfachen und eventuell den ägyptischen Staat in internationale Schwierigkeiten bringen“, erklärt er.

Mena glaubt, dass viele ägyptische Muslime auf unterschiedliche Art mit dem IS sympathisierten: Manche hätten den Anschlag sogar gerne selbst verübt. Diese Menschen kenne er zwar nicht persönlich, lese aber deren Posts und Kommentare auf Facebook. Einzelne würden ihren christlichen Freundinnen und Freunden zwar ihre Trauer ausdrücken. Anschließend aber bäten sie darum, die Toten nicht als Märtyrer zu bezeichnen, weil sie nunmal Kuffar seien. Auch würden viele Muslime Mena nicht die Hand zur Begrüßung geben oder ihm nicht zu christlichen Feiertagen gratulieren. „Ich sehe hier keinen Unterschied zwischen jemandem, der so zwischen Menschen diskriminiert, und einem IS-Mitglied, das Menschen umbringt“, sagt er.

Als Christ fühlt sich Mena in Ägypten wie ein Bürger zweiter Klasse: „Schau doch, wie viele Christen beim Geheimdienst arbeiten oder sonst wichtige Positionen besetzen. Wie viele christliche Minister oder einfach nur Fußballspieler gibt es?“ Um eine Kirche zu bauen, brauche man eine schriftliche Zustimmung vom Gouverneur, bis vor kurzem sogar vom Präsidenten, sagt Mena.

Christen am Rand der Gesellschaft?

In jeder Gesellschaft gebe es eine radikale Gruppe, die Menschen aus schwierigem Umfeld oder mit psychischen Problemen anziehe, befindet Sali Ibrahim. Sie ist 25 Jahre alt, Muslima und arbeitet als freie Übersetzerin. Ihr Vater ist Imam an der Al-Azhar Universität.

Christen in Ägypten verhielten sich allgemein wie jede Minderheit: Sie würden in der Nähe der Kirche leben und ihre Geschäfte miteinander machen. Auch gebe es in jeder Universität oder Firma christliche Gruppen. Soweit so normal, das machten die Muslime ja auch im Ausland, findet Sali.

Persönlich hat Sali kaum mit Christen zu tun, dazu gebe es im Alltag schlicht keine Chance. Die meisten Menschen in ihrem Bekanntenkreis haben ebenso keine Beziehungen zu Christen – „so wie auch einige Christen unter sich bleiben. Keine Feindschaft, aber auch keine Freundschaft. Es gibt auch Christen, die den Kontakt mit den angeblich schlimmen Muslimen vermeiden, denn sie fühlen sich von ihnen unterdrückt.“

Allgemein, glaubt Sali, hätten Muslime und Christen keine Akzeptanz für einander. Woran das liegt, kann sie nur vermuten. Vielleicht an der Angst vor gesellschaftlicher Vielfalt? Eigentlich seien Christen dafür bekannt, freundlich und pünktlich zu sein. Doch manchmal befürchtet Sali, dass das alles nur eine Strategie sei: „Freundlichkeit, um zu verstecken, dass sie uns eigentlich für Ungläubige halten.“

Was machen Muslime gegen die Radikalisierung?

Für Mena sind die Lehren des Islam, die auch in den Instituten der Al-Azhar unterrichtet werden, schuld an der Situation. Als Beleg verweist er auf Youtube-Videos: Im ersten sieht man einen ägyptischen Imam. Er sagt: „Der Prophet Muhammad sollte keinen Kuffar gefangen halten oder tauschen …, sondern die ungläubigen Gefangenen umbringen.“ Das zweite Video zeigt einen in Ägypten bekannten saudi-arabischen Imam. Er predigt, ein Muslim solle keine Kirchen betreten, denn da werde Unglaube betrieben. Das dritte Video zeigt das Gebet in Mekka. Darin ruf ein Imam Gott dazu auf, Christen zu schänden und ihre Kinder zu Waisen zu machen. Die Gemeinde ruft Amen.

Mena sagt, er werfe seinen muslimischen Freunden vor, dass sie nicht gegen diese radikalen Ideen einstehen. „Viele Muslime sagen, die Terroristen sind keine von uns und keine Muslime. Aber doch, das sind sie. Im muslimischen Glaubensbekenntnis heißt es ja bereits, dass wir Ungläubige sind, weil es keinen Gott außer Allah gibt. Deshalb konkurrieren radikale Muslime dann darum, Ungläubige umzubringen oder zu diskriminieren.“

Heftige Debatten

Ein paar Monate vor dem Juni-Anschlag sagte der koptische Patriarch Tawadros II in einer Rede in der Al-Azhar: „Der arabische Raum leidet unter der radikalen Ideologie, die heutzutage zu Gewalt, Terror und Unruhe führt. Ein Akt des Terrors ist es (…), andere Religionen und Heilige anzugreifen und deren Anhänger als Kuffar zu bezeichnen (…).“

In der gleichen Konferenz sagte Ahmed el-Tayeb, Scheich der Al-Azhar: „Wer das Phänomen der Islamphobie betrachtet, kann nicht die unfaire Unterscheidung übersehen in der weltweiten Beurteilung des Islam (…). Während der Westen christlichen und jüdischen Extremismus ignoriert, sitzt der Islam alleine auf der Anklagebank.“

 

„Ich will mich nicht rechtfertigen müssen“

„Und was soll ich genau machen? Ich kenne keinen, der radikal ist oder radikale Ideen verbreitet“, sagt Sali, als sie von Menas Frage hört. Der Anschlag mache sie traurig, es gebe aber nichts, wofür sie sich bei den Christen entschuldigen müsse. „Ich werde mich oder meine Religion nicht rechtfertigen, wenn ein Muslim einen Anschlag verübt. Schließlich gibt es weltweit mehr als einer Milliarde Muslime. Was habe ich denn damit zu tun?“

Keine Religion fordere, die Anhänger einer anderen umzubringen, unschuldige und unbewaffnete Menschen zu töten. „Das weiß jeder“, sagt Sali. Es gebe nunmal tolerante Interpretationen und radikale. „Christen sehen jedoch nur die zweite und sagen: ‚Sieh mal, ihre Religion ist radikal’.“ Für radikale Christen würde im Unterschied dazu niemand das gesamte Christentum angreifen. Dann denkt Sali kurz nach und fragt: „Wer hat denn überhaupt gesagt, dass der Täter Muslim ist? Vielleicht ist er auch psychisch krank?“

 

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„Im Islam findet man radikale Lehren“

„Die Anschläge treffen immer nur Kirchen und dahinter steckt der IS. Der Täter ist auf jeden Fall ein radikaler Muslim“, sagt Christina Amgad. Die 24 Jahre alte Apothekerin, die in einer Pharmafirma arbeitet, habe noch nie einen „terroristischen Christen“ gesehen. Das seien alle nur Muslime, sagt sie.

„Mag sein, dass ein politischer Aspekt dabei eine Rolle spielt. Aber wir Christen sind immer die Opfer.“ Für Christina sind Muslime besonders anfällig für Terrorismus, „denn im Islam findet man radikale Lehren, wie die Aussage des Propheten, man solle die Menschen bekämpfen, bis sie Muslim werden.“

Es gebe natürlich auch gute und kultivierte Muslime, darunter auch Freunde von Christina. Diese würden sich eher an folgende Aussage des Propheten halten: „Geht mit Christen und Juden gut um.“ Doch die radikalen Muslime würden immer mehr, befürchtet sie: „Die meisten Muslime betrachten uns abschätzig als Kuffar. Sie interessieren sich deshalb nicht dafür, dass wir bombardiert werden. Ihrer Meinung nach kommen wir ohnehin in die Hölle. Dieser Satz ist sehr provozierend. Ich höre ihn oft, auch von Menschen mit guter Ausbildung und guten Jobs“, trauert Christina.

„Das betrifft alle“

Anschläge und Mord passieren überall in Kairo. „Das betrifft uns alle, nicht nur die Christen“, sagt Maryam Khalid, eine 25 Jahre alte Ärztin, die in einem staatlichen Krankenhaus arbeitet und Christen als Klassenkameraden, Kollegen und Nachbarn kennt.

Sie erzählt von Generalstaatsanwalt Hisham Barakat, der 2015 durch einen Autobombenanschlag getötet wurde. Und von vielen jungen Leuten, die „verschwinden“, weil sie nicht auf der Seite der Regierung stehen. Von der strengen Kontrolle an jedem Metro-Eingang. Von Autodiebstählen auf der Autobahn. „Sicherheit gibt es hier einfach nicht mehr“, befindet Maryam entschieden. „Wobei ja nur die Christen die Einzigen sind, die wegen ihrer Religion umgebracht werden“, sagt sie weiter.

Maryam nahm an Online-Debatten teil. Sie habe scharf reagiert, wenn der Islam, der Prophet Muhammed und der Koran beschimpft wurde. Genauso wenig könne sie es fassen, dass manche Muslime schreiben würden, die Christen hätten das verdient.

Sie könne sich vorstellen, dass der Anschlag wie zu Mubaraks Zeiten aus politischen Gründen geplant wurde: damit Menschen in Angst leben müssten und nie an Rebellion denken könnten. Mehr sagt Maryam dazu jedoch nicht und geht schnell auf einem anderen Gesprächspunkt über. Noch vor dem Gespräch gab sie zu bedenken, dass alle Gespräche über Handy und soziale Netzwerke von den Sicherheitsdiensten aufgenommen werden würden.

„Als Christin fühle ich mich hier nicht mehr wohl“

Aljazeera berichtete neulich: Seit dem Anschlag gegen die Al-Qiddissine-Kirche im Januar 2013, bei dem 23 Menschen ums Leben kamen und 79 verletzt wurden, sind seither 42 Kirchen angegriffen worden. Im Februar 2017 wurden Hunderte Christen nach Anschlägen vom Sinai vertrieben.

Für Christina ist klar, wo die Verantwortung dafür liegt: bei Sicherheitsdiensten, Regierung, Lehrern und Erziehern. „Als Kinder wurden wir so erzogen, dass wir und die Muslime nicht gleichwertig sind.“ Im Religionsunterricht mussten christliche Kinder die Klasse verlassen, der Unterricht fand für sie auf einer Treppe oder im Schulhof statt, erzählt Christina.

In Ägypten fühle sie sich nicht mehr wohl: „Wir gehen in die Kirche und haben keine Ahnung, ob wir anschließend nach Hause zurück kommen werden. Wenn ein Fremder in die Kirche kommt, bekommen wir Panik. Das ist nicht normal.“ Die Bombenanschläge seien zu einem Ritual wie das Beten geworden. „Ich glaube, wenn wir alle irgendwo um religiöses Asyl bitten können, werden wir das tun.“

„Christen haben keine Angst vor dem Islam“

Maryam versucht ebenfalls, den Hintergrund für die Spannung und den Machtkonflikt zu verstehen: „Christen beschweren sich, dass keiner von ihnen Präsident werden kann. Und den Muslimen werfen sie vor, die Macht und das Geld des Landes zu besitzen“, urteilt sie.

Dabei gingen in den achtziger Jahren viele Leute in die Golfstaaten, um dort zu arbeiten. Von dort kamen sie mit einer Ideologie zurück, die zwischen Menschen unterscheidet. Im Anschluss wurde das Kopftuch auch in Ägypten immer präsenter und die Trennung zwischen Männern und Frauen. Jetzt ließe sich leicht nachvollziehen, wer Muslim sei und wer nicht. „Das hat die unterdrückten Gefühle der Christen geweckt“, sagt Maryam.

Hinzu kommt, dass viele Christen die islamische Ideologie und die Muslimbrüder als Bedrohung für die allgemeine Sicherheit sähen. Der internationale Trend der Islamphobie und der Fokus auf jeden Terror, der von Muslimen begangen wurde, unterstützt laut Maryam dabei die Sorgen der Christen in Ägypten. „Dabei haben Christen ja keine Angst vor dem Islam, nur denken sie gerne: Wir haben Recht.“

 

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