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"Bewaffneter Widerstand ist auch Politik mit anderen Mitteln", so Autor und Regisseur Tucké Royale. Foto © Ute Langkafel "Bewaffneter Widerstand ist auch Politik mit anderen Mitteln", so Autor und Regisseur Tucké Royale. Foto © Ute Langkafel

Tucké Royales jüdisch-queeres Rachemusical Mit Dolores habt ihr nicht gerechnet widmet sich mit Chuzpe und Witz einem fast vergessenen Kapitel des Widerstands gegen die NS-Herrschaft. Das Stück im Gorki-Theater in Berlin handelt vom jüdisch-queerem Widerstand, der Macht von Heldinnengeschichten – und Nazis, mit denen nicht gesprochen wird. Von Eva Tepest

Mit Dolores habt ihr nicht gerechnet ist die fiktionale Geschichte der jüdischen Zwillingsschwestern Ida und Dolores, die vermeintlich als Junge und Mädchen Anfang des 20. Jahrhunderts in Galizien zur Welt kommen. Als Balletttänzerinnen ausgebildet touren sie durch das Alte Europa der Zwischenkriegsjahre, bis in Warschau die Nazis einfallen und sie an der Rampe zum Konzentrationslager (KZ) Treblinka getrennt werden. Ida wird deportiert, Dolores reist als Krankenschwester verkleidet nach Berlin, um im Wintergarten Varieté zu tanzen, mit Schergen der Schutzstaffel (SS) zu flirten und sie samt ihrer Frauen galant und effektiv zu töten.

Erinnerung an jüdisch-queeren Widerstand

Der Stoff basiert auf realen Begebenheiten, unter anderem der Biographie der Zwillinge Sylvin und Maria Rubinstein. Nachdem Maria 1942 im KZ ermordet worden war, kämpfte Sylvin als Travestietänzer im Widerstand. „Wir erinnern daran, dass jüdische Frauen einen entscheidenden Einsatz im Kampf gegen die Nazis geleistet haben. An diesem Abend erzählen wir von der selbstverständlichen Entscheidung einiger Frauen, die u. a. jüdisch, lesbisch und Kommunistinnen waren und mit Gewehren gegen Nazis gekämpft haben“, erklärt Performer, Autor und Boiband-Mitglied Tucké Royale.

Die Tatsache, dass nicht nur schwule Männer vom NS-Regime geächtet, verfolgt und ermordet wurden, sondern auch andere sexuell oder geschlechtlich transgressiv lebende Menschen, ist einem breiteren Publikum nicht zuletzt seit Jill Soloways Transparent bekannt. Die zweite Staffel dieser vielfach ausgezeichneten Hitserie thematisiert die fiktive Geschichte der in Kalifornien ansässigen jüdischen Familie Pfefferman anhand der Figur von Gittel, einer jüdischen Transgenderfrau, die Teil der sexuellen Widerstandsbewegung um Magnus Hirschfeld ist und der Schoah zum Opfer fällt.

Von links: Mehmet Yılmaz, Mathias Becker, Oscar Olivio (als Dolores). Foto © Ute Langkafel

 

Geschichte von unbedingter Stärke

Trotz der zugrunde liegenden Recherchearbeit und historischen Bezüge geht es bei Mit Dolores habt ihr nicht gerechnet jedoch nicht in erster Linie um ein wirklichkeitstreues Abbild jüdisch-queeren Kampfes. Eher geht es darum, eine Geschichte von unbedingter Stärke zu erzählen, die genauso passiert ist, genauso hätte passieren können und in jedem Fall jetzt so auf der Bühne passiert. Sie teilt den den Zuschauer*innen mit: Es sind nicht immer Jüd*innen und Queers die sterben, sondern – die Referenz zu Quentin Tarantinos Inglorious Bastards liegt nahe – auch die Nazis.

Im Bemühen, eine jüdisch-queere Utopie des Widerstands zu zeichnen, ist der Handlungsverlauf von Mit Dolores habt ihr nicht gerechnet bewusst geradlinig und bruchlos. Opferrollen sind dabei nicht vorgesehen. Als Zuschauer*innen bangen wir nicht mit der Hauptfigur, wir feuern sie an. Es gibt keinen Raum für dramatische Wendungen, Spannungen oder Irritationen, aber umso mehr für Musik, Tanz und Maskenspiel. Eine Band aus vier Musiker*innen spielt mit ihren zwischen Tango Argentino und Klezmer changierenden Songs mal zum überdeutschen kalten Büffet („Heroischer Heringssalat / Hausfrauenart/ Heldenhafter Hackbraten – Hack – herrlich“), mal zum Berliner Silvesterabend 1944 auf, bei dem Dolores hohen SS-Tieren Arsen im Punsch serviert.

Dolores, gespielt von Oscar Olivo, bleibt den Großteil des Stückes hinter einer Maske mit langen Zöpfen verborgen, die SS-Männer taumeln gesichtslos und blind mit schwarzen Eimern auf dem Kopf umher, bis ihnen der Garaus gemacht wird. Diese Formelemente definieren das Rachemusical, erklärt Royale: „Die Spielweise orientiert sich an Meyerholds Biomechanik [einer in den 20ern entwickelten avantgardistischen Schauspieltechnik, nach der funktionale Form- und Bewegungselemente die Emotionen der Darstellenden herbeiführen, Anm. d. Red.]. Die Heldinnengeschichte von Ida und Dolores wird als Maskenspiel aufgeführt. Dolores macht die NaSos (Nationalsozialist*innen) mitunter tanzend kalt.“

Foto © Ute Langkafel

 

„Ich möchte die politische Rechte daran erinnern, dass sie zu Recht ein Problem mit uns hat“

Royale beschäftigt sich in seinen Stücken immer wieder mit verschiedenen Formen von Ausschluss und Stigmatisierung. So gründete er etwa einen Zentralrat der Asozialen in Deutschland, der die Verfolgung von „Asozialen“ (von den Nazis mit dem Schwarzen Winkel markiert) in der NS-Zeit thematisiert. Mit dem Rachemusical verweist er auch darauf, wie der gegenwärtige Vormarsch der politisch Rechten in Deutschland und Gesamteuropa mithilfe von Geschichtsleugnung operiert: „Auf eine mir sehr verdächtig vorkommende Art und Weise gibt es ein deutsches Bedürfnis, unter das systematische Verbrechen der Deutschen an Menschen, die aus rassistischen wie s o z i a l-rassistischen (Betonung T. Royale, Anm. d. Red.) Gründen verfolgt und ermordet wurden, einen Schlussstrich zu ziehen. Die Selbstzeugnisse der Verfolgten werden selten bearbeitet und besprochen, die Bundesregierung erkennt bis heute nicht alle Opfer des Nationalsozialismus an. Die Sehnsucht nach einem Ende der Beschäftigung mit der Shoa ist eine Neuauflage von Ausgrenzung.“

Somit ist Mit Dolores habt ihr nicht gerechnet eine Kampfansage: „Das Rachemusical bezieht auf dramatische Weise die Position, dass mit Nazis unter Umständen nicht gesprochen werden kann. Denn wenn selbst bei Völkermord die Diplomatie nichts mehr ausrichten kann, stellt sich die dringende Frage, zu welchen Mitteln gegriffen werden muss, um so viele gefährdete Leben wie möglich zu retten. Bewaffneter Widerstand ist auch Politik mit anderen Mitteln. Ich möchte die politische Rechte daran erinnern, dass sie zu Recht ein Problem mit uns hat. Sie hat mit unserem Gerechtigkeitswillen und unserer Ausdauer nämlich nicht gerechnet“, so Royale.

Das von Tucké Royale inszenierte Stück ist koproduziert von Kampnagel Hamburg, dem Studio Я des Maxim Gorki Theaters Berlin und dem Puppentheater Halle. Zusammen sind sie Teil des am Schwulen* Museum in Berlin angesiedelten Projektes „Queering Holocaust History“. Weitere Aufführungstermine sind: Am Maxim-Gorki-Theater: 7./8./9. Dezember 2017, 20.30 Uhr; am Puppentheater in Halle: 18./19. Januar 2018, 20.00 Uhr.

 

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