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Ein Familienphoto aus Südkirgistan. Ein Beitrag widmet sich den familiären Bewältigungsmechanismen von bewaffnetem Konflikt in dieser Region. Foto: Betta27/Wikicommons (cc-by 3.0) Ein Familienphoto aus Südkirgistan. Ein Beitrag widmet sich den familiären Bewältigungsmechanismen von bewaffnetem Konflikt in dieser Region. Foto: Betta27/Wikicommons (cc-by 3.0)

Dass Familienstrukturen ein elementarer Baustein der Gesellschaften Zentralasiens sind, ist wohl bereits für Laien ein müder Allgemeinplatz. Oft dreht sich die Debatte jedoch um wenige politisch-soziologische Konzepte wie „Clanherrschaft“ oder „Familialismus“. Ein neu erschienener Sammelband öffnet das Blickfeld. Eine Rezension von Ludwig Pelzl.

Der Sammelband „The Family in Central Asia. New Perspectives“ (hrsg.: Sophie Roche) wirft einen interdisziplinären Blick auf Familie in Zentralasien auf eine Art, wie das Thema bisher selten zugeschnitten worden ist. Eine interessante Perspektive auf einen Raum begrenzter Staatlichkeit, welcher zugleich an der Schnittstelle verschiedener kulturräumlicher Familienbilder liegt. Islam, russisch-sowjetische Herrschaft sowie nomadische Steppenkultur haben ihre Vorstellungen zu Familie und allem, was dazu gehört, zwischen sibirisch-kasachischem Tiefland und Hindukusch verankert und vermischt.

Das Buch, herausgegeben von Sophie Roche, stützt sich weitestgehend auf die Ausarbeitung von Vorträgen auf einem Symposium, das von dem Exzellenzcluster „Europe and Asia in a Global Context“ im November 2014 an der Universität Heidelberg veranstaltet wurde. Daher rührt wohl auch, dass unter „Familie“ kein uniformer Ansatz verstanden wird, sondern der Begriff als „methodologische Linse, gelebte Erfahrung, abstrakte Kategorie und als akademisches Konzept“ oder schlicht als „Einstiegspunkt für die Erforschung sozialer, kultureller, politischer und demographischer Dynamiken“, wie die Herausgeberin einleitend eingesteht, dient. Entsprechend vielfältig sind die folgenden zwanzig Beiträge: Qualität, Forschungsansatz und Referenz zu Familien unterscheiden sich merklich, der Sammelband unternimmt allerdings keine Versuche, ein gemeinsames Haus für diese zu bauen. Je nach Leserinteresse eine Stärke oder Schwäche des Buches. So sind aufgrund des fehlenden konzeptionellen Überbaus die verschiedenen Beiträge nur schwer miteinander in Verbindung zu bringen.

 

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Das Buch bietet dafür ein reiches empirisches Mosaik, das in wohltuendem Kontrast zum uniformen Bild der „Stans“ in der Öffentlichkeit steht. Die Stoßrichtungen der Beiträge sind nicht weniger heterogen als der Begriff „Familie“ Verwendungszusammenhänge kennt, und summieren sich zu einem sehr kleinteiligen, aber multiperspektivischen Bild auf Familie in Zentralasien: Von der Analyse der Clan-Netzwerke der Kiptschak-Mongolen im 13. Jahrhundert, über tribale Heiratspolitik bis hin zum Familienbild in tadschikischen Schulbüchern. Gemeinhin dominieren ethnologische, kulturwissenschaftliche und anthropologische Ansätze im Verbund mit mikroskopischer Feldforschung, dazu finden sich noch politik-, geschichts- und literaturwissenschaftliche Herangehensweisen.

Mit Speicheltests bis zu den Anfängen der Menschheitsgeschichte

Vor allem in methodischer Sicht hochinteressant ist der Aufsatz von Heyer, Ségurel und Hegay. Die Pariser Forscher nähern sich Fragen der intra- und extraregionalen Migration und der Abstammungsmuster zwischen verschiedenen Populationen mit den Mitteln der anthropologischen  Genetik. Von 1.800 Individuen aus sechs Ethnien wurden Speichel- oder Blutproben sowie umfangreiche Fragebögen zu Familienstrukturen und Abstammungslinien erhoben. Sie können auf diese Weise erstaunliche Zusammenhänge zwischen Kultur, Familienstrukturen, demographischer Expansion und Genetik herstellen. So lässt sich sogar bis zu den Anfängen der menschlichen Besiedlung Zentralasiens graben. Die Region gilt als eine der genetisch heterogensten Eurasiens. Zu den beiden konkurrierenden Hypothesen, welche Migrationsbewegungen dafür verantwortlich zu machen sind, fügen die drei Forscher auf Basis ihrer Erhebungen eine dritte hinzu, welche Wanderbewegungen in Zentralasien vor 60.000 Jahren zu rekonstruieren versucht.

In Zeiten globaler Migrationsströme ist die Nähe Zentralasiens zur Erfahrungswelt europäischer Leser gewachsen: Wer sich immer schon gefragt hatte, wie die Auswanderung einiger Familienmitglieder die Kommunikation innerhalb von Großfamilien beeinflusst, findet bei Said Reza Kazemi zwei interessante Fallstudien aus der Verwandtschaft des Verfassers. Er entwirft das Konzept der „Afghan Global Family“. Familienverbände, die aufgrund räumlicher Distanz als zerrüttet oder dysfunktional gelten könnten, entpuppen sich, so Kazemi, als subtile Netzwerke, welche erfolgreich Ressourcen verteilen, Konflikte regeln und so Familienleben grenzübergreifend organisieren.

Ein ungewohnter Blick auf die Re-Islamisierung nach dem Ende der Sowjetunion

Am fruchtbarsten ist die Lektüre, wenn der Leser den sehr engen Fokus der Beiträge durch eine etwas weiter gefasste Perspektive auf Region oder Forschung kontextualisiert, da die Aufsätze es kaum vermögen, einen solchen Zusammenhang herzustellen: So erlaubt beispielsweise die kleinteilige Analyse von Familienvorstellungen und -praktiken einen erfrischend ungewohnten Blick auf größere soziokulturelle Entwicklungstendenzen um die Frage der Re-Islamisierung der fünf ehemaligen Sowjetrepubliken, jenseits der bekannten und sattsam skizzierten Konflikte zwischen postsowjetischer Staatstradition und politischem Islam. Die Beiträge, beispielsweise zu Familienbildern in Schulbüchern oder Diskursen zu Frauen, können politikzentrierte Debatten mit empirischem Input anderer Herkunft anreichern.

 

Das Treffen zwischen Braut und Bräutigam bei einer tadschikischen Hochzeit in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts: So wie die ersten russischen Ethnologen, die die Region nach der Annexion durch das Zarenreich bereisten, interessiert sich der Band für Hochzeitsrituale und dadurch entstandene familiäre Verbindungen. Foto: Aleksandr L. Kun/Wikicommons (Public Domain)

Das Treffen zwischen Braut und Bräutigam bei einer tadschikischen Hochzeit in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts: So wie die ersten russischen Ethnologen, die die Region nach der Annexion durch das Zarenreich bereisten, interessiert sich der Band für Hochzeitsrituale und dadurch entstandene familiäre Verbindungen. Foto: Aleksandr L. Kun/Wikicommons (Public Domain)

 

Einige Beiträge geben beispielsweise interessante Einblicke in die Rolle der Frau in Familien  und somit indirekt auch in der Gesellschaft, sowie die unter Druck geratenen Rollenzuschreibungen allgemein. In diesem in Zentralasien bisher unterbelichtetem Feld ist ein empirisch gesättigter Blick abseits der schwarz-weiß-Konstrukte eines sowjetischen und westlichen Befreiungsanspruchs und des islamischen Traditionalismus angenehm ambivalent. Studien über die soziale Stellung alleinerziehender Mütter in Tadschikistan oder die innerfamiliäre Entscheidungshoheit kirgisischer Frauen in Gesundheitsfragen verwischen mit ihrer feldforscherischen Konturschärfe idealtypisch gezogene Grenzen.

Leser auf der Suche nach konzeptionell verdichteter Familienforschung oder einem konzisen  und methodologisch geordneten Supplement zur Regionenforschung werden in diesem Werk nicht fündig werden. Wer allerdings gerne aus einem randvollen Reservoir an mikroperspektivischen Studien schöpft und dabei die Diversität der Ansätze über gegenseitige Kommunikationsfähigkeit schätzt, bestenfalls mit ethno- und anthropologischen Interesse gepaart, dem Sophie Roches „The Family in Central Asia“ ans Herz gelegt.

 

Roche, Sophie (Hrsg.): The Family in Central Asia. New Perspectives, Klaus Schwarz Verlag, Berlin 2017, 416 Seiten, 56€.

 

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