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Hamid Karzai, ehemaliger Präsident Afghanistans. Foto: Chatham House/Flickr (cc-by 2.0) Hamid Karzai, ehemaliger Präsident Afghanistans. Foto: Chatham House/Flickr (cc-by 2.0)

Afghanistans langjähriger Präsident Hamid Karsai über die Wunde, die der Feldzug von 2001 bei ihm und vielen Mitbürgern hinterlassen hat, warum er es befürwortet, wenn US-Militärangehörige vor das Haager UN-Tribunal kommen und warum Deutschland zwar mehr investieren, aber weniger abschieben sollte. Interview von Alsharq-Autor Martin Gerner.

Mit Tausenden zusätzlichen Militärs, am Boden und aus der Luft, will US-Präsident Donald Trump dem Terror in Afghanistan und in den pakistanischen Rückzugsgebieten der Aufständischen den Garaus machen. Dabei sucht Washington einmal mehr Verbündete für sein Vorhaben bei EU und NATO. Ablehnung kommt nicht nur aus Europa. Als eine prominente Stimme hat sich jetzt Hamid Karsai zu Wort gemeldet, von 2001-2014 Präsident Afghanistans. Im Gespräch mit Alsharq erklärt er, warum er in Trump eine Gefahr sieht und wie Deutschland diese eindämmen könnte.

Alsharq: Wie bewerten Sie die aktuelle Sicherheitslage in Afghanistan?

Karsai: Meine Kinder in Kabul merken sehr schnell, wenn es mehrere Tage lang keine Anschläge gibt. Neulich hat mein 9-jähriger Sohn mich darauf angesprochen. Er fragte: „Papa, wenn es länger als fünf Tage keinen Anschlag gibt, was bedeutet das? Ist es dann wieder gut?“

Tatsächlich ist die Sicherheitslage in Afghanistan aber extrem schlecht zurzeit. Ein Ende ist nicht absehbar, obwohl die Menschen sich das wünschen, um wieder ein etwas normaleres Leben zu führen. Zurzeit gibt es täglich Angriffen und Kämpfe, überall in Afghanistan. Jeden Tag sterben mindestens 100 Menschen: Armee-Angehörige, Zivilisten und Taliban, die schließlich auch Afghanen sind. Das lastet auf uns und muss so schnell wie möglich aufhören.

Ist der Abzug des ausländischen ISAF Militärs, mit zehntausenden Soldaten der NATO-Länder sowie befreundeter Nationen von Österreich bis nach Australien, mitverantwortlich für die fehlende Sicherheit?

Nicht alleine, es sind verschiedene Faktoren: Die US-Regierung hat jahrelang nichts gegen die Rückzugsgebiete der Terroristen auf pakistanischer Seite getan. Zugleich haben die USA unsere Angelegenheiten, wie Wahlen und demokratische Prozesse, mehr beeinflusst als notwendig und wünschenswert. Beim Abzug der ausländischen Truppen, 2014, haben die USA ein falsches Bild von Afghanistan an die Wand gemalt, wie ein Alptraum. Das hat tausende Afghanen, vor allem junge Menschen, veranlasst, das Land zu verlassen. Viele davon sind jetzt Deutschland. Eine Mischung aus politischen Fehlern und bewussten Schritten also.

Die deutsche Regierung schiebt unverändert abgelehnte Asylbewerber nach Afghanistan ab. Ist Afghanistan sicher genug?

Deutschland hat die Afghanen immer freundlich empfangen. Anfang der 80er Jahre, nach dem Einmarsch der Sowjetunion, wurden damals mit außergewöhnlicher Gastfreundschaft rund 100.000 Menschen mit offenen Armen aufgenommen. Dafür sind wir sehr dankbar. Jetzt, 2015, sind erneut tausende Afghanen nach Deutschland gekommen. Jenen Afghanen, die man abschieben will, empfehle ich, das Dilemma, in dem Deutschland steckt, zu verstehen. Umgekehrt sollte Deutschland sich anstrengen, die Lage in Afghanistan zu verstehen. Der deutschen Regierung empfehle ich mehr Milde. Sie sollte sich mehr Zeit lassen, diese Menschen zurück nach Afghanistan zu schicken. Solange, bis die Lage sich gebessert hat.

Die afghanische Ministerin für Flüchtlinge hat das Abkommen zur Rücknahme zwischen Kabul und Berlin als eine Art „vergiftetes Geschenk“ bezeichnet. Wird Afghanistan also zur Rücknahme gezwungen, weil die Hilfsgelder sonst gekürzt würden?

Über das Abkommen und seinen Inhalt möchte ich an dieser Stelle nicht mehr sagen.

Welche Rolle spielt der IS in Afghanistan?

Die Gefahr des IS ist in Afghanistan sehr real, gravierend und ernst. Sie droht mehr denn je, Werte und Prinzipien, die auch rechtschaffene Afghanen hochhalten, zu zerstören. Das Recht auf Leben, auf Eigentum, Werte wie die menschliche Würde ganz allgemein. All das greift der IS am Hindukusch an. Täglich. Der IS versucht, Sunniten und Schiiten aufeinander zu hetzen. Aber das wird ihm nicht gelingen, weil sich die Afghanen nicht in dieses Spiel hineinziehen lassen werden.


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US-Präsident Trump hat neue Kampftruppen nach Afghanistan geschickt. Ist das eine gute Nachricht für die Menschen?

Nein. Trumps Entscheidung bedeutet mehr Krieg. Das Gegenteil von Frieden. Trumps Strategie vermittelt keine Hoffnung. Sie führt zu mehr Zerstörung und mehr zivilen Opfern. Ich bin allerdings nicht bereit, noch mehr afghanische Opfer in Kauf zu nehmen. Die Afghanen wollen ein Ende der Kämpfe und der zivilen Opfer. Und zwar unmittelbar.

Welche Anzeichen für mehr Gewalt gibt es konkret?

Wir reden von täglichen Bombardierungen infolge der Trump-Strategie. Die Leidtragenden sind einmal mehr ganz überwiegend zivile Opfer. Das können Sie täglich in den Nachrichten verfolgen. Das Ausmaß der Zerstörung ist enorm infolge dieser Angriffe.

Soll man also direkt verhandeln mit den Aufständischen? In welchem Verhältnis sollen militärischer Kampf und diplomatische Anstrengungen stehen?

Eine Strategie, wie Trump sie jetzt anwendet, ist schon einmal gescheitert in Afghanistan. Schauen wir auf die vergangenen 16 Jahre: Ist der Terror besiegt oder hat sich der Extremismus ausgeweitet? Man hat dem afghanischen Volk eine Medizin verschrieben und auf schnelle Wirkung gehofft. Das hat sich nicht erfüllt. Die gegenteilige Wirkung ist eingetreten. Extremismus und Terror sind auf dem höchsten Stand seit 2001.

Sie schlagen einen neuen Grundlagenvertrag mit den USA vor. Was soll darin anders sein?

Wir hatten gehofft, dass Amerika als größter Verbündeter die afghanische Souveränität respektiert. Und bei der Anbahnung von Friedensgesprächen an einem Strang zieht. Washington hat aber versucht, eine eigene Agenda durchzusetzen, gegen die Interessen der afghanischen Bevölkerung. Ich meine damit vor allem die wiederholten Bombardierungen unschuldiger Menschen und Dörfer. Das US-Militär ist dort oft einfach einmarschiert, hat Türen und Fenster eingeschlagen, Familien mitten in der Nacht terrorisiert. Das US-Militär hat geheime Gefängnisse geschaffen, und es wurden Menschen gefoltert.

Warum waren Friedensbemühungen mit den Taliban bisher nicht erfolgreich?

Weil die Hauptakteure, die USA und Pakistan, kein ernstes Interesse an Frieden hatten. Sie mache ich vor allem für die Fortsetzung des bewaffneten Konflikts verantwortlich. 

 Welche Rolle spielen China und Russland?

Es mischen jetzt noch mehr Akteure im Spiel um Afghanistan mit, als Ergebnis des wachsenden Terrors. China, Russland, Iran – sie sind alle besorgt. Auch Indien muss man mit an Bord haben. Aber der Anstoß für Gespräche muss von den USA kommen. Deutschland kann hier eine konstruktive Rolle spielen. Berlin könnte eine neue Friedensinitiative starten. So könnte Deutschland der aktuellen US-Politik in Afghanistan auch einen Sinn geben.

Deutschland hat länger eine einflussreichere Rolle als Makler gespielt, aber in jüngerer Zeit nicht mehr.

Deutschland sollte meiner Ansicht nach eine direkte Rolle in Afghanistan haben. Auch als historischer und strategischer Freund Afghanistans. Es ist richtig, dass Deutschland jetzt keine neuen Kampftruppen nach Afghanistan schickt. Deutschland sollte in Afghanistan vielmehr diplomatisch intervenieren. Und ich erhoffe mir eine stärkere Rolle von Deutschland als Investor beim Aufbau von Wirtschaft, Industrie und Infrastruktur.

Tatsächlich liegt die Wirtschaft am Boden. Welche Fehler wurden gemacht?

Ich habe mehrfach deutsche Unternehmen eingeladen in Afghanistan zu investieren und etwas aufzubauen. Bisher haben sie es abgelehnt. Ich darf diese Einladung hier wiederholen. Es erscheint mir wichtig, dass die deutsche Wirtschaft sich stärker in Afghanistan engagiert. Vor allem, was die Bergung von Bodenschätzen angeht. Es geht dabei nicht nur um Kupfer, sondern auch um Lithium, seltene Erden und Metalle. Das würde gut zu Deutschland passen.

Und wie schafft man Arbeit und Perspektiven für die Menschen in den Städten?

Voraussetzung ist, dass das Land sicher wird. Damit Investoren stimuliert werden und Arbeitsplätze entstehen. Deutschland ist hoffentlich dabei an unserer Seite.

Das Haager Tribunal für Kriegsverbrechen hat kürzlich erklärt, es wolle Verstöße gegen die Menschenrechte in Afghanistan nach 2001 vor Gericht bringen, unter anderem Verletzungen des US-Militärs. Eine gute Nachricht?

Das ist extrem wichtig und muss kommen. Ich hoffe, dass dies bald geschieht. Es sind die genannten Verletzungen, die unseren Dissens mit den USA ausmachen, also die Verletzung afghanischer Gesetze und Menschenleben in der Zeit nach 2001.

Sprechen wir hier von Kriegsverbrechen?

Das vermag ich noch nicht zu sagen. Das muss das Gericht entscheiden und aufzeigen. Aber der Schmerz vieler Afghanen ist unermesslich und das Haager Tribunal der richtige Ort dafür.

Was ist mit den Verbrechen und der jahrelangen Gewalt, die Afghanen gegenüber ihren Landsleuten begangen haben?

Dies sollte parallel dazu untersucht werden. Verbrechen gegen die Menschlichkeit sind Verbrechen, gleich ob von amerikanischer oder afghanischer Seite begangen. 

Würde das also auch für afghanische Warlords gelten?

Warlords haben nichts zu tun mit der Gewalt der Jahre nach 2001. Das fällt in die Zeit der russischen Besatzung und danach. Das hat keine Priorität für die Menschen in Afghanistan.

 

Martin Gerner berichtet auch als freier ARD- und Deutschlandfunk-Autor.

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Deutschlandfunk: Afghanistan: Erzwungene Rückkehr aus Deutschland:

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